Християнство и култура

Christenheit und Kultur

Bischof Dr. Gerhard Feige gibt im Interview mit bulgarischem Magazin ökumenische und private Einblicke

Bischof Dr. Gerhard Feige wurde von dem bulgarischen Journalisten Vladislav Atanassov, der für das Magazin „Christsein und Kultur“ arbeitet, ausführlich interviewt. Dabei gewährte der Magdeburger Hirte tiefe Einblicke in seinen persönlichen Weg als Christ zu Zeiten der DDR, aber auch in seine Beziehungen zur Ökumene und zur Orthodoxie:

Sie sind in einer der traditionsreichsten protestantischen Gegenden geboren und wuchsen in einem totalitären Regime auf, das sich offen gegen die Kirche und für den Atheismus aussprach. Wie kamen Sie zum Katholizismus und wie konnten Sie unter solchen Umständen Ihren Glauben leben?

Zunächst einmal bin ich in Verhältnisse hineingeboren worden, die christliche Sozialisation ermöglichten und sogar begünstigten. Alle meine Verwandten waren katholisch, und so wurde ich selbstverständlich als Säugling bereits getauft. Soweit ich mich erinnern kann, haben meine Eltern ihren christlichen Glauben recht natürlich, unverkrampft und anregend gelebt. Ihn auch mir näher zu bringen, war ihnen ein wichtiges Anliegen. Und so wurde abends und bei Tisch gebetet, auch sonst von Gott gesprochen und sich am Kirchenjahr orientiert. Außerdem gehörten wir zu einer sehr lebendigen Gemeinde mit überzeugenden Seelsorgern, ansprechenden Gottesdiensten, engagierten Familienkreisen und vielen Kinder- und Jugendgruppen. Der kirchlich verantwortete Religionsunterricht fand nachmittags in den Räumen der Gemeinde statt. Ich empfing – durch Eltern und Katecheten gut vorbereitet – die Erstkommunion und dann auch die Firmung. Mich auf unserem Kirchengelände mit anderen Gleichgesinnten zu treffen, wurde immer mehr meine Welt, vor allem, nachdem ich Ministrant geworden war. Viele Christen aus meiner Heimatgemeinde sind durch ihre überzeugende Lebenshaltung auf mich nicht ohne nachhaltigen Eindruck geblieben. Dass dann irgendwann in mir die Vorstellung aufkam, Priester werden zu wollen, erscheint angesichts solcher positiver Erfahrungen fast folgerichtig. (…)

Wann war Ihre erste Begegnung mit der Orthodoxie, unter welchen Umständen? Warum wurde diese für Sie so interessant?

Sicher bekam ich die ersten Anstöße dazu wohl schon als Jugendlicher durch meinen Heimatpfarrer. Dieser hatte bereits 1938 an der halleschen Martin-Luther-Universität in Slawistik promoviert und ließ auch sonst seine Sympathie für den christlichen Osten und dessen Liturgien immer wieder durchblicken. Während meines Theologiestudiums in Erfurt war es ein ostkirchlich versierter und engagierter Präfekt im Priesterseminar, dem ich weitere Anregungen verdanke. Er hat mir auch hilfreiche Kontakte in Rumänien und Bulgarien vermittelt, so dass ich als Student auf Reisen dorthin in den Jahren 1974, 1975 und 1976 meine ersten praktischen Erfahrungen mit der Orthodoxie machen konnte. Vor allem Bulgarien ist da für mich zu einem Schlüsselerlebnis geworden. Dort habe ich an verschiedenen Orten prächtige und schlichte Liturgien mitfeiern können, bedeutende Klöster mit leider nur wenigen Mönchen erlebt, aber auch einige Priester und sogar Bischöfe kennengelernt. In Russe, wo ich immer bei der Einreise Station machte, war für mich besonders bewegend, dass damals dort schon ein orthodoxer Mönchsdiakon gelegentlich auch in der katholischen Kirche Orgel spielte und den kleinen Chor leitete. Unvergesslich ist mir die große Gastfreundschaft in Erinnerung, die uns – wir reisten immer zu zweit – an manchen Orten erwiesen wurde. Vielleicht erschien mir die orthodoxe Kirche anfangs etwas exotisch, zugleich fühlte ich mich aber auch in ihr irgendwie zu Hause und wurde mir immer mehr bewusst, wie viel uns verbindet und dass wir gewissermaßen Schwesterkirchen sind. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Wie war das Verhältnis zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche in der DDR? Haben sich diese nach der Wende geändert?

