Bistumskarte

Pastoraltag: "Kirche ist Mysterium, Communio und Missio"

Die Predigt von Bischof Leo Nowak zum Pastoraltag am 11. Oktober 2000
Liebe Schwestern und Brüder, Wir sind als Frauen und Männer der Kirche zusam-mengekommen. Deshalb wollen wir uns ein wenig Zeit nehmen, um auf unsere Kirche zu schauen. Wir wollen sie anschauen, liebevoll, aber auch kritisch. Die Kirche steht uns aber nicht nur gegenüber. Die Kirche sind wir auch selbst. Deshalb schauen wir dabei auch auf uns, hoffentlich ebenfalls kritisch, aber eben auch liebevoll. Drei Worte können uns helfen, unser Verständnis von Kirche zu vertiefen.
1. Kirche ist Mysterium
Manch einer verwechselt Mysterium mit mysteriös. Letzteres aber ist nicht gemeint. Ge-meint ist vielmehr die mystische Seite der Kirche. In einem Gespräch wurde mir unlängst vorgehalten: Immer dann, wenn ihr in der Kirche nicht mehr weiter wisst, wenn eure Ar-gumente nicht mehr greifen, dann sagt ihr, dass die Kirche ein Mysterium sei. Alles Unan-genehme und Unbequeme würde damit entschuldigt und beklagenswerte Zustände würden schön geredet. Und alles müsse man nur richtig verstehen, denn Kirche sei eben ein Myste-rium. Solche Erklärungsversuche sind natürlich eher kontraproduktiv, weil dadurch das Wort Mysterium missbraucht wird.
Die Kirche besteht aus konkreten und sündigen Menschen. Wir alle tragen dazu bei, dass das Antlitz Christi in der Kirche verdunkelt wird. Was daran zu ändern ist, das muss geän-dert werden. Deshalb muss es Korrektur und Kritik in der Kirche geben. Das Wort von der "ecclesia semper reformanda" gilt auch heute und auch bei uns. Dieses Wort gilt für die gesamte katholische Kirche, aber auch für unser Miteinander. Keiner weiß alles, keiner kann alles und keiner kann für sich allein Kirche sein. Das gilt auch für unser Verhältnis zu unseren evangelischen Brüdern und Schwestern. Ein überzogenes Selbstbewusstsein ist schädlich für jeden Dialog, was nicht heißen kann, dass wir unsere katholische Identität verleugnen oder gar aufgeben.
Wir verkürzen aber unser eigenes Kirchenverständnis, wenn wir bei diesen oft so anstößi-gen Menschlichkeiten stehen bleiben und die Kirche nur mit unseren menschlichen Augen anschauen. Die Kirche ist eben auch das Mysterium Christi, weil sie einzig und allein durch die Liebe Christi existiert. Sie ist aus der Seitenwunde des Herrn hervorgegangen, weil das Blut, das da vergossen wurde für die vielen zum Zeichen der bleibenden Liebe Gottes zu uns geworden ist. Diese Liebe Gottes zu uns ist wiederum ein großes Geheimnis, weil Gott selbst die Liebe ist, die alles Begreifen übersteigt. Die Kirche ist ein Mysterium, weil sie ähnlich wie Christus selbst ganz göttlich ist und ganz menschlich zugleich, mitten in unserer Welt und deshalb angereichert mit sehr viel Menschlichkeit und sündhaftem Versagen und doch hinein ragend in den Himmel, umgeben von den Chören der Engel und getragen vom Gebet der Heiligen. Ein wirkliches Sakrament, ein Zeichen des Heiles, nicht das Heil selbst, aber doch angefüllt mit Leben und Gnade. Eine menschliche Organisation mit oft lästigen kirchenamtlichen Strukturen, gleichzeitig aber Gottes Instrument seiner fortwährenden Anwesenheit in unserer Welt. Offenbar und verborgen ist Gott in unserer Welt und in uns selbst gegenwärtig. So ist es auch mit dem Mysterium Christi und der Kirche.
