Bistumskarte

Reform und Auftrag der Kirche

Predigt zur Diakonenweihe von Stephan Maciej

Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt, lieber Weihekandidat,
liebe Schwestern und Brüder!

Unsere Gesellschaft ist durch große Probleme herausgefordert. So wie bisher scheint es in Deutschland nicht weitergehen zu können. Um den Sozialstaat zu erhalten, sind Reformen nötig. Das aber löst bei vielen Ängste und Befürchtungen aus.
Wir alle wissen darum.

Was kann in einer solchen Situation die besondere Aufgabe der Kirche sein? Diese Frage hat mich in der letzten Zeit sehr bewegt. Schließlich handelt es sich bei uns ja nicht um irgendeine politische Partei, ein staatliches Ministerium, einen Wirtschaftsverband oder eine Gewerkschaft.

Sind wir nur hilflose Zuschauer oder doch in der Lage beziehungsweise sogar beauftragt, uns konstruktiv in die Entwicklung einzumischen? Worin kann unser spezifischer gesellschaftlicher Beitrag bestehen?

Ich glaube, dass der Dienst des Diakons, zu dem Sie, Herr Maciej heute geweiht werden, das besonders deutlich zum Ausdruck bringt und uns Wege weisen kann.

Solidarität mit Benachteiligten

Im Handbuch der Pastoraltheologie von 1972 kann man lesen, dass bei aller Vielfalt seiner Dienste ein Diakon hauptsächlich beauftragt sei, eine brüderliche Gemeinschaft in Kirche und Gesellschaft aufzubauen, „für Randgruppen ... dazusein; in Solidarität mit den Beladenen zu arbeiten; psychisch und physisch Vereinsamten mitmenschliche Beziehungen zu vermitteln“ und „die Bildung brüderlicher Kommunitäten durch eine sach-, zeit- und christusgerechte Diakonie des einzelnen Christen und der Gemeinde anzuregen und selbst zu bezeugen.“ Und so wird der Weihekandidat nachher unter anderem auch gefragt: „Bist du bereit, den Armen und Kranken beizustehen und den Heimatlosen und Notleidenden zu helfen?“ In Solidarität an der Seite derer zu stehen, die sich nicht frei entfalten können, überfordert sind, mit dem Leben nicht mehr zurechtkommen, an den Rand gedrängt oder ausgeschlossen werden, Einbußen hinnehmen müssen und einen sozialen Abstieg befürchten, ist wohl die erste Aufgabe, die Christus den Diakonen und darüber hinaus allen zumutet, die er in seine Nachfolge ruft.

Er selbst hat ein Herz für die Armen gehabt und war sich nicht zu schade, anderen die Füße zu waschen. Sein Umgang mit gesellschaftlichen Verlierern hat ihm vor einigen Jahren sogar den Buchtitel: „Jesus in schlechter Gesellschaft“ eingebracht.

Er hat keinen abgeschrieben, sondern viele herausgefordert, mit der Liebe Gottes in Berührung gebracht und zum Leben ermutigt.

Er hatte nicht für alles eine Lösung, aber den Mut, sich den menschlichen Nöten auszusetzen, und die Kraft, diese bis zum Tod am Kreuz auszuhalten.
Not nicht zu verdrängen oder schön zu reden, sondern wahrzunehmen und mitzutragen, sollte auch uns ein drängendes Anliegen sein. Dabei geht es nicht in erster Linie um unsere Glaubwürdigkeit, sondern um das Leben und Heil der anderen.

Einsatz für Menschenwürde

Neben der Solidarität mit den Benachteiligten ist es aber auch eine wichtige Aufgabe für Diakone und die ganze Kirche, sich für die Würde jedes Menschen einzusetzen.

Wie viele werden darin verletzt und fühlen sich gedemütigt: durch Unfreiheit und Ausgrenzungen, durch Willkür und Ungerechtigkeit, durch Vorurteile und Arroganz, durch Arbeitslosigkeit oder andere missliche Umstände.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht im deutschen Grundgesetz – und wie oft machen Menschen doch andere Erfahrungen.

Wenn jeder Mensch – nach christlichem Verständnis – ein Ebenbild Gottes ist, kann man seine Würde nicht daran bemessen oder festmachen, wie viel er besitzt oder verdient, welchen Beruf er ausübt oder ob er arbeitslos ist, was für ein Auto er fährt oder wie er wohnt, ob er gesund oder krank ist, was er leisten kann oder wie viel Ansehen er genießt.

