Bistumskarte

Verfassung und Format auf Grundlage von Werten

Ökumenischer Gottesdienst und Festakt zur Gründung des Erzbistums Magdeburg vor 1050 Jahren

Mit einem Ökumenischen Gottesdienst und anschließendem Festakt wurde im Magdeburger Dom die Errichtung des Erzbistums Magdeburg vor 1.050 Jahren gefeiert. Unter den mehr als 550 Gästen waren auch zahlreiche Spitzenvertreter aus Staat und Kirchen anwesend. Der Botschafter des Papstes in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, überbrachte die Glückwünsche von Papst Franziskus.

In Vertretung der erkrankten Bischöfin Ilse Junkermann hielt Propst Christoph Hackbeil gemeinsam mit Bischof Dr. Gerhard Feige die Dialogpredigt. Feige ermutigte die Gäste zur mehr politischem und gesellschaftlichen Engagement. „Spannungen, Konflikte und Verwerfungen gibt es genügend. Umgangs- und Verständigungsformen werden rauer, unverschämtes Verhalten greift immer mehr um sich. Vor allem tragen rechtsextreme und populistische Gruppierungen zu dieser Verrohung bei. Dadurch hat sich auch der Ton politischer Debatten verändert.“  Mehr und mehr „ irrationale Empörungswellen und Hasslawinen“ werden so ausgelöst. „Durch Vorfälle wie den tragischen Tod des jungen Mannes in Köthen werden solche Emotionen noch weiter geschürt, so dass es auch immer mehr zu Gewalttätigkeiten kommt. Damit aber steht der Geist der Menschlichkeit auf dem Spiel.“

Dabei sei das Gesicht der Stadt, so betonte Propst Hackbeil „seit Jahrhunderten das Gesicht eines Afrikaners hier im Magdeburger Dom ein Signal: geweiht auf einen Ausländer. Längst bevor das sogenannte Abendland christlich wurde, war das Evangelium in sein Land nach Ägypten gekommen.“ Er spielte hier auf den Patron des Erzbistums und des Domes an, den Heiligen Mauritius.  „Heute leben auch in Sachsen-Anhalt koptische Christen und bereichern die Ökumene unseres Landes.“

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff ging in seinem Grußwort auf den Heiligen Mauritius ein. „Die Gründer des Erzbistums haben den aus Afrika stammenden heiligen Mauritius zum Schutzpatron wählten. Daran habe niemand Anstoß genommen, weil der gemeinsame Glaube das möglicherweise Trennende überwunden hat“, sagte Haseloff in Anspielung auf gegenwärtige Fremdenfeindlichkeit. Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper nannte die offene Begegnung mit Menschen anderer Kulturen „wichtiger und drängender denn je“.

Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch sieht die Gründung des Erzbistums vor 1050 Jahre auf dem Gebiet des heutigen Landes Sachsen-Anhalts als den Moment der Geschichte, in dem das Gebiet zum ersten Mal „Verfassung und Format“ erhielt. Bis heute vertrauen staatliche Parlamente darauf, dass es eine höhere Macht als die Macht des Staates gebe. Denn in der Präambel der Landesverfassung steht: „Dies geschieht in Achtung der Verantwortung vor Gott und Bewusstsein der Verantwortung vor den Menschen…“.

Als Gastrednerin sprach die versierte Europakennerin und ehemalige Staatspräsidentin Lettlands, Prof. Dr. Vaira Vike-Freiberga zum Thema „Macht, Recht und Glaube“. „Der Staat kann Gesetze machen, die Sicherheit und eine zivilisierte weltliche Administration gewährleisten. In den Herzen und Gewissen der Menschen jedoch hat der Staat nichts zu schaffen. Die Glaubensfreiheit ist die wesentlichste der durch die Menschenrechte garantierten Freiheiten, die mit den gleichen Vorgaben festgelegt ist wie die Freiheit der politischen Überzeugung: ich bin frei, nach eigenem Ermessen zu glauben oder nicht zu glauben, und ich habe die Pflicht, die entsprechenden Rechte meiner Mitmenschen zu respektieren.“

Dabei ging sie auch auf die Werte der Europäer ein: „Es wäre illusorisch, die Bedeutung des christlichen Glaubens innerhalb der Entwicklung des europäischen Wertesystems zu leugnen, nur weil heute in Europa ebenso viele Ungläubige leben wie Vertreter verschiedener anderer Religionen. Ebenso illusorisch wäre es, den Beitrag des säkularen rationalen Denkens auf unser Wertesystem zu leugnen, weil einige dieser Werte (wie beispielsweise das Rechtsverständnis der alten Römer) vorchristlich sind, während andere sich parallel entwickelt haben, unabhängig vom Einfluss der Kirchen. Weder die Renaissance noch der wissenschaftliche Fortschritt als ein offenes, rational und kritisch denkendes System haben Wertvorstellungen erschaffen, die unmenschlich oder dekadent wären. Dies haben vielmehr solche absolutistischen Ideologien wie der Faschismus, der Nazismus und der Kommunismus getan, die mittelalterliche Machtmethoden nutzten, um ihre totalitäre Macht zu festigen.“

Die christlichen Kirchen seien in einem modernen Europa nicht mehr die einzigen Vorgeber ethischer und moralischer Normen. Anderswo in der Welt herrschten andere Religionen, und viele ihrer Vertreter lebten jetzt auch in Europa. „Dennoch hat das Christentum seit dem Zusammenbruch des Kommunismus als atheistisch-totalitäres System alle Möglichkeiten, sich zu den Menschen hinzuwenden mit derselben Botschaft der Erlösung der Seelen wie eh und je – und das zu wiederholen, was in der Tat das Wesen der Lehre Jesu Christi ist: Gott zu lieben vor allen Dingen – und seinen Nächsten wie sich selbst. Dies ist jenes Christentum, das mehr als die weltliche Macht und Autorität der Kirche vermocht hat, eine unersetzbare Triebkraft zu sein im intellektuellen und geistigen Wachstum der europäischen Werte.“

Dialogpredigt      Vortrag Prof. Dr. Vaira Vike-Freiberga zum Thema „Macht, Recht und Glaube“

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