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Digital und dezentral - allein vor dem Computer

Bischof Dr. Gerhard Feige im katholisch.de Interview mit einer Bilanz des Ökumenischen Kirchentags

Vier Tage lang war Frankfurt am Main mit dem 3. Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) das religiöse Zentrum Deutschlands. Doch was bleibt nun von dem wegen der Corona-Pandemie weitgehend digital abgehaltenen Treffen? Im Interview mit katholisch.de Redakteur Steffen Zimemrmann zieht der Vorsitzende der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige, eine kritische Bilanz des Kirchentags. Außerdem äußert er sich zur Frage des gemeinsamen Abendmahls von Katholiken und Protestanten und zum kritisierten Umgang mit Missbrauchsbetroffenen beim ÖKT.

Frage: Bischof Feige, wie fällt Ihre persönliche Bilanz des Ökumenischen Kirchentags aus?

Feige: Meine persönliche Bilanz ist gemischt. Es war – bedingt durch die Corona-Pandemie – kein "normaler" Kirchentag, und ich bin unsicher, ob eine große Strahlkraft von ihm ausgegangen ist oder noch ausgehen wird. Gleichwohl bin ich beeindruckt, dass das Treffen in dieser schwierigen Zeit überhaupt stattfinden konnte und offenbar doch eine große Zahl von Menschen erreicht hat. Ich staune, welche Kreativität zutage getreten ist. Und ich bin den vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die das Treffen vorbereitet, organisiert und daran mitgewirkt haben, sehr dankbar. Es war ein mutiger Versuch und ich hoffe natürlich, dass er Früchte trägt. Kritisch sehe ich jedoch, dass man sich sprachlich und optisch trotz aller Anstrengungen weitgehend in einer binnenkirchlichen Blase bewegt und damit wohl kaum Nicht-Gläubige oder den Kirchen distanziert gegenüber stehende Menschen erreicht hat.

Frage: Kirchentage leben normalerweise ganz wesentlich von der Atmosphäre und den Gesprächen vor Ort. Das war aufgrund der Pandemie und der weitgehenden Verlagerung des Treffens in den digitalen Raum diesmal anders. Haben Sie trotzdem so etwas wie eine Kirchentags-Atmosphäre gespürt?

Feige: Ob das Konzept "digital und dezentral" aufgegangen ist, kann ich noch nicht abschließend beurteilen. Ich habe jedenfalls alleine vor meinem Computer gesessen. Dabei habe ich zwar Eindrücke von mehr Veranstaltungen als sonst gewinnen können – diese Eindrücke blieben aber distanziert und unterkühlt. In Erinnerung bleiben wird mir vermutlich nicht viel, weil mir der lebendige Kontext gefehlt hat. Digitale Kommunikation ist – jedenfalls für mich – ziemlich steril: im Austausch von Informationen sicher hilfreich, aber emotional sehr dürftig.

Frage: Welche Inhalte des ÖKT-Programms haben Sie konkret verfolgt und was hat Ihnen trotz der digitalen Barriere besonders gut gefallen?

Feige: Ich habe mir natürlich die großen Gottesdienste angesehen – den Eröffnungs- und Abschlussgottesdienst, den Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen sowie die katholische Eucharistiefeier am Samstagabend. Darüber hinaus habe ich mir verschiedene Podiumsdiskussionen angehört, etwa zu Antisemitismus, zu Rassismus, zur spirituellen Herausforderung der Corona-Pandemie, zur Glaubwürdigkeit der Kirchen sowie zur Eucharistie- und Abendmahlsproblematik. Besonders ansprechend fand ich die auch vom ZDF übertragene Diskussion über die Frage nach dem assistierten Suizid. Hier ist es nach meinem Eindruck gelungen, sehr fachkundig, differenziert und einfühlsam mit dem Thema umzugehen. Geärgert hat mich nur, das vor allem durch den Moderator der Eindruck erweckt wurde, dass es bei diesem Thema vorrangig um katholisch-evangelische Differenzen gehe. Da hätte ich mir schon gewünscht, dass klarer zum Ausdruck gekommen wäre, dass das nicht der Fall ist, sondern beide Kirchen in der Sorge und Bewertung weitgehend übereinstimmen. Andere Podien, die ich gesehen habe, wirkten dagegen eher wie ein Nebeneinander von Modulen und ein Sammelsurium von Assoziationen und Meinungen und haben inhaltlich nicht weitergeführt oder zu einer Klärung beigetragen.

