Bistumskarte

Zwischen Kontrollverlust und Aktionismus

Bischof Dr. Gerhard Feige zum Umgang mit der Corona-Pandemie 2020

Katastrophen gibt es immer wieder. In markanter Erinnerung ist mir da zunächst der dramatische Wintereinbruch mit seinen unglaublichen Schneemassen und Frostgraden nach Weihnachten 1978 in der DDR. Eine Zeit lang kamen Versorgung und Verkehr, Wirtschaft und öffentliches Leben fast völlig zum Erliegen. Nach einem kurzen Besuch bei meinen Eltern in Halle wollte ich zu meinem ersten Einsatzort als Neupriester –  nach Salzwedel – zurück und erlebte mit der Deutschen Reichsbahn eine unvergessliche Odyssee. Und dann das Elbehochwasser 2002 und 2013 mit seinen unberechenbaren Abläufen und schwerwiegenden materiellen wie existentiellen Folgen für viele. Ich selbst kam in Magdeburg trotz mancher notwendig werdender Sicherungsvorkehrungen und kurzzeitiger Evakuierung noch glimpflich davon. Was bei jedem dieser Ereignisse positiv auffiel war, dass die Gesellschaft angesichts der Notlage auf einmal merklich zusammenrückte, wildfremde Menschen ohne Hemmungen ins Gespräch kamen und man sich gegenseitig über alle Unterschiede hinaus fast selbstverständlich half.

Und nun erleben wir – durch das Corona-Virus ausgelöst – eine neue Krise, die unsere bisherigen Vorstellungen weit überschreitet und uns ziemlich hilflos macht. Unsichtbar für das bloße Auge ist seine Auswirkung doch anscheinend verheerender als vieles zuvor. Die schon eingetretenen Folgen sind jedenfalls beängstigend, und ein wirkliches Gegenmittel ist noch nicht in Sicht. Um die Bedrohung zu verlangsamen, abzuschwächen und einzudämmen, sind durch die politischen und gesellschaftlichen Verantwortungsträger drastische Verordnungen erlassen und einschneidende Maßnahmen ergriffen worden. Für viele Regionen gilt so etwas wie Hausarrest. Auch die Kirchen halten sich daran und haben alle öffentlichen Gottesdienste erst einmal bis über Ostern hinaus abgesagt. Eine so außergewöhnliche Situation hätte sich niemand von uns noch vor wenigen Wochen oder sogar Tagen vorstellen können. Viele sind gewissermaßen aus der Bahn geworfen und verunsichert, müssen sich neu orientieren und bangen um ihre Zukunft. Manche reagieren – bewusst oder unbewusst – vielleicht auch ähnlich wie nach einem Todesfall oder einem anderen niederschmetternden Schicksalsschlag. So etwas zu verarbeiten, braucht Zeit und kennt unterschiedliche Ausdrucksformen und Trauerphasen.

