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Hingucken-Straßenbahn fährt in die Vergangenheit

Katholische Erwachsenenbildung organisiert Stadtführung zu Tat- und Erinnerungsorten der NS-Zeit

Am 16. Januar 1945 wurden weite Teile der Magdeburger Innenstadt durch die britischen Streitkräfte zerstört und 5.000 bis 6.000 Menschen starben. Die zivilgesellschaftliche Aktion „Eine Stadt für alle“ hat sich zum Ziel gesetzt, das Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg bunt, vielfältig und würdevoll zu gestalten und rechtsextremen Gruppierungen zugleich keinen Raum zu geben, dieses Gedenken für ihre geschichtsrevisionistische Perspektive zu missbrauchen.

Mittendrin an einer Straßenbahnhaltestelle, die derzeit eigentlich nicht angefahren wird, stehen 80 Menschen in der Kälte, die die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) in Kooperation mit dem Magdeburger Verkehrsbetrieb (MVB) zu einer mittlerweile traditionellen Bildungsfahrt mit der „Vielfalt-Straßenbahn“ eingeladen hat. Einer von ihnen kam extra aus Bonn angereist, um die Ausführungen des Historikers Pascal Begrich vom Verein Miteinander e.V.  zu hören.

„Demokratie braucht Erinnerung und Erinnerung braucht Verortung. Wenn wir uns mit der Vergangenheit nicht kritisch auseinandersetzen, können wir auch nicht einen demokratischen Alltag gestalten“, fasst der ausgewiesene Kenner der Geschichte Magdeburgs das Anliegen der Veranstaltung zusammen. Das KEB-Projekt „Kirche für Demokratie. Verantwortung übernehmen – Teilhabe stärken“, das durch das Bundesministerium des Innern und für Heimat im Rahmen des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe “ und durch das Land Sachsen-Anhalt gefördert wird, konnte auch in diesem Jahr die 2020 neu gestaltete Bahn der ökumenischen Initiative „hingucken…denken…einmischen“ nutzen, um eine ganz besondere Stadtrundfahrt durchzuführen.

Die „Hingucken-Bahn“ fährt Orte an, die eine normale Stadtführung sonst nicht besucht. Die Gartenstadt Reform – ein großer Schornstein, der letzte stumme Zeuge eines Industriegeländes, auf dem die Zwangsarbeiter sich abmühen mussten – die ästhetisch eindeutig dem Nationalsozialismus zuzuordnende Statue des Eike von Repgow und noch vieles mehr zieht draußen vorbei, während drinnen in der Bahn die Teilnehmenden sich ganz auf die Erläuterungen des Experten für Rechtsextremismus und Demokratieförderung konzentrieren. Erschütternd sind auch die Einzelschicksale, von denen er zu berichten weiß: während sich die Polizei schützend vor den Bürgermeister Ernst Reuter stellte, wurde sein jüdischer Stellvertreter Herbert Goldschmidt unter Schlägen durch die Stadt getrieben, als die Nazis 1933 das Rathaus überfielen.

Voll mit Eindrücken entlässt die blaue Straßenbahn nach 1,5 Stunden Fahrt die Menschen wieder. Viele zeigen sich sehr bewegt von den vielen Geschichten aus der NS-Zeit. Die Gedanken und bei älteren Teilnehmenden auch Erinnerungen an diese schreckliche Zeit sind sehr nah in die Gegenwart gerückt.

(Lucia Kremer und Susanne Brandes; Foto KEB)

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