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Kluft zwischen Lehre und Leben

Ökumenebischof  Dr. Gerhard Feige diskutiert Catholica-Berichte auf der 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Bei der 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die in Magdeburg tagte, gab es eine Neuerung, die viel Zustimmung erhielt. Nach den Berichten der Catholica-Beauftragten der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), und der EKD stand in einem gemeinsamen Plenum der Dialog mit der römisch-katholischen Kirche im Fokus. Ökumenebischof Dr. Gerhard Feige hat dieses Angebot zu einer Podiumsdiskussion gern angenommen.

Als Antwort auf die aktuellen Catholica-Berichte von Landesbischof Karl-Hinrich Manzke und EKD-Ratsmitglied Volker Jung, sagte Feige: „Im Falle beider Catholica-Berichte stelle ich erstaunlicherweise fest, dass ich das meiste auch so sehe. Verschiedenes hätte ich sogar noch kritischer bzw. selbstkritischer beschrieben. Auf jeden Fall bin ich immer wieder erstaunt, wie intensiv Sie die Entwicklungen in der katholischen Kirche und die ökumenischen Beziehungen zwischen unseren Kirchen beobachten und beleuchten: differenziert, wohlwollend, anregend und weiterführend. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Dabei benannte er auch den dramatischen Umbruch und den schwierigen Transformationsprozess, in dem sich die katholische Kirche derzeit befinde. „Auslöser von vielem ist der Missbrauchsskandal; aber auch andere Verwerfungen und Polarisierungen machen uns zu schaffen. Über alles wird inzwischen offen gesprochen, nichts mehr tabuisiert. Wie eine grundlegende Erneuerung jedoch erfolgen kann, ist umstritten oder noch nicht abzusehen.“

„In vielem sitzen wir katholische und evangelische Christen in einem Boot, denn bestimmte Entwicklungen sind gesellschafts- und zeitbedingt und machen vor keiner Kirche Halt.“ Dazu gehöre neben der weiter voranschreitenden Säkularisierung die Pluralisierung und Individualisierung in allen Bereichen, die Abnahme religiöser Sozialisation und konfessioneller Beheimatung sowie das immer mehr schwindende Verständnis für irgendwelche theologischen Überlegungen und Argumente. „Zugleich wächst die Kluft zwischen Lehre und Leben, zwischen hochoffizieller und basisnaher Ökumene, werden existentielle und pragmatische Gründe wichtiger als irgendein Bekenntnis“, so Feige.

Zu den Kernherausforderungen der Ökumene gehöre, dass es zum einen keine gemeinsame Einheitsvorstellung gäbe und die Tendenz, hinter die Errungenschaften des II. Vatikanischen Konzils zurückzufallen. „Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige Vertreter meiner Kirche immer noch nicht den Paradigmenwechsel des II. Vatikanischen Konzils mit seinen katholischen Prinzipien des Ökumenismus verinnerlicht haben. Statt sensibel und dankbar die geschwisterliche Verbundenheit im Glauben anzuerkennen und im differenzierten Konsens eine gemeinsame Methode zu sehen, um zu weiteren verantwortbaren Schritten zu kommen, wird gelegentlich im Stil früherer Apologetik und konfessionalistischer Kontroverstheologie argumentiert, schwingt immer noch ein irgendwie exklusivistisches Kirchenbild und die Vorstellung mit, eine wirkliche Einheit der Christen letztlich nur durch die Rückkehr zur römisch-katholischen Kirche und die restlose Übernahme ihrer sämtlichen Lehrvorstellungen erreichen zu können.“

Für wegweisend hält Bischof Feige viele Ausdrucksformen partieller und schon selbstverständlicher Einheit, wie sie vieler Orts schon gelebt werden. Beide Catholica-Berichte plädierten für eine Stärkung der ökumenischen Zusammenarbeit auf der Handlungsebene: kooperativ, arbeitsteilig, stellvertretend. „Das kann von katholischer Seite voll und ganz unterstrichen werden, nicht nur als Reaktion auf die knapper werdenden Ressourcen, sondern auch als Chance, noch weiter zusammenzuwachsen“, so Feige

„Ökumenischen Beziehungen hilft es nicht weiter, wenn aus Höflichkeitsgründen Probleme verschleiert oder verschwiegen werden. Stattdessen sollte man diese offen, beharrlich und fair angehen, dabei sich aber von dem Prinzip leiten lassen: Einheit im Notwendigen, Freiheit im Zweifelhaften und Liebe in allem." Oder anders ausgedrückt: Ohne Vertrauen, Respekt und Wohlwollen wird es uns nicht gelingen, auf dem Weg zu einer noch größeren Einheit wesentlich weiterzukommen!“ 

