Unsere Schulen sind Spiegelbild der Gesellschaft">
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>Unsere Schulen sind Spiegelbild der Gesellschaft<

Bischof Leo Nowak zur Diskussion über die Pisa-Studie

Die negativen Ergebnisse der Pisa-Studie über den Bildungsstand deutscher Jugendlicher sind alarmierend. Es gibt große Defizite im Vergleich zu anderen Ländern. Wer ist Schuld? Worin liegen die Ursachen? Sicher ist vieles im Bildungsbereich zu verbessern. Eine gute Schule kann nur mit guten Lehrern gemacht werden. Und eine gute Schule kostet auch gutes Geld! Sicher müssen Lehrpläne "entrümpelt" und Strukturen vereinfacht werden, auch darf Schule nicht "Experimentierfeld" bildungspolitischer Profilierungsversuche sein.

Es ist aber eine arge Verkürzung, wenn der "schwarze Peter" nur den Schulen "in die Schuhe geschoben" wird. Unsere Schulen sind vielmehr ein Spiegelbild unserer Gesellschaft:

1. Die Eltern sind die ersten Erzieher ihrer Kinder
Die Schule kann nicht wettmachen, was zu Hause versäumt wird. Wenn Eltern für ihre Kinder keine Zeit haben oder bei bestem Willen sich keine Zeit nehmen können, bleiben erzieherische Defizite nicht aus. Kinder brauchen Zuwendung. Wird ihnen diese nicht gegeben, wirkt sich dieser Umstand auch negativ in der Schule aus.

2. Auch Eltern und andere Erwachsene sind "Kinder ihrer Zeit"
Der Existenzkampf ist für viele Eltern besonders hart. Die Erziehung eines Kindes "kostet" heutzutage sehr viel an Zeit, Energie und Geld. Deshalb müssen verstärkt familiengerechte Maßnahmen ergriffen werden, damit die für viele Eltern notwendige Verbindung von Berufs- und Hausarbeit und Kindererziehung gewährleistet werden kann. Berufsarbeit und häusliche Tätigkeit müssen gleich bewertet werden. Hier ist ein gesellschaftliches Umdenken gefragt.

3. Ehevorbereitung und Anleitung zur Kindererziehung
"Ehen fallen nicht vom Himmel." Auf alles Mögliche werden junge Leute vorbereitet, auf das Leben in Ehe und Familie aber kaum. Ehevorbereitungskurse haben sich bewährt. Eine "Kultur ehelicher Beziehungen" ist nötig, auch um Ängste vor verlässlicher Bindung und Verantwortung für Kindererziehung abzubauen. Solche Ehevorbereitungskurse müssen stärker gefördert werden.

4. Unsere Gesellschaft ist zu wenig kinderfreundlich
Kinder werden zu schnell als Störfaktoren betrachtet. Eine Gesellschaft ohne Kinder aber hat keine Zukunft. Diese bittere Lektion wurde in unserer Gesellschaft noch nicht vollends gelernt! Stärkere familienfördernde Politik ist gefragt.

5. Das Phänomen der Kleinstfamilie
Sehr viele Kinder wachsen heute ohne Geschwister auf. Es gibt viele Gründe, warum Eltern nur ein Kind wollen. Auch sie können ihr Kind gut erziehen. Es besteht aber die Gefahr, dass sie sich mehr auf das eine Kind fixieren, als ihm gut tut und es verziehen statt erziehen. Einem Kind ohne Geschwister fehlt ein wichtiges Korrektiv. Es lernt schwerer abzugeben und zu teilen. Solche und andere soziale Grundkompetenzen können dann auch in der Schule kaum im Unterricht "anerzogen" werden. Auch hier bedarf es eines Wandels gesellschaftlicher Auffassungen und Wertprämissen.

6. Einseitiges Verständnis von Selbstverwirklichung
Die Selbstverwirklichung als individuelles Grundrecht wird zu häufig einseitig als "Freisein von notwendigen Rücksichten" interpretiert. Selbstverwirklichung geschieht aber vor allem durch Kommunikation. Kinder lernen nicht nur von ihren Eltern, sondern Eltern auch von ihren Kindern. Der Mensch ist Einzelperson und Gemeinschaftswesen.

7. Ungebremster Medienkonsum und Medienrummel
Wer nicht zu sinnvollem und kritischem Umgang mit den modernen Informationsmedien erzogen wird, nimmt Schaden an seinem Menschsein. Die wichtigen kreativen und emotionalen Kräfte werden nicht entwickelt. Ein Zusammenwirken von Eltern, Schule, Freizeitanbietern und Medien ist unerlässlich. Die Medien haben auch eine pädagogische Aufgabe.

8. Der Druck von Wirtschaft und Konsum
"Die Wirtschaft ist für den Menschen da, der Mensch aber nicht für die Wirtschaft!" Wie sollen Eltern, die den größten Teil des Tages beruflich unterwegs sind, Zeit und Kraft für ihre Familie haben? Intelligente Lösungen eines Arbeitszeit-Managements sind längst überfällig. Ebenso erforderlich aber ist die Überprüfung eigener Lebensinhalte. Der Mensch kann in seinem Leben nicht alles haben. Fehlt andererseits eine berufliche Perspektive, werden Jugendliche kaum großen Lerneifer entwickeln. Sie sind für das Lernen in der Schule wenig motiviert.

9. Wohlstandsdenken ohne Maß
Originalton einer Mutter: "Ich weiß gar nicht, was ich unserem Sohn in diesem Jahr zu Weihnachten schenken soll?" Müssen Kinder (und Erwachsene) alles haben? Ist weniger nicht oftmals mehr? Einübung von Verzicht zugunsten anderer tut dem Menschen gut!

10. Bildungsvielfalt statt Einheitsystem
Bildungsvielfalt bereichert die Bildungslandschaft. Schulen in freier Trägerschaft leisten in dieser Hinsicht einen wertvollen Beitrag. Sie verlangen dabei keine Privilegien, aber eine entsprechende staatliche Förderung. Es wäre sehr interessant, den Leistungs- und Bildungsstand in diesen Schulen zu ermitteln und mit anderen zu vergleichen. Das pädagogische Konzept und die geistigen Grundlagen dieser Schulen bieten eine überzeugende Alternative.

11. Wissen, welche Werte uns tragen
Wertmaßstäbe sind nicht beliebig austauschbar oder einfach bei Bedarf abrufbar. Sie müssen authentisch vermittelt und erlebbar gemacht werden. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Bedeutung von Ethik- und Religionsunterricht hinzuweisen. Echte religiöse Überzeugungen wirken sich positiv auf das Menschsein aus.

Woran krankt unsere Gesellschaft? Die Diagnose ist relativ leicht gestellt. Wie aber sieht die Therapie aus? Diese Frage muss an alle Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, in Staat und Kirche, an alle Eltern und Lehrer gestellt werden. Was uns alle angeht, muss von allen auch mitverantwortet werden. Die katholische Kirche ist bereit, ihren Beitrag dazu zu leisten.

Leo Nowak
Magdeburg im Dezember

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