9. November 1989

Nachtrag von Bischof Dr. Gerhard Feige zum Interview von Domradio Köln zum Mauerfall

1. Wie haben Sie damals auf die Nachricht reagiert?

Es war 10 Tage vor meinem 38. Geburtstag: Noch kurz vorher hatte ich mir so etwas nicht vorstellen können. Es war für mich unfassbar, überwältigend, ein wirkliches Wunder. Diese Wochen sind für mich als die intensivste Zeit meines Lebens in Erinnerung: Jeden Tag passierte etwas anderes, ich habe viel Radio gehört, Zeitung gelesen und ferngesehen. Unter Christen machte Psalm 126 die Runde: „Da waren wir alle wie Träumende, da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel… Da sagte man unter den anderen Völkern: Der Herr hat an ihnen Großes getan.“

2. Welche Erwartungen hatten die Menschen damals und wurden sie erfüllt (auch mit Blick auf die heutige Situation)?

Wir hatten uns nach Freiheit gesehnt und wollten besser leben: Die einen wünschten sich einen menschlicheren Sozialismus und eine bessere DDR mit wirklicher Demokratie und Reisefreiheit. Andere hatten die volle Wiedervereinigung Deutschlands im Blick. Bald aber machte sich die Erfahrung breit: „Die Freiheit ist grauer als der Traum von ihr“, alltäglicher, aufreibender, anstrengender.

Ohne Zweifel bekam das Leben aller eine andere Qualität. Tatsächlich entstanden im Laufe der Zeit „blühende Landschaften“ unvergleichbar mit den runtergekommenen und bedrückenden Zuständen zuvor. Aber nur ein Teil der Bevölkerung gehörte zu den Gewinnern, andere hatten herbe Verluste hinzunehmen. Insgesamt musste man sich und sein Leben in fast allen Bereichen neu sortieren. Manche Biographien zählten auf einmal nicht mehr. Es kam zu zahlreichen Verwerfungen und Brüchen.

3. Haben Sie damals darauf gehofft, dass das kirchliche Leben ohne eine atheistische DDR aufblühen würde?

Dass wir Christen mehr Möglichkeiten bekommen würden, um uns freier zu entfalten, hatte ich gehofft. Und das zeigte sich auch bald. Zugleich standen wir vor neuen Herausforderungen und Aufgaben. Wir konnten oder mussten gewissermaßen aus der Nische der Gesellschaft ins öffentliche Leben. Dass sich aber mehr der Kirche wieder zuwenden oder sich taufen lassen würden, habe ich mir nicht vorstellen können. Dazu war der christliche Glaube bei uns zu gründlich ausgetrieben worden. Viele traten sogar jetzt erst aus, als sie mitbekamen, dass sie von staatlichen Stellen als Christen erfasst waren.

4. Wie weit sehen Sie innere Einheit im Jahr 2017?

Vieles ist tatsächlich zusammengewachsen und schon lange selbstverständlich. Zweifelslos haben wir durch die Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik gewaltig profitiert. In Rumänien ist mir das neulich erst wieder deutlich geworden, wie die Entwicklung möglicherweise verlaufen wäre, wenn wir keine solche Unterstützung gehabt hätten. Und doch ist gerade in der letzten Zeit die Stimmung zwischen Ost und West wieder schlechter geworden. Noch immer sind manche Unterschiede – vor allem bei den Gehältern – zu groß, ist man im Westen schon längst zur Normalität übergegangen und hat kaum noch ein Verständnis für die immer noch bestehenden oder neuen Herausforderungen des Ostens. Manche Ostdeutschen fühlen sich um Lebensjahre betrogen, gekränkt oder nicht ernstgenommen, sind vielleicht auch noch nicht so richtig in der Demokratie angekommen oder inzwischen von ihr enttäuscht. Bezeichnend dafür ist ein Satz der von einigen schon kurze Zeit nach der Wiedervereinigung zu hören war: „Wir hatten auf Gerechtigkeit gehofft, und es kam der Rechtsstaat.“ Wie jüngst eine Studie auch herausgefunden hat, sollen zwei Drittel der Führungspositionen im Osten durch Westdeutsche besetzt sein. Im Blick darauf hat jemand sogar von „kulturellem Kolonialismus“ geredet.

5. Die deutsche Wiedervereinigung hat so verheißungsvoll begonnen, jetzt angesichts der AfD-Erfolge wird wieder viel über Ostdeutsche negativ gesprochen - wie kann man das überwinden?

Wie über uns gesprochen wird, können wir nur zum Teil beeinflussen. Dazu gehört zum Beispiel entschieden darauf hinzuweisen, dass die AfD ein gesamtdeutsches Phänomen ist und nicht nur im Osten für Unruhe sorgt. Entscheidende Spitzenfunktionäre dieser Partei sind zudem westdeutscher und nicht ostdeutscher Herkunft. Andererseits spielt dabei eine wichtige Rolle, dass die Lebensverhältnisse sich möglichst bald noch mehr angleichen und nicht wieder auseinanderdriften. Wir brauchen gerechtere Lösungen. Grundsätzlich gehört auch dazu, sich weiterhin wirklich füreinander zu interessieren und miteinander im Gespräch zu bleiben. Immer wieder aufkommende Klischees und banale Sprüche helfen da nicht weiter.

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