Das alles macht nicht die Würde des Menschen aus. Offensichtliche Gewinner können sich würdelos benehmen, und angebliche Verlierer würdevoll ihr Leben meistern; aber es kann auch umgekehrt sein.
Jeden Menschen im Lichte Gottes zu sehen, ihm seine Würde zu erschließen und tatkräftig dafür einzutreten, dass möglichst alle am gesellschaftlichen Leben teilhaben und sich entfalten können, ist ein weiterer wichtiger Dienst, den wir als Kirche wahrzunehmen haben und dem sich Diakone bevorzugt annehmen sollten.

Kritische Anfragen

Und schließlich ist es Aufgabe der Kirche in der Nachfolge Jesu Christi, die Gesellschaft auch zum Nachdenken über sich und ihre Zukunft zu bringen, das heißt auch mit unbequemen Fakten und Fragen zu konfrontieren.

Parteien können sich das oftmals nicht leisten, weil sie dann nicht wiedergewählt werden. Kirche aber darf, wenn es um Heil oder Unheil des Menschen geht, nicht schweigen – egal, ob man ihre Einwände hören will oder nicht. Seit Jahrzehnten herrscht in unseren Breiten die Meinung: Je mehr materielle Güter wir haben, um so besser wird es uns gehen. Das war im Westen so und hat auch uns geprägt. Über Verzicht nachzudenken, ist nicht populär.

Statt dessen sind die Ansprüche gewachsen. Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und Karriere sind Zauberworte. Zugleich hat die Bereitschaft zu Selbsthilfe und Solidarität abgenommen. Unsere Gesellschaft atomisiert und treibt viele in die Einsamkeit und Hilflosigkeit. Verantwortung füreinander ist für manche kein Wert mehr. „Eine Mutter“, so hat es jemand auf den Punkt gebracht, „kann zehn Kinder ernähren, zehn erwachsene Kinder können aber nicht eine alte Mutter versorgen.“ Und es gibt Politiker, die die frühere Selbstverständlichkeit, dass man sich vor aller staatlichen Hilfe zunächst familiär oder verwandtschaftlich selbst unter die Arme griff, als „Sippenhaft“ diffamieren.

Da geht es mir immer unter die Haut und zu Herzen, wenn ich in ärmeren Ländern zu Gast bin und Menschen erlebe, denen es materiell viel schlechter geht und die ihres Lebens doch froher sind als viele unter uns. Neulich hat mir ein Seelsorger bei der Bundeswehr auch von folgender Erfahrung berichtet: Bei vielen Soldaten, die sich freiwillig zu Auslandseinsätzen melden, steht auf der persönlichen Werteliste an erster Stelle ein Pkw, den sie sich mit ihrem Gehalt anschaffen wollen. Nach ihrer Rückkehr ist dieser Wunsch oftmals auf Platz fünf oder noch tiefer gerutscht. Sie haben das Leben von einer andere Seite kennen gelernt und ahnen nun, dass materielle Güter wohl doch nicht das ganze Glück ausmachen.

Andere anzuregen und darin zu bestärken das Leben in Freiheit und Verantwortung anzunehmen, es miteinander zu teilen und zu gestalten, die wahren Werte zu erkennen, sich von Notlagen nicht entmutigen zu lassen und die Hoffnung nicht aufzugeben, ist keine leichte Aufgabe, aber ein diakonischer Auftrag unseres Herrn.

Lieber Herr Maciej, Gottes Ruf hat Sie gelockt und bis zum heutigen Tag darin bestärkt, sich von der Kirche in Dienst nehmen zu lassen, zunächst als Diakon und dann als Priester. Neuland liegt vor Ihnen. Wie Josua müssen Sie den Jordan überschreiten, sich von Vergangenem lösen und voller Vertrauen auf das einlassen, was Sie erwartet. „Sei stark und fest! Halte dich an die Weisungen des Herrn! Hab keine Angst und fürchte dich nicht! Ich werde dich nicht verlassen, sondern überall bei dir sein, wohin du auch gehst!“ Dieser Verheißung Gottes an Josua dürfen Sie trauen.

Möge die Diakonatszeit für Sie mehr als ein Praktikum sein. Mögen Sie davon – im positiven Sinn – gezeichnet bleiben und zum Segen für viele werden: in Solidarität mit den Benachteiligten, im Einsatz für die Menschenwürde und in der mutigen Bezeugung unpopulärer Wahrheiten. Und wenn Ihnen auch manche Last zugemutet werden wird, mögen Sie daran wachsen und nie die Freude verlieren.

Wer sich von alten Bindungen frei macht, Jesus nachfolgt und sein Leben ganz auf ihn einstellt, wird sicher keine Karriere im Sinne dieser Welt machen, aber Wesentliches gewinnen und einer hoffnungsvollen Zukunft entgegengehen.

Gerhard Feige

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