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Sinnbild der Kirche: die Orgel

Predigt zur Orgelweihe in der Kathedrale

Wozu sind wir auf Erden? Gibt es darauf überhaupt eine Antwort? Hat man sich diesem Schicksal nicht einfach zu ergeben und dann etwas daraus zu machen:

  • Leben weiterzugeben, um die Menschheit zu erhalten

  • Das oftmals kurze Glück unbeschwerten Daseins zu genießen,
    sich - wie es manchmal heißt - auszuleben und selbst zu verwirklichen

  • Oder aber zum Wohle anderer beizutragen, die Gesellschaft
    aktiv mitzugestalten, deutliche Spuren zu hinterlassen und der
    Nachwelt möglicherweise als selbstlos
    in Erinnerung zu bleiben?

  • Wozu sind wir auf Erden? Eine steile Frage, die vielleicht anlässlich einer Orgelweihe sonderbar klingt. Als Christen finden wir da im Neuen Testament manche Antwort. Eine davon hören wir im ersten Kapitel des Epheserbriefes gleich drei Mal. Dort wird uns gesagt: Wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt. (Eph 1, 12; vgl. 1,6. 1,14). Kürzer und prägnanter kann die Bestimmung des Menschen kaum ausgedrückt werden: Wir sind auf Erden, um Gott zu loben. In einem bekannten Kirchenlied heißt es demgemäß auch:
    „Gott loben, das ist unser Amt“.

    Was bedeutet das? In unserem alltäglichen Erleben kann Loben die spontane Reaktion auf etwas Wunderbares sein, was wir erfahren oder geschenkt bekommen. Da entschlüpft uns sozusagen wie von selbst ein Ausruf des Staunens, der Freude, des Dankes: „Herrlich! Phantastisch! Ist das nicht wunderschön?!“ Oder noch kürzer und alltäglicher: „Toll!“ Und bei Jugendlichen: „Einfach cool!“.
    Auf Gott bezogen heißt das: In dem Maße, in dem wir erkennen und uns darauf einlassen, wer Gott ist, wie wunderbar er unsere Welt geschaffen hat und wie er an uns handelt, können wir gar nicht anders als ihn zu loben. Im Lob lassen wir die Liebe Gottes sozusagen bei uns wirklich ankommen und antworten spontan darauf. Zwischen Erde und Himmel entsteht dann - wie Papst Johannes Paul II. einmal gesagt hat - „ein Kommunikationsfluss, in dem das Wirken des Herrn und der Lobgesang der Gläubigen zusammentreffen.“ Der Mensch wird dann zu einem „Kantor“ des ganzen Universums: Er preist Gott für alle Geschöpfe, für das Geschenk des Lebens.

    „Nichts erhebt die Seele so sehr“

    Das hört sich sehr schön an. Aber wenn uns gar nicht nach Loben zu Mute ist? Wenn uns angesichts der Situation, in der wir leben, angesichts der Welt, die uns tagtäglich vor Augen geführt wird, viel eher Klage, Zweifel oder Protest über die Lippen kommen wollen?
    Wie können wir dann noch unserer Bestimmung folgen: dem Lobe Gottes?

    In den Texten der Bibel und in der kirchlichen Tradition und Praxis finden wir in immer neuen Varianten eine ebenso einfache wie überraschende und provozierende Antwort. Sie lautet zusammengefasst so: „Wenn alles in dir dunkel ist und du an Gott zweifelst, dann wende dich dennoch Gott zu und lobe ihn.“ Immer wieder bezeugen die Psalmbeter genau diese Kehrtwendung aus der eigenen Not heraus auf Gott hin.

    „Im Lob“ – so beschreibt dies ein Religionswissenschaftler (G. van der Leeuw) – „ist die Selbstvergessenheit, die sich über das Leben erhebt in der Mächtigkeit des Gelobten Loben ist von sich selbst ab- und sich Gott zuwenden.“

    Und ein moderner religiöser Dichter drückt diese uralte Erfahrung so aus:

    „Nach dem morgendlichen
    Gang über die Psalmbrücke
    Drehe ich mich nicht mehr
    Um die eigene Achse
    Ich atme die alten
    Heilsworte in meine
    Tagängste
    Und bin guter Hoffnung.
    M.W. Bruners


    An dieser Stelle kommt nun die Musik ins Spiel. Denn kaum etwas anderes kann die Seele so sehr ergreifen, bewegen und verändern wie die Musik. „Wenn wir singen, vertreiben wir die Nacht“, heißt es in einem alten Hymnus (aus der Schule des hl. Ambrosius). Durch die Musik werden wir in einer Tiefe des Menschseins angerührt, die sich dem rationalen Verständnis entzieht. Musik eröffnet Welten, die unseren Horizont überschreiten und zu Staunen und Dankbarkeit führen.

