Bistumskarte

Würdig feiern - ohne Ausgrenzung

Brief des Bischofs an alle Gläubigen und an alle Verantwortungsträger im Haupt- und Ehrenamt

Liebe Schwestern und Brüder, 

schon seit Wochen können unsere Gottesdienste aufgrund der Corona-Pandemie nicht mehr in der gewohnten Form gefeiert werden. Die vertraute Gemeinschaft als Gottesdienstgemeinde und die sonst stärkende Kommunion werden von vielen sehr vermisst. Das verstehe ich ganz und gar. Auch mir tut es weh, immer noch auf die gewohnten Gottesdienste verzichten zu müssen. Auch ich hoffe und wünsche mir sehr, dass wir in unseren Kirchen bald wieder wirklich gemeinsam und ohne jegliche Einschränkungen die Eucharistie und Wortgottesdienste feiern können.

Bis auf weiteres wird dies aber nicht möglich sein. In der Konsequenz halte ich es für geboten, im Bistum Magdeburg weiterhin für längere Zeit auf sogenannte öffentliche Gottesdienste zu verzichten.

Als Christen stehen wir in der Pflicht, verantwortungsbewusst und solidarisch mit dafür Sorge zu tragen, dass die lebensbedrohliche Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus eingedämmt und eine medizinische Überforderung unserer Gesellschaft verhindert wird. Mir liegt auch sehr daran, dass sowohl Gottesdienstfeiernde als auch Priester und Gottesdienstbeauftragte, die zur sogenannten Risikogruppe gehören, geschützt bleiben und sich nicht zu Handlungen drängen lassen oder gedrängt fühlen, die ihre Gesundheit gefährden. Etwa 35 % der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt – wesentlich mehr als anderswo – gehören zur Gruppe mit erhöhtem Risiko. In unseren Pfarreien und natürlich auch in vielen unserer Einrichtungen wird dieser Anteil sogar noch höher sein. Die Hälfte unserer Priester im aktiven Dienst sind über 58 Jahre alt, die Hälfte unserer pensionierten Priester sind über 78 Jahre alt.

Wie ich es bereits in einigen Stellungnahmen zum Ausdruck gebracht habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass unsere Liturgien unter den aktuell vorgeschriebenen hygienischen Vorschriften tatsächlich würdig und angemessen gefeiert werden können.

Besonders zeigt sich dies in der Eucharistiefeier: Deren unverzichtbares Wesenselement ist die Gemeinschaft all derer, die sich vor Ort versammeln, um der Lebenshingabe Christi zu gedenken, seine reale Gegenwart zu feiern und die Kommunion zu empfangen. Unter den jetzt vorgeschriebenen Bedingungen werden aber immer wieder Menschen von der Mitfeier ausgeschlossen bleiben. In diesem Falle erhielte nur eine gewisse Minderheit dann das Privileg, daran teilnehmen zu können. Dies schadet nach meiner Überzeugung dem Wesen der Eucharistie.

Darüber hinaus frage ich mich, wie sich die notwendigen Hygienemaßnahmen auf eine lebendige Gottesdienstfeier auswirken, wenn sie von diesen wesentlich mitgeprägt werden. Welche Konsequenzen hat es beispielsweise, wenn gemeinsames Singen und Beten nur bedingt möglich sind? Der „tätigen Teilnahme“ der Gläubigen, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil als wesentliches Element der Eucharistiefeier formuliert, fehlen damit wichtige Ausdrucksformen, die die Liturgiegestaltung mitprägen.

Wie können wir nun aus unserem Glauben heraus diese Zeit des Verzichts bestehen?

Dass wir nicht zum gemeinsamen Gottesdienst zusammenkommen können, bleibt eine Zumutung und eine schmerzhafte Beschränkung, von der wir hoffen, dass sie bald ein Ende haben wird.

