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Spaltungen überwinden, Versöhnung schaffen

Weihnachtspredigt von Bischof Gerhard Feige

Liebe Schwestern und Brüder,
gesetzt den Fall, jemand würde Sie heute Abend fragen, welche drei Gestalten der Weihnachtsgeschichte die wichtigsten sind, für wen würden Sie sich da wohl entscheiden?
Maria und Josef mit dem Kind? Oder die Engel und die Hirten und das Kind?

Ochs und Esel an der Krippe

Vermutlich würden die wenigsten sich auf diejenigen festlegen, die auf dem Giebelfeld eines Mailänder Sarkophagdeckels aus dem 4. Jahrhundert zu sehen sind: das göttliche Kind inmitten von Ochs und Esel.
Darauf beschränken sich jedoch einige der ersten bildlichen Darstellungen der Geburt Christi. Auch da, wo andere Figuren hinzutreten oder wichtiger werden, bleiben Ochs und Esel fast immer – bis in die Gegenwart hinein – vertraute Elemente dieser Szene.
Wie kommen diese beiden Tiere eigentlich zu solcher Ehre, wo sie im Weihnachtsevangelium doch gar nicht erwähnt werden?
Offensichtlich hat die Rede von einer „Krippe“ schriftkundige Christen an einen Ausspruch Gottes beim Propheten Jesaja erinnert (1,3): „Der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn. Israel aber erkennt nicht, mein Volk hat keine Einsicht.“ Viele Kirchenväter bringen diesen Vers jedenfalls mit der Geburt Christi in Verbindung. Während die unvernünftigen Tiere instinktiv wissen, zu wem sie gehören, meinen die klugen und weisen Menschen oftmals, sich selbst zu genügen und keiner Erlösung zu bedürfen.



Ochs und Esel sind aber auch symbolisch gedeutet worden. Mehrere Kirchenväter sehen im Ochsen das Sinnbild für das jüdische Volk, das unter dem schweren Joch des mosaischen Gesetzes lebte, während der Esel die Heiden verkörperte, die mit der Sünde des Götzendienstes beladen waren. Zugleich repräsentieren beide Tiere damit die Gruppen der jüdischen Hirten und die heidnischen Weisen, die zur Krippe eilen. Allen – so die damit verbundene Botschaft – kann das Kind in der Krippe unnötige Sorgen und Ängste nehmen, Befreiung oder wenigstens Erleichterung verschaffen und neue Hoffnung bringen.
Und schließlich weist die Darstellung von Ochs und Esel noch auf etwas anderes hin. Beide Tiere galten als unverträglich und sollten deshalb nicht gemeinsam an einen Pflug gespannt werden. Wenn sie nun an der Krippe so einträchtig beieinander stehen, ist dies auch ein Ausdruck dafür, dass Gott mehr vermag als wir Menschen und nichts als völlig aussichtslos erscheint. In und durch den geborenen Gottessohn führt er Menschen, zwischen denen Welten lagen, zusammen, überwindet Spaltungen, heilt Wunden, schafft Versöhnung und bewirkt Einheit.

Eine gespaltene Welt

Ist das aber die Wirklichkeit? Erfahren wir sie nicht oftmals ganz anders?
Trotz der Ausbreitung des Christentums gab es auch weiterhin massive Gegensätze und Barrieren in den verschiedenen Gesellschaften: zwischen Gruppen, Schichten und Klassen, zwischen Einheimischen und Fremden, Gewinnern und Verlierern, Herrschern und Beherrschten?
Da entstanden im Mittelalter wunderbare Doppelkapellen, die nicht einten, sondern trennten: Der Adel versammelte sich im oberen Raum, das einfache Volk unten. Da konnten noch im letzten Jahrhundert mancherorts weiße und schwarze Christen nicht zusammen Gottesdienst feiern und mussten je eigene Kirchen errichten. Da gelingt es in Indien heutzutage selbst der Kirche immer noch nicht, das Kastenwesen zu überwinden.
Wie oft wurden Unterschiede und Gegensätze nicht gemindert, sondern eher zementiert oder sogar noch verschärft.
Und unsere Gesellschaft? Scheint nicht auch sie auseinanderzudriften? Schon lange wurde in unserem Land nicht mehr so deutlich von Schichten und Milieus gesprochen wie in diesem Jahr. Schon lange ist uns nicht mehr so klar vor Augen geführt worden, dass es in Deutschland eine „neue Unterschicht“ geben soll. „Die Republik teilt sich.“ – so konnte man unlängst in einer renommierten Wochenzeitschrift lesen – „Nie in ihrer Geschichte lagen Reich und Arm weiter auseinander. Auf der einen Seite wächst der Wohlstand, auf der anderen die Gruppe der wirtschaftlich Ausgegrenzten.“
Neue Schichten auf der einen Seite; auf der anderen scheint in den letzten Jahren auch das Bewusstsein neuer sozialer und kultureller Milieus gewachsen zu sein. Zehn verschiedene – so eine Studie – soll es geben, aus der unsere Gesellschaft besteht oder in die sie zerfällt: von Traditionsverwurzelten, Etablierten und DDR-Nostalgikern bis zu Konsum-Materialisten und modernen Performern – Wohlfühlgruppen, die sich weitgehend nur noch selbst verstehen oder mögen. Sicher ist in einer modernen Welt vieles differenzierter und anonymer. Wir kommen nicht mehr so zusammen wie früher. Aber lebt tatsächlich inzwischen jede und jeder zusammen mit einigen anderen gleicher Gesinnung oder ähnlichen Geschmacks in einer eigenen Welt?
Und die Ausländer in unserem Land? Sind sie uns willkommen oder gehen wir auf Distanz? Bemühen sie und wir uns um Verständnis und Integration oder bleiben wir – mit Vorurteilen behaftet – einander fremd?

