Bistumskarte

Seelsorge im Kontext von heute

Vortrag von Professor Franz zum Jubiläum


Professor Albert Franz
der Vortrag zum PDF-Download

Es ist üblich und angemessen, einen zehnten Jahrestag zu feiern. Sicher haben Sie allen Grund, sich über die zurückliegenden zehn Jahre seit der Wiedererrichtung Ihres Bistums Magdeburg zu freuen und diese Freude in einem gebührenden Festakt zum Ausdruck zu bringen. Dazu gehört dann auch ein Festvortrag. Und doch hat mich, nachdem ich Ihre ehrenvolle Einladung angenommen und mich daraufhin etwas in die Dokumentation Ihres „Pastoralen Zukunftsgesprächs“ (PZG) vertieft habe, das leise Gefühl einer gewissen Skepsis beschlichen, ob das denn so ganz richtig ist, nur wenige Monate nach dessen Verabschiedung schon wieder Worte zu machen. „Hüten wir uns vor großen Worten“ sagte Bischof Leo Nowak in seiner Predigt zum Abschluss der Bistumsversammlung am 17.1. dieses Jahres, und in seiner Rede zum Neujahrsempfang am 7.2., also kurz danach und im Augenblick der Inkraftsetzung der Beschlüsse Ihrer Bistumsversammlung mahnt er eindringlich: „Der Gipfel des Berges ist sozusagen erklommen... Nun aber beginnt der Abstieg. Dieser ist nicht weniger anstrengend und mühevoll. Wir dürfen nicht der Illusion verfallen, dass wir mit den vorliegenden Beschlüssen die Anliegen des PZG verwirklicht haben. Ganz im Gegenteil. Jetzt muss sich bewähren, was wir beschlossen haben.“ Sie befinden sich also in der Phase des Abstiegs aus den Höhen der Theorie in die Niederungen der Praxis. Nicht mehr nur Worte, sondern Taten sind gefragt, denn die Verwirklichung der Beschlüsse steht noch aus.

In der Tat: Taten und weniger Worte, schon gar nicht festliche Worte, scheinen gefragt, nicht nur in Magdeburg. Taten sind gefragt angesichts der krisenhaften Situation, in der sich die Kirche in Deutschland befindet, eine Krise, die in ihren Ausmaßen immer schmerzlicher zum Vorschein kommt und spürbar wird, nicht zuletzt weil es jetzt auch in finanzieller Hinsicht an die Substanz geht. Stehen wir mit dem Rücken an der Wand, wie die FAZ vom 30.9. schreibt, und zwar finanziell, personell, konzeptuell und nicht zuletzt hinsichtlich unserer Glaubwürdigkeit (Stichwort: Sankt Pölten), also ganz grundsätzlich? Und was ist da zu tun?

Viel ist die Rede vom Rückzug, von einer notwendigen Rückbesinnung auf das sogenannte Kerngeschäft. Aber was ist das? Wo sollen, wo dürfen wir abspecken, ohne dabei uns selbst, unseren Auftrag, unsere Identität zu verraten? Bewährt sich, die gleiche Frage anders gestellt, Ihr PZG auch angesichts dieser wenn nicht neuen, so doch verschärft ins Bewusstsein kommenden Herausforderungen?

Durch „Wort und Leben“ gilt es, so lese ich in Ihrem Text, „Zeugnis von und für Gott vor den Menschen abzulegen“ (S.43). Die Frage ist also: Was heißt das heute, 2004, im Kontext von Hartz IV, von zunehmenden Ängsten und Verunsicherungen im Blick auf die Renten, die Gesundheitsversorgung, den Arbeitsplatz, die ethischen Herausforderungen, im Blick auf die Schwierigkeiten beim Zusammenwachsen von Ost und West, im Blick auf einen von manchen geradezu sehnsüchtig erwarteten, aber bis dato weithin ausgebliebenen religiösen Aufbruch, im Blick auf den Rückgang geistlicher Berufe und die hartnäckige Skepsis vieler Menschen, vor allem auch junger Menschen, gegenüber der Kirche, etc. etc. ?

„Wir wagen den Aufbruch. Wir wollen eine Kirche sein, die sich nicht selbst genügt, sondern die allen Menschen Anteil an der Hoffnung gibt, die uns in Jesus Christus geschenkt ist.“ – diese programmatischen Worte heben Sie hervor im Leitbild Ihres PZG. Darum scheint es Ihnen zu gehen: Wir haben etwas zu bieten, was den Menschen gut tut, was sie brauchen, nämlich „die Hoffnung, die uns in Jesus Christus geschenkt ist“. Es geht Ihnen, es geht uns, denn ich teile dies voll und ganz, als Kirche also nicht um uns selbst. Es geht uns um die Menschen, und zwar aus der Überzeugung, dass Jesus Christus es ist, der auch heute den Menschen Hoffnung machen kann. Ein Programm! Ein hoher Anspruch! Soll es nicht bei diesen guten und hehren Worten bleiben, müssen wir versuchen, sie mit den Realitäten von heute zu verknüpfen, müssen wir uns fragen: Den Menschen heute Hoffnung geben, wie geht das? Den Menschen heute Hoffnung geben, tun wir das durch unsere Seelsorge?

In diesem Sinn möchte ich Ihnen ein paar Überlegungen vortragen, ein paar Gedanken in Worte fassen, die mir gekommen sind beim Durchblättern und Schmökern in Ihrer Dokumentation des PZG im Bistum Magdeburg. Dabei geht es mir nun wirklich nicht darum, da und dort herum zu kritisieren oder gar besserwisserisch ergänzen zu wollen, was noch fehlt. Ich möchte auf der Basis meiner Theologie, aber auch auf der Basis meiner Glaubenserfahrung, nicht zuletzt der Erfahrungen, die ich als Mitarbeiter in der Seelsorge in meinem Dresdener Umfeld machen durfte und darf, Ihnen mitteilen, was mir besonders wichtig erscheint an Ihrem Text, welche Fragen er ausgelöst hat, welche Perspektiven er mir eröffnet, welche Probleme ich sehe.

Wenn ich in diesem Sinn Ihr PZG in den Blick nehme, fällt mir auf: Der Text atmet einen wohltuend realistischen Optimismus bzw. optimistischen Realismus im Blick auf die Situation der Seelsorge in Ihrem spezifischen Kontext, im heutigen „postsäkularen Kontext“ unserer Gesellschaft und näher hin Ihres Bistums. Das ist angesichts von Resignation und Pessimismus, von denen sich auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pastoral derzeit anstecken lassen, alles andere als selbstverständlich. In diesem Sinn erscheint mir Ihr ganz grundlegendes Selbstverständnis, „der Hoffnung Raum zu geben und sie mit den Menschen zu teilen“ (S. 28), beinahe wie ein Kontrastprogramm zur alltäglichen Seelsorgsroutine. Um so wichtiger ist es, zu fragen: Was heißt das heute, „der Hoffnung Raum geben und sie mit den Menschen teilen“?

