Bistumskarte

Magnificat

Dialogpredigt zum Tag der deutschen Einheit

Bischof Nowak: „Meine Seele preist die Größe des Herrn“ - mit diesen Worten beginnt das Magnificat, der Lobgesang Mariens. Eigentlich hören sich diese Worte für uns fast fremdartig an. Eine alte Sprache eben. Eins aber wird klar: für Maria ist Gott selbstverständlich. Sie bekennt sich zum großen, unbegreiflichen Gott. Sie freut sich, dass Gott da ist. Sie steht vor ihm als sein Geschöpf. Dieses Lied Mariens beinhaltet die Mitte des christlichen Glaubens. Gott ist und muss Gott bleiben und der Mensch ist und bleibt Mensch. Der Mensch kann sich die Fragen nach dem Warum und Weshalb seines Lebens und der Welt selbst nicht beantworten. Gott ist der Schöpfer und der Mensch sein Geschöpf. Und der Mensch kommt zu sich, wenn er zu Gott betet. Stellen wir uns einen Augenblick vor, wir alle hier, Politiker und Kirchenleute, Junge und Alte, Deutsche und Ausländer, wir würden - wie Maria - Gottes Größe preisen, statt ihn zur reinen Privatsache zu erklären. Ginge nicht ein Ruck durch unser Land? Wir würden anerkennen, dass Gott ein Gott für alle Menschen ist. Keiner könnte sich mehr über den anderen erheben, denn jeder verdankt seine Existenz Gott – das ist eine Grundaussage christlichen Glaubens. Deshalb dürfen wir Gott nicht vergessen oder ihn beiseite schieben - wie eine schöne Antiquität, derer man sich bei besonderen Anlässen gern bedient. Unsere europäische Gesellschaft ist eine, die in ihren Werten und Zielvorstellungen dem Gedanken an einen liebenden Gott entspringt. Wenn wir am Gedenktag der Deutschen Einheit hier im Magdeburger Dom gemeinsam einen ökumenischen Gottesdienst feiern - dann kann dieser Gottesdienst eben keinen anderen Sinn haben als das zu tun, was Maria getan hat: Vor Gott stehen und beten: Meine Seele preist die Größe des Herrn!

Bischof Noack: Bevor wir uns nun diesen eben angesprochenen großen gesellschaftlichen Themen zuwenden, will das Lied unsere Aufmerksamkeit in eine ganz andere, letztlich sehr persönliche Richtung lenken: „und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes..“ Gewissermaßen als Grundlage dafür was noch folgt, will Maria uns mit ihrem Lob Gottes und ihrem Lied an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Solche eigenen Erfahrungen sind nötig. Denn wenn Menschen dankbar sein sollen, z.B. für das Land, in dem sie leben, für die Zustände, die herrschen usw., dann lässt sich solche Dankbarkeit ja nicht befehlen. So etwas wirkt aufgesetzt - besonders an Jubiläumstagen – und geht dann meist nach der Melodie: Wenn es mir gut geht, will ich gerne fröhlich und dankbar sein. Wenn mir oder meiner Gruppe etwas abverlangt wird oder Nachteile erwachsen, dann ist meine Dankbarkeit schnell zu Ende. Deshalb ist es so nötig, dass ich dieses Lied der Maria nicht nur höre als ein Lied, das ganz allgemein zu Freude und Dankbarkeit aufruft, sondern ich selbst soll mich anstecken lassen: Es ist nicht genug zu wissen, dass Gott große Taten vollbringen kann, dass er an anderen gnädig und gütig handelt. Sondern es ist notwendig zu wissen und zu spüren, ja zu erfahren: Gott will mit mir große Dinge tun. Marias Lied will mir zu solchem Glauben helfen. Und wenn ich dann einwenden mag, dass ich doch ein viel zu kleines Licht bin, das von mir doch nichts zu erwarten sein wird, dann hilft mir Marias Beispiel: Gott sieht die Niedrigkeit! Und wenn ich meinen sollte, ich habe das nicht nötig, ich bin aus eigener Kraft stark genug und sitze fest im Sattel: Dann will sie mich korrigieren und dämpfen. Das Lied will mir persönlich helfen, Gott zu fürchten, wenn ich übermütig werde und es will mich trösten und aufrichten, wenn ich tief unten bin und mir überflüssig vorkomme. Zuallererst will Marias Lied mich anleiten, auch in meinem ganz persönlichen Leben nach den Spuren des gnädigen Handelns Gottes zu suchen. Dazu eignen sich besonders Geburts- oder Jubiläumstage und also auch die Geburtstagsfeier eines ganzen Landes.

