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Salzwedel: Pfarrer Richard Vigener wird hundert

"Wie, lebt er denn noch? Ich dachte, er wäre schon gestorben!" - so mag mancher, der ihn kannte, bei der Überschrift gedacht haben. Doch es ist wahr: am Samstag wird im Altersheim Sankt Liborius in Attendorn der ehemalige Pfarrer von Salzwedel Richard Vigener 100 Jahre alt. Er selbst wird diesen seltenen Geburtstag wohl kaum bewusst feiern können, denn er ist durch die Gebrechen des Alters sehr pflegebedürftig und bettlägerig. Umso mehr soll es ein Anlass sein, an ihn zu erinnern.

Richard Vigener wurde am 5. August 1900 in Attendorn geboren, eine Hochburg des katholischen Lebens im Sauerland, was ihn zeitlebens prägte. Nach dem Studium in Paderborn wurde er dort am 20. März 1926 von Bischof Kasper Klein zum Priester geweiht. 17 Jahre war er danach als Vikar tätig, meist im Sauerland, in Ramsbeck und Velmede, aber auch schon drei Jahre in der "sächsischen Diaspora" in Sommerschenburg in der Börde. Karriere, auch kirchliche Karriere zu machen, war nicht sein Streben. Er wollte als Seelsorger für die Menschen da sein und die Menschen zusammenbringen.

"Pfarrfamilie" war nicht nur ein Lieblingswort von ihm, sondern auch seine Zielvorstellung. Im Jahr1943, mitten im Krieg, wurde er Pfarrer in Salzwedel, einer Pfarrei, die damals den gesamten Nordwesten der Altmark umfasste. Da er nie Motorrad oder Auto gefahren ist, war er in diesem Riesengebiet stets zu Fuß oder mit dem Zug unterwegs - bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1970. In Salzwedel bekam er recht bald Ärger mit den Nazi-Behörden wegen seiner Seelsorge für polnische Zwangsarbeiter. Dann kam die Seelsorge für die aus Luftschutzgründen aus den Rheinland Evakuierten hinzu.

Nach dem Krieg vervielfachte sich die Zahl seiner Gemeindemitglieder um die zahllosen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, die in seiner Gemeinde eine geistige Heimat wieder finden sollten. Nebenbei konnte er in seiner Güte auch das letzte Hemd und das letzte Pfund Zucker verschenken. Auch wenn seine Schwester Martha, die ihm den Haushalt führte, das gar nicht so gern sah. Mit seiner großen Offenheit für die Menschen und seiner persönlichen Anspruchslosigkeit erwarb er sich viele Sympathien.

Seine besonderen Interessen galten der Geschichte und der Liturgie. Mit großer Behutsamkeit konnte er nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Gemeinde die Anliegen der Liturgiereform vermitteln. In den Jahre 1962-1964, schon während des Konzils, konnte sein damaliger Vikar Waldemar Karl die alte romanische Pfarrkirche Sankt Lorenz sanieren, erweitern und den neuen liturgischen Erfordernissen anpassen. Bauen und Organisieren war nicht Pfarrer Vigeners Stärke. Er war in erster Linie Seelsorger. Seine Stärke war seine persönliche Bescheidenheit, die auch andere Menschen zum Zuge kommen ließ: Vikare, Katecheten und andere Mitarbeiter. Er wollte nicht herrschen, sondern den Menschen und seinem Herrn dienen. Er machte Hausbesuche, führte Gespräche und nutzte seine weiten Fußmärsche zum Gebet. Mit großer Freude konnte er miterleben, dass zwei Neupriester aus seiner Gemeinde Salzwedel hervorgingen, die 1954 beziehungsweise 1975 ihre Primiz feierten. Bei letzterer befand er sich bereits im Ruhestand im heimatlichen Sauerland.

Doch der Ruhestand war für ihn kein Nichtstun. In Olpe, Medebach und Finnentrop konnte er noch einige Jahre in der Seelsorge helfen, bis er sich in seiner Heimatstadt wirklich zur Ruhe setzte. Dort feierte er 1996 noch mit vielen Gäste sein 70-jähriges Priesterjubiläum.

Die Salzwedeler Sankt Lorenzgemeinde und alle, die ihr verbunden sind, danken Gott für den Menschen und Priester Richard Vigener und wünschen ihm Gottes Segen. Zum 100. Geburtstag möchten wir dankbar aus Jesu Gleichnis (Mt 25,21) zitieren: "du guter und treuer Diener, du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn." Gott lohne ihm sein Leben und Wirken!

Andreas Müller

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