Martyria, Leiturgia und Diakonia als Grundvollzüge der Seelsorge heute

Sie sprechen in Ihrem PZG, ganz im Sinne des II. Vatikanischen Konzils, von Martyria, Liturgia und Diakonia als jenen Grundvollzügen der Kirche, in denen sich die Berufung zu dieser Hoffnung realisiert, zur konkreten Sendung wird, heute zur konkreten Sendung werden kann und muß.

Doch wovon ist da die Rede: Martyria – Leiturgia – Diakonia? Inwiefern teilen wir da etwas mit den Menschen, mit unseren Mitmenschen von heute, etwas, was Hoffnung geben kann und soll? Ist das alles nicht doch eher etwas für Spezialisten, für Glaubensprofis, wie schon allein die Sprache, das „theologische Parteichinesisch“ zu verraten scheint?

Vermutlich verstehen alle, die am Prozess des PZG beteiligt waren, sofort, worum es bei Martyria, Leiturgia und Diakonia geht. Aber die anderen? Der christliche Normalverbraucher und, nicht zuletzt, sondern vielleicht sogar insbesondere, der Nichtchrist, die Mitmenschen außerhalb des „binnenkirchlichen Raumes“ (47), die Nichtglaubenden, können die das noch verstehen, gar nachvollziehen?

Die Antwort auf diese Frage kann m.E. nicht nur darin bestehen, nach Worten zu suchen, mit denen wir erklären können, was das alles heißt, weil wir die Worte schon verstanden haben. Vor allen Versuchen, es anderen erklären zu wollen, müssen wir uns selbst klar werden darüber, worum es da eigentlich geht, und zwar nicht nur theoretisch, sondern lebenspraktisch, nicht zuletzt unseren je ganz persönlichen Glauben, unsere eigene Hoffnung, die in uns steckt, betreffend. Denn authentisch sind wir nur, das wissen wir, wenn das, was wir tun in der seelsorglichen Praxis, auch abgedeckt ist durch unseren eigen Glauben, durch unser eigenes Leben, nicht zuletzt durch die Grundüberzeugungen, die in uns stecken und letztlich unser Tun motivieren.

Deshalb möchte ich Ihnen nicht ersparen, dass wir uns auf ein paar sehr grundsätzliche Überlegungen einlassen zur Frage, worum es denn geht bei diesen Grundvollzügen kirchlichen Lebens Martyria, Leiturgia und Diakonia. Und zwar möchte ich fragen: Was hat das mit heute zu tun, mit uns, mit unserer, wie wir sagen, postsäkularen Gesellschaft, also auch, ja vielleicht sogar vor allem, mit den Menschen, die nicht glauben, sei es dass sie nicht mehr glauben, sei es dass sie auf der Suche sind nach so etwas wie den Glauben, auf der Suche nach Religion, nach Gott? Dabei geht es mir um folgendes: Sind Martyria, Leiturgia und Diakonia Grundvollzüge der Seelsorge, wollen wir also damit die Menschen erreichen, dann dürfen es nicht vor allem Grundvollzüge der Sonderwelt Kirche sein, in die wir dann beinahe zwangsläufig möglichst viele einladen, hereinzuholen versuchen. Es kann und darf hier nicht nur um Glaubensdinge gehen, die diejenigen verstehen, die eh schon glauben, die denen etwas geben, die schon drin sind. Wir kommen nicht an der Frage vorbei: In welchem Sinn dienen wir gerade damit den Menschen, geben wir ihnen dadurch Hoffnung? Tun wir das denn? Und: Geht das überhaupt? Oder stülpen wir da nicht doch eher etwas über, behelligen am Ende die Menschen mit Antworten auf Fragen, die sie gar nicht haben? Ihr PZG betont sehr dezidiert, dass die Kirche mit einer sich in Martyria, Leiturgia und Diakonia vollziehenden Seelsorge den Menschen dienen will, zu dienen hat. In der Tat, das wollen wir, das betonen wir immer wieder wortreich, nicht nur in diesem Text. Das betonen auch andere pastorale Konzepte und Hirtenbriefe, das sagt auch die Pastoraltheologie. Die kaum bestreitbare Tatsache, dass dies nicht jeder sofort erkennt, dass viele der Kirche, also uns, vielmehr vorhalten, gerade hier zu versagen, muß uns zur Frage veranlassen: Wie geht das, was heißt das heute, wie vermeiden wir es, mit all unseren seelsorglichen Aktivitäten – bewusst oder unbewusst - weniger den Menschen als unseren eigenen, den kirchlichen Interessen zu dienen?
Wer diese Frage stellt, ist nicht in jedem Fall bösartig. Wir müssen die Frage ernst nehmen, weil es offenbar um eine Gefahr geht, die in der Sache angelegt ist, eine Versuchung, der wir wohl nur dann nicht auf den Leim gehen, wenn wir uns dem Problem ernst und schonungslos stellen. Schon Augustinus hat offenbar dies im Blick, wenn er in seiner Rede über die Hirten, über die Seelsorger, sagt: „Solange wir nur über unsere eigenen Dinge reden, sind wir wie Hirten, die sich selbst weiden, nicht aber die ihnen anvertrauten Schafe“ (vgl. Brevier, Dominica XXIV per annum) In dieser Perspektive macht es mich nachdenklich, wenn ich in der Zeitung lese: „Bischöfe machen sich Sorgen um die Zukunft der Kirche“. So eine Schlagzeile in einer Tageszeitung der vorletzten Woche, die von der Herbsttagung unserer Bischöfe in Fulda berichtet hat. So verständlich das ist, geht es wirklich darum? Um die Zukunft der Kirche? Wie dienen wir da den Menschen? Angesichts der Krise, in der wir stecken, und die inzwischen in der Tat, wohl nicht nur in finanzieller Hinsicht, Ausmaße erreicht hat, wie sie die deutsche Kirche noch nicht erlebt hat (so Bischof Mussinghoff von Aachen in der FAZ vom 30.9., also von letzter Woche), kommen wir an dieser selbstkritischen Fragestellung nicht mehr vorbei.

