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Mut zur Veränderung

Predigt zum Patronatsfest „Albertus Magnus“ der katholischen Fakultät der Universität Erfurt

Bischof Dr. Gerhard Feige hat Christinnen und Christen zum Mut zu Veränderungen aufgerufen. Gott sei „immer auch ein Gott der Zukunft. Das kann jedoch nur begreifen, wer bereit ist, sich vom Alten zu lösen“, sagte Feige in seiner Predigt zum Patronatsfest „Albertus Magnus“ der katholischen Fakultät der Universität Erfurt. Gott brauche „Menschen, die ihren Blick nach vorn richten und für seine Überraschungen offen sind.“

Meistens seien die Vorstellungen von Kirche heute, „wesentlich durch Erlebnisse aus der Vergangenheit bestimmt, aus Zeiten, in denen für viele die Welt angeblich noch einigermaßen heil und die Kirche sozusagen „noch im Dorf“ war. Die Gläubigen scharten sich um ihren Pfarrer und der Pfarrer seinerseits „versorgte“ die ihm anvertraute Gemeinde. Kirche bot Heimat und Geborgenheit.“

Grundsätzlich sei das durchaus nicht verwerflich. „Problematisch finde ich es aber, wenn das Erscheinungsbild der Kirche von gestern auch zum Maßstab für heute gemacht wird. Manche kämpfen sogar richtig darum, dass möglichst alles wieder so wird, wie es einmal war. Restauration ist ihr Ziel, die Wiedererrichtung oder Wiederbelebung alter Verhältnisse, die Rückkehr in die Vergangenheit.“

Auf keinen Fall sei das, „was vom Zeitgeist vergangener Jahrhunderte geprägt wurde, von vornherein besser als das, wozu uns heutige Erfordernisse und Möglichkeiten führen könnten“, betonte Feige weiter. Es gehe nicht darum, „die Asche zu hüten, sondern die Flamme am Brennen zu halten. Dazu genügt es nicht, Begriffe einfach nur zu wiederholen oder Riten fehlerfrei nachzuvollziehen. Notwendig ist vielmehr, den Glauben immer wieder zu übersetzen und verständlich zu machen“, forderte der Bischof.

„Seht her“ – so hören wir Gott in Jes 43,16-21 sprechen – „nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“  Nicht wir seien die eigentlichen Akteure. „Gott ist es, der handelt, er legt – wie es heißt – „einen Weg durch die Steppe an und Straßen durch die Wüste“, er lässt auch dort „Wasser fließen und Ströme“, um sein „erwähltes Volk zu tränken“. Gott, der Schöpfer und Erlöser ist immer auch ein Gott der Zukunft. Das kann jedoch nur begreifen, wer bereit ist, sich vom Alten zu lösen. Wer Gott das Neue nicht zutraut, wird auch nicht den Mut finden, den Weg durch die Wüste anzutreten oder weiterzugehen. Gott aber braucht Menschen, die Ihren Blick nach vorn richten und für seine Überraschungen offen sind“, so Feige.

Wie es gelingen könne, Altes zu bewahren und gleichzeitig vertrauensvoll und mutig die Zukunft mitzugestalten, „dazu eröffnet uns die heutige Perikope aus dem Matthäusevangelium eine Perspektive. Als Jüngerinnen und Jünger des Himmelreiches, die aus der Beziehung mit Gott leben, müsste uns das möglich sein. In diesem Sinn war auch Albertus Magnus, der große Denker des Mittelalters und Patron unserer Fakultät, ein Jünger des Himmelreiches. Als Mitglied des Dominikanerordens richtete er sein Leben an Gebet und Studium aus. Er teilte die tiefgreifende Kritik vieler Menschen seiner Zeit an der Kirche des hohen Mittelalters  und ließ sich anstecken von der Sehnsucht nach einer Kirche der apostolischen Einfachheit und Armut. Und er suchte nach einer Weiterentwicklung der Theologie. Darin – so meine ich – kann er uns gerade in der aktuellen Situation inspirieren. Sein großes Interesse sowie sein Verständnis für die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und der Philosophie gaben ihm die Fähigkeit, Neues zu wagen und neue Wege des Denkens zu öffnen. Beschenkt mit der Gabe, das Wissen seiner Zeit und den Glauben in Einklang zu bringen, verkörperte er eine Weite des Geistes, die man als wahrhaft katholisch bezeichnen kann.“

„Kirche ist nicht von gestern, sondern hat eine Zukunft, weil Gott mit uns im Bunde bleibt. Trauern wir nicht der Vergangenheit nach! Lassen wir uns vor allem nicht von ihr lähmen! Schauen wir eher nach dem aus, was Gott uns schon an Neuem bereitet hat! Und bemühen wir uns, den kostbaren Schatz des Glaubens immer wieder so auszulegen und zu vermitteln, dass möglichst viele Menschen erkennen, woraus sie leben können und worauf sie hoffen dürfen. Dazu hat uns Gott schließlich berufen und beauftragt, nicht um ein Museum zu hüten, sondern um dem Leben zu dienen und Zeugen der Erlösung zu sein, zu erfreuen, zu heilen, zu befreien und zu trösten. Mögen wir dabei nicht die Hoffnung verlieren!“

Der Erfurter Philosoph Prof. Dr. Holger Zaborowski erklärte, „eine hoffnungsvolle Kirche müsste neue Wege finden, Kirche in der Welt von heute zu sein“. Dafür sei „der Exodus aus der Sicherheit der Kirchengebäude und kirchlichen Blasen und Ghettos heraus in die Welt“ nötig. Dies bedeute anzuerkennen, „dass der Andere nicht nur am Rande steht, sondern in einem eigenen Zentrum, dass er nicht nur unserer Hilfe bedarf, sondern uns helfen kann, dass er nicht nur Ohren zum Hören hat, sondern auch einen Mund, mit dem er uns ansprechen kann“, betonte Zaborowski.

Der Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, Prof. Dr. Jörg Seiler, forderte von Gesellschaft und Kirche mehr Einsatz gegen „fremdenfeindliches, antisemitisches, antiislamisches, homophobes und geschlechtsidentitätsfeindliches Sprechen“, das oft unter dem „Deckmantel“ der freien Meinungsäußerung stattfinde. Dies sei „immer ein öffentliches Gift, ein Angriff auf die Würde und - wie ich als Christ von der Ebenbildlichkeit des Menschen her meine - auch ein Angriff auf Gott“, sagte Seiler.

 (sus, kna; Fotos: Feige, pbm)

Predigt von Bischof Dr. Gerhard Feige zum Download

 

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