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„Sternstunde der Kirchengeschichte“

Kirchenvertreter würdigen Tilgung der Bannsprüche von 1054

München (dbk) - Als einen „wirklichen Neubeginn“ im Verhältnis von Orthodoxer und Katholischer Kirche nach Jahrhunderten der Entfremdung und der Missverständnisse und als „eine Reinigung der Erinnerung und des Gedächtnisses“ würdigte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, die gegenseitige Aufhebung der Bannsprüche von 1054 am 7. Dezember 1965. Lehmann äußerte sich in München bei der Ökumenischen Begegnung aus Anlass des 40. Jahrestages dieses Ereignisses, zu der er gemeinsam mit dem Metropoliten Augoustinos von Deutschland und Exarch von Zentraleuropa eingeladen hatte. An der Begegnung – der ersten ihrer Art in Deutschland – nahmen hochrangige Vertreter der Orthodoxie und der katholischen Kirche teil, darunter für die katholische Kirche der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Kirchen des Ostens der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg) und der Vorsitzende der Ökumenekommission, Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller (Regensburg). Zu den Vertretern der orthodoxen Kirche zählten u.a. der russisch-orthodoxe Erzbischof von Berlin und Deutschland, Feofan Galinskij, der serbisch-othodoxe Bischof von Mitteleuropa, Konstantin Djokic, der rumänisch-orthodoxe Metropolit von Deutschland, Serafim Joanta, sowie der Vorsitzende der Kommission der Orthodoxen Kirchen in Deutschland, Professor Anastasios Kallis aus Münster.

Ansprache von Bischof Dr. Gerhard Feige

Beim Ökumenischen Symposion zu Beginn der Festveranstaltung ordnete Kardinal Lehmann zunächst die Ereignisse von 1054 und 1965 in ihren historischen Kontext ein. Die wechselseitigen Bannsprüche seien nämlich nicht, wie es vielfach heißt, als der Beginn der Kirchenspaltung zwischen der Orthodoxen und der Katholischen Kirche zu sehen. Umgekehrt habe auch nicht der Akt am 7. Dezember 1965 die Trennung einfach aufgehoben. Die Geschehnisse dieses Tages müssen vielmehr im Zusammenhang verschiedener Ereignisse gesehen werden. Kardinal Lehmann erinnerte an die symbolträchtigen Treffen des Patriarchen Athenagoras und Papst Paul VI. am 6. Januar 1964 in Jerusalem, im Juli 1967 im Phanar (Sitz des Patriarchen von Konstantinopel) sowie im Oktober 1967 in Rom. Die Tilgung füge sich auch ein in eine Reihe „Handlungen großer Ausdruckskraft“ des Zweiten Vatikanischen Konzils, wie z. B. die Ankündigung eines Ökumenischen Konzils durch Papst Johannes XXIII. im Januar 1959, die Einladung nichtkatholischer Beobachter zum Zweiten Vatikanischen Konzil oder die beschwörende Botschaft der Konzilsväter an die Menschheit vom 20. Dezember 1962 zur Kuba-Krise.

Erst im Zusammenhang mit der Vor- und der unmittelbaren Nachgeschichte sei im Akt der „Reinigung der Erinnerung“ von 1965 „grundlegend und alles Weitere ermöglichend die Liebe wiederhergestellt (worden) zwischen Rom und Konstantinopel“. Die Tilgung der Bannsprüche seien Zeichen der untrennbaren Doppelgestalt von Liebe und Wahrheit. „Das Symbol der Spaltung ist durch das Symbol der Liebe ersetzt worden“, zitierte Lehmann Worte des damaligen Regensburger Theologieprofessors Joseph Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI. Dieser habe schon vor über dreißig Jahren darauf hingewiesen, dass damit die Aufgabe des theologischen Dialogs und die unablässige Arbeit an der „Gesundung des Gedächtnisses“ verbunden sei.

Diesem Anspruch sehe sich die Deutsche Bischofskonferenz nachdrücklich verpflichtet, betonte Lehmann. Als ein Beispiel nannte er die Bemühungen im Bereich der Lehre und des Studiums. So lade die Deutsche Bischofskonferenz seit vielen Jahrzehnten Stipendiaten aus den Ostkirchen nach Deutschland ein, und die Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie in München ermögliche die Verknüpfung des Studiums orthodoxer mit katholischer und evangelischer Theologie. Deutlich widersprach Lehmann jeglicher Sorge, der orthodox-kaholische Dialog könne zu Lasten des evangelisch-katholischen Dialogs geführt werden. „Dies wird in keiner Weise der Fall sein!“ Die Dialoge seien wie „kommunizierende Röhren. Ergebnisse, wo auch immer, kommen am Ende dem Ganzen zugute.“

Als eine „Sternstunde der Kirchengeschichte“ würdigte Metropolit Augoustinos von Deutschland und Exarch von Zentraleuropa den 7. Dezember 1965. Es sei in den vergangen 40 Jahren viel bewirkt worden. Die „Entdeckung der Communio“ werde auch zukünftig fortgeführt, etwa durch die Arbeit in der „Gemeinsamen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland“, durch die vielfältigen ökumenischen Begegnungen und nicht zuletzt „durch unser gemeinsames Zeugnis in diesem Land“.

Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Kirchen des Ostens der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige, bezeichnete die Tilgung der Bannsprüche als die notwendige Voraussetzung für alle weiteren Schritte der Annäherung. So gehe die Arbeitsgruppe Kirchen des Ostens unmittelbar auf den Versöhnungsakt zurück und stelle seit ihrer Gründung 1966 ein wesentliches Instrument der Kontakte der Deutschen Bischofskonferenz mit den Orthodoxen Kirchen dar.

Die Hauptvorträge beim Symposion hielten der orthodoxe Theologe Professor Dr. Athanasios Vletsis, Münster (Thema: „Communio in sacris oder in iure? Die sakramentale Dimension heilender Erinnerung auf dem Weg zu vollkommenerer Gemeinschaft zwischen Orthodoxen und Katholiken) sowie Professor Dr. Thomas Bremer, Münster (Thema: „Schwesterkirchen – im Dialog? Erfolge und Rückschritte in den orthodox-katholischen Beziehungen seit 1965“).

Die Ökumenische Begegnung endet mit der Feier eines ökumenischen Gottesdienstes um 19.00 Uhr im Münchner Liebfrauendom, der vom Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, und dem Griechisch-Orthodoxen Metropoliten Augoustinos geleitet wird. An der Pontifikalvesper, die zu einem Teil nach katholischem und zum anderen nach orthodoxem Ritus gefeiert wird, nimmt auch der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Johannes Friedrich, teil.

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