Bistumskarte

Wallfahrtspredigt von Bischof Leo Nowak im Wortlaut

Seit fünfzig Jahren pilgern Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche hierher zur Huysburg. Diese Wallfahrt ist uns zur guten Tradition geworden. Über 40 Jahre lang haben wir versucht, unter schwierigen Bedingungen unseren Glauben zu leben, durch einen atheistischen Staat oft genug daran gehindert und dabei der Lächerlichkeit ausgesetzt. In unseren Gemeinden haben wir Schutz und Geborgenheit erfahren und diese Wallfahrt gehörte dazu, hat den Glauben gestärkt und die Gemeinschaft ermutigt.

Auch wenn sich die Zeiten geändert haben, und mit ihr sicherlich auch manche Auffassungen von Gesellschaft und Kirche, kommen wir hierher - weil sich das Wesentliche nicht geändert hat :  wir wollen uns auf die gute Nachricht Gottes einlassen und auf Jesus Christus, der uns Ur-Zeuge seiner Liebe ist.

Geboren wurde er durch Maria, deshalb verehren wir sie als Mutter Gottes auch besonders an diesem Ort. Wer sie verehrt, wird wie von selbst auf ihn verwiesen,  unsern Herrn und Bruder. "Steh auf" spricht er zum Gelähmten, geh!" "Steh auf", spricht er auch zu uns, denn wie oft sind wir wie gelähmt. Gott will, dass dein Leben gelingt! Diesem Jesus Christus dürfen wir glauben!

Ganz einfach gesagt: Wer glaubt, hat mehr vom Leben! Wer Gott in seinem Leben einen Platz einräumt, wird eine neue Sicht auf die Realität bekommen. Er führt uns hinaus ins Weite, heraus aus der Engführung einer ausschließlichen Diesseitigkeit, aus den Zwängen des Alltags und einer beständigen Angst, stets und ständig in dieser Welt zu kurz zu kommen.
Das ist die Wirklichkeit, für die Christus selbst eingestanden ist, für die er am Kreuz starb und in der er auferstand. Diesen Glauben feiern wir und diesen Glauben sollen wir in liebenswürdiger Weise unseren Zeitgenossen "vorschlagen", als die Möglichkeit schlechthin, nicht am Leben "vorbeizuleben", sondern an dessen Fülle teilzuhaben, jenseits alles Machbarkeitswahns. Glaube findet sich nicht mit den Ungerechtigkeiten und dem Unfrieden dieser Welt ab und auch nicht mit Krankheit und Tod. Glaube an den Auferstandenen heißt, über die Grenzen unseres  Horizontes aktiv hinauszuhoffen:  Du führst mich hinaus ins Weite, du machst meine Finsternis hell. Aus dieser Hoffnung erwächst die christliche Sicht vom Menschen, unser unbedingtes Ja zum Leben und seiner Würde. Glaube setzt der kalten Kosten- Nutzenrechnung Schranken, der Maßlosigkeit Grenzen. Der Mensch darf nicht alles, was er kann. Und Glaube ruft auf zum Teilen, zu Barmherzigkeit und Solidarität auf, zur Sorge um Arme und am Leben Verzweifelnde. ... Du führst mich hinaus ins Weite, du machst meine Finsternis hell!

Um diesen Glauben geht es, wenn wir im Pastoralen Zukunftsgespräch über Probleme und Lösungsansätze in unserer Kirche ins Gespräch kommen wollen. Ich bin dankbar, dass sich viele darauf eingelassen haben, Erwachsene, Kinder und Jugendliche, Gruppen und Gremien.

Um diesen Glauben muss es uns als Kirche immer wieder gehen. Er muss in uns beständig erneuert werden und mit diesem Glauben muss sich Kirche den Anforderungen und Fragen unserer Zeit stellen. Sie muss sich zutrauen, dieses Angebot des Glaubens mit einer guten Selbstverständlichkeit als einen "Schatz" zu begreifen - für alle Menschen. Kirche soll, davon bin ich überzeugt, den Menschen, die nach Sinn und Ziel des Lebens fragen, den Himmel ein Stück offen halten, damit ihnen die Hoffnung nicht gänzlich abhanden kommt. Deshalb muss Kirche offen sein für  die Fragen und Nöte der Menschen, hellhörig im wahrsten Sinn des Wortes. Christen können sich nicht begnügen mit dem, was sie vermeintlich "besitzen", ist doch der Glaube selbst ein Geschenk Gottes.