    Deshalb gehören in der biblischen Tradition der Gesang und die Musik ganz wesentlich zum Gottesdienst. Die Psalmen wurden gesungen und von Instrumenten begleitet. Im Buch der Chronik erfahren wir sogar von einer Art „Jerusalemer Orchester“, das bei der feierlichen Übertragung der Bundeslade eingesetzt wurde.
    Musik war und ist in dieser Tradition Ausdruck von Dank und Lobpreis, von Freude und Jubel über die Großtaten Gottes. In diesem Sinne wird sie keineswegs als Ausschmückung oder Zutat angesehen, sondern vielmehr als Medium, als Transportschiene für die Begegnung mit Gott. Sie berauscht nicht, führt nicht in Trance – sondern macht hellwach und empfänglich für diese Begegnung. Ja, sie erscheint als von Gottes Geist selbst eingegeben.

    So drückt es jedenfalls die Lesung aus dem Epheserbrief aus, die wir vorhin gehört haben. In ihr eröffnet sich geradezu eine „Theologie der Kirchenmusik“. Der stimmt auch Johann Sebastian Bach zu, wenn er sagt: „Die Kirchenmusik ist von Gott angeordnet worden. Sie ist göttlichen Ursprungs.“

    In besonderem Maße galt dies für ihn von der Orgel, die im Lauf der Kirchengeschichte zur „Königin der Instrumente“ und im Abendland zu einem festen Bestandteil der Liturgie geworden ist. Ja, sie erscheint sogar selbst als Liturgie.
    Diese Bedeutung der Orgel bekräftigt auch das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Liturgiekonstitution: „ihr Klang“ – so heißt es da – „vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben.“ (SC 120).

    Die Orgel – Sinnbild der Kirche

    Darüber hinaus kann man die Orgel in ihrem Aufbau und in ihrer Funktion auch als einen Ausdruck für die Wirklichkeit der Kirche ansehen. Da ist zum einen das Pfeifenwerk, das in einzelne Register gegliedert ist. Die Klänge dieser Pfeifen können sehr unterschiedlich sein: laut, leise, hoch, tief, schrill oder dumpf – je nach Beschaffenheit. Manche Pfeifen sind gedeckt, manche spitz zulaufend. Einzelne sind weithin im Prospekt sichtbar, die meisten aber stehen unsichtbar auf der Windlade im Gehäuse. Bestimmte Reihen von Pfeifen gehören zusammen und unterscheiden sich von anderen Pfeifenreihen. So ergibt sich ein wunderbares Bild von der Einheit der Kirche in Vielfalt, in der jedes einzelne Element, jeder einzelne Klang an seinem Platz unverzichtbar ist für den Gesamtklang.

    Und dann die Windladen – der Unterbau des Pfeifenwerks. Sie sind das Herzstück der Orgel. Alle Pfeifen stehen mit ihnen durch Ventile in Verbindung. Wenn ein Ton erklingen soll, wird durch den Druck der Klaviaturtaste das Ventil geöffnet und Luft bzw. „Wind“ in die einzelne Pfeife geblasen. Im übertragenen Sinne gedeutet, könnte man sagen: Die Gaben, die ureigenen Klänge der einzelnen Gläubigen, werden durch den „Hauch des Windes“, des Heiligen Geistes, hervorgebracht. Die Kirche ist somit nichts Starres und keine rein menschliche Einrichtung. Der göttliche Geist ist es, der Leben verleiht, das Ganze aufbaut und den vollen Klang ermöglicht – zum Lobe Gottes und zur gegenseitigen Freude und Stärkung.

    Und schließlich spielt die Orgel nicht für sich selbst oder ertönt nur für die Gläubigen im Gottesdienst. In Konzerten und Meditationen außerhalb der Liturgie vermag sie manchmal auch die Herzen von Menschen anzurühren, die sonst vielleicht nie mit christlichem Glauben und kirchlichem Leben in Berührung kommen würden. Damit wird sie gleichsam zu einem Instrument der Verkündigung und erinnert uns Christen an den eindrücklichen Auftrag Jesu, das Wirken Gottes überall bekannt zu machen. Schon Augustinus sieht in der Musik eine charmante Möglichkeit christlichen Zeugnisses, wenn er sagt: „Erklären können wirs nicht, verschweigen können wirs nicht, also singen wir“ ( Enerrationes in psalmos).

    Wenn heute die neue Orgel von St. Sebastian eingeweiht wird, dann reiht sich ihr Klang ein in den Klang des Volkes Gottes, der von Generation zu Generation weiter schwingt. Es ist der Klang des einen und doch vielstimmigen Gotteslobes – zur Verherrlichung Gottes auf dieser Erde. Wie könnten wir da anders als jubelnd in dieses Lob einstimmen?! So preisen wir Gott und danken ihm mit Psalm 150, dem letzten Psalm, der dem ganzen Psalter noch einmal ein Siegel einprägt. Hier klingt noch einmal das ganze volle Orchester, hier klingen noch einmal alle Register:

    „Halleluja!
    Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobt ihn in seiner mächtigen Feste!
    Lobt ihn für seine großen Taten, lobt ihn in seiner gewaltigen Größe!
    Lobt ihn mit dem Schall der Hörner, lobt ihn mit Harfe und Zither!
    Lobt ihn mit Pauken und Tanz, lobt ihn mit Flöten und Saitenspiel!
    Lobt ihn mit hellen Zimbeln, lobt ihn mit klingenden Zimbeln!
    Alles was atmet, lobe den Herrn! Halleluja!“



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