Anfangs hat es manche gegeben, die einfach nicht wahrhaben wollten, in welcher Gefahr wir uns schon befinden, und diese ignoriert oder verdrängt. „So schlimm“ – war zu hören – „wird es schon nicht sein. Nur nicht übertreiben!“ Vereinzelt wurden sogar leichtfertig noch „Corona-Partys“ gefeiert. Andere wiederum ließen und lassen sich zu kuriosen Erklärungsversuchen, absurden Verschwörungstheorien und esoterischen Spinnereien hinreißen. Corona – so wird da behauptet – sei von außerirdischen Wesen herangezüchtet worden, um die Menschheit gefügig zu machen, die Schwachen auszurotten und die Überlebenden zu versklaven. Populär ist auch, raffinierte Pharmakonzerne dafür verantwortlich zu machen, die das Virus verbreitet haben sollen, um mit schon längst entwickelten, jedoch noch zurückgehaltenen Impfstoffen demnächst Unsummen zu verdienen. Einige halten stattdessen die Mikrowellenstrahlung von 5G-Funkmasten für die Ursache dieses Übels oder empfehlen einen bestimmten Zahlencode als energetische Abwehrformel. Und schließlich wissen etliche religiöse Fundamentalisten ganz genau, dass diese Pandemie eine göttliche Strafe für alle menschlichen Verfehlungen und neuzeitlichen Entwicklungen sei, auch für alle innerkatholischen Reformbestrebungen und natürlich damit ebenso für den bei uns begonnenen Synodalen Weg. Dagegen steht die biblische Botschaft mit der festen Überzeugung, wie sie auch das jüngste gemeinsame Wort der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche in Deutschland zum Ausdruck bringt: „Krankheit ist keine Strafe Gottes – weder für Einzelne, noch für ganze Gesellschaften, Nationen und Kontinente oder gar für die ganze Menschheit. Krankheiten gehören zu unserer menschlichen Natur als verwundbare und zerbrechliche Wesen. Dennoch können Krankheiten und Krisen sehr wohl den Glauben an die Weisheit und Güte Gottes und auch an ihn selbst erschüttern. Krankheiten und Krisen stellen uns Menschen vor Fragen, über die wir nicht leicht hinweggehen können. Auch wir Christen sind mit diesen Fragen nach dem Sinn menschlichen Leids konfrontiert und haben keine einfachen Antworten darauf.“

In dieser Situation stellt sich manche Hilflosigkeit ein. Wie soll man darauf reagieren, dass plötzlich fast alles nicht mehr so ist wie gewohnt, vieles abbricht, die Kontrolle über wesentliche Lebensvollzüge verloren geht und sich vielleicht eine große Leere auftut? So wie nach dem Tod eines geliebten Menschen die Erledigung der Beerdigungsformalitäten und die Beschäftigung mit seinem Nachlass erst einmal den schmerzlichen Verlust ein wenig überbrücken und die Gedanken ablenken können, so erwecken in mir die vielfältigen Aktivitäten, die momentan auch in kirchlichen Kreisen ausgelöst werden, den Eindruck, eine vergleichbare Funktion zu übernehmen. Wir wollen, weil sich uns das große Ganze entzieht und wir es nicht mehr selbstverständlich im Griff haben, wenigstens kleine Dinge doch noch irgendwie beherrschen. Übrigens hat ein Konsumpsychologe neulich die Hamsterkäufe von Toilettenpapier und Grundnahrungsmitteln ähnlich gedeutet. Statt sich jetzt vielleicht unterbrechen und entschleunigen zu lassen – was sich zutiefst mit Religion verbindet – und auf Wesentliches zu besinnen, kann man auch einem Aktionismus verfallen und sich mit allem Möglichen beschäftigen, zerstreuen und verzetteln. Da läuten die Glocken je nach Region und Vereinbarung ökumenisch vereint oder konfessionell gesondert 12.00 Uhr, 18.00 Uhr oder 19.30 Uhr. Da wird dazu eingeladen, zu bestimmten Zeiten Kerzen in die Fenster zu stellen, auf Balkonen und aus Fenstern zu musizieren und für alle im medizinischen Einsatz Stehenden zu klatschen, das Vater unser oder den Rosenkranz zu beten und sich dabei weltweit zu verbinden. Da stellen päpstliche Behörden den pastoralen Notstand fest und erklären detailliert, wie Generalabsolutionen erteilt und Ablässe gewährt werden können. Da wird durch uns Bischöfe von der nur kaum noch wirksamen oder lediglich nur noch wenige motivierenden sogenannten Sonntagspflicht entbunden und auf Gottesdienstübertragungen in den verschiedenen Medien hingewiesen. Da laufen einzelne Priester mit einer Monstranz durch leere Straßen und fast alle von ihnen feiern, weil keine öffentlichen Gottesdienste mehr stattfinden dürfen, Eucharistie allein oder mit wenigen anderen in geschlossenen Kirchen. Da wird ein Bistum eigens Maria und ein anderes ihrem und Jesu Herzen geweiht. Da gibt es ermutigende Videobotschaften und konkrete Handreichungen für häusliche Gebete und Gottesdienste. Und vieles andere mehr wird empfohlen, um nicht zu vereinsamen, Familienangehörigen und Nachbarn das Leben erträglicher zu machen und in seinem Glauben lebendig zu bleiben. Zugleich finden Diskussionen darüber statt, inwieweit Einzelzelebrationen generell oder dieser Situation geschuldet möglich sein sollten oder ein priesterliches Amtsverständnis widerspiegeln, das heutzutage nicht mehr zu verantworten ist. Wenn andererseits dann Hausgemeinden beschworen werden, zu denen die Kommunion gebracht werden sollte, frage ich mich, wie das – auch angesichts der verordneten Distanzierungsmaßnahmen – mit religions- oder konfessionsverschiedenen Familien und sonstigen Partnerschaften sowie alleinstehenden Christen überhaupt umgesetzt werden könnte. Vermutlich gehen solche Vorstellungen von Verhältnissen aus, wie es sie irgendwann einmal gab und irgendwo vielleicht noch gibt oder in Zukunft geben wird, in meinem Bistum aber kaum noch oder bislang nur wenig anzutreffen sind.

