Bistumskarte

Den Kreislauf der Gewalt durchbrechen

Marlyn Capio Richter berichtet von ihrer Arbeit im PREDA-Schutzhaus auf den Philippinen

Über 40 Schülerinnen und Schüler des Norbertusgymnasiums in Magdeburg lauschten gespannt den Berichten von Marlyn Capio Richter, Leiterin eines PREDA-Schutzhauses, das von missio unterstützt wird. In ihrer Kindheit geriet sie in die Hände von Zuhältern, die sie an Sextouristen verkauften. Durch den Einsatz von PREDA (Peoples Recovery, Empowerment and Development Assistance Foundation auch Stiftung für Wiederaufbau, Ermächtigung und Entwicklungshilfe genannt) schaffte sie den Ausstieg aus der Zwangsprostitution.

Seit über 20 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen missio und dem PREDA-Projekt. Neben ihrem Gründer Cullen ist Marlyn Capio Richter eines der prägendsten Gesichter des Projektes. Anlass genug, sie im Rahmen der Partnerschaft ins Bistum Magdeburg einzuladen.

„Das Leben ist ein Rad. Es gibt Höhen und Tiefen“, so beginnt Richter ihre Lebensgeschichte. Ihr erstes Tief ereignete sich in ihrer Kindheit an ihrem 3. Geburtstag. Ein reißender Fluss, Folge eines Tsunami, trennte ihr Wohnhaus von einem Einkaufszentrum. Entgegen der Bitte der Mutter durchquerte Richters Vater den Fluss, um für den Geburtstag seiner Tochter einzukaufen. Auf dem Weg wurde er zu einer anderen Familie gerufen, um als Elektriker Reparaturen durchzuführen. Er starb dabei und die Mutter machte ihre Tochter dafür verantwortlich.

Die Zeit verging und die Mutter heiratete ein zweites Mal. Alles schien sich zum Positiven zu wenden. „Es wirkte, als sei er ein idealer Vater“, berichtet Richter über den zweiten Mann ihrer Mutter. Aber eines Tages verlor er seinen Job und wurde alkoholabhängig. Um die Familie zu ernähren, arbeitete die Mutter in einem Restaurant. Oft war Richter mit ihrem Stiefvater allein zuhause und das war die Zeit in der der sexuelle Missbrauch begann. Da er nach jedem Mal drohte, ihre Mutter und ihren Bruder umzubringen, wenn sie ihrer Mutter etwas von der Vergewaltigung berichtete, hielt sie ihre Misshandlung lange geheim.

Als sie sich dann doch ihrer Mutter anvertraute, glaubte sie ihr nicht. Stattdessen warf sie ihr vor, ihre Familie nach dem Tod des Vaters ein zweites Mal zerstören zu wollen. Richter suchte Hilfe bei ihrer Großmutter, die mit ihr zum Arzt ging. Dieser Bescheinigte ihr, dass sie mehr als 10 Mal vergewaltigt wurde. Dennoch fand sie bei ihrer Mutter kein Gehör.

Richter blieb nur ein Ausweg: „Rennen ist das einzige, was ein Kind in dieser Situation tun kann.“  Sie lebte auf der Straße, bis sie von einer Frau Hilfe angeboten bekam. Jedoch war diese Frau eine Mama-san, die das damals 13-jährige Mädchen in die Prostitution führte. „Mein Leben bestand hier nur aus einem einzigen Raum“, berichtet Richter heute. Zusammen wurde das Mädchen mit ihrer 9- jährigen Freundin Pia an einen deutschen und einen niederländischen Sextouristen vermittelt.

Als die vier in einem Café saßen, wurde die Frau des Bürgermeisters auf sie aufmerksam und half den Mädchen. Auch wenn sie durch die Unterbringung in einem Waisenhaus gerettet waren, blieben sie unsicher, da sie die Gesetze nicht kannten und nicht wussten, dass ihnen Unrecht angetan wurde. „Wir hatten Angst, vor Gericht gestellt zu werden.“ 

Ihr Fall erhielt große Aufmerksamkeit, da beide Freier ohne Konsequenzen in ihre Heimatländer zurückreisen durften. So erfuhr Pater Shay Cullen von den beiden Mädchen und nahm sie in sein Projekt auf. Gemeinsam gelang es ihnen, die beiden Sextouristen in Deutschland und den Niederlanden vor Gericht zu stellen und verurteilen zu lassen. In Deutschland war es das erste Mal, dass ein Täter für einen im Ausland begangenen Missbrauch von Kindern verurteilt wurde. Auch wurde Richters Geschichte in einem Tatort verfilmt. Der Schauspieler Dietmar Bär, Kommissar aus dem Kölner Tatort, steht Richter und ihrem Projekt bis heute sehr nahe.

Nach einer erfolgreichen Therapie im PREDA-Projekt absolvierte Richter ein Studium als Sozialpädagogin und stieg wieder in das Projekt ein. Heute kümmert sie sich als Leiterin eines PREDA-Hauses um 61 Kinder im Alter zwischen neun Monaten und 18 Jahren.- Sie alle waren in der gleichen Situation, wie sie damals. „Aber warum engagiere ich mich?“, fragte sie die Schülerinnen und Schüler des Norbertusgymnasiums. Sie könne genauso gut bei ihrem deutschen Ehemann leben, aber: „Ich kann die Welt ein bisschen verändern. Mir wurde geholfen, davon möchte ich erzählen und es den Menschen zurückgeben“, so Richter.

PREDA ist eine Menschenrechtsorganisation in Olongapo auf den Philippinen. Seit der Gründung durch Pater Shay Cullen im Jahr 1974 setzt sie sich für die Rechte von Kindern ein. Den Schwerpunkt legt PREDA dabei auf die Bekämpfung der Kinderprostitution. Kinder werden in den Projekten von PREDA aufgenommen und während einer Therapie begleitet. Nach einem erfolgreichen Ende begleitet die Organisation die Kinder bei der Wiedereingliederung in den Alltag und steht ihnen auch darüber hinaus als Ansprechpartner zur Verfügung. Ein weiteres Kerngebiet von PREDA ist die Unterstützung der indigenen Völker. So wird Bauern geholfen, ihren Anspruch auf Landwirtschaftsflächen gegenüber Großgrundbesitzern geltend zu machen. Auch fördern sie den Anbau von fair gehandelten Mangos, die unter anderem hier in Deutschland durch missio vermarktet werden.

(TT/TT)

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