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Umgeben von Heiligen

Neues Altarbild von Maler Michael Triegel bei ökumenischer Vesper im Naumburger Dom eingeweiht

Mit einem Festakt wurde das neue Marienbild in dem evangelischen Dom zu Naumburg feierlich eingeweiht. Der Maler Michael Triegel hat mit seinem Altarbild ein Zeichen gesetzt und den seit Jahrhunderten unvollständigen Cranach um den Mittelteil ergänzt. „Mehr als fünf Jahrhunderte war der Altar im Westchor leer – die Stifterfiguren blickten auf den leeren Tisch aus Stein statt auf Maria, die Mutter des Herrn“, begrüßte Regionalbischof Johann Schneider die anwesenden Gäste. „Der von Lucas Cranach geschaffene Altar der Mutter unseres Herrn Jesus war 1541 teilweise zerstört worden. Die Naumburger Gesellen hatten im Auftrag der Bürgerschaft und mit Billigung von Kurfürst Johann Friedrich I. mit Äxten und Beilen die Domtüren aufgebrochen und Teile des Altars zerstört.“ Dabei ging es um mehr, als nur den Widerstand des Domkapitels gewaltsam zu brechen um der evangelischen Predigt und dem Abendmahl in beiderlei Gestalt mehr Raum zu geben: Es ging um die Macht in und über die Kirche. „Gott sei Dank leben und glauben wir heute versöhnt“, so Schneider.

Bischof Dr. Gerhard Feige nahm gern an den Feierlichkeiten teil. „Fast 500 Jahre später erfolgt nun die Wiedergutmachung, ein ökumenisch höchst bedeutsames Zeichen. Der Altar ist zurückgekehrt: in seinem Mittelteil mit Maria umgeben von Heiligen durch den katholischen Maler der Leipziger Schule Michael Triegel neugestaltet und durch die von Lucas Cranach d.Ä. geschaffenen und im Museum erhalten gebliebenen Seitenflügel ergänzt. Dass die Einweihung durch einen evangelischen und einen katholischen Bischof erfolgen sollte, war den Domstiftern ein Herzensanliegen. Und ich bin sehr dankbar dafür, so selbstverständlich daran beteiligt worden zu sein.“

Wenn der Maler Michael Triegel das neue Altarbild im Naumburger Dom anschaut, wird er unwillkürlich an Zuhause erinnert. Ganz bewusst habe er seine Tochter in der Maria porträtiert. „Wenn ich den Inbegriff der Liebe malen muss, liegt es doch nahe, das zu malen, was ich am meisten liebe“, sagt der 53-jährige.

Triegels Darstellung der Madonna mit Kind inmitten von Heiligen - eine sogenannte Sacra conversazione - ergänzt nach mehr als 500 Jahren den ursprünglich dreiflügeligen Altaraufsatz von Lucas Cranach dem Älteren von 1519. Ihm sei es mit dem Bild darum gegangen, „eine Brücke über den Abgrund der Zeit zu schlagen“, sagt der in Erfurt geborene Triegel bei der Vorstellung des Gemäldes in Naumburg. Er fühle sich dem Dom „seit der Kindheit verbunden“.

Der von Triegel seit 2020 neu gestaltete, großformatige Mittelteil zeigt Maria und Jesuskind umgeben von kirchlichen Heiligen wie etwa Peter und Paul oder Elisabeth von Thüringen, die aber als zeitgenössische Menschen dargestellt sind. Zudem ist der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer zu sehen, der von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, sowie Menschen ohne konkretes historisches Vorbild. Auf der Rückseite der Mitteltafel ist der auferstandene Jesus zu sehen.

Er habe ein Bild malen wollen, „das von Gemeinschaft kündet und das Verbindende im Blick hat“, sagt Triegel. Bewusst habe er deshalb Männer und Frauen, Kinder und Alte porträtiert und auch Menschen verschiedener Hautfarben und Religionen. Paul sei etwa einem Rabbi nachempfunden, den er an der Klagemauer in Jerusalem gesehen habe.

Der Apostel Petrus, den er mit roter Schirmkappe und Schlüssel malt, einem Obdachlosen, den er am Eingang einer Kirche in Rom getroffen habe. Für das Jesuskind sei ein zwei Wochen alter Säugling aus seinem Bekanntenkreis Vorbild gewesen „in all seiner Verletzlichkeit“.

Der Betrachter solle das Gefühl haben, dass „das reale Menschen sind“, so der Maler. Er versuche, das „Unglaubhafte durch Präsenz glaubhaft“ zu machen, erklärt Triegel, der 2014 in die katholische Kirche eintrat und mit seinem Porträt von Papst Benedikt XVI. international bekannt wurde.

Zudem gehe es für ihn auch um eine „ökumenische Idee“. Einen Wunsch, den offenbar auch Kurienkardinal Kurt Koch teilt: Der erneuerte Naumburger Marienaltar könne „zum Sinnbild erneuerter kirchlicher Einheit“ werden, heißt es in dem zum Kunstwerk erschienenen Katalog.

Bei der ökumenischen Vesper sprach Bischof Feige in seiner Meditation von den Heiligen: „Heilige sind nicht unbedingt nur strahlende Personen, sondern auch gebrochene, schwache, suchende und ringende Menschen ohne großes Format. Sie hat Gott erwählt, um die Starken unter uns zu beschämen. Sie sind Menschen, die durch ihr Leben und Wirken übliche Maßstäbe in Frage stellen. 

Heilige sind so wie Leuchten am Himmel, die uns Mut und Zuversicht geben können. Sie bezeugen uns, dass die Welt nicht so dunkel ist, wie es auch gerade im Moment wieder einmal scheinen mag. Sie können uns vor allem dazu ermutigen, sich selbst von Gott beschenken zu lassen. Denn wer meint, er habe vor Gott nichts vorzuweisen, braucht nicht zu verzweifeln. Im Gegenteil: Gerade solche Menschen hat der Herr seliggepriesen. 

Treffend bringt ein Gedicht von Andreas Knapp diese Gedanken ins Wort:

die wahren heiligen
leuchten unscheinbar
suchen nicht
den falschen schein
durch sie scheint
jedes Licht
unwahrscheinlich
schön“.

Dennoch sind nicht alle begeistert von dem großformatigen Kunstwerk im Westchor: Denkmalschutzbehörden hatten bemängelt, dass die Aufstellung des dreiflügeligen Altarbildes den Welterbestatus des Naumburger Doms gefährden könnte - dadurch seien nicht mehr alle Stifterfiguren aus dem 13. Jahrhundert beim Eintritt in den Westchor für den Besucher auf einen Schlag sichtbar.

Da das Bild jedoch vollständig umgangen werden kann, erleidet der Besucher nach Auffassung der Vereinigten Domstifter keinen Seh- oder Informationsverlust. Alle Bestandteile der Architektur des Westchores könnten wie zuvor wahrgenommen werden. „Uta guckt nicht mehr versonnen ins Leere, sondern auf einen Altar“, bekräftigt die Dechantin der Vereinigten Domstifter, Karin von Welck, in Anspielung auf die berühmteste Figur, Uta von Naumburg. Das Altarbild verbleibe dennoch zunächst nur bis Dezember im Westchor des Domes: Die denkmalschutzrechtlichen Fragen seien zu klären.

(kna, sus; Foto: Sperling)

 

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