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Frieden: Ein Heilsangebot

Predigt von Bischof Dr. Gerhard Feige zum Neujahrstag

Ein dramatisches 2022 wurde verabschiedet, das neue Jahr 2023 wurde mit vielen Raketen und Böllern begrüßt. In seiner Predigt am Neujahrstag zum Pontifikalamt in der Kathedrale St. Sebastian thematisierte Bischof Dr. Gerhard Feige das Thema Frieden auf Erden: 

„‘Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.‘ Wie oft stimmen wir im Laufe des Jahres mit dem Gloria der Eucharistiefeier diesen Lobgesang der Engel an! Dieser Lobpreis hat es in sich: Er kann die Herzen erheben. Er kann Trost spenden. Er kann aber auch manche Fragen aufwerfen.

Als dieser Ruf – wie Lukas es in seinem Evangelium überliefert – vor etwa 2000 Jahren erklang, da war das Römische Reich eine gut abgesicherte Weltmacht, die sich über den ganzen Mittelmeerraum erstreckte. Viele Völker waren unterworfen, es gab gesicherte Grenzen, und auch die Bürgerkriege hatten ein Ende.

Es war zwar ein problematischer Frieden, der nur mit militärischer Macht und Unterdrückung aufrechterhalten werden konnte, aber die Römer sahen in diesem Zustand den Beginn einer Heilszeit.

Die Pax Romana – der Römische Friede – wurde ausgerufen, und alle Welt blickte auf Kaiser Augustus, den großen Heilsbringer. Seine Herrschaftsdevise lautete ‘Friede auf Erden’ und Vergil und andere verherrlichten ihn als ‘Sohn Gottes und Bringer der goldenen Endzeit’.

Stand dazu der Lobgesang der Engel nicht in einem schroffen Gegensatz? Bedeutete doch ihre Botschaft: Das Heil der Welt kommt letztlich nicht von der Macht der römischen Waffen, sondern von der irdisch-machtlosen Liebe Gottes, die im Kind von Bethlehem erschienen ist. Ein neuer Friede bricht aus, der alle menschlichen Vorstellungsmöglichkeiten übersteigt, der wahre Friede, den nur Gott schaffen kann.

Weil der Mensch – wie es in den ersten Kapiteln des biblischen Buches Genesis so eindrucksvoll geschildert wird – wie Gott sein wollte und seine Freiheit missbraucht hatte, war er in einen friedlosen Zustand geraten, hatte schließlich sogar seinen Bruder umgebracht und durch den Turmbau zu Babel das Chaos noch vorangetrieben. Immer wieder aber hatte Gott den Menschen sein Heil angeboten und ihnen durch Propheten angedeutet, dass die Bedrückung eines Tages enden, der Himmel wieder offenstehen und sein Erlöser Zugang zu ewigem Frieden bringen werde.

Mit der Geburt Jesu Christi sieht Lukas diese alttestamentlichen Verheißungen erfüllt. Dieses Ereignis gereicht Gott zur Ehre und eröffnet den Menschen Anteil an dem von ihm gestifteten Frieden. Dabei gilt Gottes Heilsangebot nicht etwa nur besonders ‘erwählten’ Menschen oder solchen, die ‘guten Willens’ sind, sondern grundsätzlich allen. Entscheidend ist aber im Nachhinein, dass sich Gottes Friede nicht bei allen auswirkt, sondern nur bei denen, die ‘das Wort Gottes hören und es befolgen’. Ein solcher Friede übersteigt unsere Vorstellungen, erschöpft sich nicht in einem Waffenstillstand, einem faulen Kompromiss, einer stimmungsvollen Idylle, einer satten Zufriedenheit oder einer entspannten Totenruhe, sondern meint das Heilsein des Menschen in all seinen Bezügen: versöhnt mit Gott, mit den Menschen, mit seiner Umwelt und mit sich selbst.

Aber wo ist dieser Friede? Ist unsere Wirklichkeit nicht gerade dadurch geprägt, dass immer neue Spannungen aufbrechen, die uns Menschen hin- und herreißen und nicht zur Ruhe kommen lassen? Die Welt, in der wir leben, steht nicht nur unter dem Schrecken von Vernichtungsdrohungen, kriegerischer Auseinandersetzungen und terroristischer Anschläge, sondern auch im Bann zahlreicher anderer Friedlosigkeiten. Die leuchtenden Verheißungen der Weihnachtszeit erhalten so einen seltsam melancholischen Klang. Das ‘Heil der Welt’, wovon sie künden, scheint nirgendwo zu finden zu sein: Der eine Teil der Menschheit hungert, friert und stöhnt, weil die einfachsten Voraussetzungen menschlichen Daseins fehlen. Der andere Teil lebt im Überfluss und kann doch dabei unerträglich leer und einsam werden.

