Bistumskarte

Erklärung des Katholikenrats zum "Recht auf Faulheit"

"Es gibt kein Recht auf Faulheit", war vor einigen Monaten aus Berlin zu hören und gemeint waren damit 3,7 Millionen arbeitslose Bürgerinnen und Bürger. Seitdem mangelt es nicht an Zustimmung zu dieser Pauschalverurteilung von Millionen Arbeitsloser und Sozialhilfeempfänger. Wir sind uns dessen bewusst, dass es Ausnahmen gibt, die das soziale Netz zu ihrem Vorteil ausnutzen. Dies darf aber nicht dazu führen, dass die große Mehrheit in Misskredit gebracht wird. Zur Behebung der Massenarbeitslosigkeit und zur Beschäftigung von Sozialhilfeempfängern werden in immer schnellerer Folge Vorschläge unterbreitet, die sich bei näherem Hinsehen nur allzu häufig als wenig realistisch erweisen. Sie sind nur dazu geeignet, das Bild des Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängers in der sozialen Hängematte zu verfestigen. Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger haben keine Stimme, oder sie werden nicht gehört. Darum wollen wir als Katholikenrat im Bistum Magdeburg Einspruch erheben gegen die Diskreditierung eines Fünftels der Bürgerinnen und Bürger unseres Bistums und damit auch des Landes Sachsen-Anhalt.

Dazu stellen wir fest:
Alle Vorschläge und Rezepte lassen sich zusammenfassen zu der Formel: Wer nicht arbeiten will, muss mit empfindlichen Einbußen rechnen. Die ständige Wiederholung dieser Formel vermittelt den Eindruck, als sei arbeitslos gleichzusetzen mit arbeitsunwillig.
Wo aber sind die angebotenen Arbeitsplätze? In Sachsen-Anhalt stehen 262 000 Arbeitslosen (19,6 Prozent) 30 000 offene Stellen gegenüber, wovon mehr als 50 Prozent durch das Arbeitsamt gefördert werden. (Juli 2001)?
Häufig wird die Ausweitung des Niedriglohnsektors als Instrument zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit empfohlen. In Sachsen-Anhalt beträgt der Durchschnittslohn 2 700 DM. Wie groß ist der Abstand zum Niedriglohn?
Als weiteres "Heilmittel" wird die Öffnung der Tarifbindung empfohlen. In Sachsen-Anhalt bezahlen bei weitem nicht alle Betriebe nach Tarif. Eine Grenze nach unten gibt es nicht.

Als Christen weisen wir darauf hin:
Auch für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger gilt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie wird in unerträglicher Weise angetastet durch diffamierende, populistische und wahlkampftaktische Äußerungen.
Priorität hat nach wie vor der erste Arbeitsmarkt. Dafür sind struktur- und wirtschaftspolitische Maßnahmen gefragt. Solange diese nicht für ein größeres Angebot an Arbeitsstellen sorgen, sind geförderte Maßnahmen unverzichtbar.
Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger sind in der übergroßen Mehrzahl nicht die Nutznießer ungerechtfertigter Wohltaten. Eine solche Sichtweise verstellt den Blick auf das individuelle Schicksal eines jeden, der ohne eigenes Verschulden vom Arbeitsprozess und damit einem wesentlichen Teil seines sozialen Umfelds ausgeschlossen ist.
der Katholikenrat
des Bistums Magdeburg

link

Themen und Partnerportale