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Mit Christus auf dem Weg

Predigt zur Bistumswallfahrt


Erinnerung - „Jede Zukunft hat eine lange Vergangenheit“. Diese tiefsinnige Feststellung einer 99jährigen italienischen Politikerin trifft auch auf uns katholische Christen zwischen Altmark und Burgenland, zwischen Harz und Elbe-Elster-Kreis zu.

Obwohl wir eines der jüngsten Bistümer in Deutschland bilden, sehen wir uns doch in der Kette einer alten und ehrwürdigen Tradition.
Vor lauter Jubiläen kommen wir fast gar nicht mehr aus dem Feiern. Halberstadt schaut voller Stolz zurück, schon vor 1200 Jahren als eigenes Bistum gegründet worden zu sein, Merseburg gedenkt seiner Wiedererrichtung als Bistum vor 1000 Jahren, unser Jugendhaus in Roßbach hat sein 50jähriges Bestehen gefeiert, und auch unser neu errichtetes Bistum Magdeburg ist schon wieder 10 Jahre alt.

Was für eine bewegte Geschichte liegt doch hinter uns mit Höhen und Tiefen, Ab- und Aufbrüchen, Erfolgen und Versagen, Anpassung und Widerstand!
Mit wie viel Mut und Phantasie ist immer wieder das Evangelium Jesu Christi verkündet und in die Tat umgesetzt worden! Wie viel Heilige hat Gott in unserem Gebiet hervor-gebracht, die uns heute noch Leuchten und Vorbilder sind! Durch welche Nöte und Schwierigkeiten sind unsere Gemeinden in all den Jahrhunderten, aber auch in den letzten Jahrzehnten hindurchgegangen! Wie viele haben in ihnen Heimat und Geborgenheit, Anregung und Halt, Hoffnung und Zuversicht gefunden! Das alles darf nicht vergessen werden.

Die Erinnerung gehört zu unserem Leben und unserer Identität. Wir müssen wissen, wo wir herkommen und unsere Wurzeln sind.

„Eine Gesellschaft ohne Gedächtnis wird krank.“ (Weihbischof Maly, Prag). Ein Europa, das seine jüdisch-christliche Prägung leugnet, macht sich unglaubhaft. Eine Kirche, die ihre Geschichte vergisst oder missachtet, kann schnell dem Zeitgeist erliegen und leichter manipuliert werden. Ein lebendiger Bezug zur Vergangenheit aber stärkt unser Selbstbewusstsein und weitet unseren Horizont, bietet Korrektiv und Trost und lässt auch demütig und dankbar werden.

Wir brauchen uns unserer Vergangenheit nicht zu schämen. Zu Recht können wir auf das stolz sein, was geschaffen wurde oder herangewachsen ist. Was andere gesät haben, dürfen wir heute immer noch ernten – davon leben wir sogar.

Auftrag - Aber heißt Christus nachzufolgen nicht, sich von der Vergangenheit zu lösen, die Zukunft in den Blick zu nehmen und im Heute zu leben?

„Geht. Ich sende euch ...“ so lautet der Auftrag des Herrn an die 72 Jünger: Geht, brecht auf, zieht hinaus in alle Welt, lasst Überflüssiges zurück, belastet euch nicht mit Unnötigem, orientiert euch auf das Wesentliche, rechnet mit Widerständen und verliert das Ziel nicht aus den Augen! Aber geht los!

Kurz zuvor sagt Jesus im Lukasevangelium sogar noch radikaler: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“ In diesem Sinn schreibt Paulus im Brief an die Philipper (3,13 f.) auch: „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Jesus Christus schenkt.“

Sollen wir also doch alles vergessen, was gewesen war, und unsere bisherige Geschichte als „Schnee von gestern“ abtun? Sind Kirchenhistoriker, Chronisten und Archivare damit völlig überflüssig? Ist nur noch der Augenblick wichtig?
Das hieße wohl, einem Trugschluss zu erliegen. Auch Jesus lebt aus und mit der Geschichte des Volkes Israel und bezieht sich vielfältig darauf. Ohne sie wäre er nur bedingt zu verstehen. Was meint er aber dann mit der deutlichen Aufforderung, im Einsatz für das Reich Gottes „nicht zurückzublicken“? Ganz bestimmt geht es ihm darum, sich von der Vergangenheit nicht gefangen nehmen und lähmen zu lassen oder sie krampfhaft festhalten zu wollen.