Keine politische Macht konnte bisher beständigen Frieden schaffen. Aber – und das bedrängt uns noch vielmehr – auch das Christentum war offensichtlich nicht imstande, der Welt den Frieden zu geben. Oftmals wurde es vielmehr selbst zum Anlass für Streit und blutige Kämpfe. Ja, heute ist es sogar verbreitet, den Religionen insgesamt vorzuwerfen, sie seien die entscheidenden Urheber von Fanatismus, Intoleranz und gewalttätigen Auseinandersetzungen. In der Tat, es gibt viel Unfrieden, der religiös motiviert und begründet wurde und wird; aber rechtfertigen solche Fehlformen schon derartige Pauschalurteile?

Wie viele Gewalttaten sind seit der Aufklärung und vor allem im letzten Jahrhundert gerade im Namen der menschlichen Vernunft oder unter dem Antrieb unmenschlichen Wahnsinns verübt worden! Kann einem nicht gerade vor solchen Menschen angst und bange werden, die so tun, als seien sie die Herren der Welt, die keinem über sich mehr Rechenschaft zu geben brauchten? Wie sagt doch schon ein Pfarrer in Sartres Stück ‘Der Teufel und der liebe Gott’: ‘Wenn Gott nicht existiert, so gibt es kein Mittel mehr, den Menschen zu entrinnen …’

Könnte der Frieden auf Erden nicht vielleicht doch davon abhängen, dass zunächst Gott die Ehre zu geben sei, wir uns gegenüber ihm verantwortlich fühlen und nicht der Versuchung erliegen, selber Gott spielen zu wollen? Aus Erfahrung wissen wir doch, dass selbsternannte Heilsbringer uns Menschen diese Welt eher zur Hölle als zum Paradies gemacht haben.

Sicher wäre es gut für uns Christen, von dem Angebot göttlichen Friedens nicht zu triumphalistisch, sondern vielmehr bedächtiger zu sprechen. Was wir Christen zu verkünden haben, ist nicht ein riesiger Friedensbaum, der seine Zweige bereits über die ganze Welt ausbreitet. Es ist vielmehr ein junger Spross, ein kleines Blümlein, das – wie wir singen – ‘mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht’ das Licht der Welt erblickt hat. Mit ihm aber hat etwas angefangen, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Ein Licht ist aufgestrahlt, das Hoffnung gibt und zu allen Zeiten Menschen angesteckt hat und noch immer ansteckt, sich im Glauben auf die Botschaft von Gottes Frieden einzulassen. Gibt es nicht doch bei aller Gebrochenheit unseres Daseins genügend lichtvolle Ereignisse und Menschen, die uns den Frieden Gottes wenigstens ein Stück offenbar machen – Lebensbedingungen, die wir als himmlisches Geschenk deuten können? Nein, diese Welt ist nicht nur grau in grau und ohne Hoffnung!

„Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.‘ Mit diesen Worten bekennen wir: Die Herrlichkeit Gottes leuchtet in Jesus Christus auf. In seiner Person ist der Friede Gottes für uns greifbar geworden. Er ist selbst unser Friede (vgl. Eph 2,14-16). Das aber bedeutet, auch seine Lebenshingabe und seinen Tod am Kreuz in den Blick zu nehmen. Gerade hierin zeigt sich das Unterscheidungsmerkmal aller christlichen Versöhnung und Friedensbotschaft.

Gegen alles Schwärmertum, das die Wirklichkeit ignoriert, stellt sich Jesus den Mächten des Bösen und stiftet wirklichen Frieden, indem er das Reich Gottes durch sein Leben bezeugt, gewaltlosen Widerstand gegen das Unrecht leistet und zur Solidarität mit den Schwächeren und Entrechteten bereit ist.

Nicht nur im menschlichen Herzen, auch in den sozialen und gesellschaftlichen, politischen und institutionellen Strukturen unseres Lebens nisten nach wie vor Zwietracht, Überheblichkeit und Hass, Aggressionslust, Zerstörungswut und Gewaltbereitschaft. Um da für einen wahren Frieden einzutreten, genügt wohl kaum nur guter Wille; vielmehr gehören auch Tapferkeit vor dem Bösen, Ausdauer im Leiden und Mut zur Freiheit und Stärke dazu. Versöhnung muss immer wieder durch Anfechtung und Bedrohung hindurch erkämpft und geschützt werden.

Als Christen glauben wir, dass Frieden auf Erden möglich ist, wenn wir Menschen das Geschenk Gottes annehmen und in der Nachfolge Jesu Christi selbst aktive Friedensstifter werden. Lassen wir uns nicht durch Enttäuschungen und Niederlagen entmutigen! Vertrauen wir darauf, dass Gottes Friede schon jetzt unter uns ist und einmal alles umfangen wird.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen zu Beginn des Neuen Jahres, was dem Volk Gottes schon im Alten Bund durch Aaron zugesagt wurde: ‘Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil’ (Num 6, 24-26).

Möge der Friede für uns keine Illusion sein, sondern unser Leben verändern, weil wir unter dem Segen Gottes stehen.

+ Gerhard Feige

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