Dieses gilt auch von unserer Ortskirche. Dieses gilt auch von unseren konkreten Gemein-den, mögen sie noch so klein und armselig sein. Dieses gilt von jedem Gläubigen, ob Mann oder Frau, ob alt oder jung. Sie alle sind unsere Brüder und Schwestern. Vor diesem My-sterium Kirche sollten wir die Haltung der Ehrfurcht einnehmen und gebührenden Respekt haben. Wird dieses Mysterium vernachlässigt oder lächerlich gemacht, wird die Kirche zu einer Art Trachtenverein, in dem zwar einige alte Traditionen gepflegt werden, der aber aufs Ganze gesehen mit Jesus Christus und seinem lebensspendenden Geist kaum etwas gemeinsam hat.
Denken wir aber auch daran, dass unsere Welt und unser eigenes Leben sich immer auch als ein bleibendes Mysterium darstellen, wenn wir die Frage stellen nach dem Woher und Wohin, nach dem Warum und Wozu. Sprechen wir davon, dass jeder Mensch ein Geheim-nis bleibt, ein Mysterium, nur Weniges verstehend, immer fragend und suchend. Machen wir deutlich, dass wir unser Dasein führen immer in Abhängigkeit von anderen und letztlich von dem ganz anderen. Deshalb ist das Bedenken von Mysterium ein so entscheidender Beitrag zur Menschlichkeit. Selbstherrlichkeit, Arroganz und Intoleranz geben den Ton an, wenn wir das Geheimnis des Lebens ignorieren oder leugnen. Auch deshalb lasst uns unverdrossen verkünden das Mysterium fidei, das Geheimnis des Glaubens, und um Gottes und der Menschen willen ehrfürchtig umgehen mit dem Mysterium Kirche.
Reden wir deshalb nicht über Kirche einfach so daher, so überheblich und mit beißender Kritik, sondern entdecken wir vielmehr neu in dieser so menschlichen Kirche das liebende Antlitz unseres Herrn. Gott selbst hat sich an dieser Kirche festgemacht. Darin besteht ihr Mysterium. Das markanteste Zeichen dafür ist die Eucharistie als Quelle und Gipfel des christlichen Lebens.
Als Bischof sehe ich es als meine Aufgabe an, darauf zu achten, dass die Glaubensgemein-schaft diese innige Verbundenheit Gottes mit den Menschen in der Kirche und durch sie nicht aus den Augen verliert. Diese Glaubenssicht von Kirche darf nicht "unter den Ham-mer kommen".
2. Kirche ist Communio
Dieser zweite Aspekt folgt aus dem ersten. Schwestern und Brüder, zunächst einmal gilt: Kirche ist Communio. Sie muss es nicht erst werden. Im Glauben schauen wir die Ver-bundenheit, die Communio zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Diese so bekannte Aussage ist in Gefahr, als bloße Worthülse beiseite gelegt zu werden. Dabei ist doch der Vater mit Christus in unsagbarer Liebe verbunden, durch Jesus Christus mit der Welt und dem Menschen. Christus wiederum bleibt gegenwärtig durch den Heiligen Geist mitten unter uns und in der Kirche und überall dort, wo der Geist sein Wehen kund tut. Diese schon längst von Ewigkeit her bestehende Communio gilt es heraus zu stellen und zu ver-künden, diese Communio in Gott selbst und die Communio Gottes mit uns und untereinan-der.
In diesem Zusammenhang spricht mich das Evangelium vom Zöllner Zachäus immer wieder an. Da Jesus sich dem Zachäus liebend zuwendet, auf ihn zugeht, ihn anspricht, ihn ansieht und herunterholt von seinem "Wolkenkuckucksheim", da bekommt der Zachäus ein neues An-Sehen und ein neues Verhältnis zu seinen Mitmenschen. Da entsteht Communio. Der einzelne muss erfahren können, dass er gesehen wird, anerkannt und gefragt ist. Da wir dieses tiefe Sehnen des menschlichen Herzens auch in der Kirche kaum erfüllen können müssen wir uns immer wieder erinnern an den, der Urheber der wahren Communio ist und der in Jesus Christus sich in einmaliger Weise dem Menschen zugewendet hat. Sich dieser unerhörten Zuwendung Gottes in Jesus Christus bewusst werden, diese glauben, erneut aufgreifen und kultivieren und sich mit großer Liebe und Aufmerksamkeit erneut der Welt und den Mitmenschen zuwenden, diese verstärkte Communion erhoffe ich mir für uns alle von unserem Pastoralen Zukunftsgespräch. Der Liebe Gottes dürfen wir uns dabei gewiss sein.
