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Orthodoxe und Katholiken im ökumenischen Dialog

Ansprache von Bischof Feige zum Ökumenischen Symposion

Als Papst Pius XII. 1958 starb und Johannes XXIII. sein Nachfolger wurde, gab es zwischen Konstantinopel und Rom noch keinen „heißen Draht“. Zu diesem Zeitpunkt war es dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras nur möglich, seine Anteilnahme und Verbundenheit indirekt über die Presse zum Ausdruck zu bringen. Doch schon bald entkrampfte sich das von einer über tausendjährigen Entfremdung belastete Verhältnis zwischen Rom und der ganzen Orthodoxie immer mehr.

Der Anstoß dazu kam vor allem von den unvergessenen charismatischen „Erstbischöfen“ beider Kirchen, dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras und Papst Johannes XXIII. Signale für einen „Klimawechsel“ waren bereits die römische Einladung an die anderen Kirchen, Beobachter zum II. Vatikanischen Konzil zu entsenden, sowie die – nach anfänglicher Zurückhaltung auf orthodoxer Seite – im Laufe des Konzils wachsende Zahl orthodoxer Konzilsbeobachter. Die 2. Panorthodoxe Konferenz von 1963, die sich ausschließlich mit den Beziehungen zur katholischen Kirche befasste, schlug schließlich ihrerseits Rom einen „Dialog auf der Basis der Gleichberechtigung“ vor. Einen wirklichen Durchbruch brachte jedoch erst die symbolträchtige Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras 1964 in Jerusalem. Beide tauschten den Friedenskuss aus, lasen miteinander Joh 17 und beteten gemeinsam das Vaterunser. Damit begann ein „Dialog der Liebe“, der in vielfältiger Weise die historischen Belastungen aufarbeiten, das Vertrauen fördern und die Aufnahme theologischer Gespräche vorbereiten sollte.

Besonders bedeutsam war dafür der auf Anregung Konstantinopels zustande gekommene Versöhnungsakt am 7. Dezember 1965, dem vorletzten Tag des II. Vatikanischen Konzils. Zeitgleich erklärten der Papst in Rom und der Ökumenische Patriarch mit seiner Synode in Konstantinopel, jeweils im Beisein einer Delegation der anderen Kirche, dass sie die unseligen und folgenreichen Vorgänge um das Schisma von 1054 bedauern, dass sie die späteren „Exkommunikationssentenzen“ „aus dem Gedächtnis und der Mitte der Kirche tilgen und dem Vergessen anheim fallen lassen“, und dass sie auch die weiteren ärgerlichen Ereignisse und Entwicklungen, die „schließlich zum tatsächlichen Bruch der kirchlichen Gemeinschaft geführt haben“, beklagen. Wie es in ihrer gemeinsamen Verlautbarung zuvor heißt, ist es freilich nicht möglich zu tun, als ob die Vorkommnisse von 1054 „nicht das gewesen sind, was sie in dieser besonders wirren Periode der Geschichte gewesen sind. Doch heute, da man zu einem abgeklärteren und gerechteren Urteil über sie gelangt ist, ist es wichtig, die Übertreibungen wahrzunehmen, von denen sie befleckt wurden und die später zu Folgen geführt haben, die über die Absichten und Annahmen ihrer Urheber hinausgingen, deren Zensuren sich auf die angezielten Personen und nicht auf die Kirchen erstreckten und nicht beabsichtigten, die kirchliche Gemeinschaft zwischen den Sitzen von Rom und Konstantinopel aufzuheben.“ Schon den Akteuren von 1965 war bewusst, dass mit dieser „Geste der Gerechtigkeit und der wechselseitigen Vergebung“ nicht bereits – wie manche in der ersten Euphorie fälschlich meinten – die volle Communio zwischen der Kirche von Rom und der von Konstantinopel bzw. sogar mit der ganzen Orthodoxie wieder hergestellt sei; dennoch bildete dieses „Symbol der Liebe und der Annäherung“ (Metropolit Meliton ) eine notwendige Voraussetzung für alle weiteren Schritte.