Deshalb möchte ich, gerade weil diese Krise an die Substanz geht, und da und dort schon beinahe panikartige Reaktionen festzustellen sind, bewusst aus der Perspektive der Theologie versuchen, etwas zu sagen zu Martyria, Leiturgia und Diakonia, und zwar grundsätzlich, theologisch, zugleich aber so, dass deutlich wird, von welch praktischer Bedeutung es gerade heute, in diesem unserem Kontext ist, wie wir diese Grundvollzüge kirchlichen Handelns von Grund auf verstehen. Ich möchte damit nicht zuletzt im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten einen Beitrag dazu leisten, von allzu kurzatmigen, rein strategischen, am Ende rein marktstrategischen Überlegungen, wie denn die Kirche noch zu retten sei, weg zu kommen und möchte mit meinen Ausführungen dafür plädieren, dass wir uns in der Tat auf das Eigentliche, auf den Kern unseres Glaubens besinnen, und das ist der Dienst am Menschen, um von hier aus, auf dieser Basis, zu fundierten, tragfähigen und positive Perspektiven eröffnenden Entscheidungen im Blick auf die Seelsorge hier und heute zu kommen. Ich sehe eine Gefahr, nämlich die, dass wir uns angesichts der Krise, in die wir geraten sind, uns an sehr problematische, wenn auch vielleicht noch so gut gemeinte, noch so kompetent daher kommende Strategien zur Rettung von Kirche verkaufen. Darum kann und darf es uns nicht gehen, jedenfalls nicht primär und als Selbstzweck. Schon das Wort Jesu an seine Jünger im Seesturm scheint mir dagegen zu stehen: „Warum habt Ihr solche Angst, Ihr Kleingläubigen?“

Martyria – Leiturgia – Diakonia: als Hilfen zu gelingendem Menschsein

Der Gedanke, auf den meine bisherigen Überlegungen zulaufen, ist also: Wenn es wahr ist, wenn wir damit ernst machen, dass der christliche Glaube kein Selbstzweck ist, dass die Kirche „sich nicht selbst genügt“, dass es vielmehr um eine sinngebende Hoffnung, um „Leben in Fülle geht“ (PZG 38), und zwar für alle, dann müssen die Grundvollzüge der Kirche, also Verkündigung, Liturgie und Diakonie, und zwar alle drei, spürbar etwas mit diesem Leben zu tun haben, müssen sie alle drei vor allem anderen konkret und real erfahrbar im Dienste dieses Lebens stehen.
Ist das aber so, dann ziehe ich daraus folgende, mir wichtig erscheinende Konsequenz: Ist das so, dann ist es zu einfach, ja am Ende ein fatales Missverständnis, zu sagen: Verkündigung und Liturgie richten sich sozusagen nach innen, da geht es um das innerkirchliche Leben, das ist für Insider, das ist das Kerngeschäft, und darauf haben wir uns jetzt zu konzentrieren, auch in finanzieller Hinsicht. Alles andere ist dann Diakonie, ist der Dienst der Kirche nach aussen. Das aber ist gegenüber Verkündigung und Liturgie zweitrangig.

Wer Martyria und Leiturgia so dem Binnenraum kirchlichen Lebens und Glaubens zuweist, setzt ein ganz bestimmtes, und zwar sehr problematisches Verständnis von Glauben und Kirche, aber auch von Gesellschaft, ja letztlich setzt er ein ganz bestimmtes Menschenbild voraus, und zwar unabhängig davon, ob er zu diesem Binnenraum Kirche gehört oder diesem fremd bis feindlich gegenüber steht. Hier scheinen sich Extreme zu berühren. Jedenfalls ist das für mich einer der nachdrücklichsten Eindrücke einerseits vom kirchlich-religiösen und andererseits vom bewusst areligiösen Leben hier im ehemaligen Osten. Zwar lässt sich gerade in diesen Fragen gewiss nicht alles über einen Kamm scheren, muß man – gottlob – differenzieren. Dennoch halte ich es für nicht unbegründet zu sagen: Beide Seiten gibt es, und hier im ehemaligen Osten sind sie besonders deutlich noch identifizierbar, die im Grunde davon überzeugt sind, und das meine ich mit diesem problematischen Verständnis von Glauben und Kirche, dass Kirche und Glauben zuerst einmal eine Sache für sich sind. Auf der Basis dieser unterschwellig gemeinsamen Grundüberzeugung bestehen dann die einen, die kirchlich Gebundenen, auf der Selbständigkeit kirchlichen Lebens, also auf der Selbständigkeit von Verkündigung und Liturgie, und die anderen bestehen entsprechend darauf, dass Kirche und Glaube letztlich Privatsache ist und bleiben muß. Für beide Seiten ist die Kirche dann bestenfalls indirekt von öffentlicher Bedeutung. Die Glaubensinhalte, die Lehre, die in der Martyria bezeugt wird, und darum geht es dann primär und vielleicht sogar ausschließlich in der Verkündigung, das sind Dinge, die nur Gläubige betreffen, die also z. B. in einer öffentlichen Schule nichts zu suchen haben und deshalb besser in der Kirche oder im Pfarrhaus bleiben sollen. Und dafür scheinen mir die auf der anderen Seite mehr als nur Verständnis zu haben. In ähnlicher Weise ist die Liturgie nach dieser Auffassung nur binnenkirchlich von Bedeutung, denn wozu soll ein Gottesdienst anders da sein als zur religiösen Erbauung des Einzelnen und zur inneren Stärkung der Gemeinde? Öffentlich bedeutsam ist dies alles höchstens indirekt, nämlich insofern es vielleicht dazu beiträgt, Christen für gesellschaftliches Engagement, für konkreten Dienst, für die Diakonie, zu motivieren, zu stärken und vielleicht auch auszunutzen.

Kirchlich gesehen ist selbst dieses Engagement dann vor allem wichtig im Blick darauf, ob es damit am Ende wiederum gelingt, Menschen nicht nur zu helfen, weil sie Hilfe brauchen, sondern sie damit in die Kirche zu locken.

Diese Sicht der Dinge setzt sowohl in religiös-kirchlicher als auch in areligiöser bzw. gar antikirchlicher Perspektive, also von beiden Seiten her, die „säkulare Gesellschaft“ voraus, eine Gesellschaft, die sich ganz diesseitig versteht, sei es praktisch, sei es ideologisch, und die es dem entsprechend dem einzelnen überlässt bzw. zu überlassen hat, ob er zusätzlich zu allem anderen auch noch religiös und kirchlich ist, weil er entsprechende Bedürfnisse verspürt.
Inzwischen merken wir allenthalben, dass diese Vorstellungen einer „säkularen Gesellschaft“ ins Wanken geraten sind. Wer sich praktisch für „religiös Unmusikalisch“ ausgibt oder sich ideologisch als vom Ende der Religion überzeugt gibt, galt vielleicht vor 30 Jahren als fortschrittlich. Heute ist die Rede von „neuer Religiösität“ in, heute haben Engel Hochkonjunktur, sind die Zauberwelten a la Harry Potter Kult und gibt es nicht unberechtigte Ängste vor einer Rückkehr des Satans und seiner Dämonen. „Postsäkularität“ nennen wir diese Phänomene schlagwortartig, Phänomene einer „neuen Religiösität“, die eines gemeinsam haben: Sie prägen zunehmend unser öffentliches, gesellschaftliches Leben, sind also keineswegs auf die Privatsphäre beschränkt. Gleichzeitig aber gehen sie an der Kirche, an den Kirchen weithin vorbei, ja sie tragen nicht selten in für uns schmerzlicher Weise zum weiteren Mitgliederschwund bei, sie fördern das Gefühl, dass die Kirchen nun auch in ihrem ureigensten Feld, im Bereich des Religiösen, inkompetent geworden sind, nachdem ihnen die Kompetenz in Sachen Moral ohnehin schon längst verloren gegangen ist – auch hier von Ausnahmen selbstverständlich abgesehen.

