Bistumskarte

Gott spricht sein Ja zum konkreten Menschen, hier und heute

Bischof Leo Nowak
Weihnachten 2000

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste, liebe Mitmenschen,

in vielen Ländern der Welt wird Weihnachten gefeiert. Christen und Nichtchristen feiern dieses Fest. Fröhliche Weihnachten rufen wir einander zu und Merry Christmas, Joyeux Noel, Swiat Bozego Narodzenia. In fast allen Sprachen der Welt wünscht der Papst auf dem Petersplatz in Rom den Völkern Friede auf Erden!

Die Geschichte vom neugeborenen Kind in Betlehem ist eine schöne Geschichte, sie geht zu Herzen. Und sie ist eine revolutionäre Geschichte, die auch in diesem Jahr wieder zu Weihnachten überall auf der Welt in den Kirchen verkündet wird und die Menschen anrührt und verändert. Eine Revolution der Liebe und Menschlichkeit hat diese Geschichte entfacht. Diese Geschichte hat viel Gutes bewirkt. Sie mahnt unaufhörlich zum Frieden. Sie stärkt die Bereitschaft zu Vergebung und Versöhnung. Sie ermutigt zu Güte und Barmherzigkeit. Dies alles genügt eigentlich schon.

Viele fragen aber nach der geschichtlichen Wahrheit dieser Niederschrift. Hat Maria Jesus wirklich als Jungfrau geboren? Sind tatsächlich am Himmel Engel erschienen und haben sie wirklich das Lied von der Ehre Gottes und vom Frieden der Menschen gesungen? Solche Fragen sind berechtigt und durchaus verständlich. Wir Menschen von heute denken naturwissenschaftlich. Wahr ist für uns nur, was als historische Tatsache nachgewiesen werden kann.

Die Weihnachtsgeschichte der Bibel spricht jedoch eine andere Sprache: Die Wahrheit wird in Bildern ausgedrückt. Damit will sie uns eine Wahrheit erschließen, die unseren Augen verborgen ist: Seit Weihnachten ist alles anders; Himmel und Erde sind in Bewegung geraten. Engel und Menschen, der ganze Kosmos stimmen ein in den unbeschreiblichen Jubelruf: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren. Er ist Christus der Herr! - Das ist die Wahrheit! Schon zwei Jahrtausende hindurch wird diese Wahrheit verkündet, und sie wird weiter verkündet werden, solange Menschen auf Erden leben. Dessen bin ich gewiss!

Und eins ist auch gewiss: Mit diesem Evangelium ergeht die Einladung an uns: Lasst uns nach Betlehem gehen und sehen, was dort geschehen ist.

Ja, was ist geschehen? Und was bedeutet das für uns? Zunächst einmal: Weihnachten ist ein Fest, für viele das wichtigste Fest im ganzen Jahr. Ein Fest feiern bedeutet Ja-Sagen zum Leben. Weihnachten heißt, Gott sagt Ja zum Leben. Deshalb wird Jesus geboren. Zu diesem Fest des Lebens sind wir eingeladen. - Das ist die Botschaft von Weihnachten: In der Geburt Jesu hat Gott sein unwiderrufliches Ja zum Leben gesprochen. Und das muss gefeiert werden: das Leben bejahen, daran festhalten und sich darüber freuen und das Leben als Geschenk verstehen.

Deshalb freue dich über dein Leben, lieber Mitmensch. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass es dich gibt. Du empfindest Freude und Leid. Du kannst lieben und wirst hoffentlich auch selbst geliebt. Lass deshalb allen Mißmut fahren! Lass es dir wenigstens heute zu Weihnachten sagen: Es ist gut, dass es dich gibt. Dich gibt es nur einmal auf der Welt. Du bist erwünscht, auch wenn du alt und grau bist, egal ob gesund oder krank. Du bist anerkannt, auch wenn du dich schuldig fühlst. Gott will dir nahe sein in diesem Kind, ob du allein lebst oder getrennt bist von anderen, ob du Arbeit hast oder nicht, ob du Mann bist oder Frau, alt oder jung, schwarz oder weiß, gläubig oder ungläubig.

Gottes Liebe ist grenzenlos. Sie ist stark und voller Kraft, mutig und immer jung. Wenigstens zu Weihnachten sollten wir es einmal zugeben, dass wir solche Liebe nötig haben. Das ist das Geheimnis von Weihnachten, das Geheimnis des Lebens überhaupt: Gott will mit uns gehen.

Und mehr noch: Wir spüren, weil Gott ein Gott des Lebens ist, deshalb darf der Mensch über das Leben nicht eigenmächtig verfügen. Nicht der Mensch, sondern Gott ist der Herr über Leben und Tod! Darauf sollen wir uns zu Weihnachten besinnen und uns zu Herzen nehmen, dass uns das Leben geschenkt ist. Und Weihnachten macht uns dann vielleicht auch klar, dass es uns auf dieser Welt oftmals deswegen nicht so gut geht, weil wir Gefahr laufen, diesen guten Gott aus den Augen zu verlieren. Zu Weihnachten sollten wir uns sagen lassen, dass der Mensch auf der Strecke bleibt, wenn er meint, ohne Glauben auskommen zu können.

