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„Christlicher Leuchtturm“ inmitten der Diaspora

Bonifatiuswerk unterstützt das Projekt „Ökumenischen Höfe“

Während unten am Ufer der Elbe schwere Bagger Sand und Zement in die Baugrube schütten, wird nur wenige Dutzend Meter weiter oben gespielt, getobt und gebetet. Noch ist das Areal zwischen der Plattenbausiedlung, der Elbe, der katholischen Petrikirche und der evangelischen Wallonerkirche eine große Baustelle; und setzt im Alltag der Gemeinden, der katholischen Jugendgruppen und Verbände viel Improvisation voraus. Aber schon bald soll an diesem Ort ein neuer „christlicher Leuchtturm“ entstehen, so die Vision von Pater Clemens Doelken. Der Prämonstratenser ist Mitinitiator einer Idee, die das Stadtbild Magdeburgs verändern wird und bereits erste Formen annimmt: die ökumenischen Höfe.

Das Bonifatuswerk der deutschen Katholiken unterstützt zwei Einrichtungen bei der Umsetzung des Gesamtprojekts, um die Ökumenischen Höfe zu einem attraktiven Ort zu machen. Dazu gehören die Sanierung des alten Gemeindehauses an der Universitätskirche St. Petri und der Klosterneubau für die Ansiedlung der Prämonstratenser.

Gefördert wird das von den Prämonstratensern getragene Projekt für den Klosterneubau vom Bonifatiuswerk mit 200.000 Euro und die Sanierung des Gemeindeshauses an der Universitätskirche St. Petri mit 92.500 Euro.

Drei Kirchengemeinden, darunter die katholische Pfarrei St. Augustinus, die evangelische Altstadtgemeinde und die evangelisch-reformierte Gemeinde, die Europäische St.-Norbert-Stiftung und das Prämonstratenserkonvent Magdeburg machen gemeinsame Sache und wollen ein historisches Stadtquartier neu öffnen, erklärt Pater Clemens. „Als Christen werden wir so gemeinsam wahrgenommen.“ Denn nicht nur die 6.000 Katholiken sind unter den 240.000 Magdeburgern eine Minderheit und bilden Bistumsweit nicht mehr als vier Prozent der Bevölkerung. Auch zur evangelischen Kirche bekennt sich in Sachsen-Anhalt, dem Land der Reformation, nicht einmal jeder Zehnte. Christliche Diaspora, in der der „christliche Zeugnischarakter“ wichtig sei, sagt der Ordensmann und erklärt seine Pläne.

Die Idee dazu kam um das 500. Jahr der Reformation 2017 von der evangelischen Seite. Zuvor hatte die St.-Norbert-Stiftung ein Grundstück hinter dem evangelischen Gotteshaus erworben. Benannt ist die kirchliche Stiftung nach Ordensgründer der Prämonstratenser Norbert von Xanten, der von 1126-1134 selbst Erzbischof von Magdeburg war und bis heute Patron des Diaspora-Bistums ist. Pater Clemens ging danach zu seinen evangelischen Kollegen und wollte „beichten“: „Wir Katholiken umzingeln sie“, schmunzelt er heute über seine Worte. Die Antwort überraschte ihn, denn die evangelische Seite war froh über das neugeplante kirchliche Leben in der Nachbarschaft. „Ich dachte, die ausgestreckte Hand müssen wir ergreifen und nicht mehr loslassen.“ Der Arbeitstitel „Ökumenische Höfe“ hat sich seitdem verfestigt.

Als die sichtbaren Zeichen der „Ökumenischen Höfe“ sind die an der Elbe gelegene Petrikirche und die nur wenige Meter nördlich befindliche Wallonerkirche. Dazwischen liegt die Baustelle. „Evangelischerseits gibt es schon viel, katholischerseits müssen wir noch viel bauen“, sagt Pater Clemens. Dazu wurde das ehemalige Hygiene-Institut, das als preußische Arbeits- und Besserungsanstalt errichtet wurde, gekauft und soll seniorenfreundlich umgebaut werden. Derzeit wird am aus DDR-Zeit errichtete Gemeindehaus stark gearbeitet: Es wird das neue Kloster der Prämonstratenser beherbergen. Derzeit leben neben Pater Clemens und drei weitere Ordensleute abseits des Zentrums. Der Neubau werde Platz für bis zu sechs Patres bilden und in den Mauern finden auch Arbeitsräume für die Seelsorge oder die Jugend Platz. Der 2004 errichtete Gemeindebau sei dafür zu klein, sagt der Ordensmann.