Um so drängender ist die Frage, ja sie muss uns angesichts dieses faktischen Kompetenzverlustes auf den Nägeln brennen: Was ist in diesem Kontext die Aufgabe, der Auftrag der Kirche, das Ziel der Pastoral? In welchem Sinn dienen wir durch Verkündigung, Liturgie und Diakonie in diesem Kontext dem Menschen von heute, dem Menschen, der in der Postmoderen angekommen ist und dabei eine komplizierte und schwer wiegende geschichtliche Last mit sich herumschleppt: Vierzig Jahre Kommunismus bzw. vierzig Jahre Konsumismus, von dem, was voraus gegangen ist, ganz zu schweigen, diese Zeit der Ideologien, des Kalten Krieges, des militanten und des paktischen Atheismus? Wie können, wie müssen wir diesem Menschen dienen, der heute, nach dem Zusammenbruch all dessen und angesichts mangelnder positiver Perspektiven weithin orientierungslos in dieser anstrengend bunten und beängstigend vielschichtigen Welt umherirrt, oftmals gar nicht mehr weiss, was er suchen soll und am Ende sich eine „neue Religion“ zurechtbastelt? Wenn es nicht bloß schöne Worte sind, dass Verkündigung, Liturgie und Diakonie im Dienst des Lebens stehen, dann müssen wir uns fragen, welche Möglichkeiten in diesen programmatischen Begriffen stecken, dies als Kirche heute zu leisten, diesen Herausforderungen gerecht zu werden, welche Kompetenzen wir uns da selbst zusprechen und wie wir diese zum Tragen bringen. Dann können in der Tat weder Martyria noch Liturgia als primär binnenkirchliche Vollzüge verstanden bleiben.

Martyria

Beginnen wir mit dem Begriff der Martyria, d.h. fragen wir als erstes nach dem, was Verkündigung heute zu sein hat, damit sie wirklich dem Menschen dient.

In der Tat klingt der Begriff Martyria, ähnlich wie der der Liturgia, sehr theologisch, wie gesagt: Kirchlich-parteichinesisch, während der Begriff der Diakonie noch am ehesten zum öffentlichen Sprachgebrauch gehört. Nur wer Latein bzw. sogar nur wer Griechisch gelernt hat, kann den Wortsinn von Martyria verstehen. Der Verdacht legt sich schon vom Begriff her nahe, denn deine Sprache verrät dich und die Grenzen deiner Sprache sind die Grenzen deiner Welt (Wittgenstein), dass wir zwar viel reden von Weltbezug und Dienst am Menschen, in Wahrheit aber doch uns in einer Sonderwelt bewegen. Die Gefahr besteht, in der Tat wohl gerade im Bereich der Verkündigung. Gottesdienstliche Predigt, Katechese und Religionsunterricht sprechen da nicht selten eine ziemlich eindeutige Sprache.

Dass dies nicht so sein muß, ja eigentlich nicht sein darf, ergibt sich nun aber gerade schon aus dem Begriff. Martyria ist nämlich ursprünglich gerade nicht religiös in diesem Sinn gemeint.. Der Begriff kommt aus der griechischen Profansprache, näher hin aus der Gerichtssprache, und meint die öffentliche Bekundung, die Bezeugung einer Wahrheit durch das offen gesprochene Wort. Ziel ist dabei, durch gute Gründe, durch Argumente, andere von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Voraussetzung dafür ist, und das entspricht dem antiken Menschenbild, dass der Mensch auf Wahrheit angelegt ist, dass er wissen will, was Sache, was richtig und was falsch ist, und dass er dazu, dies voneinander unterscheiden zu können, zumindest prinzipiell auch fähig ist.
Wenn es, wie das PZG sagt, „ureigenste Aufgabe der Kirche ist, Zeugnis von und für Gott vor den Menschen abzulegen“ (S. 43), wenn dies also mit Martyria gemeint ist, dann kann dies schon von der Geschichte des Begriffs her nicht heißen, den Menschen eine Sonderwahrheit sozusagen aufs Auge zu drücken, sie mit etwas zu beglücken, worauf sie auch verzichten könnten, vielmehr geht es vor allem darum, den Menschen als nach Sinn und Wahrheit suchenden und fragenden ernst zu nehmen, ihn nicht mit wohlfeilen Sprüchen abzufertigen, sondern ihm tragfähige Möglichkeiten zu bieten, bei dieser seiner Suche nicht zu scheitern. Hier geht es also um einen hohen Anspruch, aber nicht einen Anspruch, mit dem die Kirche an die Menschen herantritt, sondern um den hohen Anspruch des Menschen, mit seinen Fragen, mit seiner Suche nach Sinn und Ziel seines Lebens, mit seinen Zweifeln und Unsicherheiten, radikal ernst genommen zu werden. Anspruch der Kirche, der Seelsorge ist es, diesem Menschen mit ihrer Verkündigung gerecht zu werden, ein Anspruch also, dem wir unterstehen, dem wir zu dienen haben, nicht den wir erheben.
Ich denke, das ist in seiner grundlegenden Bedeutung für das Verständnis kirchlichen Tuns und in seinen praktischen Konsequenzen für die Pastoral kaum zu überschätzen. Es heißt nämlich, dass es der Kirche im Bereich der Martyria, der Verkündigung, vor allem darum gehen muß, das Evangelium als für heutige Fragen und Probleme hilfreiche Botschaft den Menschen zu erschließen, es ganz in den Dienst des nach Wahrheit, Sinn und Leben suchenden Menschen zu stellen. Um es zu konkretisieren: Eine Kirche der Martyria muss dann heute eine Kirche sein, die sich einmischt mit ihrer Botschaft vom Menschen als Bild Gottes und von der Welt als Schöpfung Gottes in die Diskussionen um die Frage nach dem Menschen, z. B. in der Gentechnologie, die nicht schweigt zur Zerstörung der uns anvertrauten Umwelt, die Stellung bezieht in den Diskussionen um zeitgemäße Bildung und Ausbildung, um das Soziale und Ökonomische, um die Würde des Menschen am Anfang und am Ende des Lebens, um Terrorismus und interreligiösen Dialog. Aber, und darauf kommt es hier m.E. nicht zuletzt an, und vor allem hier bei uns nicht zuletzt an: Dies kann die Kirche, die Seelsorge nur leisten, als Dienst am Menschen ist dies nur möglich, wenn das mit Kompetenz und Sachkenntnis geschieht, wenn die Kirche zu all diesen Fragen nicht nur ein paar schöne, fromme Worte hinzufügt, sondern wirklich Substantielles aus dem Fundus der ihr zur Verfügung stehenden Wahrheiten anzubieten in der Lage ist, die Kompetenz hierzu besitzt und an den Tag legt. Etwas zugespitzt erlaube ich mir deshalb zu sagen: Der zeitgemäße Begriff für Martyria ist „Bildung“, freilich nicht im Sinn von ökonomisch orientiertem Wissensinput, wie man heute sagt, an dessen Ende im übrigen nicht selten die Manipulation und Ausbeutung des entsprechend programmierten Menschen steht. Martyria als Bildung meint: Ziel der kirchlichen Verkündigung ist nicht der fromme Christ, wie wir ihn manchmal gerne hätten, sondern der Mensch, wie Gott ihn gewollt hat. Es geht und muss uns gehen in unserer Verkündigung um Bildung des Menschen im Sinn von Aus-Bildung dessen, was im Menschen steckt, theologisch gesprochen, um Entfaltung dessen, was in jedem Menschen von Gott her angelegt ist, nämlich Bild, Abbild Gottes zu sein, also eine je einmalige Würde zu besitzen. Dass uns dies zugleich gegenüber manchen heutigen Bildungsprogrammen und den darin verborgenen Menschenbildern kritisch macht, sei nur am Rande noch einmal erwähnt.

