Bistumskarte Jetzt spenden

„Denn die Gnade Gottes ist erschienen“

Predigt zum Weihnachtsfest

Magdeburg (pbm) – In seiner Weihnachtspredigt hat der Magdeburger Bischof Gerhard Feige die Menschen im Bistum aufgerufen, ihr Miteinander im Privaten und in der Gesellschaft „menschenfreundlicher“ zu gestalten. Alle sollten sich gegenseitig in ihrer Würde als Ebenbild Gottes und in ihrer Eigenverantwortung bestärken. Zugleich sei es aber nötig, das Ganze des Gemeinwohls im Blick zu behalten, solidarisch einander zu Hilfe zu kommen und füreinander ein zu stehen. Diese Prinzipien der katholischen Soziallehre seien im Grunde die Ausfaltung des Weihnachtsgeschehens. „Gott selbst wurde Mensch“, sagte Feige, „um den Menschen Angst und Einsamkeit zu nehmen.“ Mehr Menschlichkeit, mehr Eigenverantwortung und mehr Solidarität im Privaten wie in der Gesellschaft, stellten die Wurzel für echte Veränderungen dar. So gesehen sei Weihnachten der Ort, wo unsere Welt „gott-voller und damit menschlicher werden kann“.

„Denn die Gnade Gottes ist erschienen“



Oftmals geht es in unserer Welt recht gnaden- und heillos zu. Eigenartigerweise verdichtet sich dieser Eindruck manchmal gerade in der Advents- und Weihnachtszeit.

Vor einem Jahr war es die Tsunami-Welle in Südostasien, die uns erschütterte. Weitere Naturkatastrophen verheerenden Ausmaßes sind gefolgt. Fast täglich kann man von Terroranschlägen hören. Weltweit ist die Infektion mit dem HIV-Virus (Aids) rapide gestiegen. Immer mehr Kinder sind davon betroffen, vor allem in den afrikanischen Ländern. Und in unserer Gesellschaft erhöht sich der Druck: Leistung ist gefragt, Jugendlichkeit, Schönheit, Perfektion und Flexibilität. Wer da nicht mithalten kann, bleibt gnadenlos auf der Strecke. Andererseits gehen viele menschlichen Beziehungen in die Brüche. Schnell sind für Versagen und Schwächen Sündenböcke gefunden, nehmen Vorurteile und Unterstellungen anderen die Luft zum Atmen. Kein Wunder, wenn manche angesichts all dessen mutlos und bitter werden!

Was aber haben wir dem entgegenzusetzen? Wie können wir Weihnachten feiern, ohne in die Illusion einer heilen Welt zu flüchten, die uns ja oft mitten in den Feiertagen sehr schnell schon wieder zerbrechen kann?

Wie kann uns das erreichen und verändern, was da eben aus dem Brief des Apostels Paulus an Titus zu hören war: „Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten“?
Wo und wie ist diese Gnade denn spürbar? Wie wirkt sie sich aus? Oder noch steiler gefragt: Was ist denn anders geworden, seitdem Gott Mensch geworden ist? Ist die Welt seitdem weniger gnadenlos?

Solche Fragen können uns Christen schwer belasten. Sie fragen unseren Glauben an und konfrontieren uns auch mit unserer eigenen Mittelmäßigkeit und unserem Versagen. Schon seit zweitausend Jahren ist darauf immer wieder neu eine Antwort zu suchen und zu finden. Und auch heute sind wir herausgefordert!

Hat Gott uns nicht selbst eine Spur gegeben, die es tiefer zu erfassen und der es intensiver nachzugehen gilt: der Geburt Jesu als Kind in der Krippe?

Gott ist als kleines, ohnmächtiges, verletzliches Kind in diese Welt gekommen.
Auf diesem Wege ist die Gnade erschienen.
Nicht in einer alles umstürzenden Revolution.
Nicht mit „Pauken und Trompeten“.
Nicht mit einem Sozialprogramm, mit dem ein für allemal Hunger, Armut und Ungerechtigkeit beseitigt werden könnten.
Gott hat den Weg eines Kindes gewählt. Damit zeigt er auf elementare Weise, wie er uns nahe sein will: Er teilt all unsere Bedingungen, unser Menschsein von der Wiege bis zur Bahre, unsere Freuden und Schmerzen, Geburt und Tod, ja sogar die Gnadenlosigkeit einer gewaltsamen und ungerechten Hinrichtung. So ist er bei uns. So ist er mit uns solidarisch bis ins Innerste und bis zum Äußersten.