Bischof Nowak: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.“ Das Wort „Magd“ ist so gut wie aus unserer Umgangssprache verschwunden. Es will keiner mehr Magd sein oder Knecht. Magd und Knecht bedeuten: Abhängigkeit, Unfreiheit, Sklaverei. Unser Ziel aber heißt: Freiheit. In der Zeit der Wende, besonders auch hier im Magdeburger Dom, wirkte das Wort von der Freiheit wie ein Zauberwort: - als freier Bürger in einem freien Land leben zu dürfen, an freien Wahlen teilnehmen können, denken und sagen dürfen, was ich für richtig halte, über mich selbst entscheiden können - wie viele haben diesen Traum geträumt, damals in der Zeit der Unfreiheit? Doch was macht Freiheit eigentlich aus? Und: kann der Mensch überhaupt ganz frei sein? Und noch eine Frage: Darf er nicht alles tun, was er kann? Freiheit ist eben keine Willkür, sondern Entscheidung für bestimmte Inhalte und Ziele. Zum Beispiel die Entscheidung für das hohe Gut der Demokratie, die Bindung an eine konkrete Verfassung in Deutschland und in Europa, die Achtung der menschlichen Würde von Geburt an bis zum Tod. Freiheit bedeutet nicht Bindungslosigkeit. Bindung in Freiheit an einen Menschen, an eine Gemeinschaft, auch an eine konkrete Kirche, letztlich Bindung an Gott – das macht den Menschen frei. Es klingt kurios - doch: frei wird der Mensch durch Bindung – in der Bindung gewinnt der Mensch seinen Lebensraum, seinen Verantwortungsbereich. Da hilft auch das Beispiel von Maria. Sie hat ihren Platz gefunden. Sie hat ihr Ja gesprochen. Und dazu steht sie in aller Freiheit. Mir wird bei diesem Vers des Magnificat deutlich: Nicht, wer unverbindlich leben will, ist frei, sondern wer bereit ist verantwortlich zu leben. Und noch etwas fällt mir auf: Gott traut es gerade den Kleinen und Niedrigen zu, also jeder ist gemeint und gefragt – nicht nur „die da oben“. Was ich unserem deutschen Volk und Vaterland wünsche? Dass wir uns besinnen auf das hohe Gut der Freiheit und dass wir wie Maria unsere Verantwortung wahrnehmen.

Bischof Noack: „Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.“ Aber darum dürfen wir uns nun nicht drücken: Es geht eben auch um „die da oben“ und deren Verantwortung vor Gott und den Menschen. Das hat die Bibelleser schon immer bewegt. Auch Martin Luther hat das erkannt. Er hat deshalb seine berühmte Auslegung des Magnificat von 1521 einem Regierenden zuschickt und gewidmet, nämlich Johann Friedrich, dem späteren Kurfürsten. Dem schreibt Luther, „weil an eines großen Fürsten Person vieler Leute Heil liegt, wenn er nicht selbst von Gott gnädig regiert wird.“ Der Oberherr solle dieses Lied Marias kennen und lernen, denn „damit will Gott seine Furcht in die großen Herren treiben“. Ganz nüchtern sieht Luther, dass gerade die Großen sich nicht allein auf Ihre Einsicht und auf ihr Herz verlassen können: „Dieweil ein menschliches Herz ... aus sich selbst heraus sich leichtlich vermisst und“ es eben schnell geschieht, „dass es Gott vergisst und seiner Untertanen nicht achtet.“ Luther mahnt gerade die großen Fürsten, die Menschen nicht fürchten müssen, „dass sie Gott mehr als die anderen fürchten und seine Werke wohl erkennen und mit Sorgfalt regieren.“
Nun hat sich seit Luthers Zeit - Gott sei Dank! - einiges gewandelt. Möglicherweise aber ist eins unserer Probleme in der Demokratie, dass die Menschenfurcht der Regierenden und ihre Abhängigkeit von allerlei Parteiungen und Interessengruppen immer mehr zunimmt. Aber auch da ist deutlich zu sagen: Gottesfurcht hilft Menschenfurcht zu überwinden. Wer sich seiner Verantwortung vor Gott bewusst ist, wird sich auch vor Menschen verantworten können. Luther: „Nun weiß ich in aller Schrift nichts, das also wohl hierzu dienet, als dies heilige Lied der hochgebenedeiten Mutter Gottes, welches wahrlich von allen, die wohl regieren und heil-same Herren sein wollen, wohl zu lernen und zu behalten ist.“ Unter dieser Überschrift sind nun auch die nachfolgenden heftigen Verse zu hören:

Bischof Nowak: Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden erfüllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Wahrlich ein heftiger, ein brisanter Vers. „... die mächtigen vom Thron stoßen...“ Ja, Gott erweist letztlich seine Macht. Denn: Gott will keine ungerechte Welt. Ihm sind die ungerech-ten Strukturen zuwider, die strukturelle Sünde, dass Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden. Dieser Vers ist Mahnung und Anklage zugleich. Er soll uns mehr als nachdenklich machen. Er will uns hinterfragen. Sind wir Menschen „Verbündete Gottes“ oder denken wir: „Gott ist nur lästig?“ Und: wie gefährlich es ist, Gott nur auf der Zunge oder auf dem Koppelschloss zu tragen, hat die Geschichte bewiesen. Und: die Revolutionen dieser Welt haben gezeigt, dass eine wirkliche „Umkehr“ immer mit „sich selbst in Frage stellen“ zu tun hat. Wie schnell frisst die Revolution ihre eigenen Kinder, wenn pure Ideologie siegt. Andererseits gilt: Mit der Ungerechtigkeit dieser Welt dürfen wir uns nicht abfinden. Auch in unserem Land darf die Suche nach Gerechtigkeit und Frieden nicht zum Erliegen kommt. Mit Maria glaube ich: Gott lässt uns dabei nicht im Stich. Für Gerechtigkeit und Frieden eintreten – das ist schwer genug. Aber zu meinen, wir Menschen wüssten allein den sicheren Weg – das macht es noch schwerer. Marias Lied erinnert uns an Gott und lädt uns ein, es ihr gleich zu tun. Bei scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten brauchen wir deswegen nicht zu verzweifeln. Darauf vertraue ich.

Bischof Noack: Das finde ich besonders beeindruckend an Marias Lied: Wie sehr sich zum Schluss der Horizont über die ganze Welt und ihre Geschichte weitet: „Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.“ Aus der Erfahrung der Güte Gottes über ihrem Leben leitet Maria die große Hoffnung für die ganze Welt ab. Auch die Hoffnung für ihr eignes Volk, das Volk Israel. Da wird der Glaube zu einer verwegenen Zuversicht, gegen alle hoffnungslosen Berichte aus Israel und Palästina, die uns bis heute so ratlos machen. Marias Lied ist keine Vertröstung, sondern Aufruf zum Handeln für eine gerechte Welt und gleichzeitig Aufruf zum Glauben an Gottes gute Verheißung. Genauso kennen wir Maria. Unzählige Bilder und Skulpturen drücken das aus. Auch hier in diesem evangelischen Dom haben wir zahlreiche wunderbare Mariendarstellungen. Neben der Kanzel: Maria auf der Mondsichel, am Lettner und im Querschiff. Auf der nördlichen Seite, direkt neben dem berühmten Antikriegsdenkmal von Ernst Barlach, finden wir eine Maria mit dem Kind auf dem Arm. Sie steht auf Drachen und Löwen und strahlt dennoch eine große Gelassenheit und Zuversicht aus. Als wollte sie uns alle anreden, wie wir es in Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium hören: „daß dieses schwache Knäbelein soll unser Trost und Freude sein, dazu den Satan zwingen und letztlich Friede bringen!“ Ein Glaube, der aus dieser Zuversicht lebt, wird Kraft haben sich einzumischen. Das ist verwegene Zuversicht, das ist ein Glaube der trägt und Halt gibt. Ein Glaube, aus dem heraus man den 13. Jahrestag der Wiedervereinigung voller Freude feiern kann und der uns dennoch nicht hochmütig und überheblich macht: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes“.


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