3. Kirche ist Missio
"The church exists to evangelizise." (Die Kirche existiert, um zu evangelisieren). Nicht nur in Afrika oder anderswo, sondern hier. Den Glauben an das Mysterium Gottes vorschlagen, diese Tiefenschicht unserer Existenz erhellen, nicht nur mit amtlichen Verlautbarungen, sondern aufgrund eigener Überzeugung und Glaubenserfahrung, das könnte die Glut unter der Asche neu entfachen. Die "Flucht nach vorn", eine merkliche Anstrengung im offensiven Zugehen auf andere in der gesamten uns erreichbaren Öffentlichkeit wird unserer Kirche den Weg in die Zukunft ebnen. Wir haben nichts zu verbergen und nichts zu verschweigen. Oder sind uns apostolischer Mut und missionarischer Geist schon vollends abhanden gekommen? Sind wir uns unseres Glaubens so unsicher geworden, dass wir uns außerstande fühlen, "das Evangelium von der Gnade Gottes zu bezeugen" ? (Apg 20,24) "Wenn ihr nicht glaubt, so bleibt ihr nicht" (Jes 7,9), warnt der Prophet in seiner Zeit. Zu diesem Glauben sind auch wir gerufen. Wo steht eigentlich geschrieben, dass die Menschen hier in diesem Land nicht für den Glauben zu gewinnen sind? Diese Intention darf uns doch zugemutet werden?! Ob dieses Verlangen in unseren Gemeinden in genügender Weise zur Sprache kommt? Ob es in unseren Gottesdiensten und in unseren Fürbitten thematisiert wird? Und was ich mir wünsche? Dass aus unserem Pastoralen Zukunftsgespräch eine kräftige Option erwachsen möchte mit einigen konkreten Schritten in diese eine Richtung: Geht und kündet allen Menschen das Heil unseres Gottes!
Lasst mich auch das noch sagen: Bei alledem sind die Nöte der Menschen entscheidend und wegweisend. Kraft und Zeit, Geld und Personal müssen investiert werden für eine Pastoral am Menschen. Unsere Zeitgenossen sind da äußerst sensibel. Sie haben ein feines Gespür dafür, ob Kirche für Gott und die Menschen da ist oder nur sich selbst zu verwirklichen sucht.
Aber Gott schenkt seinen Geist denen, die ihn darum bitten. Dessen bin ich mir gewiss: Gott steht zu seinem Wort. Wenn dem aber so ist, liegt dann die ganze Misere nicht doch weithin bei uns selbst? Bei unserer Unbeweglichkeit, da wir zu viel darüber reden, was nicht geht, anstatt miteinander zu überlegen, was in unserer Situation geboten ist? Ist es nicht an der Zeit, die Abstinenz so vieler von Kirche und Glauben als eine Herausforderung an den eigenen Glauben zu verstehen, damit wir die Sprache der Menschen sprechen und unsere eigene Glaubensüberzeugung neu artikulieren?
