Bistumskarte

Bischof zu Weihnachten: Vergiss nicht, alles ist geschenkt

Weihnachten 2001

"Mehrheit freut sich auf Weihnachten", so das Ergebnis einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Meinungsforschung. Kinder werden sofort sagen: "Was für eine Frage, natürlich freue ich mich auf Weihnachten!" Bei Erwachsenen sieht das vielleicht schon etwas anders aus. Manche fürchten sich allein zu sein oder es bedrücken sie andere schwere Sorgen. Ich freue mich auf Weihnachten und auf diesen Gottesdienst hier in St. Sebastian mit Ihnen und euch allen. Sich freuen können, das ist etwas Wunderbares. Danach sehnt sich jeder Mensch. Freude ist eine Hochstimmung, ein berauschendes Glücksgefühl. Wer sich nicht mehr freuen kann, über nichts und gar nichts, der ist arm dran!

Trotz vieler Vorteile, die das moderne Leben mit sich bringt scheint es, dass in unserer postmodernen Gesellschaft die Freude verloren geht. Allzu oft hören wir nur schlechte Nachrichten, negative Meinungen und düstere Prognosen: Krieg und Not, Arbeitslosigkeit und Rezession, Bildungsnotstand und Zukunftsangst. Wie soll Freude aufkommen, wenn es dazu keinen Anlaß gibt? Denn Freude kommt ja nur dann auf, wenn wir uns über etwas oder auf etwas freuen können. Ob uns da nicht die alte und immer wieder ganz neue Botschaft von Weihnachten helfen kann, Freude zu wecken und Mut zu fassen?

Liebe Mitmenschen, liebe Schwestern und Brüder, das ganze Evangelium, besonders das von Weihnachten ist eine einzige Freudenbotschaft. Wissen Sie eigentlich, dass das Wort Evangelium seinen Ursprung in der Weihnachtsgeschichte hat, da der Engel zu den Hirten spricht: "Fürchtet euch nicht, denn ich verkündige euch große Freude... Heute ist euch der Retter geboren... er ist der Christus, der Herr"?
Aus dieser Botschaft der Freude ist das Wort Evangelium abgeleitet. Es heißt so viel wie Frohe Botschaft, Freudenbotschaft. Wir feiern also auch Geburtstag dieser frohen Botschaft, Geburtstag des Evangeliums.

Der Evangelist Lukas, dem wir auch das Weihnachtsevangelium verdanken, spricht oft von der Freude. Und er weiß, wovon er spricht. Der Retter, der uns geboren wird, der Gott mit uns, der ist für ihn das kostbarste Geschenk. Darüber freut er sich unbändig, der Evangelist , und diese Freude möchte er uns vermitteln. Ob ihm das gelingt? Ob wir uns über den Christus, den Retter freuen können, über dessen Geburt sich Engel und Menschen, Himmel und Erde freuen, wie das Evangelium berichtet, wir Menschen von heute?

Dieses Wort "Heute", das steht auch im Evangelium. "Heute" ist euch der Retter geboren. Dieses Ereignis gilt "im Heute", hier und jetzt, eben heute. Jesus kann geboren werden in deinem Herzen, wenn wir es machen wie die Hirten, die hin laufen zum Stall, wenn wir es machen wie Maria, die selig gepriesen wird, weil sie den Worten des Engels geglaubt hat. Dieses "Heute" wird noch verstärkt durch das "euch", durch die direkte Anrede, "euch" ist heute der Retter geboren. Das sind wir. Wir, die wir zur Feier der Geburt Jesu hier sind. In dem Menschenkind Jesus ist Gottes Heil gekommen.

Jesus bringt Heil und Leben. Heil ist ja noch mehr als Glück. Nicht nur ein "Kleines Glück", sondern ein ganz großes. Nicht nur ein bisschen Leben, sondern Leben in Fülle. Bleibendes Heil, nicht vergängliches Glück. Heil bedeutet Heil-Sein, Heil-igkeit, Vollkommenheit. Kein Mensch ist vollkommen. Kein Mensch ist ganz heil. Immer fehlt etwas. Jedes Sich-Sehnen nach Glück ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch sich nach Heil sehnt, nach Frieden, Gerechtigkeit, Liebe.
Die Wüste erblüht, so sagen die Propheten. Es wird jede Träne abgewischt, es wird keine Trauer mehr geben und keine Klage und der Tod wird nicht mehr sein, so steht es geschrieben in der Offenbarung des Johannes.

