Bistumskarte

Gegen faule Kompromisse

Altbischof predigte in Luthers Kirche

Wittenberg (pbm) Altbischof Leo Nowak hat zum behutsamen Vorgehen auf dem Weg zur Einheit der Kirchen aufgerufen. "Wir wollen auf beiden Seiten keine Ökumene der faulen Kompromisse", erklärte Nowak am Reformationstag in Lutherstadt Wittenberg. Auch wenn die Zeit dränge, könne nicht auf das gemeinsame Ringen nach Wahrheit verzichtet werden. Beide Kirchen müssten den Mut aufbringen, die Dinge beim Namen zu nennen und gleichzeitig unerschütterlich am gemeinsamen Willen zur Einheit festhalten.

Die Predigt im Wortlaut

Verehrte Brüder und Schwester im Glauben, die Einladung, heute am Reformationstag als katholischer Bischof das Wort der Verkündigung zu Ihnen sprechen zu dürfen, verstehe ich als ein Zeichen der Verbundenheit und der Gemeinschaft im gemeinsamen Glauben. Für dieses Zeichen danke ich Ihnen ganz herzlich. Ich hoffe sehr, dass dieser Gottesdienst uns alle dem näher bringt, der die Mitte unseres Glaubens ist und den wir gemeinsam bekennen als unseren Bruder und Herrn. Durch ihn, der für uns gestorben und auferstanden ist, hat Gott für uns alle endgültiges Heil gewirkt. Dieses zentrale Bekenntnis des Glaubens verbindet uns miteinander. Auf diesem Fundament stehen wir miteinander. Dafür wollen wir von Herzen dankbar sein.

Jetzt aber ist die Gerechtigkeit Gottes aus dem Glauben an Jesus Christus offenbart für alle, die glauben, so beginnt heute die Lesung aus dem Römerbrief. Hier und heute, hier und jetzt, in diesem Gottesdienst geschieht Zusage des Heils an alle, die glauben. Wir sind es jetzt, die sein Wort hören und davon bewegt werden. Nichtchristen und Christen, evangelische und katholische. Einheit im Glauben ist angesagt, nicht Spaltung. Heil wird verkündigt, nicht Unheil! Zukunft wird eröffnet, nicht Vergangenheit aufgerechnet! Perspektive wird aufgetan, nicht Hoffnungslosigkeit. Heil durch Jesus Christus für alle Menschen, das sollen wir gemeinsam allen Menschen kundtun.

Wenn ich unsere heutige Verbundenheit, trotz aller Verschiedenheit mit der Art und Weise vergleiche, wie Evangelische und Katholische zu meiner Jugendzeit miteinander umgegangen sind, dann stehen zwischen damals und heute ganze Welten.

Der Augustinermönch Martin Luther, der Gottes Gerechtigkeit als seine Barmherzigkeit so sehr betont hat, wird auch heute von katholischer Seite ganz anders gesehen als damals. Durch Gottes Initiative allein, durch Gottes völlig unbeeinflussten, durch keinerlei menschliche Vorleistung in Bewegung gesetzten Heilswillen ist das Heil wirklich auf uns gekommen. Gerechtigkeit Gottes also will besagen, dass die Gerechtigkeit von Gott kommt, von ihm stammt, aus ihm hervorgeht und auf die Menschen übergeht.

Die Frucht solchen Handelns von Gott her wird allen zuteil, die glauben, die Glauben haben an Jesus Christus. In Jesus Christus ist Gottes Güte, Gottes Gnade, Gottes Barmherzigkeit, ja Gottes Liebe offenbar geworden. Dieses Handeln Gottes durch Jesus Christus ist seine Gerechtigkeit. Die Antwort des Menschen darauf heißt Glauben, Glauben allein, wie evangelische Tradition nicht müde wird zu betonen. Weitaus besser als ich es kann hat Martin Luther diese Wahrheit mit kräftigen Worten unter die Leute gebracht. Ein in der Tat zentrales Anliegen der biblischen Botschaft, gültig auch für jeden katholischen Christen.

Erfreulich ist es, wenn P. Johannes Paul II. trotz aller Probleme sagt: „Die Verpflichtung zur Ökumene ist unwiderruflich!“ Vielen geht es allerdings zu langsam, anderen wiederum zu schnell. Doch der Ökumene selbst wegen darf hier nicht geschludert werden. Wir wollen auf beiden Seiten keine Ökumene der faulen Kompromisse. Wir wollen kein Christentum zu herabgesetzten Preisen. Auch wenn die Zeit drängt können wir nicht auf das gemeinsame Ringen nach Wahrheit verzichten. Wir bestimmen nämlich in der Ökumene heute mit, welches Christentum wir für morgen hinterlassen. Deshalb können wir die anstehenden Fragen nicht einfach übergehen.