Insgesamt haben die Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges, von nationalsozialistischer und kommunistischer Diktatur, von Vernichtung und Vertreibung sowie von Unterdrückung durch religionsfeindliche Mächte mit dazu beigetragen, dass sich katholische und evangelische Christen im Osten Deutschlands nach 1945 immer mehr aufeinander zu bewegten. So war es beispielsweise schon bald möglich, dass an manchen Orten katholische Flüchtlinge ihre Gottesdienste in evangelischen Kirchen feiern konnten.

Zu bestimmten Gelegenheiten fand man sich zu ökumenischen Gottesdiensten zusammen und lud sich gegenseitig auch zu verschiedenen anderen Veranstaltungen ein. Oftmals las man gemeinsam in der Heiligen Schrift und sprach darüber oder stimmte sich in gesellschaftlichen Fragen ab.

Nach 1989 tauchten jedoch auf einmal inmitten der sich dramatisch verändernden gesellschaftlichen Bedingungen manche sonderbaren Verdächtigungen und Klischees auf, die die evangelisch-katholischen Beziehungen zeitweise belasteten. So wurde die sogenannte Wende von einigen als „protestantische Revolution“ vereinnahmt und den Katholiken vorgeworfen, als „Trittbrettfahrer“ dieser Entwicklung gezielt die Gunst der Stunde zu nutzen und überproportional stark in politische Ämter vorzudringen. Spannungen kamen auf, weil die katholische Kirche mehr der als konservativ geltenden Partei CDU verbunden und auf die neuen Verhältnisse positiver einzugehen schien, als die evangelische Seite, deren führende Köpfe mehr in anderen Parteien – der SPD oder im sogenannten Bündnis 90 – beheimatet waren und den Eindruck erweckten, als könnten sie sich mit dem neuen Staats- und Wirtschaftssystem nicht vollständig anfreunden. Hinzu kam die strukturelle Einbindung der ostdeutschen Christen in die ihrer Konfession entsprechenden Großkirchen der alten Bundesrepublik mit deren Interessen und Strategien sowie den damit verbundenen rechtlichen, politischen und finanziellen Vorgaben. Dies hat zweifellos zu einer gewissen Rekonfessionalisierung geführt.

(…) Heutzutage ist es selbstverständlich, zu wichtigen Anlässen ökumenische Gottesdienste zu feiern, treffen sich die führenden Geistlichen und andere Vertreter der Kirchen zu regelmäßigen Kontaktgesprächen, bei denen es möglich ist, sich über alles – einschließlich kritischer Wahrnehmungen – offen und vertrauensvoll auszutauschen, werden die Jahresempfänge der Kirchen und die regelmäßigen Gespräche mit der Landesregierung ökumenisch durchgeführt. Außerdem bestreitet man auch manche Aktionen – beispielsweise für eine Kultur der Aufmerksamkeit gegen rechts- wie linksextreme Tendenzen, für den Sonn- und Feiertagsschutz oder für mehr Beteiligung an den Wahlen – gemeinsam. Gemeinden helfen sich oftmals kirchenmusikalisch aus. Dankenswerterweise können wir Katholiken gelegentlich auch den „evangelischen“ Dom in Magdeburg mitbenutzen. Und sowohl mein Vorgänger als auch ich waren schon eingeladen, in Wittenberg bzw. Eisleben von der jeweiligen „Luther-Kanzel“ zu predigen. Schließlich gehören zu meinen Visitationen der katholischen Pfarreien unseres Bistums inzwischen überall Begegnungen und Gespräche mit evangelischen Pfarrern und Pfarrerinnen fast selbstverständlich dazu.