In besonderer Weise ist uns die Gegenwart des Auferstandenen in der Eucharistie zugesagt. Dieses Geschenk wird vielen von uns derzeit bewusster denn je. Fragen wir uns aber auch: Kann die Kraft dieser Speise, die viele schon so oft empfangen durften, nicht durchaus weiterwirken und uns über die gegenwärtige Durststrecke hinwegtragen? Wie bleiben eigentlich die vielen katholischen Gläubigen auf der Welt, die aufgrund des großen Priestermangels nur wenige Male im Jahr die Eucharistie mitfeiern und die Kommunion empfangen können, in ihrem Glauben lebendig? Wie oft schon haben wir deren Situation durch Kollekten unterstützt und auf diese Weise unsere Solidarität bekundet. Nun sind auch wir dazu herausgefordert, uns neu und intensiver damit zu befassen, was unseren Glauben ausmacht. Was ist eigentlich das Wesentliche? Was bleibt, wenn wir  nicht gemeinsam Gottesdienst feiern können? Und wie können wir darüber ins Gespräch kommen?

Für Jesus Christus sind Gottesliebe und Nächstenliebe untrennbar. Das können wir an seinem Leben und an seinem Sterben ablesen. Damit begegnen wir Gott aber nicht nur in der Liturgie, sondern immer auch in den Menschen, die seiner Liebe bedürfen. Die tätige Nächstenliebe und die Solidarität mit denen, die leiden, sind für Jesus ein Kriterium dafür, ob es uns wirklich um Gott geht. Vielleicht wartet Christus deshalb momentan vor allem in den Menschen auf uns, die von der Krise besonders betroffen sind und die uns und unsere Solidarität, unsere konkrete Hilfe aber auch unser fürbittendes Gebet brauchen.

Über diese diakonische Dimension unseres Glaubens hinaus können wir uns fragen, was unseren Glauben im Alltag nährt und wie er sich ausdrückt – auch über die Eucharistiefeier und andere Gottesdienste hinaus. Wir verfügen doch in unserer Tradition über eine Vielfalt von Gebets- und Andachtsformen sowie inzwischen über neue mediale Möglichkeiten.

So könnte es sonntags in der Kirche z.B. einen geistlichen Impuls zum Evangelium geben, verbunden mit dem Orgelspiel. Auch die stille Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten ist eine gute Möglichkeit.

Viele unserer Kirchen waren und sind auch jetzt in dieser schweren Zeit tagsüber geöffnet. Als Orte der Ruhe laden sie zu Gebet und Besinnung ein; in ihnen ist die Erinnerung an so viele Gottesdienste gegenwärtig, und zugleich nähren sie die Sehnsucht und die Hoffnung, möglichst bald wieder gemeinsam Gott loben und ihm danken zu können.

In der letzten Zeit sind Ihnen von Seelsorgerinnen und Seelsorgern unseres Bistums viele kreative Anregungen zugegangen, die Hilfen geben wollen, auch außerhalb des Kirchenraumes miteinander zu beten und sich über den Glauben auszutauschen. Ich weiß, dass sich manche z.B. auch mit Hilfe der neuen Medien zum regelmäßigen Bibelgespräch treffen.

Ich bin sicher, dass Sie längst neu erleben durften, wie Sie auch über den Sonntagsgottesdienst hinaus mit Gott in Verbindung bleiben können. Und vermutlich haben viele von Ihnen in den letzten Wochen neue Weisen gefunden, in Ihren Familien und in der Gemeinschaft mit anderen zu beten, den eigenen Glauben ins Wort zu heben und auf diese Weise das Leben zu teilen und zu feiern. Aus teils sehr persönlich gehaltenen Rückmeldungen weiß ich z.B., dass manche von der Osterbotschaft gerade in diesem Jahr besonders berührt worden sind.

Auch weiterhin wird es Gottesdienst-Übertragungen im Fernsehen, Radio und im Internet geben. Aus der Kathedrale als zentraler Kirche unseres Bistums werden vorerst bis Pfingsten sogenannte Livestreams ausgestrahlt.

