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Generalvikar Raimund Sternal kommentiert

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Generalvikar Raimund SternalDei Verbum / Über die göttliche Offenbarung - die dritte der vier Konzils-Konstitutionen wird am ehesten verständlich auf dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit.

In den heftigen Auseinandersetzungen mit dem Rationalismus des 19. Jahrhunderts hieß die Problemstellung häufig: Wissen oder Glauben! Kann der Glaube der Kirche vor der wissenschaftlichen  Vernunft bestehen? Und sind die Texte der Bibel als Quelle der Offenbarung glaubwürdig? – Glaubens-Inhalte wurden in Frage gestellt und heftig verteidigt. Die historisch-kritische Erforschung der Hl. Schrift sowie der aufklärerische Impuls zum Selber-Denken, -Prüfen und -Entscheiden jedes Einzelnen erschienen manchen in der Kirche  dabei als Störfaktoren. Das Aufkommen eines kämpferischen Atheismus verschärfte die Situation.

Das Vaticanum I reagierte auf die offensichtliche Verunsicherung vieler in Glaubensfragen mit der Definition der Unfehlbarkeit des Papstes im Jahre 1870. Bereits 1864 hatte Papst Pius IX. mit seinem „Syllabus errorum“ eine Sammlung "moderner" Thesen als mit dem Glauben nicht vereinbar verurteilt. Die Ablehnung der historisch-kritischen Erforschung der Bibel war Teil dieser antimodernistischen Bemühungen, die den Glauben sichern sollten.

100 Jahre später betont das II. Vaticanum in neu gewonnener Freiheit und Klarheit, dass die Bibel als Urkunde der Glaubensaussagen mit den Mitteln der historischen Forschung zu untersuchen ist. Gott hat sich mitgeteilt in den Werken menschlicher Verfasser, deren Situation und Eigenart die gemeinte Mitteilung prägt. Daher ist es Aufgabe der biblischen Wissenschaft, die biblischen Texte historisch-kritisch zu erkunden, um dem Gemeinten möglichst intensiv nahe zu kommen. (Vgl. DV, Nr.11f.) Das Konzil unterscheidet zwischen Gott als dem "Urheber" der Schrift und den Menschen als deren "echten Verfassern" (nicht "Sekretären").

Mindestens so gewichtig ist ein weiterer Akzent. Schon im ersten Kapitel betont das Konzils-Dokument, dass die göttliche Mitteilung in den biblischen Schriften auf einen Vorgang verweist, der für den Glauben entscheidend ist: Gott lässt sich auf Menschen ein, und sie können seine Liebe erfahren.

Glaube beruht darauf, dass Gott uns Menschen begegnet. Gott tritt mit Menschen in eine Beziehung, er kommuniziert mit ihnen. Auf diesem Geschehen basieren die Texte der biblischen Verfasser. Gott teilt ihnen nicht etwas mit, sondern sich selbst! (Vgl. DV, Nr.2.)

Für das Verständnis von Offenbarung und Glauben bedeutet das einen Paradigmenwechsel: vom sogenannten instruktionstheoretischen zum kommunikationstheoretischen Offenbarungsverständnis. Das heißt: vom Akzent auf der Lehre - "ich will die Kirche hören" – zur Betonung der Glaubens-Existenz  "ich will in der Kirche die vertrauensvolle Beziehung zu Gott (er)leben". Nicht Weitergabe des Glaubens im Sinn von Katechismus-Sätzen oder von tradierten Praktiken stehen vorrangig an, sondern Glaubens-Kommunikation!

Einen dritten Akzent setzt die Konstitution mit  dem Bild vom „Tisch des Wortes“ für die Hl. Schriften neben dem Tisch „des Leibes Christi“. (Vgl. DV, Nr.21 und 25.) Dass die Liturgiereform des Vaticanum II eine neue, erweiterte Leseordnung für die Eucharistiefeier entwickelt hat, gehört genauso dazu wie die Bemühungen um Wort-Gottes-Feiern, Schrift-Kreise, Bibel-Teilen u.a. unter den Getauften...  Dei Verbum ist mit diesen drei Akzenten nach wie vor ein entscheidender Glaubens-Impuls.

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