War es bis zur friedlichen Revolution von 1989 verstärkt der marxistisch-leninistische Druck, der uns Christen hier in der Region zusammenrücken ließ, drängt oder beflügelt uns heute – im Sinne des sehnlichen Wunsches Jesu, dass die, die ihm nachfolgen, eins sein sollen, „damit die Welt glaubt“ – die extreme Entkirchlichung in unserer Region zu größerer Nähe. Solche Erfahrungen und Einsichten haben uns im Rahmen eines „Pastoralen Zukunftsgespräches“ 2004 dazu bewegt, einen eigenen Text zur Ökumene mit dem Titel „Als Kirchen gemeinsam auf dem Weg“ zu verfassen, in dem es programmatisch dazu heißt: „Im Bistum Magdeburg, gelegen im Ursprungsland der lutherischen Reformation, hat Ökumene eine besondere Bedeutung. In einer Situation, in der christlicher Glaube längst nicht mehr selbstverständlich ist, kommt dem Umgang der Kirchen miteinander sowie ihrem gemeinsamen Auftreten eine besondere Bedeutung für ihre Glaubwürdigkeit zu … Nur in einem lebendigen Miteinander werden die Kirchen in ihrem Tun und in ihren Anliegen von den Menschen verstanden und angenommen. Angesichts weit verbreiteter Gleichgültigkeit, von Vorurteilen und Gewohnheiten sind die Christen aufgerufen, in Wort und Tat gemeinsam vom Evangelium Zeugnis zu geben.“ Das haben wir seit Jahrzehnten auf vielfältige Weise versucht, davon sind wir immer noch überzeugt, auf diesem Weg wollen wir auch bewusst weitergehen. (…)

Würden Sie sagen, dass die Reformation ein Ergebnis der Vorsehung Gottes ist? War sie eher eine Fehlleitung oder ein notwendiges Korrektiv für die Entwicklung des Weltchristentums?

Wolfhart Pannenberg – ein evangelischer Theologe – hat einmal gesagt: „Die Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts kann nicht als Erfolg der Reformation betrachtet werden, sondern bedeutet deren vorläufiges Scheitern.“ Insofern wäre ich angesichts der tragischen Folgen der Erneuerungsbewegung jener Zeit sehr zurückhaltend, Gott dafür verantwortlich zu machen. Ich glaube aber, dass die Kirche immer wieder erneuert werden muss, um ihrer Berufung und Sendung treu zu bleiben. Solche Reformen geschehen in erster Linie durch den Heiligen Geist, erfordern aber auch menschliche Anstrengungen.

Exzellenz, heutzutage ist die Existenz verschiedener Konfessionen nebeneinander fast eine Selbstverständlichkeit für die Christen. Wie ist Ihre Meinung zur These, dass dieser Zustand zu einem erheblichen Grade eine Folge der starken Profilierung der Kirchen als Ergebnis der Reformation und der anschließenden Gegenreformation ist? Spaltungen gab es auch davor, doch es scheint, dass das Bewusstsein einer Zusammengehörigkeit stärker war als nach der Reformation. Sprach man nach dem Großen Schisma 1054 eher von Ost- und Westkirche bzw. von „griechischen“ und „lateinischer“ Kirche, so verwendet man mittlerweile im Alltag die Worte „evangelisch“, „katholisch“, „orthodox“ viel öfter als konfessionelle Bezeichnungen völlig getrennter Kirchen und weniger als Bezeichnungen für die eine universelle Kirche.

Der Ökumenische Patriarch Athenagoras soll einmal gesagt haben: Er sei jederzeit bereit, nach Rom zu gehen und aus dem Kelch des Papstes die Kommunion zu empfangen. Er halte nämlich den Papst für orthodox, ebenso wie er sich selbst als katholisch verstehe, und das deswegen, weil beide evangelisch seien. Tatsächlich wurden Grundmerkmale von Kirche (nämlich sowohl orthodox als auch katholisch und evangelisch zu sein) infolge der Reformation immer mehr zu Begriffen, die jeweils eine Konfession für sich beanspruchte, um sie den anderen abzusprechen. Aus der Confessio, dem ursprünglichen Bekenntnis der Sünden und des Glaubens, entwickelten sich zahlreiche Confessiones, für jede der rivalisierenden Glaubensrichtungen eigene. Das betraf zunächst die verschiedenen Strömungen des Protestantismus und die katholische Kirche, später aber auch die orthodoxe Kirche. Funktion dieser Bekenntnisse war es jetzt, die reine Lehre innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft zu sichern, sich gegenüber der unreinen Lehre der anderen abzugrenzen und die Anhänger der für allein wahr gehaltenen Lehre auch unter politischen Gesichtspunkten zu formieren. Überall entwickelten sich typische Denkweisen, Frömmigkeitsformen und Lebenswelten. Letztendlich hat diese Profilierung im Widerspruch gegeneinander zu verschiedenen Einseitigkeiten geführt und die Spaltung immer mehr verfestigt.