Niemand möge auch nur auf die Idee kommen, dass Gemeindepastoral nicht mehr wichtig sei. Aber wir haben ja inzwischen nicht nur einen Priestermangel zu beklagen, sondern auch einen Gemeinde-Mangel. Und wenn ich diese Tatsache auf mich wirken lasse, dann muss dieser Mangel als ein Zeichen verstanden werden, um so mehr nach neuen Einfallstoren zu suchen, die uns den Zugang zu den Herzen der Menschen öffnen. Warum suchen wir sie nicht auf, die Kommunalpolitiker und Bürgermeister, die Schulleiter und Erzieher, die Journalisten und Medienleute? Meinen wir vielleicht immer noch, dass diese von sich aus zu uns kommen? Sie alle brauchen Ermutigung zum Leben, die Leute der Wirtschaft und der Politik, die Ärzte und die Sozialarbeiter. Was hindert uns, sie zu uns einzuladen, das Gespräch zu suchen und an ihren Sorgen Anteil zu nehmen? Warum nur bleiben wir so beharrlich nur in unserem innerkirchlichen Bereich und gehen nicht hin zu den Menschen, dort, wo sie leben und sich abmühen? Sind Frust und Resignation nicht oftmals hausge-macht? Unsere Situation zwingt uns geradezu zu neuen Wegen. Damit wir uns nicht verlie-ren, deswegen kommen wir zusammen und befragen den Geist Gottes, damit er uns wei-terhilft. Damit das Evangelium in unserem Land läuft, deshalb wurde ein Bistum Magde-burg gegründet. Es ist höchste Zeit, dass wir uns darüber erneut klar werden. Deshalb die-ses Pastorale Zukunftsgespräch.
Dem kann man natürlich auch wieder mit Vorbehalten begegnen. Und sicher gibt es auch berechtigte Anfragen und auch Gründe, um solches nicht zu tun. Aber wer bietet eine überzeugende Alternative? Kann es falsch sein, wenn Brüder und Schwestern im Glauben zusammenkommen, sich Zeit nehmen zum Gebet und zum Nachdenken für einen gemein-samen pastoralen Weg in die Zukunft? Wir brauchen die Glaubenskraft der ganzen Glau-bensgemeinschaft. Schicken wir unsere Gebete und Bitten zum Himmel. Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm und fordern uns heraus. Ich bin überzeugt: Entweder wir besinnen uns auf das Mysterium der Kirche, auf ihre Communio-Gestalt und erlangen dadurch neue jugendliche missionarische Kraft oder wir werden von anderen Mächten und Gewalten einfach beiseite geschoben.
Ich hoffe sehr, liebe Schwestern und Brüder, unsere Versammlung heute könnte ein be-scheidener, aber wirklicher Impuls werden, dass wir das, was in uns lebt, den anderen nicht vorenthalten, weil alle Menschen leben sollen. Einer Welt nämlich, die gleichzeitig einem wahren Fortschrittswahn und düsteren Untergangsstimmungen ausgesetzt ist, kann durch das Evangelium verdeutlicht werden, dass ein wirklicher Fortschritt der Gesellschaften immer ein Fortschritt in der Liebe ist. Sie ist das entscheidende Maß in den Beziehungen der Menschen untereinander und zu Gott. Diese Kernbotschaft des Evangeliums verliert ihre Gültigkeit nie.
So gibt es in dieser Welt immer eine Chance für das Evangelium. Es ist auch an uns, diese Chance wahrzunehmen. Der Kirche helfen keine notorischen Unglückspropheten oder Schwarzseher, sondern Menschen, die in ihrer sicherlich auch unvollkommenen Weise die Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes bezeugen.
Gott sei Dank kann ich auch künden und erzählen von eurer Liebe und eurem Glauben, der auch mich trägt und mir Mut macht. Dafür danke ich jedem einzelnen ganz herzlich. Aber wir wollen unseren Glauben noch intensiver anschauen, der in uns lebt. Wir wollen einen neuen Akt eines entschiedenen Glaubens setzen und wir wollen den Namen unseres Herrn Jesus Christus proklamieren und die Menschen einladen, damit sie Christus kennenlernen.
Der selige Papst Johannes XXIII., den ich sehr verehre, dem wollen wir unser Bemühen anvertrauen. Er hat in seiner Zeit Ähnliches erlebt und versucht, nicht ohne Widerstände. Ich bin sicher, er versteht und begleitet uns.
So dürfen wir unseren Weg gehen. Eine kleine Glaubensgemeinschaft der Zahl nach. Aber eine wirkliche Kraft, wenn Gottes Geist diese Kirche als sein Gefäß mit Glaube, Hoffnung und Liebe erfüllt.

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