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Buckelpiste trennt vom Rest der Welt

Seit gut zwei Jahren lebt Pfarrer Ronald Kudla in Togo

Seit gut zwei Jahren lebt der Magdeburg Priester Ronald Kudla mittlerweile in dem kleinen Dorf Solla in Togo. Im folgenden Bericht schaut er zurück auf das Jahr 2006.

Weit abgelegen liegt Solla, Bufale und Kuyuria. Weiße verirren sich selten hierher. Eine Buckelpiste trennt uns vom Rest der Welt. Die Leute bauen Felder an, so wie in uralter Zeit mit der Hacke in der Hand und einem breiten Strohhut gegen die Sonne. Hier durfte ich nun schon ein weiteres Jahr leben und wirken.

Gleich zu beginn des Jahres bekam ich die Nachricht, dass wir eine Pfarrei sind. Ich hatte wirklich erwartet, dass man uns noch lange warten lässt. Das Fest am 5. März wurde dann auch ein wirklicher Ausdruck der Freude. Unser von Krankheit geplagter Bischof, scheute keine Mühe, in seiner jüngsten Pfarrei die Firmung zu spenden und mit ganzem „Hofstaat“ zu kommen. Für mich war es schon ein seltsames Gefühl, dass man mir die ersten Pfarrer-Kirchenschlüssel in Afrika überreichte. So viel Vorschusslorbeeren hätte ich mir nicht träumen lassen.

Eine kleine Auseinandersetzung zwischen zwei hohen Repräsentanten aus Solla und Boufal beim Festmahl, zeigte wieder mal, wie zerbrechlich die Einheit der Pfarrei ist und wie viel es noch zu tun gibt.

Zur gleichen Zeit wurde unsere Bitte nach einem Schwesternhaus genehmigt. Ich muss sagen, dass ich auch das kaum für möglich gehalten hätte, dass in unsere unbedeutende Gegend und kleine Pfarrei Schwestern kommen. Schwester Marie Bernard aus Ketao hat wohl für uns beim Rat der Kongregation Providence de St. Paul Fürsprache gehalten. Im Laufe des Jahres nahm dann dieses Projekt Schwesternhaus Gestalt an. Nun im Dezember sehen wir sie schon leibhaftig manchmal unter uns: Schwester Sophie und Schwester Alice. Neulich haben sie in der umgebauten Krankenstation von Banwar, wo sie wohnen sollen, ordentlich geschrubbt.

Pfarrer Kudla neben dem Kreuz

Im Februar-März konnten ich dann die Leute aus Sola und Boufal in ihrem Element erleben. 3 Wochen Hallaa-Fest, Isingweni und dann das große Itschombi-Fest auf dem Heiligen-Hügel. Wir tauchten ein in eine Welt von Geistern, eisernen Traditionen und vielen Problemen für den christlichen Menschenverstand. Es war auch die Zeit von vielen Begegnungen mit Leuten, die sonst weit weg in Lome, Cotonou, Parakou oder Nigeria sind. Auch die Begegnung mit den ganzen Problemen der Flucht in die Ferne. Die Frage stellt sich mir immer deutlicher: Was können wir machen, damit die Leute ihre Heimat lieben, entwickeln und hier leben können, nicht nur für 4 Wochen alle zwei Jahre mal?

Vor Ostern wurde ein großes Kreuz auf dem Berg hinter dem Dorf Kanyingata, unserem „Zuckerhut“ aufgestellt. Unser Karfreitagskeuzweg, konnte sich zwar noch nicht mit den Passionsspielen von Oberammergau messen, aber dafür wurde in praller Hitze und mit voller Begeisterung gespielt und bis oben zum Gipfelkreuz echte Passion erlitten.

Das Osterfest und die folgende Glaubensverkündigung mit den Jugendlichen der Gemeinde brachte uns eine neue Station. Nach vielen Anläufen zogen wir noch einmal aus und es gelang uns im Dorf Kukule endlich Fuß zu fassen. Eine junge Gemeinde entstand. Jeden Freitag ist im Kindergarten nun Katechese und sonntags kommt der Katechist aus Solla, um mit etwa 80 Leuten zu beten. Eine Schülerin übt die Lieder ein.