Abweichungen im Einzelfall

Von der grundsätzlichen Regelung, bis auf weiteres auf öffentliche Gottesdienste zu verzichten, wird es im Einzelfall Abweichungen geben können. Als solche sehe ich z.B. die Feier des Requiems an. Ob andere Abweichungen gerechtfertigt sind, entscheiden die Verantwortlichen in Haupt- und Ehrenamt gemeinsam vor Ort. Für diese Abweichungen muss es aber nachvollziehbare Gründe geben. Dabei sollte man sich immer zwei Fragen stellen: Werden Gläubige, die teilnehmen würden oder wollen, dadurch ausgeschlossen? Ist tatsächlich eine unverkrampfte und würdige Feier möglich? Im Zusammenhang damit sind die unterschiedlichen Verhältnisse unserer Gemeinden und Gebäude zu bedenken. In manchen Orten kommen nur 20 bis 50 Gläubige zum Gottesdienst, in anderen 100 bis 200. Wir haben kleine Gemeinden mit großen Kirchen und große Gemeinden mit kleinen Kirchen. Die meisten Gemeinden verfügen nur über kleine Kirchen oder Kapellen, bei denen die geforderten Quadrat- oder Kubikmeter für jeden einzelnen Gläubigen nur wenigen eine Teilnahme erlauben würden. In allem müssen eventuelle Abweichungen mit den verbindlichen Mindeststandards im Einklang stehen. Jede Pfarrei / Gemeinde sorgt eigenverantwortlich dafür, dass diese Rahmenbedingungen auch eingehalten werden.

Dank

Liebe Schwestern und Brüder, die Corona-Pandemie fordert uns alle enorm heraus. Umso dankbarer bin ich für das Engagement, das Sie in diesen Wochen vor Ort leisten – und für Ihre Glaubenskraft, Ihre Hilfestellungen für Ihre Nächsten, für die Kreativität und das Durchhaltevermögen, mit dem Sie dieser Krise begegnen. Ich danke ebenso für die vielen Rückmeldungen, auch für die kritischen! Wir sind gemeinsam unterwegs und gestalten mit vielfältigen Glaubenserfahrungen und unseren jeweiligen Begabungen unsere Kirche mit. Dabei werden unterschiedliche Sichten und Glaubensakzente sichtbar; gestehen wir uns gegenseitig zu, dass keine Lösung allen Interessen gleichermaßen gerecht werden kann.

Danken möchte ich vor allem auch Ihnen, liebe Mitbrüder und liebe Seelsorgerinnen und Seelsorger. Sie haben viele gewohnte Arbeitsbedingungen verloren und oft ganz neue Wege beschritten, um auf Gottes Gegenwart verweisen zu können. Ich hoffe, dass Sie dabei auch viele erfreuliche Erfahrungen machen durften und neben manchem Unmut auch Dankbarkeit erlebt haben. Bei allen Einschränkungen bitte ich Sie, gemeinsam mit den ehrenamtlichen Verantwortungsträgern nach Wegen zu suchen, wie die Gegenwart des Auferstandenen erfahrbar wird. Bitte lassen Sie mich wissen, welche konkreten Erfahrungen Sie in der Gestaltung dieser Ausnahmesituation vor Ort machen.

Zeitraum

Auch wenn meine Bedenken voraussichtlich noch längere Zeit begründet sind, ist der Verzicht im Bistum Magdeburg auf sogenannte öffentliche Gottesdienste zunächst bis einschließlich 24. Mai 2020 begrenzt. Zum einen sind wir angewiesen auf die Empfehlungen der Wissenschaft und die politischen Vorgaben. Zum anderen brauchen wir Erfahrungen mit der Gestaltung dieser Ausnahmesituation. Dafür wünsche ich uns allen Offenheit und Kraft.

+ Gerhard Feige
   Bischof

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