Frage: Haben Sie auch an einem der digitalen Stehtische teilgenommen, die ja als Orte für einen offenen Austausch dienen sollten?

Feige: Nein, darauf habe ich verzichtet. Zum einen reichte die Zeit dafür nicht, zum anderen liegt mir das überhaupt nicht. Für so etwas bin ich vermutlich einfach zu alt.

Frage: Ein großes Thema im Vorfeld des ÖKT war die Debatte um das gemeinsame Abendmahl. Durch die weitgehende Verlagerung des Kirchentags in den digitalen Raum hat dieses Thema letztlich bei dem Treffen selbst keine große Rolle gespielt. Am greifbarsten waren noch die vier "ökumenisch sensiblen" Mahlfeiern am Samstagabend. Wie bewerten Sie das Signal dieser Feiern?

Feige: Ich habe aufgrund der zeitlichen Parallelität ja nur eine dieser Feiern mitverfolgen können, und das war die katholische Eucharistiefeier im Frankfurter Dom. Zumindest diese Feier war sicher weniger spektakulär, als das im Vorfeld vielleicht erwartet worden war. Gleichwohl war es eine eindrucksvolle Veranstaltung – vor allem wegen des Schuldeingeständnisses des Frankfurter Stadtdekans und seiner Bitte um Vergebung gegenüber den evangelischen Christen. Darüber hinaus würde ich das Signal dieser Feiern aber nicht überbewerten. Es wurde im Vorfeld ja mehrfach betont, dass man die Chance nutzen solle, an Gottesdiensten der jeweils anderen Konfession teilzunehmen, um das mal kennenzulernen. Mit Verlaub: Das habe ich als Jugendlicher schon vor mehr als 50 Jahren erlebt. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil saßen in meiner Heimatgemeinde eines Tages plötzlich 50 evangelische Oberschüler auf der Empore, um auch mal einen katholischen Gottesdienst zu erleben. Das zumindest ist also nichts Neues.

Frage: Kann von den Feiern trotzdem ein konkreter Fortschritt für die Frage des gemeinsamen Abendmahls erwachsen?

Feige: Das muss man abwarten. Ich scheue mich aber grundsätzlich davor, die Eucharistieproblematik mit dem Begriff "Fortschritt" zu verbinden. Die Frage des gemeinsamen Abendmahls ist äußert komplex und emotional aufgeladen. Umso wichtiger ist es, hier Schritt für Schritt voranzukommen. Spektakuläre Aktionen sorgen eher für Verwundungen.

Frage: Auf Kritik stieß der Umgang des ÖKT mit dem sexuellen Missbrauch in beiden Kirchen. Betroffene beklagten, dass sie kaum zu Wort gekommen seien. Wie beurteilen Sie das?

Feige: Ich war an der konkreten Programmgestaltung des Kirchentags nicht beteiligt und weiß deshalb nicht, nach welchen Kriterien man dort entschieden hat. Es wäre aber sicher angebracht gewesen, den Betroffenen des sexuellen Missbrauchs eine eigene Veranstaltung zu widmen und sie dort ausführlich zu Wort kommen zu lassen. Soweit ich mitbekommen habe, ist das ja nur am Rande und nur mit einem geringen Zeitkontingent geschehen.

Frage: Zum Ende des ÖKT wurde vielfach betont, dass der Kirchentag die Ökumene in Deutschland vorangebracht habe. Teilen Sie diese Ansicht?

Feige: Jedes Ereignis dieser Art bringt die Ökumene irgendwie voran; einen besonderen Schub durch den ÖKT spüre ich – wie schon gesagt – bisher jedoch nicht. Ich erwarte aber, dass künftige Katholikentage und evangelische Kirchentage noch ökumenischer ausgerichtet werden als bisher. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Vielleicht braucht man dann irgendwann gar keinen ÖKT mehr. Darüber hinaus hoffe ich, dass die multilaterale Ökumene über die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen noch mehr ins Bewusstsein tritt und an Einfluss gewinnt. Ökumene betrifft nicht nur die beiden großen Kirchen in Deutschland, sondern alle hier lebenden Christen. Diese Perspektive müssen wir noch stärker entwickeln. Gleichwohl sehe ich das Problem, dass wir nicht wissen, auf welches Einheitsmodell wir in der Ökumene zugehen wollen; dadurch dauert manches sicher länger. Umso wichtiger ist es, weiterhin mutig und klug einen Schritt nach dem anderen voranzugehen.

(Steffen Zimmermann: Foto: Sperling)

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