Über Grenzen gehen

Bischof predigt„Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten“, so haben wir vorhin in der Lesung aus dem Titusbrief gehört.
Ja, sie ist tatsächlich für alle Menschen erschienen. Das Kind in der Krippe überwindet die Schranken von Schichten und Milieus. Es will überall zur Welt kommen, bei Hirten und Königen, bei Armen und Reichen.
In seinem ganzen Leben hat Jesus Christus genau dies wahr gemacht: er ist zu allen hingegangen: zu Gerechten wie zu Sündern; er ist von sich aus auf die zugegangen, die nicht zu den privilegierten Schichten oder Milieus zählten; er hat mit Zöllnern, Dirnen und Soldaten Kontakt aufgenommen, er hat Frauen nicht anders behandelt als Männer, er hat Kinder in den Mittelpunkt gestellt.
Und das ist nicht folgenlos geblieben; es hat Schule gemacht und durchaus die Welt verändert.
In der frühen Christenheit zeigte sich das darin, dass all diejenigen friedlich miteinander Gottesdienst feierten und das Brot brachen, die eigentlich von ihrer Herkunft oder ihrem sozialen Stand her nichts miteinander zu tun hatten oder gar haben durften: Juden und Griechen, Sklaven und Freie, Männer und Frauen. In Christus hatten sie die gleiche Würde, in Christus bekam ihr Leben die gleiche befreiende Perspektive. Übliche Konventionen wurden gebrochen und Tabus verletzt.
Anders als die sonstige römische Gesellschaft erkannte die Kirche Ehen zwischen Sklaven und Freien voll an. Man konnte als Sklave – wie das Beispiel des Kallistus zeigt – sogar Papst werden.
Und die Bildungseinrichtungen der Kirche – Klöster und Schulen – waren vom Mittelalter bis in die Gegenwart nicht nur für Begüterte da, sondern haben auch denjenigen eine Chance zum gesellschaftlichen Anschluss vermittelt, die dazu sonst keine Möglichkeiten hatten.
Auch die Landgräfin Elisabeth von Thüringen oder die Begine Mechthild von Magdeburg sind Beispiele dafür, wie gesellschaftliche Grenzen – christlich motiviert – überschritten wurden, um Armen und Kranken menschlich nahe zu sein und tatkräftig zu helfen.
Und wer die Internationalität unserer Kirche einmal auf dem Petersplatz in Rom oder sonst wo auf der Welt erlebt hat, ahnt, was es bedeutet, sich weltweit verständigen und vor allem verstehen zu können.
So wurden und werden die Güte und Menschenliebe sichtbar umgesetzt, soziale Schranken überwunden und Lebensmöglichkeiten für viele aufgezeigt.

Liebe Schwestern,
wenn wir heute die Geburt Jesu Christi feiern, dann feiern wir die Güte und Menschenliebe Gottes, die auf unvorstellbare Weise allen gilt.
Weihnachten ist ein Fest, bei dem es um alle Menschen geht, ja sogar um die ganze Schöpfung. Gott ist für alle und für alles Mensch geworden.
Ob Christ oder Nichtchrist, schwarz oder weiß, Mann oder Frau, arm oder reich: jeder und jede ist unwiderruflich von Gott gewollt und angenommen. Das ist der Angelpunkt der Menschenwürde. Es ist auch der Angelpunkt der Versöhnung und der Einheit.
In diesem Sinne sind wir als Kirche gerufen, uns mit den Gräben und Barrieren zwischen den Schichten und Milieus in unserer Gesellschaft nicht abzufinden, sondern dagegen anzugehen und zu versuchen, sie im Geiste Jesu Christi zu überwinden. Dabei ist es unsere Aufgabe, unser eigenes Leben und das Leben der anderen aus der Perspektive Gottes zu sehen, und das heißt: aus der Perspektive einer unendlichen Güte und Menschenfreundlichkeit, die Hoffnung und Befreiung stiftet.
Und tatsächlich: Je mehr sich Ochs und Esel, Juden und Heiden, Christen aller Konfessionen und Nichtchristen, Menschen aller Milieus, Weiße und Farbige, Männer und Frauen, Konservative und Progressive, Reiche und Arme, Ost- und Westdeutsche, Gerechte und Sünder, alle, die in der Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, dem göttlichen Erbarmen nähern, um so größer wird auch die Chance, verständnisvoller, friedfertiger und liebevoller miteinander umzugehen.
Ochs und Esel an der Krippe sind also nicht nur romantische Randfiguren. Sie können uns vielmehr das Geheimnis der Geburt Jesu Christi auf neue Weise nahe bringen. Möge es uns zu Herzen gehen und bewegen, auch selbst die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes weiterzugeben, Spaltungen zu überwinden und Versöhnung zu stiften.

Nachdenken über Weihnachten - Bischof in der Magdeburger Volksstimme

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