Die Botschaft von Weihnachten kann dann heißen: Wir sind nie mehr allein.
Was auch immer geschieht: Da ist einer, der um alles weiß und uns nahe ist. „Ich bin da“, sagt er, wenn wir uns freuen. „Ich bin da“ sagt er, wenn wir Angst haben und einsam sind. „Ich bin da“, sagt er, wenn wir schließlich dem Sterben und dem Tod ins Auge sehen müssen.

Liebe Schwestern und Brüder, gehört das nicht im Grunde zur tiefsten menschlichen Sehnsucht: dass jemand da sein möge, der uns nie im Stich lässt? Ist das nicht das einzige, was uns wirklich tröstet und stärkt, wenn wir uns schwach und ohnmächtig fühlen: elementare Nähe und Solidarität, nicht allein sein zu müssen – und niemanden alleine zu lassen? Das ist das, was Gott uns in der Heiligen Nacht mitzuteilen hat: unverdientermaßen und ohne Berechnung schenkt er sich uns in seinem Sohn, aus reiner Liebe. Und dieser Jesus Christus bleibt unser Bruder und Weggefährte bis ans Ende, ja sogar durch den Tod hindurch.

Damit sagt und zeigt uns Gott, wie diese Welt nachhaltig verändert werden kann. Damit gibt er uns einen Maßstab und ein Programm.

Seine Gnade, die in Jesus Christus erschienen ist, will uns befähigen und bewegen, auch den anderen gnädig zu begegnen und an der Gestaltung menschenfreundlicherer Beziehungen mitzuwirken. Wie geistvoll und heilsam können doch Barmherzigkeit und Liebe sein! Ist uns nicht genau das aufgegeben und auch möglich, was Gott selbst tut: ganz einfach da- und mit-dabei-zu-sein, Einsamkeit zu lindern und – wie es das II. Vatikanische Konzil formuliert hat – „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen“ zu teilen?! Gesellschaftspolitisch heißt das nach unserer katholischen Soziallehre: alle Menschen in ihrer Würde als Ebenbild Gottes und in ihrer Eigenverantwortung zu bestärken, aber auch das Ganze des Gemeinwohls im Blick zu behalten, solidarisch einander zu Hilfe zu kommen und füreinander ein zu stehen. Diese Prinzipien der Soziallehre sind im Grunde nichts anderes als eine Ausfaltung dessen, was Gott selbst getan hat, als er Mensch geworden ist: da anzusetzen, wo die Gnade am notwendigsten ist: an der Angst und Einsamkeit der Menschen. Hier liegt die Wurzel für echte Veränderungen. Hier ist die Stelle, wo unsere Welt gott-voller und damit menschlicher werden kann.

Und genau da braucht Gott uns Menschen, damit er auch heute in diese Welt, in diese Gesellschaft hinein wirken kann. Immer dann, wenn wir einen Menschen nicht allein lassen, werden wir zu einer „Übergangsstelle der Gnade“. Immer dann, wenn wir wach und sensibel sind für das, was gebraucht wird, wenn wir uns das Schicksal anderer zu Herzen gehen lassen und mutig darauf reagieren, geben wir etwas von dem weiter, was Gott an Weihnachten in diese Welt hinein gesetzt hat.

Wir dürfen und sollen ganz menschlich sein – so wie Gott selbst. Darum freuen wir Christen uns an Weihnachten auch über vieles, was unsere Sinne anspricht: den festlichen Schmuck, liebevolle Geschenke und andere Köstlichkeiten. Auch darin ist Gott uns und sind wir einander nahe. Denn uns Christen braucht nichts Menschliches fremd zu sein, wenn Gott selbst sich auf uns eingelassen hat.

Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen in aller Unvollkommenheit dieser Welt ein gnadenreiches Weihnachtsfest, die Erfahrung göttlicher Nähe und menschlicher Zuwendung. Mögen Ihnen viele Lichter leuchten und Mut machen, auch selbst mit dazu beizutragen, dass andere glücklicher werden! „Gott wurde wirklich Mensch – werde Du es auch!“

Bischof Gerhard Feige

link

Themen und Partnerportale