In unserer Kirche gibt es auch in diesem Jahr wieder Erwachsenentaufen. Die Tendenz ist steigend. Sie zeigen, dass Glaube geweckt werden kann. Glaube kann ansteckend sein - wie Lachen! Sind wir uns dessen bewusst? Oder haben wir uns nicht schon zu sehr auf das Trübsalblasen eingelassen? Glaube kann ansteckend sein wie Feuer! Haben wir selbst das Feuer des Glaubens, des Heiligen Geistes noch in uns?  Wir sollten uns immer wieder diesen Fragen stellen! Denn ich bin davon über zeugt, dass unsere Zeitgenossen auch von uns eine Antwort verlangen auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens, seines Woher und Wohin. Und sie haben ein Recht auf Antwort!

Wir sind gefragt, wie es mit unserem eigenen Glauben aussieht, nicht mit dem theoretischen Glauben von irgend jemanden, letztlich auch nicht mit Strukturen und Traditionen. Glauben verlangt vielmehr nach der Praxis! Glaube verlangt Entscheidung!

In einer Zeit, die durch vielfältigste Möglichkeiten gekennzeichnet ist aber auch durch Beliebigkeit und "Gleich-Gültigkeit" scheint zu gelten: "Was Spaß macht, ist gut und richtig." Alles zum beliebigen Zeitpunkt in entsprechender Menge besitzen und genießen zu können - diese Botschaft der Werbestrategen verführt zur Maßlosigkeit. Diese Rechnung geht letztlich nicht auf! Irgendwer und irgendwas bleiben auf der Strecke. Die Armen, die Kranken, die Umwelt...

Leben heißt auch, sich zu entscheiden. Ich kann nicht alles haben! Ich muss auswählen, mich festlegen, Bindungen eingehen, sonst wird mein Leben unglaubwürdig und unfrei.

Das gilt auch, liebe Schwestern und Brüder, für unseren Glauben, für unser Kirche-Sein. Es verlangt Entscheidung und bestimmte Verhaltensweisen. Gebet, Gottesdienst und Umgang mit der Heiligen Schrift gehören unverzichtbar dazu. Aus einer guten Beziehung zu Gott erwächst letzten Endes auch die gute Beziehung zum Menschen im Bestreben um Gerechtigkeit und in Solidarität mit den Schwachen. Gottesbeziehung verlangt aber genau wie Engagement für Menschen nach deutlichen Zeichen. Der Versuch, religiös zu sein, ohne zu praktizieren, ist genauso sinnlos, wie der Versuch zu sprechen, ohne eine Sprache zu benutzen. Glaube an Gott ist nicht denkbar ohne Gebet. Und das heißt MIT Gott sprechen ,nicht über ihn oder von ihm. Dieses Gespräch muss gepflegt werden. Wie machst Du das? Welche Gebete kennst Du, welche sind Dir wichtig? Ist es vielleicht an der Zeit, dass Du Dich neu auf die Suche begibst? Hast Du noch nie gespürt, dass  das fürbittende Gebet dafür sorgt, dass wir aufmerksam werden für die Not und das Elend dieser Welt?

Eine junge Frau, die im vorigen Jahr die Taufe empfangen hat, erzählte, dass sie zum Glauben gekommen sei, als sie Menschen erlebte, die in ihrer Familie wirklich gebetet haben.

Und: Welches Verhältnis hast Du zur Heiligen Schrift? Ist es ein Buch mit sieben Siegeln für Dich, oder so etwas wie die Zeitung von vorgestern oder ein Buch, in dem man lieber nicht liest, weil dann nur noch neue Fragen kommen? Wie wertvoll und unverzichtbar ist aber dieses Buch, indem du dich auf die Spur der Geschichte Gottes mit den Menschen machen kannst. Und es gibt Worte, Sätze, vielleicht ganze Passagen, die dein Leben ändern können.

"Er führt mich hinaus ins Weite, er macht meine Finsternis hell" und  "... mit meinem Gott überspringe ich Mauern!" Sätze wie Schall und Rauch oder tiefe Erfahrung der Wirklichkeit, die Gott selbst uns bereithält? Lies selbst, suche selbst, lass dich anstecken von der Kraft des Wortes Gottes!

