Bistumskarte

Gegenwärtig nicht nur in der Liturgie

Kardinal Vlk zum Partnerschaftstag

Ich freue mich sehr, dass Sie mich zu dem Partnerschaftstag und zu der Bistumswallfahrt eingeladen haben. Unsere Diözesen und Städte sind ja durch die Person meines Vorgängers auf dem Prager Bischofsstuhl, den heiligen Adalbert, eng verbunden. Bevor er zum ersten Prager Bischof aus tschechischem Blut gewählt wurde, hat er hier an der damals sehr berühmten Schule in Magdeburg studiert und seine Ausbildung erfahren. Sie stand unter dem Patronat des hervorragenden Erzbischofs Adalbert, aus dessen Hand der junge Slavnikide hier in Magdeburg die Firmung empfangen und den Namen Adalbert als seinen Firmnamen angenommen hatte. Unter diesem seinem Firmnamen ist er heute vielleicht bekannter als unter seinem eigentlichen Taufnamen Vojtch.

Die persönlichen freundlichen Begegnungen, die Adalbert dann als Prager Bischof mit Kaiser Otto dem III. hatte, und die berühmten Aachener Gespräche der beiden über das damalige, auf den christlichen Grundlagen vereinte Europa – diese beiden Punkte verbinden unsere beiden Nationen der damaligen Zeit mit unserer aktuellen europäischen Situation. Unsere gemeinsamen christlichen Wurzeln kann niemand einfach ablehnen und aus der Wirklichkeit herausstreichen.

Es gab hier also schon vor Tausend Jahren den gegenseitigen Austausch von Gedanken, Meinungen und religiösen Erfahrungen. Ich konnte dafür nur ein kleines, zu diesem Partnerschaftstag und der Bistumswallfahrt passendes Beispiel aus unserer Geschichte auswählen.

Das bis jetzt Gesagte habe ich aber nicht nur als erklärende Einführung zu diesem Partnerschaftstag und zu meiner Teilnahme an ihm erwähnt. Vielmehr möchte ich an die damaligen guten Beziehungen, an den gegenseitigen Dialog – wenn man das so sagen kann – anknüpfen.

Ich muss gestehen, als ich diese Predigt für die Messe vorbereitete, wusste ich noch nichts von diesem schönen Leitwort der Wallfahrt „mit Christus unterwegs“. Durch Gottes Fügung habe ich aber genau dieses Wort aufgegriffen.
Ich will hier nun auch keine belehrende Predigt halten, sondern als Nachfolger des heiligen Adalbert – Vojtch, möchte ich eher einen Austausch machen, Ihnen eine Erfahrung meines Glaubens aus den vergangenen kommunistischen Zeiten übergeben.

Am Anfang des Kommunismus war ich als junger Christ, der in einer guten religiös-traditionellen Familie auf den christlichen Grundlagen erzogen worden war, mit dem geheimen Ideal im Herzen, Priester werden zu wollen, mit vielen anderen dem starken kommunistischen ideologischen Druck im alltäglichen Leben ausgesetzt. In dieser Situation schien es mir, dass mein guter Glaube nicht fest genug, nicht hinreichend tragend war, um uns – manchmal allein, den Feinden ausgesetzt – genug Kraft zu geben. Ich war fromm und fühlte mich stark in der Kirche, zusammen mit den anderen Glaubenden. Ich glaubte fest, dass Jesus – zu dem ich eine persönliche Beziehung hatte, wirklich in der göttlichen Eucharistie unter uns gegenwärtig ist. Ich hatte keine Zweifel an seiner Gegenwart. Am Ende der Messe war ich aber oft sehr traurig, wenn ein süsses melancholisches Abschiedslied gesungen wurde:
„Adieu, meine Freude, Eucharistischer Jesu. Wenn ich dich verlassen soll, gehe ich mit grossem Schmerzen Ich kehre zurück in die schlechte, böse Welt, unter die Schmerzen und Sorgen“

Ich war dann wieder allein unterwegsDer Glaube an die Allgegenwärtigkeit Gottes half wenigEr war zu wenig konkret In Polen, zum Beispiel, wo viele Christen da waren, gab es eigentlich die Situation des Alleinseins nicht
Deswegen war es für uns eine grosse Sache, als die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils im 7. Art. über die vierfache Gegenwart Jesu gesprochen hat – viermal wird wird dort gesagt „presens adest“.

Jesus ist gegenwärtig nicht nur in der Liturgie der Kirche, sondern auch real in der Welt, unter den Glasubenden, mit uns unterwegs: überall „wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich unter ihnen“/ Mt 18,20/. Diese Stimme Jesu haben wir auch heute im Evangelium gehört. Es war damals eine sehr starke Sache für uns, die wir uns in den Wäldern und Bergen oft versammelt haben, um uns der Kontrolle der Polizei zu entziehen. In der Mitte unserer gelebten gegenseitigen Liebe im heiligen Geist haben wir Jesus, der wirklich gegenwärtig war, gespürt. Es war eine neue grosse Chance nicht nur für uns, sondern auch für die Familie – die später auch „Ecclesiola“, kleine Kirche oder „Hauskirche“ gennant wurde.