„Das war schon immer so“, dürfte für uns Christen kein gängiges Argument sein und entspricht zudem auch nicht der Wirklichkeit. Zu allen Zeiten ist die Kirche herausgefordert worden, sich auf neue Verhältnisse einzustellen und sie mitzugestalten. Und sie kann das, sie hat die Kraft – und sogar den Auftrag, immer wieder aufzubrechen. Schaut nur in eure Pfarrchroniken; dort werdet ihr bewegende Beispiele dafür finden: im Mittelalter, nach der Reformation, unter nationalsozialistischen und dann nach dem II. Weltkrieg unter kommunistischen Bedingungen und schließlich in den letzten Jahren seit der Wende.
Und heute sagt uns der Herr immer noch: Geht! Ich sende euch ... Wieder verändern sich unsere Verhältnisse, und wir sind gefordert, sie mutig anzunehmen, engagiert mitzugestalten und nicht nachzulassen, die Saat des Evangeliums unter die Leute zu bringen. Dabei gilt es, Schwerpunkte zu setzen, geeignete Strukturen zu finden, Ballast abzuwerfen und mit weniger Finanzen zurechtzukommen. Manches wird sicherlich auch schmerzlich sein und Wehmut aufkommen lassen. Aber hat uns nicht der Herr mit auf den Weg gegeben, nur das Nötigste mitzunehmen und im Vertrauen auf ihn recht sorglos in die Welt zu ziehen?! Letztlich überzeugt doch nicht unsere Ausrüstung, sondern die Botschaft, die wir zu verkünden haben, und ein lebendiger und tiefer Glaube!

Entscheidend wird auch sein, dass wir bei allen notwendigen Veränderungen nicht nur um unsere Existenz besorgt sind und ständig um uns selbst kreisen; vielmehr sollten wir immer im Blick behalten, wozu es uns eigentlich gibt: Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Selbst, wenn wir angesichts mancher gesellschaftlicher Probleme und Nöte auch keine perfekten Lösungen anbieten können, müsste doch zumindest unsere Solidarität denen gehören, die arm und bedrängt sind.

Verheißung und Trost - Erstaunlicherweise berichten die zurückkehrenden Jünger voll Freude, dass ihnen sogar – wie es heißt – die Dämonen gehorchen.

Was war das Erfolgsrezept? Im 2. Korintherbrief gibt Paulus dazu einen Hinweis, wenn er sagt: (4,5) „Wir verkündigen nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu Willen.“ Christus ist also derjenige, auf den es ankommt, die Mitte all unserer Verkündigung. Auf seinem Antlitz strahlt die Herrlichkeit Gottes auf. Er ist der Weg, auf dem man Gott erkennen kann.

„Diesen Schatz“ – so sagt Paulus auch (4,7) – „tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.“ Ein wunderschönes Bild! Bei einem vollkommenem Gefäß wäre der Inhalt nicht sichtbar; durch Risse oder Sprünge würde man von ihm aber vielleicht etwas erkennen können.
Wir müssen keine Supermenschen sein, um unserer Berufung gerecht zu werden. Gerade in unserer Begrenzung kommt die ganze Kraft des auferstandenen Herrn und sein Licht erst zur Geltung. Und je mehr wir zu dieser unserer Schwachheit und Gebrechlichkeit stehen, um so mehr kommt der Herr zum Tragen.

Ist das nicht ungeheuer tröstlich? Auch und vielleicht gerade dann, wenn wir in die Enge getrieben, gehetzt oder sogar niedergestreckt werden, wenn wir unsere Möglichkeiten erschöpft sehen und kaum noch weiterwissen, sieht Paulus uns nicht nur in Leidensgemeinschaft mit dem Herrn, sondern auch in Verbindung mit seiner Auferstehung und Herrlichkeit. Unser Schicksal besteht darin, mit Christus zu sterben, um mit ihm zu leben. Beides ereignet sich oftmals gleichzeitig. Was aber oberflächlich betrachtet als Verlust erscheint, kann auf andere Weise durchaus zu neuem Leben führen.

Durch die Gnade Gottes sind wir also, was wir sind (vgl. 1 Kor 15,10); und das sollte uns Mut machen, unsere kleine Kraft weiterhin dem zur Verfügung zu stellen, der uns ausgesandt hat, allen Menschen zu verkünden: „Das Reich Gottes ist euch nahe!“

Im alttestamentlichen Buch Kohelet, das die Welt und das menschliche Leben recht nüchtern betrachtet, findet sich die Empfehlung (7,10): „...frag nicht: Wie kommt es, dass die früheren Zeiten besser waren als unsere? Denn deine Frage zeugt nicht von Wissen.“ In der Tat hat wohl jede Zeit ihre Schwierigkeiten und Chancen und ist zugleich Bewährungs- und Heilszeit. In jeder Zeit wird das Evangelium die Geister scheiden und auf Ablehnung oder Annahme stoßen. „Jede Zeit ist dem Evangelium gleich nah beziehungsweise gleich fern.“ (Bischof Joachim Wanke, Erfurt)

Stellen wir uns also den gegenwärtigen Herausforderungen, bestärkt durch das Beispiel unserer christlichen Vorfahren und im Vertrauen auf den, der mit uns auf dem Weg ist, zwischen den Zeiten, zwischen den Menschen, zwischen Himmel und Erde: Jesus Christus, unser Herr.

Weihbischof Gerhard Feige
Administrator des Bistums Magdeburg

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