Und unsere Gottesdienste? Sind sie uns Freude oder lästige Pflicht? Sind unsere Gottesdienste und Eucharistiefeiern beseelt vom Geist Gottes, oder werden sie nur noch "abgehalten" oder "gelesen"? Und dabei ist die Liturgie selbst der Schatz der Kirche. Wer unsere Gottesdienste in dieser Weise mitfeiert, wird es spüren: Glaube öffnet neue Wirklichkeiten, jenseits unserer Vorstellungen von Zeit und Zweckmäßigkeit. Liturgie ist Frei-Zeit, Zeit frei von Zwängen und Fragen nach dem praktischen Nutzen. Worte wie Gewinn und Konkurrenz, Stechuhr und Zeitmanagement treffen diese Wirklichkeit nicht. Liturgie - Gottesdienst ist unverzweckte Zeit: sie produziert nichts, dient zu nichts, schafft nicht mehr Geld. Aber sie enthält Sinn: der feiernde Mensch kommt zu sich und - zu Gott. Er erfährt sein Leben als Gabe und Aufgabe. Er sieht seine Existenz in den Zusammenhang mit der fundamentalen Güte Gottes gestellt.

An unseren sonntäglichen Gottesdiensten müssen wir festhalten, mag das Angebot an Sport, Spiel und Spannung noch so verlockend groß sein mögen, Kurzreisen und Wochenendarbeit immer mehr selbstverständlich sein. Der Sonntag bleibt für Christen der Tag des Herrn, der Freiraum, den wir uns erhalten sollten für und und den Mitmenschen und auch für uns selbst. Diese Zeit der Muße und der Gottesbegegnung im gemeinsamen Feiern des Geheimnisses unseres Glaubens war durch zwei Jahrtausende hindurch das Erkennungszeichen der Christen. Die Feier der Liturgie von der Nähe Gottes war ihnen Quelle und Höhepunkt in ihrem Versuch, Christus im Alltag nachzufolgen.
Wir brauchen uns nichts vormachen, wer auf Dauer dem sonntäglichen Gottesdienst fernbleibt, verliert den Kontakt zur konkreten Kirche und verliert über kurz oder lang - bis auf einige blasse Erinnerungen - seinen Glauben.

Diese Regeln, von denen ich eben sprach, Gebet, Umgang mit der Schrift und Feier der Eucharistie, sind keine Reglementierungen, keine Mittel, die uns die Freiheit einschränken. Sie deuten vielmehr darauf hin, worauf es ankommt, wenn man das Christsein als gut und sinnvoll empfindet und es im Alltag leben will. Es käme doch niemand auf die Idee, einen Fußballtrainer als Diktator zu bezeichnen, nur weil er seiner Mannschaft die Taktik für das nächste Spiel nahebringt.
Glaube an Gott will den Menschen befreien, befreien aus seiner Angst, alles und wirklich alles in dieser Welt gewinnen zu müssen oder verlieren zu können, befreien von dem Zwang zur Selbstsucht und Selbstvergötterung und schließlich befreien von der dunkelsten Macht , die uns umgibt, der absoluten Gottferne im Tod.

Christsein ist eine einfache aber zugleich auch eine überaus widerständliche Lebensweise. Einfach, weil man prinzipiell keine Hochleistungsintelligenz braucht und weil man letztlich bis auf die eigene Umkehr nichts leisten muss; widerständlich, weil dieses Einfache permanent den Rahmen Menschlicher Ichbezogenheit sprengt. Deshalb hilft es gar nichts, wenn wir andauernd die Umstände, die Politik, die Gesellschaft oder die Kirche verantwortlich machen für alles, was unser Leben belastet, wenn wir uns nicht täglich neu des großen Geschenkes des Glaubens bewusst werden und es bereitwillig und liebend entgegennehmen.

Wagen wir den Aufbruch, lassen wir uns in die Weite des eigenen Lebens mit Gott führen. Vertrauen wir dem, der unsere Finsternis hell macht und mit dem wir über die Mauern unserer menschlichen Begrenztheit springen können. Sein Name ist "ich bin für Euch da" und sein Mensch gewordenes Wort ist Jesus Christus. Mit ihm dürfen wir es versuchen, immer wieder neu.

link

Themen und Partnerportale