Wenn ich diese alte Geschichte wieder neu höre, diese Geschichte von der Menschwerdung des Menschen, die unmittelbar mit Gott zu tun hat, dann wird mir wieder klar , worauf es ankommt in meinem Leben. Lasst uns also Freunde des Lebens sein, liebe Schwestern und Brüder! Lasst uns Weihnachten als Fest feiern, mit Pauken und Trompeten, mit Liedern und Gesängen, fröhlich wie die Kinder, die sich ihres Lebens freuen.

Ein weiterer Gedanke aber schließt sich an: Ein Fest kann ich nicht allein feiern.

Andere Menschen gehören dazu: Angehörige, Verwandte, Freunde, Nachbarn. Und da wir sie nicht alle um uns versammeln können, deshalb werden zu keinem anderen Tag so viele Karten geschrieben, Telefonate geführt und Besuche gemacht. Wir beschenken einander und wollen unsere Zusammengehörigkeit zum Ausdruck bringen. Wir gedenken der Lebenden und der Toten. Wir beten miteinander. Weihnachten führt Menschen zusammen. Wir machen die tiefe Erfahrung, dass zu unserem Menschsein Gemeinschaft gehört, Freundschaft, Solidarität. Auch das erzählt uns die Weihnachtsgeschichte: Deshalb eilen sie alle herbei, da Jesus geboren ist, die Hirten vom Feld, die Engel vom Himmel und die Weisen aus dem Morgenland. Sie bestaunen das Wunder des Lebens, das in diesem Kind verborgen ist.

Und Gott selbst will, dass dieses Leben gelingt. Die Bibel erzählt immer wieder von dieser Liebe Gottes zum Leben , die Weihnachtsgeschichte beschreibt es in ihren Bildern. Menschen sind füreinander bestimmt. Sie sollen sich die offenen Hände reichen und nicht die geballte Faust zeigen. Sie sollen einander gute Worte sagen und nicht Worte des Hasses oder ideologische Parolen. Sie sollen Frieden schließen und der Gewalt eine Absage erteilen. Versöhnung und Liebe sollen unser Leben bestimmen. Diese Sehnsucht der Menschen bricht sich Weihnachten Bahn in die Wirklichkeit. Seit dem Geschehen im Stall ist alles anders. In Betlehem an der Krippe treffen sich alle und bringen in Erfahrung, dass in Jesus, dem Christus, der Schlüssel zum Leben liegt. Das ist der Sinn der Geschenke und des "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade..." (Lk 2,14). Dieser Jesus, dieses hilflose Kind ist die Mensch gewordene und berechtigte Hoffnung, dass es mit uns Menschen und dieser ganzen Welt letzten Endes gut ausgeht. Das ist unser Glaube, den wir heute feiern wollen.

"Mag ja alles sein", wird mancher denken. "Aber mein Leben ist hart und brutal. Es hat mir arg mitgespielt. Ich bin krank, ich bin einsam und verlassen. So vieles ist schief gegangen." - Keinem kann ich solche Erfahrungen ausreden. Aber gerade deswegen ist ja diese Botschaft von Weihnachten die gute Nachricht. Gott spricht sein Ja auch zum konkreten Menschen, hier und heute. Die Geschichte geht ja weiter. Von diesem Jesus wird ja nicht erzählt, wie schön und harmonisch sein Leben verlaufen ist. Da ist ein König Herodes, der ihm das Leben nicht gönnt, da sind dunkle Mächte, die ihn selbst versuchen werden. Da sind seine Freunde, die an ihm fast irre werden und da ist jene Menge, die ihn bejubelt, belacht, schließlich verspottet und "zum Tode am Kreuz" brüllt. Verraten und im Stich gelassen verreckt dieser Jesus aus Nazareth wie ein Verbrecher. Kein anderer hat je mit seinem Leben eine so tiefe Solidarität mit dem zerschlagenen und enttäuschten Menschenleben gelebt wie er.

Doch die Geschichte dieses Kindes endet immer noch nicht: Gott besiegt in ihm die Macht des Todes, auch das glauben und feiern wir heute. Christlicher Glaube ist somit ein Glaube, der die Welt bejaht, obwohl sie oftmals im Argen liegt. Wer sich auf dieses Kind in der Krippe einlässt, begnügt sich weder mit der Vorstellung, diese Welt mit all ihrem Geld könne einem alles bieten, noch stimmt er ein in einen endlosen Klageruf, dass diese geschundene Welt hoffnungslos verloren sei. Christen denken reell, sie beziehen Gott mit in ihr Leben ein.

Weihnachten ist ein altes Fest und doch brennend aktuell. Es muss immer wieder neu gefeiert werden, damit die eigentliche Botschaft hinter allem Glimmer und Geschenketrubel deutlich wird: Der Mensch findet zum Sinn des Lebens, wenn er die Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen sucht.

In diesem Kind in der Krippe schaut Gott selbst uns an. Er fragt in unsere Welt hinein, ob wir dieser Botschaft nicht doch glauben wollen, dass nämlich die Welt nur erlöst werden kann durch eine immer noch größere Liebe. Eine Liebe, die stärker ist als alle Bosheit und Schlechtigkeit unserer Tage und dass Leben Liebe bedeutet und Liebe Leben. Aus ganzem Herzen wünsche ich Ihnen deshalb: Merry Christmas, fröhliche, segensreiche und friedvolle Weihnachten.

Leo Nowak

link

Themen und Partnerportale