Bistumskarte

Abschied mit Wehmut und Dankbarkeit

Nach 797 Jahren verlassen die Franziskaner ihr Kloster in Halberstadt

Kirche, Kapelle und Garten waren gefüllt mit Menschen, die beim  Verabschiedungsgottesdienst der Halberstädter Franziskaner dabei sein wollten. Einmal noch danke sagen, für die lange Tradition franziskanischen Lebens in Halberstadt. Neben Bischof Dr. Gerhard Feige waren auch der Provinzial der Franziskaner, Cornelius Bohl und zahlreiche Mitbrüder aus anderen Franziskanerklöstern angereist.

„In Messbüchern, Lektionaren und Benediktionalien gibt es Texte für hoffnungsvolle Anfänge, bedeutsame Jubiläen und erfolgreiche Abschlüsse – aber nicht zur Verabschiedung von Ordensleuten, schon gar nicht von einer Gemeinschaft, die sich schon seit fast 800 Jahren an diesem Ort befindet“, sagte der Magdeburger Bischof in seiner Predigt.

Schon zu Lebzeiten des heiligen Franziskus kamen 1223 die ersten Brüder nach Halberstadt, wo sie sich nun ansiedelten und alsbald ein Kloster und eine Kirche errichteten, die dem Apostel Andreas geweiht wurde. Bis zu zehn Mönche lebten später hier und unterstanden nicht einem Bischof, sondern als Ordensgemeinschaft dem Papst.

„Selbst während und nach der Reformation blieb es erhalten, als einziges Kloster der sächsischen Provinz. Am Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Franziskaner infolge der Säkularisation zwar zwischenzeitlich aus Halberstadt vertrieben, kehrten 1920 dann aber doch wieder an diesen Ort zurück. Seitdem haben sich die Brüder in verschiedenen Bereichen engagiert: in der Pfarrei und darüber hinaus, für Obdachlose und andere Bedürftige, in der Gefängnisseelsorge und in der Exerzitienarbeit“, so Feige.

Neben vielen Erinnerungen blieben aber auch Trauer und Wehmut, so der Bischof. „Eine große Lücke wird bleiben. Ja, der Abschied ist schmerzlich: für Sie, liebe Brüder vom heiligen Franziskus, und vor allem auch für die vielen Menschen, für die Sie da waren, in der Pfarrei und weit darüber hinaus. Unermüdlich haben Sie – wie der Sämann im Gleichnis – den Samen ausgesät.“

„Lieber Pater Ubald, lieber Pater Alfons und lieber Bruder Michael,  Sie dürfen trotz allem, was vergeblich erscheinen mag, und auch wenn das Wirken Ihrer Ordensgemeinschaft hier in Halberstadt nicht weitergehen wird, auf eine reiche Frucht zurückschauen…  Durch Sie konnten Menschen Gott begegnen. In großer Geduld haben Sie Tag für Tag das Wort Gottes in der Zuwendung zu den Menschen ausgesät. Sie wussten, dass die hundertfältige Frucht nicht Ihr Werk ist, dass Sie aber dafür gebraucht wurden, die Grundlagen dafür zu legen. Dafür sei Ihnen von Herzen gedankt!“

Die aktuelle Entwicklung, die sich überall im kirchlichen Kontext widerspiegele, habe dem  Orden keine andere Wahl gelassen, als sich von mehreren Standorten in Deutschland zu trennen. „Ja, Jesus mutet uns zu, uns dieser vergänglichen Welt und dem oft so vergeblich scheinenden Ackern auszusetzen. Doch zugleich stiftet er auch einen Keim des neuen Lebens in uns hinein. Wir sind nicht nur vergänglich, wir tragen auch die neue Schöpfung in uns. Das heißt, mögen sich auch die äußeren Formen und Strukturen unseres kirchlichen Lebens verändern, mag auch noch so viel zusammenbrechen und anscheinend untergehen, Jesus selbst sorgt dafür, dass sein Auftrag weitergeht; er sorgt dafür, dass es Menschen gibt, die sein Wort hören; er sorgt dafür, dass es Berufungen verschiedenster Art gibt – und vielleicht sogar auch solche, wie wir sie uns bisher nicht vorgestellt haben . Das kann uns entlasten, das kann uns eine große – und zugleich nüchterne – Gelassenheit schenken. Unsere Erfahrungen von Mühe und Vergeblichkeit, ja auch von Abschied und Trauer, sind zwar real, aber sie wiegen so wenig im Vergleich zu der Frucht, die Gott selbst heranreifen lässt.“

Der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, Joachim Borgmann, dankte den Brüdern ebenfalls für ihr Engagement. „Uns verlassen liebgewordene Menschen, mit denen wir viel erlebt haben.“ Das Wirken der Brüder auf die Gläubigen der Pfarrei nimmt der PGR-Vorsitzende als Auftrag mit. „Wir werden versuchen, es weiter wirken und wachsen zu lassen.“

 „Wir sind die drei Letzten der Mohikaner“, sagen Pater Ubald Hausdorf (86), Bruder Michael (81) und Pater Alfons (78), in einem Interview im Stadtmagazin Martini. Sie packen die Umzugskartons. Die betagten Franziskaner ziehen nochmal um. Das Ende der langen Tradition Franziskanischen Lebens und Wirkens in Halberstadt ist für immer besiegelt.