Als theologische Leitidee, die die damaligen Versöhnungsbemühungen bestimmte, kann Phil 3,13 angesehen werden. Nachdem schon Papst Paul VI. darauf Bezug genommen hatte, verwendete auch Patriarch Athenagoras dieses Schriftwort, indem er programmatisch formulierte: „Vertrauen wir, was vergangen ist, der Barmherzigkeit Gottes an und hören wir den Rat des Apostels: Ich vergesse, was hinter mir liegt; ich bin ausgestreckt auf das, was vor mir ist. Ich will versuchen, es zu ergreifen, wie ich von ihm ergriffen bin.“ Und in seiner Weihnachtsbotschaft von 1965 überbietet er diesen Gedanken noch durch den Hinweis auf 2 Kor 5, 17f: „Altes ist vergangen, siehe da: Neues ist geworden. Und dies Ganze kommt von Gott, der uns mit sich versöhnt hat durch Christus und uns das Amt der Versöhnung übertragen hat.“ – Dieses „Amt der Versöhnung“ haben Patriarch Athenagoras und Papst Paul VI. in ihrer Zeit anschaulich gemacht und lebendig werden lassen.

Neun Jahre später (1974) äußerte sich der damalige Professor Joseph Ratzinger über eine Dokumentensammlung (Tomos Agapis), die das zwischenkirchliche orthodox-katholische Geschehen im Zeitraum von 1958 bis 1970 widerspiegelt: „Wer die Dokumente liest, wird sich am Ende schwerlich einer gewissen Melancholie entziehen können: Er erlebt einen zögernden und verhaltenen Beginn, ein dramatisches Ansteigen zu einem Fortissimo der Hoffnungen, der Nähe, so dass der Augenblick der vollen Vereinigung zum Greifen nahe scheint; aber eine bestimmte Schwelle wird nicht überschritten, und so wirken die letzten Texte wie ein Abklingen, das nicht alle Zuversicht aufgibt, aber doch eine Bescheidung spürbar werden lässt, die weitab ist von den Momenten, in denen die Bewegung auf ihrem Höhepunkt steht. Der Leser fragt sich, was für Folgerungen eigentlich aus der Aufhebung der Bannflüche des Jahres 1054 hervorkommen und ob es überhaupt Folgerungen von einigem Gewicht gibt.“

Diese Frage bewegt uns auch heute noch – ebenso wie die vor 40 Jahren von Rom und Konstantinopel feierlich besiegelte gemeinsame Pflicht, sich von der giftigen Macht des bösen Gedenkens zu lösen, die zwischenkirchliche Liebe wiederherzustellen und unablässig an der „Gesundung des Gedächtnisses“ weiterzuarbeiten. Vor allem sind es aber wohl die eindrücklichen Erfahrungen gewachsener orthodox-katholischer Communio und die gegenwärtig hoffnungsvollen Anzeichen für eine fruchtbare Wiederbelebung des gemeinsamen internationalen theologischen Dialogs, die in der Arbeitsgruppe Kirchen des Ostens die Idee für das heutige Treffen aufkommen ließ. Nicht zuletzt ist auch diese Arbeitsgruppe eine unmittelbare Folge des damaligen Versöhnungsaktes. Seit ihrer Gründung 1966 stellt sie ein wesentliches Instrument der Kontakte der Deutschen Bischofskonferenz mit den Orthodoxen Kirchen dar. Die bis 1989 organisierten zehn Regensburger Ökumenischen Symposien und die bis heute fortdauernde Unterstützung orthodoxer Stipendiaten sind nur einige Beispiele ihres Engagements.

Wir freuen uns, dass unsere Anregung in der Gemeinsamen Kommission der Griechisch-Orthodoxen Metropolie und der Deutschen Bischofskonferenz sowie in der katholischen Ökumenekommission Unterstützung gefunden hat, und sind dankbar, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, und der Vertreter des Ökumenischen Patriarchats in Deutschland und Zentraleuropa, Metropolit Augoustinos, zur heutigen Festveranstaltung eingeladen haben. Mein herzlicher Dank gilt natürlich auch dem Ortsordinarius, Friedrich Kardinal Wetter, für seine selbstverständliche Gastfreundschaft. Es ist das erste Mal, dass sich orthodoxe und katholische Bischöfe in Deutschland zu einer solchen gemeinsamen Begegnung zusammengefunden haben. Ich grüße alle bischöflichen Mitbrüder von ganzem Herzen. Ich grüße aber auch alle anderen Gäste und Teilnehmer dieses Ökumenischen Symposions.

Am 7. Dezember 1965 findet sich in der Rede von Patriarch Athenagoras der Satz: „Wir schreiben heute nicht nur eine Seite in das Geschichtsbuch der Kirche, sondern auch eine Seite der Liebe in die Geschichte unserer Herzen.“ Möge ein solcher Segen auch auf der heutigen Begegnung ruhen und von ihr ausstrahlen!
Gerhard Feige
Bischof von Magdeburg



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