Es ist hier nicht der Ort, die interessante, ja geradezu aufregende Geschichte des Verständnisses von Martyria als Bildung im einzelnen nachzuzeichnen. Da würden wir entdecken, dass die Gleichsetzung von Martyria und Bildung keineswegs den Versuch darstellt, einen traditionellen Begriff modern aufzumöbeln. Die Geschichte zeigt nämlich, soviel sei gesagt: Die Verkündigung der Botschaft des Jesus von Nazareth und die dadurch in Gang gekommene rasante Ausbreitung des christlichen Glaubens, seine Profilgewinnung in den ersten Jahrhunderten ist insgesamt als Bildungsprozess zu verstehen, und zwar durchaus in dem spezifischen Sinn von „Bildung“, wie wir heute noch „Bildung“ grundsätzlich verstehen bzw. verstehen sollten, nämlich als Bewusstseinsformung, als Entwicklung des spezifisch christlichen Selbst- und Weltbewusstseins, des gläubigen Selbst- und Weltverständnisses, das als solches Einsicht und Erkenntnis und so Sinn und Halt vermittelt, mit einem Wort: als Entfaltung, als Aus-Bildung dessen, was im Menschen an schöpferischem Potential angelegt ist. Nicht irgendwie halt auch und gelegentlich in der Geschichte mehr, gelegentlich weniger hat es demnach einen Zusammenhang von Christentum und Bildung gegeben, bzw. ist gar das, was wir „Bildung“ nennen irgend wann einmal, als es der Kirche gut ging und sie etabliert war und genügend Mittel zur Verfügung hatte, von der Kirche auch noch gemacht bzw. von ihr in Beschlag genommen worden. Von Anfang an ist die Geschichte des Christentums, der Verkündigung der Frohen Botschaft, ganz wesentlich Bildungsgeschichte. Man denke nur an Paulus, der nach der Apostelgeschichte auf dem Areopag seinen „unbekannten Gott“, und nach 1. Kor 1, 22ff. die „Torheit des Kreuzes“ als „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ verkündet, d. h. als Alternative zum menschlichen Erkennen und Wissen, die als solche das bisherige Bildungsideal auf den Kopf stellt, aber nicht indem sie dieses unterbietet, sondern indem sie daran anschließt, es aufgreift, um es so überbietend zu sich selbst zu bringen.
Eines der nach wie vor erstaunlichsten Phänomene der Geschichte ist für mich immer noch die Tatsache, dass der christliche Glaube am Anfang seiner Geschichte sich innerhalb weniger Jahrzehnte innerlich so stabilisieren, sich so verständlich machen konnte, dass er an die Stelle der antiken Bildungswelt insgesamt treten und mit seinem neuen Selbst- Welt- und Gottesverständnis die ganze damalige Welt durchdringen und neu stabilisieren konnte.

Schlagen wir den Bogen in die Gegenwart! Nach einer Phase des Rückzugs der Kirche auf sich selbst im 19. Jahrhundert, der apologetischen Verteidigungshaltung hinter den Mauern eines angeblich uneinnehmbaren Glaubenssystems gegen die moderne Welt des Wissens und der Wissenschaften hat das II. Vatikanische Konzil die Türen und Fenster wieder geöffnet. In der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute lesen wir im Abschnitt 62 zum Zusammenhang von Glauben und Bildung, von Bildung als Ziel der Pastoral:

„Die Gläubigen sollen in engster Verbindung mit den anderen Menschen ihrer Zeit leben und sich bemühen, ihre Denk- und Urteilsweisen, die in der Geisteskultur zur Erscheinung kommen, vollkommen zu verstehen. Das Wissen um die neuen Wissenschaften, Anschauungen und Erfindungen sollen sie verbinden mit christlicher Sittlichkeit und mit ihrer Bildung in der christlichen Lehre, damit religiöses Leben und Rechtschaffenheit mit der wissenschaftlichen Erkenntnis und dem täglich wachsenden technischen Fortschritt bei ihnen Schritt halten und sie so alles aus einer umfassenden christlichen Haltung zu beurteilen und zu deuten vermögen.“ (Rahner, Konzilskompendium 516).

Angezielt ist vom Konzil also „eine umfassende christliche Haltung“, aus der heraus die Gläubigen „alles zu beurteilen und zu deuten vermögen“. Diese aber ist, so das Konzil, nur zu erreichen über eine gelungene Synthese der christlichen Lehre mit den Wissenschaften, mit den unterschiedlichen Denk- und Urteilsweisen der Menschen heute, mit einem Wort, durch umfassende christliche Bildung, durch einen gebildeten christlichen Glauben. Gebildeter, den Herausforderungen der jeweiligen Zeit gewachsener Glaube ist das Ziel der Martyria, der Verkündigung, und muss es sein bzw. bei uns wieder werden.

Das heißt bezogen auf unsere Thematik und auf unseren hiesigen Kontext: Christlicher Glaube ist nicht zu verstehen als ein subjektiv-religiöser oder kirchlich-institutioneller Sonderbereich, sondern als ein alle Lebensbereiche durchdringendes und prägendes, m.a.W. den Menschen als Menschen von Grund auf bildendes, ihm ein Gesicht, seine Identität gebendes Sinngefüge. So gesehen ist die Weitergabe des Glaubens, ist die Martyria ein nie endender und zugleich ein umfassender Bildungsprozeß, in dem der Mensch es lernen können soll, sich all den Fragen und Problemen zu stellen, die ihm das Leben zumutet, um sachkompetent mit ihnen umzugehen, und um sie einzuordnen in den größeren Rahmen, in das Sinngefüge, das der Glaube ihm bietet. Dass dieser Glaube dabei selbst immer wieder der kritischen Reflexion unterzogen werden muß, dass es in Konkurrenz steht zu anderen Sinnangeboten und Lebensentwürfen, dass also das Sinnangebot des Glaubens nicht ideologisch oder fundamentalistisch vorausgesetzt werden darf, sondern seinerseits gebildet sein, also immer wieder gebildet werden muss, ist eigentlich selbstverständlich und doch muss es heute neu betont werden, denn die Gegenwart zeigt uns, wie groß die Versuchung immer wieder ist, dies zu vergessen und in bequemes, ja gefährliches ideologisches und fundamentalistisches Denken zurückzufallen, auch in der Kirche.

