zwei Frauen im Gespräch

Einfach da sein...

Das Ehrenamt macht in Oschersleben viel möglich

Insgesamt 38 Ehrenamtliche unterstützen das Kardinal-Jaeger-Haus in Oschersleben auf ganz unterschiedliche Weise. Ohne sie wäre in dem Caritas-Pflegeheim vieles nicht möglich. „Wir sind unendlich dankbar für dieses Engagement“, sagt Einrichtungsleiter Andreas Kretschmer. Mindestens einmal pro Woche ist auch Gisela Witt im Haus.

Gisela Witt sitzt kerzengerade auf ihrem Stuhl. Man sieht sofort, dass sie früher Leistungssport betrieben hat. „5,20 Meter war meine Bestleistung.“ Ihre kräftigen Oberschenkel verraten, dass wohl Weitsprung gemeint sein muss. Ihr Blick ist geradeaus gerichtet, wenn sie spricht, findet sie klare Worte. „Damals mit der Pflegeversicherung hat alles angefangen. Da wurden die Menschen zu Zeiteinheiten“, sagt sie nicht ohne Frust. Früher habe ihr der Beruf viel Freude bereitet, aber irgendwann habe man umdenken müssen. Seit 1992 ist Gisela Witt im Kardinal-Jaeger-Haus in Oschersleben. Auch wenn die 73-Jährige mittlerweile in Pension ist, so trifft man sie hier im Hause doch noch regelmäßig. „Ich engagiere mich ehrenamtlich.“

Die gelernte Industriemechanikerin hat damals nach einer neuen Perspektive gesucht und sich für die „Arbeit am Menschen“ entschieden, wie sie sagt. Sie hat die Bereiche im Hause mit aufgebaut, den Umzug in das neue Gebäude mit vollzogen. „Erst habe ich im Wohnbereich Anna, später dann im Franziskus gearbeitet.“ Gern erinnert sie sich an die ersten Jahre: „Da hatte man noch genug Zeit, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sich ihren Sorgen zu widmen und einfach für sie da zu sein.“ Dann sei eines Tages die Dokumentation wichtiger gewesen, als die Pflege an sich – so schien es ihr. „Das finde ich sehr schade. Die Menschen, die uns anvertraut sind, das sind alle ganz eigene Persönlichkeiten. Die muss man respektieren und bewahren.“

Ist das der Grund, warum Gisela Witt jetzt immer noch mindesten einmal pro Woche hier ist? „Das spielt sicher auch eine Rolle, aber die meisten Bewohner, die damals hier waren, sind ja schon längst von uns gegangen.“ Auch Langeweile ist für die Rentnerin kein Grund: „ Ich gehe immer noch zweimal pro Woche zum Training und habe allerhand andere Verpflichtungen, aber die Einrichtung liegt mir am Herzen.“ Vielleicht auch deshalb, weil Witt hier auch ihre schwersten Jahre verbracht hat. Ihre Mine verdunkelt sich, die aufrechte Frau neigt den Kopf und ihr steigen Tränen in die Augen: „Wissen sie, 2004 ist mein Mann plötzlich verstorben und nur ein Jahr später ist auch mein Sohn gegangen. Da hat mich die Arbeit auch ein Stück weit aufgefangen.“

Angefangen hat alles mit einer Bewohnerin, die Gisela Witt nach ihrer Pensionierung immer noch mal besucht hat. Eine Freundin ihrer Mutter, die selbst auch im Kardinal-Jaeger-Haus verstorben ist. So sei der Kontakt quasi nie abgebrochen. Dann hat sie sich entschlossen, zwei Jahre den Empfang der Einrichtung mit zu übernehmen. Mittlerweile ist sie einmal wöchentlich im begleitenden Dienst als Unterstützung: „Wir spielen und singen gemeinsam, machen Gedächtnistraining oder trinken einfach gemütlich zusammen Kaffee.“ Gisela Witt macht nun das, was sie immer an ihrem Beruf geliebt hat: Für die Leute da sein.

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