Bistumskarte

„Lebe so, dass man dich fragt“

Der Vorsitzende des Katholikenrates Dr. Dagobert Glanz im Gespräch mit dem Tag des Herrn

Er ist kein Mann frommer Worte. Dr. Dagobert Glanz engagiert sich lieber für den Glauben in der eigenen Gemeinde, für eine glaubwürdige Kirche im Bistum Magdeburg und in Deutschland und auch für Schulkinder in Uganda.

Von Eckhard Pohl

„Es genügt nicht, einfach nur jeden Sonntag zum Gottesdienst zu gehen, man muss sich auch einbringen“, sagt Dagobert Glanz schlicht. Dies habe er erstmals bewusst praktiziert, als er sich als junger Familienvater 1980 bereit erklärte, alte Menschen in seiner Pfarrei Halle-Propstei zu besuchen, als der Gemeinde dafür Mitstreiter fehlten. „Ich hatte zwischen Schule und Armeedienst und dann vor dem Studium im Krankentransport als Hilfskraft gearbeitet und dachte von daher, dass der Besuchsdienst für mich etwas wäre“, erinnert sich der heute 67-Jährige. Sein Engagement hatte einen Nebeneffekt: „Als durch Studium und Beruf Hinzugekommener wuchs ich besser in die Gemeinde hinein.“

1989 – Glanz konnte die Altenbesuche zeitlich nicht mehr wahrnehmen – ließ sich der promovierte Chemiker dazu bewegen, als Nachrücker im Pfarrgemeinderat mitzuarbeiten. Und so sei eins zum anderen gekommen: Die Mitarbeit im Katholikenrat (Diözesanrat) Magdeburg, das Engagement für Schulkinder in Uganda, die Mitgliedschaft im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Derzeit ist der Katholikenrats-Vorsitzende mit der Vorbereitung der Frühjahrs-Vollversammlung des Gremiums beschäftigt und hat dabei auch die Pfarrgemeinderats-/Kirchenvorstandswahlen im Bistum Magdeburg im Juni im Blick. Bei letzteren soll es erstmals möglich sein, einen „Kirchenvorstand+“ zu wählen, in dem Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand zu einem Gremium verschmelzen, sagt Glanz. Voraussetzung sei allerdings, dass die Länder Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, in denen die Diözese anteilig liegt, zustimmen. Für die Arbeit von Pfarreileitungsteams in pfarrerlosen Pfarreien, wie es bereits einige im Bistum gibt, sei es besser, wenn mit dem „KV+“ alle Befugnisse in einem Gremium gebündelt sind, sagt Glanz. Das verhindere Vermittlungsverluste und spare ehrenamtliche Kraft.

Nicht zuletzt wegen der bevorstehenden Wahlen in den Pfarreien soll es bei der Vollversammlung des Katholikenrates um ein akutes gesellschaftliches Thema gehen. „Wir halten es für wichtig, die Gemeindemitglieder im Blick auf den wachsenden Populismus zu sensibilisieren und dazu zu ermutigen, bewusst Kandidaten zu wählen, die das Wohl aller Menschen im Blick haben, für die sie Verantwortung tragen. Dazu gehören auch Nichtchristen, Flüchtlinge, Menschen in Notsituationen“, betont Glanz. Jesus jedenfalls habe sich auch um Ausgegrenzte und am Rand stehende gekümmert.

Ihm sei das Wort des Schriftstellers Paul Claudel (†1955) wichtig geworden: „Rede nur, wenn du gefragt wirst, aber lebe so, dass man dich fragt.“ „Wenn jemand mit viel Eifer Parolen vor sich herträgt und ganz genau weiß, was gilt und zu tun ist, ohne sich hinterfragen zu lassen, werde ich sehr vorsichtig. Entscheidend ist, was man tut. Wenn das einigermaßen authentisch und überzeugend ist, darf man auch mal Fehler machen.“

„Nicht so viel zu reden“, bedeute aber nicht Leisetreterei: „Wenn Leute sagen: Die Kirche solle sich um ihre Anliegen kümmern und sich sonst raushalten, kann ich nur sagen: Christsein heißt politisch sein. Wer etwas für das Wohl seiner Mitmenschen tut, muss sich einmischen.“ Damit Christsein überzeugend gelebt werden kann, sei die Glaubwürdigkeit der Kirche entscheidend. Nicht zuletzt als ZdK-Mitglied liegt ihm daher der Synodale Weg sehr am Herzen. „Atmosphärisch bringt der Synodale Weg sicher etwas Positives, aber es müssen auch verbindliche Entscheidungen zu-
standekommen.“ Glanz hofft auf eine unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit in der Kirche, Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare, den gemeinsamen Kommunionempfang für konfessions-
verbindende Paare, wie er zum Teil auch schon Praxis ist. Und er wünscht sich den Zugang für Frauen zu allen kirchlichen Ämtern sowie die Abschaffung des Pflichtzölibats, was letztlich weltkirchlich geregelt werden müsse. „Den Pflichtzölibat oder die ausschließliche Weihe von Männern einfach aus der Tradition zu begründen, geht nicht mehr. Das erinnert stark an die starre Praxis der SED in den letzten Jahren der DDR. Glaube ist etwas Dynamisches und muss immer wieder neu interpretiert werden.“ Im Synodalen Weg gelte es, „aufeinander zu hören, die Argumente abzuwägen, sich nicht gegenseitig das Katholisch sein abzusprechen und gemeinsam neue Wege zu finden“. Das sei man sich als Christen schuldig.

 „Der Glaube ist für mich unverzichtbar“, sagt Glanz, danach gefragt. „Glaube schafft Verbindung zur Ewigkeit und gibt die Gewissheit, nicht allein zu sein und auf einen barmherzigen Gott hoffen zu können.“ Und so glücklich, mit Augenmaß und Gelassenheit leben zu können. „Zugleich aber verpflichtet Glaube dazu, wertegeprägt zu leben, in Nächstenliebe und Gerechtigkeit, wo immer das geht.“ Glanz versucht dies auch durch die Unterstützung von Schulkindern in Uganda mit dem Verein Mwana Wange. „Im Vergleich zu den großen, wichtigen Hilfsorganisationen haben wir einen sehr persönlichen Kontakt zu den Kindern, die wir mit Schulgeld fördern, und zu den Priestern, in deren Gemeinden wir Schulen unterstützen. Da hat ,der Nächste‘ ein konkretes Gesicht.“ Und das Engagement mache immer wieder deutlich: „Deutschland und seine Probleme in Gesellschaft und Kirche sind nicht der Nabel der Welt. Überall geht es um die Menschen mit ihrer Trauer und Angst, Freude und Hoffnung.“

(ep/Pohl)

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