Manche der zahlreichen Anregungen und Bemühungen halte ich für sinnvoll und hilfreich, andere dagegen erscheinen mir – als jemandem, der in einem kirchenfeindlichen System groß geworden ist, seinen Glauben immer auch vernünftig begründen musste und heute in einem extrem säkularen Kontext lebt – befremdlich. Darf man zum Beispiel bestimmte Frömmigkeitsformen derart instrumentalisieren? Zeigt sich darin nicht ein durch das Christentum eigentlich überwundenes archaisches Gottesbild und Religionsverständnis? Soll der Himmel immer noch durch beeindruckende Taten und Werke umgestimmt werden?

Zum Aktionismus dieser Tage gehören auch manche Versuche, möglichst viel von dem, was jetzt ausfallen muss, zusätzlich zu den schon geplanten Terminen noch auf den kommenden Herbst oder das nächste Jahr „umzubuchen“, damit ja alles aufgeholt und fortgeführt werden kann. Dahinter steht vermutlich die Vorstellung, dass der „Corona-Spuk“ bald vorbei sei und das Leben dann wieder so laufen würde, als wenn nichts gewesen wäre. Ist das nicht illusionär? Werden sich unsere Welt, unsere Gesellschaft und unsere Kirche durch diese Krise nicht weit mehr und nachhaltiger verändern als gedacht? Wäre es darum nicht sinnvoller, stattdessen intensiver darüber nachzudenken, ob nicht vieles ganz anders angegangen werden müsste und auf manches vielleicht auch verzichtet werden könnte? Wieviel Routine und Selbstlauf gibt es doch, wieviel Konferenzen, Tagungen, Workshops und sonstige Treffen, die nicht unbedingt weiterführen, uns aber enorm beschäftigen! Ist wirklich alles davon nötig oder heilsam?

„Mir kommt das“ – so hat Thomas Frings sein Empfinden angesichts der gegenwärtigen Situation jüngst umschrieben – „gerade vor wie ein langer Karfreitag. … Die Stimmung hat für mich etwas quasi Religiöses.“ Dem sollte man sich – so meine ich – bewusst stellen und versuchen, die damit verbundene Ohnmacht nicht mit irgendwelchen Aktivitäten zu überbrücken oder zu umgehen, sondern sie zu ertragen und auszuhalten. Und vielleicht stellen sich dann ganz wesentliche und sehr persönliche Fragen nach dem, was mich dennoch trägt und wozu ich berufen bin. Und noch eines: Der Karfreitag ist zweifellos furchtbar und bedrückend, bedeutet aber nicht das Ende, sondern den Durchgang zu Ostern. Die Auferstehung zu neuem Leben jedoch ist etwas anderes als das, was hinter uns liegt.

Eine gekürzte Fassung erschien in der Beilage der Zeit "Christ&Welt" am 16. April 2020

Beitrag von Bischof Dr. Gerhard Feige zum Download

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