500 Jahre Reformation

Dialogpredigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann und Bischof Dr. Gerhard Feige in der Stadtkirche zu Wittenberg

Mit einem Festgottesdienst in der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg gedachten die Landesbischöfin Ilse Junkermann und Bischof Dr. Gerhard Feige gemeinsam „500 Jahre Reformation“.

In einer Dialogpredigt erinnerten sie an den Weg, den beide Kirchen gerade im Hinblick auf diesen Gedenktag gegangen sind. Die evangelische Landesbischöfin: „Das hat mich ermutigt Sie (Bischof Gerhard Feige) zu bitten, dass wir heute hier im Gottesdienst gemeinsam predigen. Im Gottesdienst an ‚unserem’ großen evangelischen Festtag? Ihre Zusage ist ein wundervolles Zeichen dafür, wie das Vertrauen zwischen uns und unseren Kirchen gewachsen ist. Das macht mich sehr dankbar.“

Das öffne vor allem den Blick, das die Verschiedenheit nicht nur schmerzvolle Seiten habe, sondern die unterschiedliche Tradition auch bereichere. Junkermann erinnerte auch an die Kehrseite der Reformationsgeschichte: „Ja, einen Scherbenhaufen haben wir angerichtet in unserem Miteinander. Wir haben einander verletzt. Mit Bildern, die den anderen entwürdigen; mit Worten, die ihn verächtlich machen; und mit Taten, mit Diskriminierung und Verfolgung. Wie gut, dass Sie, lieber Bruder Dr. Feige, uns auf diesen Weg gebracht haben. Sie hatten in der Vorbereitung auf 500 Jahre Reformation geschwisterlich-kritisch gefragt: Ist das wirklich ein Anlass zum Feiern? Gehört nicht ebenso ein Gedenken hinzu? Diese Frage hat uns auf diesen Pilgerweg der Umkehr und Versöhnung geführt.“

Bischof Gerhard Feige erinnerte sich an den März 2017, und sein Erleben beim zentralen Ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst für Deutschland in Hildesheim. „Hierbei kam sichtbar und fühlbar zum Ausdruck, dass wir in der Aufarbeitung unserer Geschichte, der Reinigung des Gedächtnis und der Heilung der Erinnerungen ein entscheidendes Stück vorangekommen sind, ja einen wirklichen Durchbruch erzielt haben. Für mich war es ein besonders berührender Moment, als wir katholische und evangelische Christen Gott für unsere jeweiligen Gaben gedankt haben. Stellvertretend für die katholische Seite sagte damals Kardinal Marx: „Liebe evangelische Glaubensgeschwister: Wir danken Gott, dass es Sie gibt und dass Sie den Namen Jesu Christi tragen.“ Wenn man bedenkt, wie katholische und evangelische Mehrheiten jahrhundertelang mit den jeweils anderen Minderheiten umgegangen sind, wie tief so manche Traumata und Verhärtungen immer noch sitzen können, dann ist es ein unglaubliches Zeichen, sich so etwas sagen zu können. Ja, ich bin davon überzeugt: Nach schmerzhaften Auseinandersetzungen und hoffnungsvollen Versöhnungsbemühungen wissen wir inzwischen, was wir einander angetan haben und was wir aneinander haben. Jetzt bekommt uns niemand mehr auseinander. Gottes Segen ist mit uns.“

Bezugnehmend auf das Evangelium Mt 10, 26-33 (Luther 2017 ), forderten Beide mehr gesellschaftspolitisches Engagement. „Denn“, so Landesbischöfin Junkermann, „In diesem Jubiläums- und Gedenkjahr haben wir als evangelische Kirche viel Ehre erfahren; und ein gutes Miteinander: ökumenisch, und mit vielen Menschen vor Ort aus Vereinen, Verbänden, Kultur und Politik haben wir unsere Kräfte zusammengelegt. Widerstand gab es da selten, jedenfalls nicht laut. Aufs Dach sind wir kaum jemandem gestiegen! Widerspruch, der dann das Fürchten lehren könnte, haben wir kaum ausgelöst.“ Und Bischof Feige ergänzt: „Wenn wir in unsere Welt schauen, dann zeigt sich, wohin es führen kann, wenn Menschen die Furcht vor Gott verloren haben und selbst Gott spielen. Gerade in den Fragen um den Beginn und das Ende des Lebens spüren wir, dass es zunehmend schwerer wird, unsere christliche Überzeugung zu Gehör zu bringen.

Darüber hinaus glauben manche, vollkommen ihres eigenen Glückes Schmied zu sein oder sich wie Baron Münchhausen selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehen zu können. Man müsse sich nur intensiv darum bemühen. Nicht selten führt das letztlich zu einer heillosen Überforderung. Es kann uns auch zu gnadenlosen Konkurrenten um „das beste Stück Kuchen“ werden lassen, zu unbarmherzigen Verteidigern unserer Besitzstände. Schon heute leiden deshalb Millionen von Menschen an Hunger und an Ungerechtigkeit, wird die Erde, Gottes gute Schöpfung, ausgebeutet, kommt es zu Krieg und Terrorismus, zu Flucht und Vertreibung. Und das führt in unserer Gesellschaft wiederum dazu, dass die sozialen und mentalen Gegensätze wachsen und sich wieder neue Mauern in zahlreichen Köpfen entwickeln. Die aktuelle Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen macht auf erschreckende Weise deutlich, wie sehr ein respektvolles Miteinander und damit auch unsere demokratischen Grundlagen gefährdet sind. Hierzu können wir als Christen unmöglich schweigen.“

Die Dialogpredigt im Wortlaut:

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