Davon profitieren werden etwa die beiden Pfadfindergruppen von Martin Johannimloh. Der 24-Jährige ist im Stammesvorstand der Pfadfinder „Unser Lieben Frauen“. „Die neuen Räume der Ökumenischen Höfe werden es erleichtern, dass Aktionen parallel stattfinden können“, glaubt der Maschinenbaustudent und zeigt den derzeitigen kleinen Gruppenraum der 50 Pfadfinder, der zugleich Materiallager ist. „Unser Raum ist derzeit nicht wirklich gemütlich“, beschreibt er das kleine, dunkle Zimmer. Durch die Corona-Pandemie weichen die Gruppen in den Außenbereich aus, aber wenn es regnet, dann wird auch der jetzige Gemeindebau eng.

Johannimloh, der ursprünglich aus Paderborn stammt, ist zwei Tage die Woche Gruppenleiter der Pfadfinder. Er komme wegen der Gemeinschaft, sagt der 24-Jährige. „Man kann sich hier gut engagieren und den Kindern etwas beibringen“, ergänzt der 24-Jährige. „Gerade denjenigen aus schwierigen Verhältnissen bieten wir eine zweite Heimat.“ In schwierigen Verhältnissen leben in Magdeburg überproportional viele Menschen: Der Lokalzeitung zufolge seien in Sachsen-Anhalt 19,5 Prozent der Menschen von Armut bedroht, im Ranking der Bundesländer der zweitschlechteste Platz. Viele dieser Menschen leben in den Plattenbausiedlungen der Stadt, wie auf der gegenüberliegenden Straßenseite der „Ökumenischen Höfe“. Hochhäuser mit bis zu 18. Stockwerken stehen hier. Derzeit sei die Nachbarschaft zu den Bewohnern „nur eine räumliche“, bedauert Pater Clemens.

Zu den ersten Pfarrfesten etwa haben die Ordensleute Plakatwerbung an den Hochhäusern gemacht, mit mäßigem Erfolg. Das liege nicht nur daran, dass die Mehrzahl der Bewohner konfessionslos sei, glaubt der Prämonstratenser. „Die Leute dachten, sie stören, wenn sie kommen. Denn sie sehen die Kirche nicht als öffentlichen Raum, sondern wie einen Tennisclub.“ Und für diesen brauche man schließlich eine persönliche Einladung. „Hier ist es auch so, man muss persönlich Kontakte machen“, beobachtet der ursprünglich aus Duisburg stammende Pater. Das Kloster mit seinen derzeit vier Patres ist mitten dabei. „Wir brauchen aber diesen Standort mit viel Transparenz“, sagt der Ordensmann „Das wirkt wie ein Saugstutzen, um die Leute reinzuholen und mehr Reibungsflächen mit der Kirche zu schaffen.“

Ein Akt der Transparenz war es, als im Zuge der Baumaßnahmen eine Mauer zwischen den Grundstücken eingerissen wurde. „Das war ein großes Symbol“, sagt Pater Clemens. „Es zeigte praktisch, wir können nun durchgehen und miteinander etwas tun. Es ist die Aufgabe von uns Christen offen zu sein und es uns nicht gemütlich einzurichten.“ Bis es in den „Ökumenischen Höfen“ so richtig gemütlich wird, fließt noch ein wenig Wasser die Elbe herunter, weiß der Prämonstratenser. 2025, so der Zeitplan, werde das Kloster an das Elbeufer ziehen, die neuen Gruppenräume und Büros der Seelsorger sind dann fertig, die Senioren-Wohnungen sind dann auch bewohnt. Darauf freuen sich nicht nur Pater Clemens, sondern auch die Pfadfinder rund um Martin Johannimloh.

(MN; Fotos: Markus Nowak)

 

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