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Heilig und katholisch

Ölweihmesse in der Kathedrale St. Sebastian

In der Chrisam-Messe wurden in der Kathedrale St. Sebastian in Magdeburg die Heiligen Öle geweiht. Bei dem Gottesdienst segnete und weihte der Bischof die Öle, mit denen im Laufe des Jahres Neugetaufte, Firmlinge und Kranke gesalbt werden. Normalerweise werden Chrisam, Katechumenen- und Krankenöl in der Karwoche geweiht, Pandemiebedingt musste der Gottesdienst jedoch verlegt werden. Zahlreiche Priester, Diakone und Gemeindemitglieder aus dem ganzen Bistum waren angereist, um im Anschluss an den Gottesdienst die Heiligen Öle mit in ihre Pfarreien zu nehmen.

Auch mit Blick auf die bevorstehenden Firmungen begann Bischof Dr. Gerhard Feige seine Predigt mit einer Frage, die jedem Kandidaten und jeder Kandidatin gestellt wird: „Glaubt Ihr an … die heilige katholische Kirche …? Schon seit einiger Zeit scheue ich mich, diese Worte kommentarlos zu gebrauchen. Vielmehr versuche ich, damit keine Missverständnisse aufkommen, vorher zu erläutern, was mit „heiliger katholischer Kirche“ gemeint ist und was nicht. Kann man angesichts des sexuellen und geistlichen Missbrauchs, der ans Licht gekommen ist, überhaupt noch von der Heiligkeit der Kirche sprechen?“

Frühere Generationen hätten sich damit leichter getan. Für die katholische Jugendbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand die Heiligkeit, ja sogar die Herrlichkeit der Kirche im Vordergrund. Das Wort aus dem Epheserbriet (5,25 f) habe ihnen keine Schwierigkeiten bereitet, es mit der gegenwärtig erfahrbaren Kirche in Verbindung zu bringen: ‚Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos‘.“

Zweifellos sei eine solche Sicht der Kirche längst in den Hintergrund getreten. „Stattdessen gibt es  schon seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein viel stärkeres Bewusstsein dafür, dass die Kirche auch menschlich und damit sündig ist. „Sie ist“ – heißt es in der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ (LG 8) – „zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig.“ Man könnte sie auch als göttlich-menschliches „Mischwesen“ bezeichnen, als „ekklesia“, das heißt eine Gemeinschaft von Herausgerufenen und Auserwählten, und zugleich als „kyriaké“, das heißt dem Kyrios, dem Herrn Jesus Christus angehörend. Sie ist das große Geheimnis und Sakrament, das die innigste Vereinigung mit Gott und den Menschen untereinander anzeigen und bewirken soll. Das Lebensprinzip, das sie stets erneuert und in der Wahrheit hält, ist der Heilige Geist. Das ist es dann auch, was Heiligkeit der Kirche meint: nicht ethische Vollkommenheit, sondern unlösbare Zugehörigkeit zu Gott.“

Wie die Sonne – so zitiert der Bischof Albert Görres – sei die Kirche für alle da: Für Gerechte und Ungerechte, Sympathen und Unsympathen, Dumme und Gescheite; für Sentimentale ebenso wie Unterkühlte, für Neurotiker, Psychopathen, Sonderlinge, […], für Feiglinge und Helden, Großherzige und Kleinliche. […] Auch für kopf- und herzlose Bürokraten, für Fanatiker und auch für eine Minderheit von gesunden, ausgeglichenen, reifen, seelisch und geistig Begabten, liebesfähigen Naturen. Die lange Liste sei nötig, um klarzumachen, was man eigentlich von einer Kirche, die aus allen Menschensorten ohne Ansehen der Person, von den Gassen und Zäunen wie wahllos zusammengerufen ist und deren Führungspersonal aus diesem bunten Vorrat stammt, erwarten kann – wenn nicht ständig Wunder der Verzauberung stattfinden, die uns niemand versprochen hat. Heilige, Erleuchtete und Leuchtende sind uns versprochen. Wer sie sucht, kann sie finden.  Daraus aber folgt, so der Bischof: „Jede und jeder kann somit das Antlitz der Kirche verdunkeln, jede und jeder kann aber auch ihr Leuchten verstärken.“

„Und dann ist in der Frage nach dem Glauben und im Bekenntnis dazu auch noch von der „katholischen“ Kirche die Rede. Hierbei habe ich manchmal den Eindruck, an dieser Stelle ein leises Zögern zu hören. Dahinter steht vermutlich die Sorge, Gläubige anderer Konfessionen auszugrenzen. In der Tat sprechen evangelische Christinnen und Christen an dieser Stelle seit Martin Luther in der Regel von der „christlichen“ oder auch „allgemeinen“ Kirche. Das hängt damit zusammen, dass das Wort „katholisch“ sich infolge der Reformation und weiterer zwischenkirchlicher Auseinandersetzungen zu einem konfessionalistischen Abgrenzungs- und Kampfbegriff entwickelt hatte. Doch mit „katholisch“ ist nicht ausschließlich unsere konkrete römisch-katholische Kirche gemeint, sondern der Glaubenskonsens, der sowohl die Zeiten übergreift und auf den Ursprung zurückweist als auch die Gegenwart weltweit verbindet. „Katholisch“ ist damit ein Synonym für universal und integral“, so der Bischof.

Diese Fülle allen Menschen zukommen zu lassen, das sei, so Feige, der Auftrag der Kirche. „Die heiligen Öle sind sichtbare Zeichen dafür, dass sich Jesus Christus in das Innerste eines jeden Menschen einschreiben will. Sein Geist will beleben und ermutigen. Seine lebensspendende Kraft kennt keine Grenzen, sondern will überall dorthin fließen, wo sie gebraucht wird.“

Bieten wir auf diese Weise dem Geist Jesu Christi die Möglichkeit, sich unserer zu bedienen, um den Armen eine gute Nachricht zu bringen, den Gefangenen Entlassung zu verkünden, den Blinden das Augenlicht, die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen“ (vgl. Lk 4, 18f.).

Das sei die wesentliche Sendung der Kirche. „Das macht ihre Heiligkeit und ihre Katholizität letztlich aus. Das macht auch unsere Identität als Christen aus, die Identität aller Getauften. Das verankert auch diejenigen, die ausdrücklich zu Seelsorgern und Seelsorgerinnen berufen sind, in Jesus Christus. Mögen viele durch unseren Dienst an der Verkündigung und an den Sakramenten, durch unsere Worte und Werke, ja durch unser ganzes Dasein etwas von der Fülle erfahren, die durch Jesus Christus in die Welt gekommen ist.“

Predigt zum Download

(sus; Foto: Sperling)

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