Bistumskarte

Von der Sehnsucht nach mehr

Musikalischer Leckerbissen und Übergangsstelle der Gnade“am 1. Weihnachtstag

Der Kathedralchor, Mitglieder der Magdeburgischen Philharmonie und Gesangssolisten unter der Leitung von Kathedralmusiker Matthias Mück haben der Predigt von Bischof Dr. Gerhard Feige das musikalische Gefühl für die Überschrift „Sehnsucht nach mehr“ gegeben. Die wenig bekannte, aber leidenschaftliche Aufführung der Pastoralmesse in F-Dur von Ignaz Reimann für Soli, Chor, Orchester und Orgel bot den festlichen Rahmen für die Weihnachtsbotschaft 2018.

Schon vor 1050 Jahren, 24./25. Dezember 968 wurde in Magdeburg zur Gründung des Erzbistums das Weihnachtsfest gefeiert. Schon bald gehörte Magdeburg zu den größten und wichtigsten Bistümern im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Aber auch wenn das Erzbistum in Folge der Reformation untergegangen ist, so sind die Spuren jener Zeit auch heute noch erkennbar.

Heute, so Bischof Feige „ist nichts mehr so, wie es einmal war; und doch wird immer noch Weihnachten gefeiert, auch in einem gesellschaftlich und weltanschaulich völlig anderen Kontext.“ Die Ursache sieht er dafür in einer Sehnsucht unter Christen wie Nichtchristen nach einer tieferen Dimension unseres Daseins. Die Sehnsucht „nach mehr, als was man sich selbst schaffen oder leisten kann: nach Gerechtigkeit, Frieden, Barmherzigkeit und Liebe, ja sogar nach so etwas wie Erlösung. Treffen wir doch oftmals auf eine gnadenlose Welt mit Naturkatastrophen und Hungersnöten, Armut und Krankheit, Krieg und Terror, Vertreibung und Flucht. Und in unserer Gesellschaft erhöht sich der Druck: Leistung ist gefragt, Jugendlichkeit, Schönheit, Perfektion und Flexibilität. Viele haben keine Chance mehr, werden eiskalt fallengelassen oder unmerklich vergessen.“

Während früher die meisten Menschen ihrem Gewissen gegenüber verantwortlich waren und bei aller Schuld und Sühne auf das Verständnis Gottes als gerechten und gnädigen Richter hoffen durften, scheint Gott heute dafür nicht mehr zuständig zu sein. „Stattdessen haben wir Menschen uns tagtäglich vor anderen Menschen für bewusste oder unbewusste Vergehen zu rechtfertigen. Nachdem Gott für viele nicht mehr existiert, sind wir nun gnadenlos einander selbst ausgeliefert. Und so findet das Jüngste Gericht bereits jetzt überall statt, vor allem in den Medien und im Netz. Shitstorms zwingen Politiker zum Rücktritt, und wer eine andere Meinung vertritt als die eigene, kann mit Spott und Hohn, wenn nicht gar mit Entrüstung und Verachtung oder Hass und Hetze rechnen.“

Da kommt gerade zu Weihnachten bei einigen Menschen die Frage auf, ob zu unserem Leben nicht doch noch mehr gehöre. „Es ist für uns fast alles erklärbar geworden. Wir meinen Bescheid zu wissen, was es mit den Menschen und unserer Welt auf sich hat. Dabei kann jedoch der Blick für die ganze Wirklichkeit und die Freude am Leben verloren gegangen sein. Aber auch erwachsene Menschen leben nicht nur von der Vernunft, haben ihre Träume und Hoffnungen. Wer einen anderen Menschen liebt, erfährt zudem, dass er diesen niemals ganz ausloten kann; da bleibt immer etwas offen. Das Geheimnis des anderen ist es, was uns im Tiefsten anzieht, nicht sein äußerliches Gehabe.“ 

Die Weihnachtsbotschaft könnte ein solches Geheimnis sein. „Gott ist als kleines, ohnmächtiges, verletzliches Kind in diese Welt gekommen. Auf diesem Wege ist seine Gnade erschienen: nicht in einer alles umstürzenden Revolution, nicht mit „Pauken und Trompeten“, nicht mit einem Sozialprogramm, das ein- für allemal Hunger, Armut und Ungerechtigkeit beseitigen könnte. Gott hat den Weg eines Kindes gewählt. Damit zeigt er auf elementare Weise, wie er uns nahe sein will. Er teilt all unsere Bedingungen, unser Menschsein von der Wiege bis zur Bahre, unsere Freuden und Schmerzen, Geburt und Tod, ja sogar die Gnadenlosigkeit einer gewaltsamen und ungerechten Hinrichtung. So ist er bei uns. So ist er mit uns solidarisch bis ins Innerste und bis zum Äußersten.“

Dass jemand da ist, man nicht im Stich gelassen wird, auch das gehört zur tiefsten menschlichen Sehnsucht. „Ist das nicht das einzige, was uns wirklich tröstet und stärkt, wenn wir uns schwach und ohnmächtig fühlen: elementare Nähe und Solidarität, nicht allein sein zu müssen – und niemanden alleine zu lassen? Das ist das, was Gott uns an Weihnachten mitzuteilen hat: Unverdientermaßen und ohne Berechnung schenkt er sich uns in seinem Sohn, aus reiner Liebe.“

 So zeigt uns Gott, wie diese Welt nachhaltig verändert werden kann. „Damit gibt er uns einen Maßstab und ein Programm. Seine Gnade, die in Jesus Christus erschienen ist, will uns befähigen und bewegen, auch den anderen gnädig zu begegnen und an der Gestaltung menschenfreundlicherer Beziehungen mitzuwirken. Wie geistvoll und heilsam können doch Barmherzigkeit und Liebe sein!“

„Gesellschaftspolitisch heißt das nach unserer katholischen Soziallehre: alle Menschen in ihrer Würde als Ebenbild Gottes und in ihrer Eigenverantwortung zu bestärken, aber auch das Ganze des Gemeinwohls im Blick zu behalten, solidarisch einander zu Hilfe zu kommen und füreinander ein zu stehen.“ Insbesondere dann, wenn Menschen Angst haben und einsam sind. „Hier liegt die Wurzel für echte Veränderungen. Hier ist die Stelle, wo unsere Welt gott-voller und damit menschlicher werden kann. Und genau da braucht Gott uns Menschen. Immer dann, wenn wir jemanden nicht allein lassen, werden wir zu einer „Übergangsstelle der Gnade“. Immer dann, wenn wir wach und sensibel sind für das, was gebraucht wird, wenn wir uns das Schicksal anderer zu Herzen gehen lassen und mutig darauf reagieren, geben wir etwas von dem weiter, was Gott an Weihnachten in diese Welt hinein gesetzt hat.“

 „Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen in aller Unvollkommenheit dieser Welt ein gnadenreiches Weihnachtsfest, die Erfahrung göttlicher Nähe und menschlicher Zuwendung. Möge uns allen die Botschaft von Gottes Menschwerdung in Jesus Christus zu Herzen gehen und zu einem heiligen Geheimnis werden, das unser Leben prägt und erfüllt.“

Predigt im Wortlaut

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