„In drei Jahren hätten wir 800 Jahre Franziskaner hier begehen können. Alfons Nillies, der Hausvikar des Franziskanerklosters in der gleichnamigen Straße, weiß,  die aktuelle Entwicklung lasse der deutschen Franziskanerprovinz München keine andere Wahl, als sich von mehreren Standorten in Deutschland zu trennen. „Durchaus für den Orden eine schmerzliche Zäsur.“ Schließlich sei das Halberstädter Kloster das einzige in der alten Sächsischen Provinz, das nach der Reformation erhalten blieb. Zwischenzeitlich gab es immer wieder Tiefs, die Enteignung zu Napoleonischen Zeiten, dann die Rückkehr 1920 an den angestammten Ort und der Beginn der Pfarrseelsorge, die die Franziskaner bis 2008 hier betrieben. Einst hatte auch der Provinzobere für das Gebiet der ganzen DDR in Halberstadt seinen Sitz. Es sei nichts Außergewöhnliches, dass Kloster gebaut und auch abgegeben werden. Die radikalen Einschnitte wären nötig, wenn künftig eine deutlich kleinere Zahl von Brüdern ihre Franziskanische Berufung gerne und verantwortlich leben soll.

Pater Alfons sieht Nachwuchsmangel als ein Problem, „das die Freiwillige Feuerwehr ebenso hat wie die Diözese und der Orden“. „Früher hatten wir im Jahr 40 Priesterweihen, heute sind es keine fünf.“ Da entwickle sich das katholische Leben in Afrika und Asien ganz anders. „In Vietnam dürfen von Staats wegen jährlich nur 20 Novizen aufgenommen werden. Im Untergrund warten aber bereits mindestens nochmal so viel, die einmal Priester werden wollen.“

Pater Ubald, der Guardian, wie die Franziskaner ihren Oberen nennen, sieht den Orden in eine Entwicklung hineingeworfen, die Provokation für jeden Bruder sei. „Wir müssen schauen, wo wir künftig Schwerpunkte setzen, wo uns auch biologisch Grenzen gesetzt sind und welche neuen Wege sich in der gesamten Kirche auftun.“ Mit fester Stimme fügt der 86-Jährige hinzu: „Ein Verharren im Vergangenen ist dabei unmöglich.“

Pater Ubald, Bruder Michael und Pater Alfons unterstreichen, dass Klöster sich ständig mit der Gegenwart auseinandersetzen und auf Antwortsuche sind. „Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Heute gleicht Der Name der Rose von Umberto Eco eher einer Gespenstergeschichte.“ Die Brüder leben nicht mehr wie zu Zeiten des heiligen Franziskus. „Ich wäre doch dumm, mich heute noch mit der Schreibmaschine zu quälen“, erklärt der Guardian mit Blick auf seinen Computer. Natürlich besitze er einen Fernseher in seinem Zimmer. Es gehe doch nicht darum, nichts zu haben. „Wir kleben nicht an den Dingen. Uns  geht es darum gut mit ihnen umzugehen. Ja, man kann es auch nachhaltig nennen.“

Im Orden gibt es die Seelsorger und die Handwerker wie es Bruder Michael ist. „Der hat hier den ganzen Klosterhof gepflastert, weil das kaum jemand besser kann“, urteilen die Mitbrüder mit Respekt. „Vielleicht findet er dann im Kloster von Halle nochmal eine Herausforderung.“

Am 20. April blickte Pater Ubald auf 65 Jahre als Mitglied des Franziskaner-Ordens zurück. „Ich bin Ordensmensch, das sag ich jedem mit aller Klarheit.“  Er würde die braune Kutte immer wieder anziehen. Nicht alles im Leben sei aber einfach gewesen. „Doch ich habe viel Schönes erlebt.“ Gerade die Begegnung mit Menschen machen seine Berufung aus. „In den Gaststuben gab es die besten Erlebnissen“, erinnert er sich. „In Luxemburg in einer Studenten-Kneipe ebenso wie in Bremen. Dort hat mich ein Mann gefragt, ob er bei mir beichten könne. Wir haben mit Hilfe des Wirtes ein ruhiges Eckchen dafür gefunden.“ Für den Guardian ist es wichtig, sich menschlich zu geben und es in aller Zeit zu bleiben.“

In seinem Zimmer und auf den Postern an der Tür sieht man, der Mann mit dem wachen Blick ist viel herumgekommen. „Das Weiteste war der Flug mit dem Kirchenchor nach Japan. Dort haben die Franziskaner eine Mission. Es gab Auftritte im Fernsehen und Hörfunk.“ Sein Lebensweg zieht sich durch den deutschen Westen; Hagen, Bochum, Mühlen, Moers und Werl, dann Guardian in Osnabrück, wo er viele seiner eigenen Lehrer aus dem Theologiestudium wiedertraf. Die darauf folgende Zeit nennt der studierte Theologe „meine 20 heiligen Jahre“ - die gerade ablaufende Zeit in Halberstadt. Klar hätte er „Nein“ zu diesem Kloster sagen können damals. „Dafür gab es überhaupt gar keinen Grund. Ich bin jetzt zwei Jahrzehnte nicht in den Urlaub gefahren, einfach weil es hier im Halberstädter Kloster schön ist. Man schlägt Wurzeln.“