Der katholische Reformprozess „Synodaler Weg“ beschäftigt auch die Protestanten. Bei den Catholica-Berichten im Rahmen der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) würdigten der lutherische Landesbischof Karl-Hinrich Manzke und der unierte Kirchenpräsident Volker Jung die Diskussionen in der katholischen Kirche. Manzke bezeichnete es als „bemerkenswert, mit welcher Schonungslosigkeit und Klarheit Vertreterinnen und Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland die gegenwärtige Not ihrer Kirche, bei den Menschen überhaupt noch Gehör, geschweige denn Vertrauen zu finden, beschreiben“. Dabei dürfe „nicht außer Acht gelassen werden, dass von dem tiefen Verlust an Vertrauen und Relevanz für die Menschen nicht nur die katholische Kirche betroffen ist, sondern auch die evangelischen Kirchen in Deutschland“. Die ersten verabschiedeten Dokumente geben nach Einschätzung Jungs „auch interessante Anstöße für das ökumenisch-theologische Gespräch“.

Es sei „bemerkenswert, dass substanzielle katholische Kernfragen der Kirche, der Weihe, der Hierarchie und des Naturrechts öffentlich zur Diskussion gestellt werden“, betonte der Kirchenpräsident. Die Beobachtung des Synodalen Wegs und des weltweiten Synodalen Prozesses sei für die EKD auch eine Chance, „die Größe und Grenze unserer synodalen Verfasstheit in Geschichte und Gegenwart erneut wahrzunehmen und die Frage lebendig zu halten, wo auf evangelischer Seite Innovationen nötig sein könnten, um eine lebendige Repräsentation aller Glaubenden zu gewährleisten“.

Manzke und Jung hoben auch das gemeinsame Handeln der beiden großen Kirchen ungeachtet noch offener Fragen der Lehre von der Kirche, der Eucharistie und des Amtsverständnisses hervor, etwa die Zusammenarbeit in öffentlichen Räumen in Seelsorge, Bildung und sozialem Engagement.

Bestehende ökumenische Kooperationen würden auf mögliche Weiterentwicklungen untersucht und innovative Projekte in den jeweiligen kirchlichen Handlungsfeldern ausfindig gemacht. In Zukunft werde es darum gehen, „die Kooperationsökumene fortzusetzen und gleichzeitig auch innovative ökumenische Projekte zu stärken und insbesondere Menschen zu vernetzen, die gemeinsam Jesus Christus nachfolgen“. Damit gehe eine Theologie einher, „die kommuniziert, die also auch vom anderen lernen will, um das Eigene besser zu verstehen“. 

Die EKD-Ratsvorsitzende Präses Annette Kurschus war in ihrem Ratsbericht auf den „Synodalen Weg“ eingegangen. „Ich bewundere als evangelische Christin den Mut, mit der in der katholischen Kirche substanzielle Kernfragen des eigenen Selbstverständnisses diskutiert werden. Da geht es radikal an die Wurzeln“, sagte sie. Das Bestreben, sich zu öffnen und gleichzeitig katholisch zu bleiben, „führt unsere Schwesterkirche in vielfältige Spannungen“.

Bischof Gerhard Feige bedauerte in seinem Grußwort, dass "innerkatholische Entwicklungen und Spannungen auch das ökumenische Miteinander belasten". Wenn die Beobachtung stimme, dass es heute die größten Unterschiede nicht zwischen den Kirchen, sondern innerhalb der Kirchen gebe, "macht das den ökumenischen Weg zu einer versöhnten Gemeinschaft, die Einheit in Vielfalt lebt, freilich nicht leichter", sagte Feige. Mit Blick auf die synodalen Prozesse der katholischen Kirche in Deutschland und weltweit erklärte der Bischof, mit Papst Franziskus sei ein "fundamentaler Perspektivwechsel weg vom Amt und der Verantwortung der Bischöfe und des Papstes hin zum ganzen Volk Gottes eingetreten". Er habe das Thema Synodalität in den Fokus gerückt und damit eine ungeheure Dynamik ausgelöst. Dabei komme "auch den Geschwistern außerhalb der katholischen Kirche eine Bedeutung zu".

(sus; kna; EKD; Foto: Sperling)

Grußwort Bischof Feige zum Download

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