Was dies für die Praxis bedeutet, wissen viele von Ihnen sicher besser als ich. Ich denke, aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Kirche, will sie glaubhaft bezeugen, worum es ihr geht, die Martyria als Bildungsarbeit bzw. Bildung im Kontext der Verkündigung ernst nehmen muß, ernster, als dies weithin geschieht.
Gerne gebe ich in diesem Zusammenhang meiner Freude darüber Ausdruck, dass die Wissenschaftliche Theologie mit der Errichtung eines Instituts an der Universität Halle in Ihrem Bistum eine bescheidene, aber immerhin eine Basis gefunden hat. Ich kann nur wünschen und hoffen, dass auch dies dazu beiträgt, die Martyria, die christliche Bildung, die im letzten eine humanistische sein will und sein muss, im Bereich der Schulen und darüber hinaus im öffentlichen Bereich insgesamt zu verstärken und zeitgemäß zu realisieren. Ich sehe die Notwendigkeit und habe die Hoffnung, dass bei uns, in der Kirche unseres Landes, bis in die Pfarrgemeinderäte und die Pfarrgemeinden selbst hinein, also an der Basis, Bildung als wesentlicher Lebensvollzug der Kirche vertieft erfahren und bewusster praktiziert, und wo nötig auch neu entdeckt wird. Wie wollen wir unseren Glauben bezeugen, heute bezeugen, wenn es nicht gebildete Christen in allen Bereichen der Gesellschaft gibt, die Rede und Antwort stehen können über ihren Glauben, die auskunftsfähig sind, und zwar in einer Weise, die auch in einer Wissensgesellschaft, in der es viel Kompetenz, aber auch viel nur scheinbares Wissen gibt, standhalten und sich als hilfreich erweisen kann? Bildungsarbeit ist als konkrete Entfaltung des Grundvollzugs der martyria, der Bezeugung des Glaubens im umfassenden Sinn, ist heute also weniger denn je ein Randgebiet kirchlicher Aktivität, ist also kein Engagement, das auch reduziert oder gar aufgegeben werden könnte, etwa weil das wenige Geld, das noch da ist, für angeblich wichtigeres gebraucht wird. Ich kann nur wünschen, dass Sie in diesem Sinn die Aussagen Ihres PZG gerade über den Bereich der Martyria ganz besonders ernst nehmen. Vor uns liegt, und damit meine ich die Kirche in Deutschland insgesamt, wie mir scheint, die große Aufgabe, neu zu versuchen, was am Anfang der Kirche geschehen ist, nämlich eine tragfähige Synthese des Glaubens mit den Elementen von Bildung zu finden, die da sind, um diese so neu aufeinander zu beziehen, dass daraus mit Hilfe des Evangeliums, eine heute, unter heutigen Bedingungen, dem Menschen gemäße Welt entsteht. Neuevangelisierung kann, so gesehen, nicht heißen, die Menschen in die Kirche zurückzuholen, sondern, wie damals bei der Erstevangelisierung, das Potential des Glaubens in die Waagschale unserer Gegenwart zu werfen, um so dem Menschen zu dienen, dass er sich neu als „Bild Gottes“ erkennt und aus dieser Überzeugung heraus sich selbst und seine Welt „bildet“.

Dazu bedarf es gewiss einer Alphabetisierungskampagne in Sachen Grundwissen über den Glauben, über Religion und Religionen, über Weltanschauung, Philosophie und Ethik. Von daher ist es für mich geradezu schmerzhaft, immer noch erleben zu müssen, wie zäh es ist, wie schwer es gerade vielen Seelsorgern immer noch fällt, die Bedeutung des öffentlichen Religionsunterrichts an den Schulen zu erkennen und diese Aufgabe als wichtige Herausforderung für die kirchliche Verkündigung im dargestellten Sinn anzunehmen. So wichtig konkrete Gemeindeerfahrungen sind, also auch Gemeindekatechese und Jugendarbeit, sie können und dürfen den Einsatz für die Bildung der künftigen Generationen aus christlichem Geist nicht ersetzen oder gar verhindern. In einer Wissensgesellschaft, wie wir es sind, muss Verkündigung auch auf der Ebene des Wissens, der Argumentation, der Einsicht, der rational fundierten Überzeugung stattfinden. Das hat nichts zu tun und darf nichts zu tun haben mit einer einseitigen Verkopfung des Glaubens, wie oft gesagt wird. Aber das Schlagwort „Verkopfung“ darf auch nicht dazu benutzt werden, den Glauben zu veremotionalisieren und zu banalisieren und so der Auseinandersetzung um die Grundfragen des Humanum, die sich uns heute stellen, aus dem Weg zu gehen.

Leiturgia

Das für den Bereich der Martyria Gesagte gilt in vieler Hinsicht auch für den Bereich der Liturgie. Zwar ist es wahr und richtig, was auch Ihr PZG betont: Die Liturgie ist Feier der Kirche, ja der jeweils konkreten Gemeinde. Hier konzentriert sich Gemeinde auf ihre Mitte, hier ist in ganz besonderer Weise das Miteinander der Gläubigen, hier ist der Glaube selbst konkret erfahrbar. Und hier wird nicht zuletzt auch das Gemüt, die Emotion, das Herz angesprochen. Hier wird erfahrbar, hier ist der genuine Ort zur Erfahrung, dass christliche Bildung im umfassenden Sinn, Heraus-Bildung dessen, was im Menschen steckt, weil er Abbild Gottes ist, mehr ist als ein intellektuelles Geschehen. Gerade aber weil hier, in der Feier der Liturgie Glaube sehr konkret erfahrbar werden soll, emotional sich ausleben können soll, darf die Liturgie nicht zum esoterischen Geheimritual verkommen. Christlicher Gottesdienst, christliche Liturgie ist immer auch Einladung an alle, sogar insbesondere Einladung an die Außenstehenden, an die an den Strassen und Zäunen. Gerade auch in der Liturgie muss somit erkennbar sein, wie das PZG sagt (s. 58), „dass wir Kirche für andere sind“. Doch wie geht das? Ist das nicht in der Praxis ein Spagat, der nicht immer leicht zu bewältigen ist?

In der Tat kommt hier, in der Liturgie, und insbesondere in der Feier der Eucharistie, am deutlichsten spürbar jene Grundspannung zum Ausdruck und zum Austrag, in der wir als Seelsorgerinnen und Seelsorger, ja letztlich als Glaubende stehen: Kirche und Glauben sind ganz für den Menschen da. Das gilt uneingeschränkt und ohne wenn und aber. Doch darf gerade das nicht einseitig, nicht eindimensional verstanden werden, und zwar um des Menschen selbst willen. Das II. Vatikanische Konzil bringt dies in der Liturgiekonstitution folgendermaßen auf den Punkt: „In der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung, und so trägt sie in höchstem Maße dazu bei, dass das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird, der es eigen ist (!) zugleich göttlich und menschlich zu sein, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet, voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung, in der Welt zugegen und doch unterwegs; und zwar so, dass dabei das Menschliche auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die zukünftige Stadt, die wir suchen“ (Sacros. Conc. 2).