Der Franziskaner erzählt mit viel Herzblut über eine ganz besondere Reise von West nach Ost. Sie legte den Grundstein für sein weiteres (Berufs-)Leben. Denn eigentlich wollte er in seiner Jugend Arzt werden. Zweieinhalb Jahre lebte er, der väterlicherseits aus einer Lehrerfamilie stammt, beim Großonkel in Schlesien fernab der Heimat. Der wirkte als Priester - durch die Bismarcksche Politik au dem Bergischen Land in den Osten verschlagen - im Bistum Breslau und lief mit ihm stundenlang durch die Natur, erklärte dabei Blumen, Bäume und Vögel. Pater Ubald weist auf das Fensterbrett seines Zimmers. Da liegt ein angeschlagener Ziegelstein. „Der gehört zur Familiengeschichte. Ich habe ihn irgendwann bei einem Besuch in Polen mitgenommen. Es war ja alles zerstört. Der Stein stammt aus der Mauer neben dem Grab meiner Ururgroßeltern.“

Wenn er aus dem Fenster schaut, fällt sein Blick auf eine ganz ungewöhnliche, aber längst gewohnte Bebauung: Container am Franziskanerkloster. Sie seien als Anlaufstelle für Menschen aus der Region Halberstadt aufgestellt worden, die in Not geraten sind. Vielleicht bringen die meisten Menschen als Erstes diese mit den Franziskanern in Verbindung. An der Wand des Zimmers von Pater Ubald hängen ganz unterschiedliche Fotos junger Leute. „Sie waren alle bei uns Zivis.“ Die Franziskanerinnen von Münster St. Mauritz haben bis 2006 diese Wärmestube an der Plantage gegründet und Lebensmittel für die Bedürftigen ausgegeben. Seither hat die Caritas diese Aufgabe übernommen.

Bruder Ubald geht durch „seine“ Andreaskirche. An der Wand hängt ein Kreuz, das ist älter als der Kirchenbau. „Ein schönes Stück aus dem Übergang von der Romanik zur Gotik.“ In wenigen Wochen wird er in die Niederlassung Dreieinigkeit in Halle neben seinem neuen Kloster beten. Fünf Brüder werden dann dort leben. Bruder Michael Seidl wird ihn aus Halberstadt dorthin begleiten, Pater Alfons zieht es heimwärts  nach Paderborn.

Ubald wird sich von Halle aus um die Franziskaner kümmern, die zwischen Sachsen-Anhalt und Berlin leben. „Die Franziskanische Gemeinschaft, die Menschen, die  nicht im Kloster, sondern da draußen in der Welt sind, die verheiratet sind, die das Ideal des Franziskus im Alltag umsetzen.“ Sein Alter spiele da keine Rolle. „Mein Großvater ist 107 geworden, bis wenige Wochen vor dessen Tod konnten wir uns gut unterhalten.“ Wichtig ist dem Pater, dass er beweglich bleibt. Im Auto mit dem Buchstaben M-DF für München und „Deutsche Franziskaner“ auf der Kennzeichentafel ist er im gesamten Pfarrbezirk unterwegs, hält Gottesdienste in Adersleben, Gröningen oder Halberstadt. „Höllenpredigten helfen nichts. Ja, wir müssen auch den Mist vor unserer eigenen Tür beseitigen. Wichtig bleibt, Fehler zu erkennen und dazu zu stehen. Ich will den Menschen mit Gottes Wort behilflich sein, dass sie ohne Zwang nachdenklicher werden.“ Sie sollen alte Werte neu entdecken. Und die Gemeinschaft pflegen, nicht nur wenn es darum geht, das große Gelände des Franziskanerklosters ohne Franziskaner zu erhalten. Denen gehört das Kloster schon seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr. „Es fiel damals an den Bischof und gehört heute dem Bistum Magdeburg.“ In der unteren Etage wird die Pfarrei St.Burchard weiter Seelsorge, Kinder- und Seniorenarbeit betreiben. Für die Nutzung des oberen Flurs, in dem die Brüder bisher in kulturvollem Ambiente lebten, fehlt noch die Entscheidung des Bistums.

Die Umzugskarton stehen nun bereit, einige rollt der praktische Bruder Michael schon mit der Sackkare fort.

Wie der Abschied des Trios von Halberstadt aussehen wird? Völlig unspektakulär, denkt Pater Alfons. „Wir werden mit lieben Worten für Pfarrer Norbert einfach den Schlüssel abgeben.“

(sus/Uwe Kraus; Foto: Sperling)

Predigt von Bischof Dr. Gerhard Feige zum Download

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