Nach katholischer Überzeugung gibt es drei wichtige Bereiche innerhalb der eigenen Kirche die zu einem Konsens finden müssen, wenn über eine Glaubensfrage verbindlich entschieden werden soll: die sogenannte Basis, also die Gemeinden, die Theologen und das kirchliche Amt. Für die katholische Kirche sind die Bedeutung des Papstamtes, die Frage nach dem Verhältnis von priesterlichen Dienstamt zur Eucharistie, das rechte Eucharistieverständnis und die damit verbundene Frage nach dem Stellenwert der Sakramente und der Bedeutung von Kirche überhaupt keine Nebensächlichkeiten.

Für evangelische Christen wiederum müssen die zentrale Bedeutung der Heiligen Schrift, das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen und die Wahrung der Prinzipien wie sola fides und sola gratia - allein der Glaube, allein die Gnade - in einer angestrebten Kirche der Union gewährleistet sein.

Haben wir also den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und halten wir gleichzeitig unerschütterlich fest an dem gemeinsamen Willen zur Einheit. Das ist durchaus kein Widerspruch, sondern vielmehr eine Herausforderung, der wir uns gemeinsam stellen müssen.

Wir dürfen uns aber nicht nur mit uns selbst beschäftigen. Viele Menschen bewegt nämlich heute nicht mehr die Frage des jungen Luther nach einem gnädigen Gott und kaum jemand interessiert die Frage wie er sein Heil wirken soll. Wir haben es vielmehr mit Menschen zu tun, die, wenn überhaupt, nach den Grundlagen des Glaubens fragen. Ob es überhaupt einen Gott gibt und was überhaupt mit dem Wort Heil gemeint ist? Die zentralen Fragen des Glaubens stehen zur Disposition.

„Nach wie vor gehöre ich zu denjenigen, denen die Existenz wie die Nichtexistenz Gottes schwer denkbar ist“, so formuliert eine heutige Schriftstellerin ihre Unsicherheit. Und in beiden Kirchen sind wir gefragt, wie wir darauf antworten. Welchen Zugang gibt es zum Denken und Empfinden der Menschen in unserem Land, um die befreiende Botschaft des Glaubens zu vermitteln? Die Situation, in der wir uns befinden, ist eben auch die Sprache Gottes, seine Herausforderung an uns. Die Menschen, denen wir auf unserem Weg begegnen stellen die Fragen, die uns zusammenführen können.

Viele halten Glauben und Religion für überflüssig. Sie setzen allein auf Ihr Wissen und ihren Verstand. Doch Glauben und Wissen sind die zwei Seiten einer Medaille. Kein Mensch kann ohne Glauben auskommen. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir mit unserem Verstand allein nicht erfassen können. Wer kann mir beispielsweise sagen, was ist Musik? Ein Ton kann vielleicht physikalisch noch erklärt werden, aber was ist eine Melodie, was ist ein Lied? Oder wer kann das Phänomen Zeit erklären? Was bedeutet eine Minute, eine Stunde, ein Tag, ein Jahr? Was ist deine Zeit, meine Zeit? Und wer kann die Liebe verstehen?

Wer die Liebe auslöschen will, nimmt Schaden an seinem Menschsein. So ist es auch mit Gott. Auf einer Filmleinwand soll einmal gestanden haben: „Gott ist tot! Friedrich Nietzsche!“ Nach einer Weile war auf derselben Leinwand zu lesen: „Friedrich Nietzsche ist tot! Gott!“ Der größte Gottesgelehrte, der weiß, wovon er redet, wenn er von Gott spricht, Jesus von Nazaret, an ihn müssen wir die Menschen verweisen, mit ihm sollen sich unsere nichtchristlichen Mitmenschen auseinandersetzen, ihm sollen sie glauben, das ist unsere gemeinsame Aufgabe. Zum Glauben an ihn sollen wir einladen, damit der Mensch seine Ängste verliert, Geborgenheit erfährt, die nichts in der Welt ihm in absoluter Weise bieten kann. Dazu ist Kirche da, dass sie die Menschen zu Christus führt.

Immer mehr Menschen werden sich bewusst, dass unsere eigenen Möglichkeiten nicht ausreichen, um glücklich zu werden. Auf diesem Hintergrund kann erfahrbar werden, was mit dem endgültigen Heil Gottes für den Menschen gemeint ist. Die Dinge und die Menschen sind überaus kostbar und wertvoll, aber sie reichen nicht aus. Das Heil, die Erfüllung sind sie nicht.

Schwestern und Brüder, lasst uns gemeinsam wetteifern um den je größeren Glauben, um eine stärkere Hoffnung und eine noch mehr wachsende Liebe. Dann wird die Stunde nicht mehr fern sein, da es nicht mehr nur einen Glauben gibt und eine Taufe, sondern auch eine Kirche, wahrscheinlich in geeinter Verschiedenheit. Ich wünsche uns allen, dass wir uns selbst heimsuchen und reformieren lassen von dem, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Er hat uns das Heil gebracht, das Gott allen bereitet hat, die in lieben. Beten wir für einander und halten wir unerschütterlich fest am Vermächtnis unseres Herrn, wenn er sagt: „Ich will, dass sie alle eins sind“.

Leo Nowak
Bischof em. des Bistums Magdeburg

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