Sind das nur Utopien, Träume, Hirngespinste? Sind das vielleicht nur Märchenerzählungen aus Tausend und einer Nacht? Oder marxistische Befreiungsparolen? Die Zeugen des Evangeliums, die ersten Christen behaupten, es ist wahr, ihr könnt euch darauf verlassen, ihr könnt es uns glauben, das Kind, das in der Krippe liegt, das ist der Retter der Welt! Das müssen wir der ganzen Welt verkünden. Und deshalb noch einmal: Freut euch und noch einmal freut euch, denn geboren ist Christus, der Herr!

Und doch: Stirnrunzeln überfällt uns, Skepsis kommt auf. Na, ja, ist ja alles ganz gut und schön. Passt ja auch alles ganz schön zu Weihnachten, lässt Stimmung aufkommen, tut uns gut: Aber so ein Anspruch, solche Absolutheit: Retter der Welt, Christus, der Herr? Bleibt mal auf dem Teppich. Das kann man wohl einem heutigen Menschen kaum zumuten. Ist das nicht alles maßlos übertrieben?

Da erinnere ich noch einmal an unser Verlangen nach Glück. An diese tiefe Sehnsucht nach Freude, die in uns allen steckt. Alle streben nach Glück. Jeder will glücklich sein. Und das ist gut so. Über jedes erreichte Glück freuen wir uns aus ganzem Herzen. Und uns allen ist aufgetragen, nach besten Kräften dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen glücklich werden. Aber jedes Glück, das uns zuteil wird, ist immer auch ein Geschenk. Wie oft sagen wir: da hast du aber Glück gehabt! Und in der Tat: die Dinge, die uns mit großer Freude erfüllen, sind zumeist geschenkt. Die Freude selbst, aber auch Hoffnung und Vertrauen, Geborgenheit und Liebe. Das Leben selbst, die ganze Welt, das alles finden wir vor. Wenn andere uns lieben, Vertrauen schenken, uns gut sind, trotz unserer Eigenarten und Schwächen, dann müssen wir ehrlich gestehen, das alles ist nicht unser eigenes Verdienst, sondern eine Gabe, und wenn wir wollen ein Geschenk des Himmels.

Auf diesem Hintergrund unserer Erfahrungen wollen wir uns erneut sagen lassen: Du, Menschenkind, da du ganz auf Glück angelegt bist und oftmals über dieses Verlangen wegen deiner Begrenztheit nicht hinaus kommst, der du dieses Glück erfahrungsgemäß immer nur punktuell erleben kannst, vergiss nicht, alles ist geschenkt, so wie Jesus Christus die Gabe Gottes an uns Menschen ist! Daraus erwächst Hoffnung. Und bei aller Sorge und allen Nöten sollen wir wissen, deine tiefe Sehnsucht nach Leben und Heil, die hat einen Namen und geht in Erfüllung.

In diesem Zusammenhang ist auch zu fragen, was ist mit den vielen, vielen Menschen auf unserer Erde, die wie wir alle mit großer Intensität nach dem Glück des Lebens suchen, aber durch Hunger und Armut, durch Krankheit und Tod davon ausgeschlossen sind, sollen die in alle Ewigkeit sozusagen draußen vor bleiben, ohne dass ihnen auch nur ein Hauch von Gerechtigkeit zuteil wird? Das kann doch nicht das letzte Wort sein, dass alle Welt sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnt, aber Ungerechtigkeit und Gewalttätigkeit triumphieren.

Auf diesem Hintergrund unserer Erfahrungen müssen wir diese Botschaft hören, über die alle Welt jubelt und sich freut über dieses Geschenk des Himmels: Jesus Christus, den Retter der Welt, den Friedensfürsten, der hin wegnimmt, beiseite räumst alle Sünde und Bosheit der Welt! Es muss doch Frieden geben und Erfüllung, da wir uns so sehr nach Glück und Heil sehnen, wir alle mit allen Menschen auf der ganzen Welt.

Ja, es gibt wahrlich genug Elend, Ungerechtigkeit, Krieg, Krankheit und Tod in dieser Welt. Doch das Kind in der Krippe setzt ein Zeichen der Hoffnung. Alles Schlimme und Traurige haben nicht das letzte Wort. Gewalt und Ungerechtigkeit, auch in deinem eigenen Leben, werden eben nicht triumphieren. Gottes Heil ist angebrochen in unsere Welt. Das ist die Botschaft unter dem Stern von Betlehem.

Ich jedenfalls freue mich, dass es diese Botschaft gibt. Ich möchte mich immer wieder, spätestens zu Weihnachten neu für diese Botschaft entscheiden, die verbürgt ist durch lebendige Zeugen. Ich bin froh darüber, dass es diese Christenheit gibt, eine Kirche, die keine andere Aufgabe hat als diese: Der ganzen Welt immer wieder zu sagen: Habt Mut! Fürchtet euch nicht. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren. Er ist Christus der Herr!

Leo Nowak
Bischof

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