Bistumskarte

Luther provoziert auch evangelische Christen

Bischof Gerhard Feige zum Start der Luther-Dekade

In der aktuellen Ausgabe mehrerer katholischer Kirchenzeitungen nimmt Bischof Gerhard Feige Stellung zur Reformations-Dekade, die am Sonntag, 21. September, in Lutherstadt Wittenberg eröffnet wird. Die Fragen stellte Michael Dorndorf.

Herr Bischof Feige, fühlen Sie sich als Katholik im Lande Martin Luthers und der Reformation eigentlich heimisch?

Feige: Ich bin in Halle an der Saale geboren, Sachsen-Anhalt ist also meine Heimat, in der ich recht selbstverständlich als katholischer Christ herangewachsen bin. Seit meiner Schulzeit ist zudem Ökumene für mich kein Fremdwort. Aber erst jüngst ist mir deutlich geworden, wie sehr wir hier in einer doppelten Diasporasituation leben: gemeinsam mit den Protestanten als christliche Minderheit inmitten von 80 Prozent Konfessionslosen, und dann noch als eine eigene kleine Gruppe von Katholiken, die weitgehend von Flüchtlingen, Vertriebenen und Zugereisten abstammt.

Wie beurteilen Sie die „ökumenische Befindlichkeit“ vor Ort, in den Gemeinden: Gibt es erfreuliche Entwicklungen? Immerhin waren Katholiken und Protestanten während der DDR-Zeit aufeinander angewiesen in der Auseinandersetzung mit dem staatlich verordneten Atheismus.

Feige: Es gibt viele Beispiele ökumenischer Gesinnung und Partnerschaft. So bestehen gerade in den Lutherstädten Wittenberg und Eisleben gute Kontakte miteinander. Und wir haben auch zwischen evangelischem Dom und unserer Kathedrale gute Beziehungen, die anderswo nicht selbstverständlich sind. Im vorigen Jahr feierte beispielsweise die Domgemeinde ihre Sonntagsgottesdienste in unserer Kathedrale. Einige Jahr zuvor durften wir während der Sanierung von St. Sebastian mehrere Monate lang im Dom zu Gast sein; 2007 haben wir dort sogar das Fronleichnamsfest feiern können. Die Qualität des Miteinanders hängt immer von den jeweiligen Personen ab und von den Erfahrungen, die sie miteinander gemacht haben.

Gilt das auch für Martin Luther? Ist er für die katholische Kirche immer noch der Reformator, der wider den „Antichristen auf dem Stuhle Petri“ polemisiert hat, oder betrachtet man ihn inzwischen eher wohlwollend?

Feige: Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich das katholische Lutherbild gewandelt, obwohl er damit nicht vom Ketzer zum Heiligen geworden ist. Ich sehe ihn als eine geistliche und theologische Herausforderung auch für uns Katholiken. Wir kommen auf dem Weg zur Einheit der getrennten Christen an ihm nicht vorbei und müssen uns mit ihm beschäftigen. Luther hat durchaus Ecken und Kanten, und ich meine, dass er inzwischen selbst evangelische Christen provozieren dürfte.

Wodurch?

Er war sehr fromm, in Glaubensfragen – auch gegenüber anderen Reformatoren – ziemlich kompromisslos und noch stark – was beispielsweise das sakramentale Leben betrifft – dem alten katholischen Verständnis verbunden. Ihn etwa als einen Vorläufer der Aufklärung zu sehen, kann auch von manchem Lutheraner nicht nachvollzogen werden.

Das Luther-Gedenken soll frischen Wind in den Protestantismus bringen, aber auch der Ökumene neue Impulse geben. Welchen Wind erhoffen Sie für die katholische Kirche?

Feige: Ich selbst werde die deutsche Bischofskonferenz bei der Eröffnung der Dekade vertreten, habe aber auch als Ortsbischof eine Einladung bekommen. Ich muss jedoch gestehen, dass ich noch nicht genau weiß, was mit der Dekade ganz konkret bezweckt werden soll. Ob und inwieweit katholische und evangelische Christen in den nächsten zehn Jahren gemeinsame Projekte angehen, bleibt abzuwarten. Was ökumenische Impulse betrifft, so hängt das vom Charakter des Reformationsgedenkens ab. Jedes Reformationsjubiläum ist bisher durch unterschiedliche Akzente und Ziele geprägt gewesen, sowohl religiöse, als auch kirchenpolitische und politische. Wenn es um eine geistliche Erneuerung gehen soll, dann dürfte sich das auch auf uns positiv auswirken. Es bleibt die spannende Frage, ob evangelische und katholische Christen sich nach dem Reformationsjubiläum näher oder ferner sind.

In der Diskussion darüber wird von evangelischer Seite gelegentlich festgestellt, dass die „Konvergenz-Ökumene“, also die Suche nach möglichst vielen Gemeinsamkeiten, an ihr Ende gekommen sei. Es werde vielmehr auf eine „Ökumene der Profile“ gesetzt. Ist das eine hilfreiche Orientierung für beide Kirchen?

Feige: Es kommt darauf an, wie man den Begriff „Profil“ versteht. Ich meine, wir sollten erkennbar sein, uns aber nicht durch den Widerspruch zum anderen definieren und profilieren. Jede Seite sollte sich am Evangelium orientieren und an der lebendigen Tradition, aber auch an den Zeichen der Zeit. Ich hoffe nicht, dass die evangelische Kirche wieder protestantischer wird und sich noch mehr vom Katholischen absetzt. Wir sollten weiter unsere Gemeinsamkeiten entdecken, um zu einer größeren Einheit zu kommen, und uns nicht einfach nur tolerieren.

Damit berühren Sie Konfliktfelder, etwa das nach der gegenseitigen Einladung zum Abendmahl. Kann eine Luther-Dekade und die sich daran anschließende zehnjährige Beschäftigung mit dem Erbe des Reformators neue Impulse geben, und wenn ja, in welche Richtung könnten sie weisen?

Feige: Das ist ein sehr schmerzliches und sensibles Problem; und es hat nichts, wie es manche unterstellen, mit einer Machtfrage zu tun. Ich glaube nicht, dass die Luther-Dekade der geeignete Weg ist, hier weiterzukommen. Von ihr erhoffe ich aber, dass wir vielleicht zu einem gemeinsamen tieferen Verständnis der Reformation kommen. Das wäre schon eine gute Grundlage für weitere Annäherungen.

  • Beitrag zum Thema in den evangelischen Kirchenzeitungen: Symbol (pdf 29 KB)

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