Bistumskarte

Heilen war seine Berufung

Zum Tod von Pfarrer Heinrich Pera

Am Dienstag, dem 02. März 2004, hat Gott, der Herr über Leben und Tod, seinen Diener Pfarrer Heinrich Pera im Alter von 65 Jahren zu sich gerufen. Wenn man über das Leben von Heinrich Pera eine Überschrift setzen sollte, dann diese: Heilen war seine Berufung. Doch so glatt und stimmig, wie sich dies liest, ist weder sein Privat- noch sein Berufsleben abgelaufen.

1938 wird er in Magdeburg geboren als Bruder zweier Schwestern. Mit 20 erkrankt er schwer. Es besteht der Verdacht auf ein Krebsgeschwür in der Stirnhöhle. Zur Behandlung dieser Erkrankung geht er für zwei Jahre nach Köln. In dieser Zeit studiert er Medizin. Seine Krankheit stellt sich als nicht lebensbedrohend heraus und kann geheilt werden. Diese Zeit und die Konfrontation mit der eigenen Krankheit waren für seine spätere Tätigkeit prägend. Kurz vor dem Mauerbau kommt er in die DDR zurück.

1966 wird er in Magdeburg zum Priester geweiht und geht für sechs Jahre als Vikar nach Merseburg. Vom Beginn seiner Tätigkeit an war für ihn die Sorge um den ganzen Menschen wichtig. Seelenlose Pflege war ihm genau so ein Gräuel wie die „körperlose“ Seelsorge. Er arbeitete nebenbei im Merseburger Krankenhaus als Pfleger und seine „Westkontakte“ ermöglichten vielen Patienten medizinische Vorteile. Mit seinem damaligen Pfarrer Adolf Brockhoff funktionierte er das Pfarrhaus in ein Altenpflegeheim um. Es war ein unmissverständliches Zeichen gegen die unwürdigen Verhältnisse im Altenpflegebereich.
Seine Merseburger wie auch seine einjährige Weißenfelser Zeit haben viele Spuren hinterlassen. Vielen ist er bis heute in dankbarer Erinnerung als Seelsorger, der ihnen aus Lebens- und Sinnkrisen herausgeholfen hat.

1973 verschlimmert sich ein Augenleiden und er wird für eine längere Behandlung ein Jahr beurlaubt. Ab 1974 wird er für viele Jahre Krankenhausseelsorger in Halle und für viele Patienten und deren Angehörige hilfreicher Beistand. Im Fernstudium erwirbt er nun auch offiziell die staatliche Anerkennung als Krankenpfleger und absolviert seine Praktika im Elisabethkrankenhaus. Subsidiar in Heilig Kreuz ist er seit 1978 gewesen.

Kurze Zeit später eröffnet er eine Art Krisenberatungsstelle im Elisabethkrankenhaus, die er beziehungsreich „Zeit-Oase“ nennt. Bis zur Wende 1989 wird dort durch Ärzte, Fürsorger und Seelsorger fast 6000 Menschen Hilfe gegeben.

Das Wort Krise war für Heinrich Pera ein Schlüsselbegriff. Er hat das chinesische Schriftzeichen dafür oft verwendet, das aus zwei Wörtern besteht: Gefahr und Chance. Er hat aus eigenem Erleben es sich selbst und anderen heilsam nahe gebracht: in der Bewältigung von Krisen macht man die Erfahrung, dass Angst und Verunsicherung kleiner werden und dass das gewohnte Leben oft überraschende Neubewertung erfährt und sich bislang ungeahnte Bewältigungsmöglichkeiten auftun können.

Erste Berührung mit der Hospizidee erfuhr er durch Bücher der Sterbeforscherin Kübler-Ross und ab 1968 durch persönliche Kontakte mit Anhängern der Hospizbewegung in Krakow. Durch den anglikanischen Geistlichen Paul Oestreicher kam er 1985 nach England und besuchte dort verschiedene Hospize. Er war bei seiner Rückkehr voller guter Eindrücke von der Hospizidee. So entstand nach 1985 das erste Hospizhausbetreuungsteam. Mit einer überaus aktiven Gruppe begann er die ambulante Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen. Dies war die Geburtsstunde von Hospizdiensten in Halle. Nach der Wende wurde der Verein gegründet, 1993 wurde das Tageshospiz und 1996 dann das stationäre Hospiz eröffnet. Als langjähriger Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz prägte er wesentlich die Entwicklung der Hospizarbeit in Deutschland.

Heinrich Pera war ein ewig Suchender und konnte deshalb Suchenden eine Hilfe sein. Er nahm das Leben nicht leicht und konnte so die Härten des Lebens für andere abmildern. Ihm waren Ängste und Krisen nicht fremd und er war deshalb für viele in ähnlicher Situation ein einfühlsames Gegenüber.
Er war dabei ein Grenzgänger (und Überschreiter) bei der Sicht seines Berufes, bei den Grenzen in der Kirche, in der Gestaltung von Partnerschaften.
Er war kein eingepasster bequemer Mitarbeiter von Kirche. Er hat es der Leitung nicht ganz leicht gemacht. Doch am schwersten hat er es sich wohl selbst gemacht. Er hatte Angst, nicht zu genügen, nicht genug getan zu haben.

Viele seiner griffigen Sätze waren auch Beschwörungsformeln für sich selbst: Werde, der du bist, nicht, der du sein sollst.

Er hat permanent heilen wollen. Andere. Darüber ist er krank geworden und seine innere Zerrissenheit hat ihn das Leben gekostet. Der Tod hat ihn beschäftigt. Nicht nur bei anderen. Es war sein dringender Wunsch - bei seinem Tod sollte nichts beschönigt werden und die Wahrheit nicht auf der Strecke bleiben.

Dem Heiler Heinrich Pera wünsche ich aus tiefstem Herzen, wonach er ein Leben lang gesucht hat und was sein Lebensinhalt war - Heil.

Pfarrer Gerhard Packenius


Das Requiem feiern wir in der Moritzkirche in Halle am Freitag, dem 12. März 2004, um 13.00 Uhr. Die Beerdigung wird um 15.00 Uhr auf dem Laurentius-Friedhof in Halle sein.
Wir wollen des verstorbenen Mitbruders im Gebet gedenken.

Magdeburg, 08.03.2004
Dr. Gerhard Feige
Weihbischof

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