Lange hatte ich meine erste Reise nach Deutschland erwartet. Ende April kam ich dann dort an - nach fast zwei Jahren wieder in meiner Heimat. Mit unsicheren Schritten betrat ich das Terrain. Ich traf viele gute Freunde wieder und besuchte meine drei „Lieblingsgemeinden“ Stendal, Torgau und Köthen. Auch der Besuch im Wendland am 1. Mai bei Jens M. uns seiner Familie gehören zu den Ereignissen, deren Bilder ich mit zurück an den Äquator nahm. Angesichtes der vielen Spenden und unserer Probleme mit den Straßen rang ich mich durch ein neues geländegängigeres Auto zu kaufen. Der Wagen kam dann im Dezember in Solla an und bildet seitdem die Freude aller Jugendlichen Jungen wie Mädchen. Jetzt können endlich die großen Ausflüge gemacht werden.

Neugetaufte und ihre Paten

Im Juli nahm ich erstmalig in Aledjo bei der Besinnungswoche für Priester. Bischof Paul Vieira gab den etwa hundert afrikanischen und ausländischen Priestern etwas von seiner Glaubensüberzeugung und seinem Humor. Am letzten Tag kam dann auch noch der langersehnte richtige Regen und das Land erblühte.

Das, was man in Europa Sommer nennt, verbrachte ich in Solla mit verschiedenen Jugendlichen, die sich Aspiranten nennen, die wage Vorstellungen vom Dienst in der Kirche haben und sich in der Nähe eines Priesters wohl zu fühlen scheinen: Isaak, Zacharie, Ferdinand. Es war gar nicht so einfach, ihnen Arbeit zu geben. Noch schwieriger so etwas wie eine geistliche Begleitung zu versuchen. Am Ende stand wie immer das Problem mit den Heften und dem Schulgeld. Alle sind arm und kämpfen, um die Schule zu schaffen. Ich habe mit den Jungs viel gelernt.

Auch die Zeit mit unserem richtigen Seminaristen Gabriel, war recht interessant und lehrreich. Ich brachte ihn im September nach Ouagagougou und lernte so ein mir noch unbekanntes Stück Afrika kennen, die Stadt der Esel. Einen anderen Jungen, unseren Maurer Rafael, besuchte ich in Benin, im Kloster Kokoubou. Für einen Tag erlebte ich in zisterziensisches Leben.

Seit Juli sind wir mit dem Mädchen Tugbe, das das Gesicht verbrannt hat, beschäftigt. Die vielen Fahrten nach Tanguietta ins Krankenhaus und das Erleben dieses Zufluchts- und Hoffnungsortes im Norden Benins, machen erst einmal Hoffnung. Aber seit ich im Dorf bekannt bin, kommen immer mehr Probleme mit Krankenbehandlungen auf mich zu. Wie viele können nicht behandelt werden, weil sie nicht zahlen? Manchmal stehe ich vor der Frage, eine beträchtliche Summe zu geben oder sterben zu lassen. Das dicke Missionarsfell beginnt langsam bei mir zu wachsen


Beichte

Ab September kam auch die Neureglung der Frauen-Groupements auf mich zu. Dank von großzügigen Spenden aus Stendal, konnten wir den Fond vergrößern. Es wurden neue Bedingungen aufgestellt und ein Vorstand gewählt. 10 Gruppen konnten einen Kredit erhalten, das sind über 110 Frauen.

Diese Förderung der Frauen ist vielleicht auch das wirksamste Mittel zur Verringerung der Polygamie. Wir haben einen Mangel an Eheschließungen, vor allem, weil viele Männer sich eine Tür zur Polygamie offen halten wollen. Mit Frauen, die ihre Würde und ihren Wert kennen, geht das wohl nicht mehr so einfach.