Aber dann, später, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, spürte ich mehr und mehr einen tiefen Schmerz, der bis heute andauert. Ich war tief enttäuscht, als ich gesehen habe, und bis heute bin ich enttäuscht, wenn ich sehe, dass diese Lehre des heiligen Geistes im Konzil wieder für manche Glaubenden, für manche Pfarreien bis heute nur schöne Theorie geblieben ist oder eine schöne Tatsache für die Meditation. Dabei hat doch Papst Paul VI. in seiner Enzyklika Mysterium fidei betont, dass diese Gegenwart Jesu unter uns real, wirklich, ist.

Papst Johannes Paul II. hat es an der Schwelle des neuen Jahrtausend in seiner Enzyklika NMI für unsere Zeit ausserordentlich stark betont Ich denke hier an seine Worte: Die Kirche muss „zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft gemacht werden“. Es ist notwendig, „eine Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern, indem man sie überall dort als Erziehungsprinzip herausstellt, wo man den Menschen und Christen formt“ /Nr. 43/. Mir scheint, dass wir diese Herausforderung des Heiligen Vaters bis heute noch kaum ins Leben umgesetzt haben.

Auch in der heutigen Feier habe ich sofort am Anfang gerufen: „Der Herr sei mit euch“. Der Auferstandene ist unter uns, wenn wir in seiner Liebe, in seinem Namen versammelt sind. Ähnlich betont auch Jesus im Johannes Evangelium die Wirkung der Liebe, die zur Gegenwart Gottes führt. Er sagt: Wenn jemand mich liebt, den wird auch mein Vater lieben, und „wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ /Joh 14,23/. Das hat eigentlich Gott schon im Alten Testament angekündigt: „Meine Freude ist es, bei den Menschen zu sein“ /Spr 8,31/. Und wenn wir hier das Wort Gottes hören und die Eucharistie empfangen, dann klingt in uns das Wort aus der Geheimen Offenbarung nach: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir.“ /Offb 3,20/.

Vor der Verkündigung des Evangeliums wurde in dieser Eucharistie von neuem wiederholt: „Der Herr sei mit euch!“. Und ebenso am Anfang des Hochgebetes. Der auferstandene Herr ist der Hauptzelebrant. Am Ende der Messe vor der Aussendung bedeuten diese Worte „der Herr sei mit euch“ : Ihr geht nicht allein in die Welt, sondern Christus unter euch geht mit! Mit Christus unterwegs. Vielleicht auch deswegen hat Jesus seine Jünger nicht einzeln, sondern zu zweit ausgesandt, um diese notwendige Communio schon voraus anzudeuten.

Unsere Verlassenheit, unser Alleinsein in der Zeit des Kommunismus ist heute Vergangenheit. Gott sei Dank! Das Geschenk der vielfachen realen Gegenwart Christi in unserer Mitte, über die das Konzil gesprochen hat, bleibt aber für mich mit der tiefen Verlassenheit in den Gefahren des Kommunismus eine sehr starke Erfahrung, die immer notwendig ist– auch heute. Und es ist wichtig, sie weiterzugebenEs gibt heute nicht weniger das Gefühl der Verlassenheit bei vielen Menschen. Warum sollen wir nicht den Auferstandenen absichtlich, durch die konkret und radikal gelebte Liebe, die der heilige Geist in unsere Herzen ausgegossen hat, Jesus unter uns, in unsere Mitte einladen. Nicht nur in Gedanken, sondern durch eine radikale, echte Einstellung der Liebe? Auch jetzt!

Wir Menschen kommen allein, nur mit unseren rein menschlichen Kräften da nicht weiter. Auch nicht auf der Ebene der Pastoral. In dem erwähnten apostolischen Brief sagte der Papst: “Machen wir uns keine Illusionen: Ohne diesen geistlichen Weg /verstehe: mit Christus/ würden die äußeren Mittel der Gemeinschaft recht wenig nützen. Sie würden zu seelenlosen Apparaten werden, eher Masken der Gemeinschaft als Möglichkeiten, dass diese sich ausdrücken und wachsen kann.“ /43/.

Wir treten in Europa ein, aber wie es mir scheint, nur mit unseren menschlichen Plänen und Kräften. Unsere Glaubenserfahrung aus der Zeit des Kommunismus ist deshalb für mich aufs Neue eine lebendige Herausforderung, eine neue grosse Perspektive, für die Kirche, für den Ökumenismus /siehe das grosse Treffen in Stuttgart im Mai../, für das Leben der Gesellschaft.

In dieser Eucharistie wollen wir heute daran denken und alle unsere Diözesen, ja ganz Europa, dem auferstandenen Herrn anvertrauen. Im Vertrauen auf sein Wort: „Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“


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