In der Reformationszeit war die Türkengefahr eines der wichtigsten außenpolitischen Themen. Luther selbst versuchte diese Invasion theologisch zu reflektieren und sah in ihr eine Strafe Gottes und ein Zeichen des kommenden Weltuntergangs. Gleichzeitig forderte er, dass man den Islam kennenlernen und der Koran deswegen auf Deutsch übersetzt werden sollte. Heute kommen viele Moslems nach Europa auf der Suche nach mehr Sicherheit und Wohlstand. Als Reaktion darauf redet man immer mehr von einer schleichenden Islamisierung Europas. Wie können Sie als Bischof in einer Stadt, in der die Mitglieder aller Kirchen zusammen ca. 10 % der Bevölkerung darstellen, reagieren und die besorgten Menschen beruhigen? Welche konkreten Initiativen hat Ihr Bistum in dieser Hinsicht?

Im Osten Deutschlands leben bislang – außer in Berlin – nur sehr wenige Muslime. Manche sind schon länger hier und arbeiten zum Beispiel als Ärzte oder Wissenschaftler. Andere sind auf der Flucht vor Krieg und Terror in ihren Ländern zu uns gekommen. Flüchtlingen und Migranten – egal welcher Herkunft oder Religion – zu helfen, wird in unserem Bistum als eine wichtige Herausforderung und ein Gebot christlicher Nächstenliebe angesehen. Schon seit 20 Jahren gibt es in Magdeburg ein katholisches „Interkulturelles Beratungs- und Begegnungszentrum“ und einen Verein, der sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmert. Außerdem setzen sich viele Ehrenamtliche in unseren Gemeinden für alle möglichen Menschen in Not – seien es Christen oder Nichtchristen – ein, spenden Geld oder leisten ihnen anderweitig Beistand. Dazu gehört auch, manchen fremdenfeindlichen und rassistischen Tendenzen in unserer Gesellschaft entschieden entgegenzutreten. In einem unserer katholischen Krankenhäuser wurde Muslimen sogar ein eigener Gebetsraum zur Verfügung gestellt. Aufgrund vielfältiger Erfahrungen bin ich davon überzeugt, dass Menschen verschiedener Religionen durchaus in Frieden zusammenleben können; man muss es nur wollen und sich auch darum bemühen. Entscheidend ist dabei vor allem die Achtung der Würde eines jeden Menschen und eine solidarische Gesinnung.

Und zum Schluss: Was sind Ihre Hoffnungen und Vorstellungen von der Entwicklung der Ökumene und was würden Sie sich in dieser Hinsicht wünschen?

Wie bei gesellschaftlichen Problemen ist es auch in der Ökumene nicht immer so ganz einfach. Die zwischenchristlichen Verhältnisse sind komplex und kompliziert, und meistens gibt es keine einfachen Lösungen. Entscheidend ist da, sich auf allen Ebenen – zwischen den Bischöfen und Kirchenleitungen, unter den Theologen und an der sogenannten Basis – nach Kräften mit Herz und Verstand um noch mehr Versöhnung und Verständigung zu bemühen, Vertrauen aufzubauen und einen langen Atem zu haben. Und dann sollte – wenn ein solcher denn kommt – der Kairos nicht verpasst werden. Für mich ist es heute immer noch ein Wunder, was sich 1989 bei uns in Deutschland und in Osteuropa gesellschaftlich und politisch ereignet hat. Könnte der Geist Gottes nicht ebenso, wenn seiner Meinung nach das Maß voll und die Zeit reif ist, die noch verbliebenen Hindernisse beseitigen und die Christen zur Einheit führen?

Das ganze Interview in deutscher Übersetzung

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