Hier sagt das Konzil: Glauben und Leben gehören zusammen, denn der Glaube dient dem Leben, aber nicht indem er darin aufgeht und etwa auf eine moralische Einstellung reduziert wird, sondern indem der Glaube das Leben sozusagen aufbricht auf die Dimension des Göttlichen hin. Glauben und Leben, Kirche und Welt, Göttliches und Menschliches, stehen nicht neben- oder gar gegen einander. Sie gehören zusammen. Was wir in der Martyria verkünden, das christliche Gottes-, Welt- und Menschenbild, alles das wird in der Liturgie je konkret erfahrbar, in Zeichen und Symbolen gegenwärtig, greifbar, lebendig und auf seine Mitte und sein Ziel, auf Gott hin ausgerichtet. In der sonntäglichen Eucharistiefeier, in den liturgischen Feiern der kirchlichen Hochfeste, bei den Feiern der einzelnen Sakramente für Menschen an den Lebenswenden, wie wir heute gerne sagen, haben wir somit ein Potential, einen Schatz von heiligen Zeichen, die dem Menschen helfen zum Menschsein, indem sie ihn mit dem Göttlichen in Berührung bringen. Hier nehmen wir den Menschen ernst als das Symbolwesen, als Wesen, das lebt von Zeichen, die auf Hintergründiges verweisen, die das Geheimnis erschließen und zugleich verbergen. All das wissen wir, davon ist heute viel die Rede. Woran liegt es aber dann, dass uns gerade dies so wenig zu gelingen scheint, dass unsere Liturgie in der Realität immer weniger Menschen anspricht, von Ausnahmen natürlich auch hier abgesehen? Woran liegt es, anders gesagt, dass wir zwar den Aufbruch wagen, nämlich, wie im PZG nachzulesen, und zwar dick hervorgehoben und eingerahmt (S. 64), „Liturgie so gestalten, dass Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche mit dem Geheimnis Gottes in Berührung kommen, daraus leben und es miteinander feiern können“, dass aber viele Menschen heute genau das, eher außerhalb der Kirche, außerhalb unserer Liturgie suchen und zu finden meinen?

Auf diese Frage bzw. Fragen habe ich keine Antwort. Ich kann sie nur an Sie weiterreichen und Sie ermuntern, gerade auch in diesem Bereich, vielleicht hier ganz besonders entschieden, wirklich aufzubrechen aus gewohnten Bahnen, wirklich Neues zu wagen, um das Ziel, Menschen mit dem Geheimnis Gottes in Berührung zu bringen, unter heutigen Bedingungen neu ernst zu nehmen. Wie gesagt, ich habe keine Antwort, aber ich frage mich zum Beispiel:

- Ist es wirklich sachgerecht, wenn wir unter den heutigen, erschwerten Bedingungen (Stichworte sind: Finanzielle Probleme, Priestermangel, Rückgang der Gottesdienstbesucher etc.), es vor allem darauf anlegen, die Versorgung mit halbwegs funktionierender Liturgie möglichst zu garantieren, also ein Netz von Gottesdienststellen etablieren, ein Netz, das im übrigen, wie wir alle wissen und schmerzlich erfahren, immer weitmaschiger zu werden droht, ein Netz, an dessen Knotenpunkten jeweils mehr oder weniger schlecht und recht Gottesdienst gehalten wird? Ich weiss, dass da nicht selten viel Engagement mit im Spiel ist, viel Kraft investiert wird und oft auch wirklich Gutes zustande kommt. Unbestritten. Aber sollten wir nicht mindestens ebenso viele Kräfte dazu verwenden, daneben, vielleicht auch anstelle dessen, wirkliche liturgische Brennpunkte zu bilden, spirituelle Zentren, wo nicht, wie in der Regel üblich, Routinemessen stattfinden, sondern wirkliche gottesdienstliche Feiern, ich wage es zu sagen, die Menschen in ihren Bann ziehen? Dienten wir mit wirklich guter Liturgie, mit qualifizierter Feier der Mysterien an wenigen, aber um so bekannteren Orten, dem postsäkularen, neureligiösen Menschen von heute mit seinem Hunger nach Transzendenz nicht mehr, als wenn wir ihm anbieten, am Sonntag in den Nachbarort zu fahren, um im Rahmen einer oft mehr gut gemeinten als guten Sonntagsmesse seiner Christenpflicht genügen zu können? Ich denke, da fährt er auch noch 10 oder 20 km weiter, wenn auch vielleicht nicht jeden Sonntag, aber doch immer wieder, wenn er weiß, dort werde ich angesprochen und angerührt, da begegne ich dem Heiligen, da begegne ich – Gott? Bräuchten wir also nicht mehr als flächendeckende Gottesdienstversorgung vor allem solche liturgischen Kraftzentren, von denen dann neues Leben ausgehen könnte, Leben, das dann weiter getragen würde in Gruppen, in Familien, in Ortsgemeinden? Entspräche das nicht dem, was Leiturgia als Dienst an den Menschen meint?
Eine weitere Überlegung.

Wenn es wahr ist, dass es uns um den Menschen geht, wie ernst nehmen wir die sakramental-liturgische Begleitung einzelner bzw. einzelner Gruppen? Unter dem Stichwort „Zeichen der Zeit“ finden sich hierzu wichtige Hinweise in Ihrem PZG. Warum aber tun wir uns in der Praxis so schwer, z.B. mit der Kommunion- und Firmkatechese? Liegt das vielleicht daran, dass wir zu sehr die Jugendlichen, wie wir ja sagen, zu den Sakramenten hinführen, als ihnen erfahrbar zu machen, dass eucharistische Gemeinschaft ihrem kindlichen Bedürfnis nach Angenommensein und Dazugehören zutiefst entspricht und dass „Firmung“ heißt: Hier erfährst Du als Jugendlicher bzw. auch als Erwachsener Hilfe, hier begegnest Du Menschen, die es gut mit Dir meinen, hier wird Dir geholfen, den Schritt ins Erwachsenenleben nicht allein gehen zu müssen? Erfahren Eltern, die ein Kind taufen lassen möchten, dass es hier um etwas ganz einmaliges im Leben ihres Kindes, ja ihrer Familie geht, erfahren Trauernde bei einer kirchlichen Beerdigung, dass sie in ihrem ganz individuellen Schmerz über den Tod eines lieben Menschen ernst genommen werden? Oder erfahren all diese Menschen an Stelle heiliger und heilsamer Zeichen vor allem pastorale Routine, die sie möglichst nicht stören sollten? Leiturgia als Ernstnehmen des Menschen in seiner auf Symbole angewiesenen, auf das Mysterium augerichteten endlichen und ganz einmaligen Verfasstheit, die insbesondere in Lebenskrisen der Zuwendung bedarf – wird hier nicht in besonders dichter Weise erkennbar, dass gerade auch die Liturgie als das innerste Tun der Kirche nicht um der Kirche, sondern um des Menschen willen zu geschehen hat? Wie aber gehen wir mit diesem Potential um? Warum ersticken immer noch und immer mehr unsere Seelsorgerinnen und Seelsorger in ihren administrativen Aufgaben, so dass sie sich diesem primären Aufgabengebiet gar nicht wirklich zuwenden können, auch in dem Sinn nicht zuwenden können, dass für sie selbst Liturgie zum Geschäft, zur Routine zu verkommen droht, die eigene Spiritualität vor lauter Engagement auf der Strecke bleibt?