In diesem Zusammenhang sollte auch die Doppelhochzeit in Yomde erwähnt werden. Nach 20 Jahren traditioneller Ehe schlossen Benoit und Kosua, sowie Jean-Baptiste und Zusanne ihren Bund vor Gott. In einer Phase der Ehe, wo hier in Afrika viele Männer eine jüngere Frau suchen, verzichten die beiden Alten offiziel darauf. Sie lieben ihre Frauen. Wenn das kein Glaubenszeichen ist! In Yomde wurde an dem Tag wirklich gefeiert.

In Kuyurie wurde unsere erste Kapelle eingeweiht. Fest gemauert steht sie am Wegrand nach Yomde. Am Baustil habe ich lange gefeilt. Ich finde, sie ist gelungen. Auch die Gemeinde hat sich seither entwickelt.

Der Baubeginn des Pfarrhauses verzögerte sich lange. Zuerst wollte ich ein wenig anfangen zu bauen, wenn ich aus Deutschland zurück komme. Dann stellte ich fest, das klarer geplant werden muss. Drei Monate habe ich hin und her überlegt. Aber es hat sich ausgezahlt. Unser Dorfmauerer Marius Akei, dem ich eine Chance geben wollte, hat mich nicht enttäuscht. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt und die „römische Villa“ steht fest, auf einem Felsen gegründet. Die kahlen Mauern ohne Dach werden allerdings noch ein wenig einsam und verlassen vor sich hinträumen, bis die nächsten Etappen des Baus eingeleitet werden.

Den Besuch meines Freundes Jacques Mbata im September möchte ich nicht unerwähnt lassen. Lange hat es gedauert, bis er mal Zeit gefunden hat. Jacques war es, der mich einst nach Afrika gelockt hat. Nun konnte ich ihn mit einigen seiner Freunde an meiner Wirkungsstätte begrüßen. Wir haben viel geschwatzt und meine bescheidene Hütte voller Mäusegequieke musste als Nachtquartier herhalten

Im Oktober spürte ich auch wie man ernstlich krank werden kann. Drei Wochen brauchte ich, um meine normale Form wiederzufinden. Ich lernte besser, dem Herrn mein Werk zu überlassen. Tatsächlich ging in der Zeit der Bau weiter und mir kam es wirklich so vor, als ob nicht ich am Werk bin, sondern der oberste Bauherr. Gut, das zu wissen. Das wäre auch ein Resümee so vieler Geschichten des Kampfes um Zement und Baumaterial, die manchmal eine wundersame Wendung erfuhren.

Am Ende des Jahres gab es noch ein weiteres Geschenk: Es wurde mir ein Katechist für Yomde vorgeschlagen. Ich nahm ihn sofort. Schon lange leidet die Station an Verweisung. Auch für andere Stationen fanden sich gute Lösungen. Gaston in Tiningou hat sich nun endlich entschlossen, Lehrer zu werden und im Dorf zu bleiben. Der begabte Junge kann so einen Teil seiner Fähigkeiten für die Gemeinde einsetzen. Um den Katechisten von Madjatom und seine Ehe haben wir auch viel gekämpft. Die Gerüchte, dass er in den Süden gehen wollte, haben sich zerschlagen und seine Frau, die zu ihm zurückgekehrt ist, hat ihm unter vielen Schmerzen einen Sohn geboren.

Seit Oktober gibt es auch wieder eine Heilige Messe in Oberdorf von Solla. Dort wo einst die erste Kapelle gebaut wurde, wo nun nur noch Alte und Kinder zurückgeblieben sind, erklingt nun von Zeit zu Zeit ein Halleluja. Eine Alte, die ständig ihr weißes Kleid anzieht, wenn ich ihr die Kommunion brachte, hat das alles angezettelt.

Eine der letzten Aktionen war die Glaubensverkündigung im Dorf Ayoto. Durch unseren neuen Katechisten könnten wir es wagen, neues Terrain in Angriff zu nehmen. Die Leute im Dorf haben uns mit offenen Herzen empfangen. Möge die Glaubens-Geschichte nun dort gut beginnen.

Ronald Kudla

Webseite von Ronald Kudla

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