Solche kritischen Rückfragen an unsere sakramental-liturgische Praxis ließen sich im Blick auf kaum überschaubar viele Lebenssituationen fortführen. Entscheidend scheint mir zu sein: Gerade hier, in der Liturgie, dem innersten Selbstvollzug der Kirche, wie das Konzil sagt, geht es um den Menschen, muss es uns um den Menschen gehen. Das heißt gerade nicht, darf gerade nicht heißen, dass wir die Liturgie verzwecken, als Gelegenheit nehmen, um an die Menschen heranzukommen und sie hereinzuholen. Es muss uns vielmehr in dem Sinn um den Menschen gehen, dass wir ihn um seiner selbst willen mit Gott in Berührung bringen, ihm, traditionell gesprochen, die Liebe Gottes erfahrbar machen, ob er dann zur Kirche kommt oder nicht.

Diakonia

Bleibt der Bereich der Diakonia. Ich möchte diesen nicht im einzelnen eigens entfalten und brauche dies auch nicht, weil sich aus dem Grundgedanken, den ich zu entfalten versucht habe, nämlich dass Seelsorge insgesamt kein kirchlicher Selbstzweck ist, sondern dem Menschen zu dienen hat, die wesentliche Bedeutung der Diakonie sozusagen von selbst ergibt. In der Tat wird die Kirche der Zukunft eine dienende Kirche sein müssen, wie im PZG nachzulesen ist, in der Tat geht es in allem darum, dem Leben zu dienen, in der Tat halte ich es für richtig und wichtig, (mit Bischof Gaillot) zu betonen: Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts, d.h. Diakonia ist kein Sonderbereich sondern eine immer aktuelle Dimension kirchlichen Handelns. Wie dies dann konkret aussieht, ob dies zu einer konzernähnlichen Caritas führen muss, oder ob es nicht dem Auftrag der Kirche eher entspräche, in allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen und Einrichtungen christlichen Geist durch entsprechendes Engagement Einzelner zum Tragen zu bringen – hier sei erinnert an das zum Thema Martyria = Bildung Gesagte - wäre zu diskutieren und ist sicherlich eine der angesichts der finanziellen Situation unausweichlichen Fragen. Vielleicht brauchen wir in Zukunft weniger kirchliche Krankenhäuser als christliche Ärztinnen, Ärzte und vom christlichen Menschenbild überzeugtes Pflegepersonal in einer von wem auch immer getragenen Krankenpflege, vielleicht brauchen wir auch weniger Schulen in kirchlicher Trägerschaft, dafür aber um so mehr christlich geprägte Lehrerinnen und Lehrer an allen möglichen Schulen. Also: Professionell exzellent ausgebildete Ärztinnen und Ärzte, Lehrerinnen und Lehrer, und dies sind nur zwei besonders einschlägige, aber wahrlich nicht die einzigen Berufsarten, die hier zu nennen sind, berufliche Topleute also, die darüber hinaus im umfassenden Sinn „gebildet“ sind, d.h. die ihre berufliche Qualifikation mit menschlicher Reife verbinden, weil sie zugleich christlich geprägt sind, intellektuell, spirituell, geistlich, sind das nicht die heute und morgen geforderten Träger glaubhafter Diakonie?

In jedem Fall, denke ich, gilt: Zur Seelsorge heute gehört die Caritas ebenso wesentlich dazu, wie umgekehrt der Caritas, der christlichen Diakonia, dem Dienst am Menschen aus christlichem Geist, aus christlicher Verantwortung, zumindest auf Dauer nur dann nicht sozusagen die Puste ausgeht, wenn dieser Dienst eingebunden ist in das umfassende christliche Engagement für den Menschen, zu dem nicht weniger die Martyria und die Liturgia gehören. Das scheint mir jedenfalls mindestens so wichtig zu sein wie die Frage der finanziellen Ausstattung unserer karitativen Einrichtungen.

Damit schließt sich der Kreis meiner Überlegungen, damit komme ich an das Ende meiner Worte anlässlich Ihres Diözesanjubiläums. Es sollte ein Festvortrag sein zum Thema „Seelsorge im postsäkularen Kontext von heute. (Selbst-)kritische Überlegungen aus theologischer Perspektive“. Das Thema selbst, vor allem aber der Text Ihres PZG, und nicht zuletzt das, was ich in meinem Dresdener Kontext erlebe und erfahre, alles das hat mich dazu verleitet, es nicht bei schönen und festlichen Worten zu belassen, sondern auch das eine oder andere Kritische zu sagen, vielleicht nicht immer ganz ausgewogen und ganz zu Ende gedacht, vielleicht aber gerade so anstößig genug, um Sie herauszufordern. Der grundlegende Gedanke, der Ansatz, dass Martyria, Leiturgia und Diakonia nicht aufteilbar sind in ein kirchliches Engagement nach innen und eines nach aussen, ist mir sozusagen ein Herzensanliegen, weil es zu meinem Grundverständnis von Theologie, ja von Glauben gehört, dass es uns um den Menschen gehen muß, denn Gott ist Mensch geworden, und zwar „um unseres Heiles willen“. Da habe ich mich durchaus wieder gefunden in Ihrem Programmtext, dem PZG.

Dass die Realität unserer Kirche, unserer Seelsorge in vieler Hinsicht dieser Programmatik nicht bzw. noch nicht entspricht, liegt auf der Hand, gehört zur Alltagserfahrung eines engagierten Christen von heute und wohl auch der Seelsorgerinnen und Seelsorger dieses Ihres Bistums. Ich bin jedenfalls davon ausgegangen, dass diese Spannung zwischen Programmatik und Realität auch in ihrem Bistum besteht. Sollte ich offene Türen eingerannt haben, um so besser.
Lassen Sie mich im Sinne meiner Überlegungen schließen, indem ich Ihnen, der Kirche von Magdeburg, für die nächsten zehn Jahre nichts mehr wünsche, als dass Sie die Kraft aufbringen, besser: aus der Verbundenheit mit Gott die Kraft schöpfen, nicht ängstlich den eigenen Untergang abwenden zu wollen, sondern in Wort und Tat, getrost und konsequent einander und den Menschen dieses Landes im Geiste Jesu zu dienen.

Prof. Dr. Albert Franz
Institut für Katholische Theologie
an der TU Dresden

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