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Brückenbauer und Wegbegleiter   Kompass wie Inspiration

Requiem von Diakon Reinhard Feuersträter in der Moritzkirche von Halle (Saale)

Der plötzliche Tod von Diakon Reinhard Feuersträter am 19. Dezember 2020 hat unzählige Menschen inner- wie außerhalb der Kirche tief erschüttert. Familie, Freunde und Vertreter seiner zahlreichen Wirkungsstätten nahmen Abschied in der Moritzkirche in Halle (Saale) mit einem feierlichen Requiem.

Bischof Dr. Gerhard Feige sagte in seiner Predigt: „Was ist der Mensch? Diese Frage beschäftigt die Gemüter schon seit Jahrtausenden. Jede und jeder von uns könnte auch noch direkter fragen: Wer bin ich eigentlich? Wofür mühe ich mich ein Leben lang ab? Und was bleibt am Ende? Welchen Sinn soll das alles haben?

Eingebunden in einen natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen sind wir der Vergänglichkeit unterworfen. Wir werden geboren, wachsen heran, entwickeln uns, altern und sterben. Das sind normalerweise die Bedingungen, die wir Menschen mit allem Lebendigen teilen. Und gleichzeitig ist in unseren Herzen eine unausrottbare Sehnsucht nach mehr, nach Geborgenheit und Liebe, Erfüllung und Grenzenlosigkeit. Diese Sehnsucht lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Elend und Größe, Macht und Ohnmacht sind die Pole, in denen sich unsere Suche immer wieder bewegt.

Auch in der Sicht der Bibel leuchtet diese Dramatik auf. Der Mensch ist vergänglicher Staub, und doch auch fast Gott gleich, dessen Meisterwerk, ja sogar Ebenbild, auserwählt und begabt wie kein anderes Wesen. Und das gilt vom Embryo bis hin zum Sterbenden. Jeder Mensch ist einmalig und nicht genormt, zur Freiheit berufen und nicht als Marionette gedacht, in vielem berechenbar und doch unendlich geheimnisvoll, mit einer eigenen Geschichte, Erwartung und Zukunft. Auch in denen, die anderen als nutzlos, belastend und überflüssig erscheinen, leuchtet das Antlitz Gottes auf. Von daher gibt es keine wertlosen Menschen, aber auch keine wertvollen. „Im Reich der Zwecke“ – schreibt dazu Immanuel Kant – „hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes … gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist …, hat eine Würde.“

Als Christen glauben wir, dass Gott sein unbedingtes Ja zu allem Menschlichen gesprochen hat, nicht nur zum Schönen und Blühenden, sondern auch und gerade zum Hinfälligen, zum Bedrohten und Todverfallenen. Damit kommt jedem einzelnen Menschen auch von Gott her eine unverlierbare Würde zu, unabhängig von Alter und Gesundheit, Leistung und Ruhm.

Sich für diese Würde des Menschen einzusetzen, erschien Diakon Reinhard Feuersträter als seine Lebensaufgabe. Ob er es mit Jugendlichen zu tun hatte oder mit Kranken und Sterbenden, mit Christen oder Nichtchristen, immer ging es ihm um das Geheimnis und die Würde jedes einzelnen Menschen. „Ich bin neugierig“ – sagte er einmal – „auf Menschen und ihr Leben, ihre Lebenseinstellungen und Lebenshoffnungen.“ Wie ein roter Faden zog sich diese Weite durch sein ganzes Leben. „Maßstab meines Lernens“ – so schrieb er auch – „war und ist dabei der Mensch, der mir begegnet.“[1] Als er 2003 aus dem katholisch geprägten Münsterland nach Halle kam, wurde er darin beim Wort genommen. Es war für ihn sogar ein „Kulturschock“, denn er musste – wie er selbst hervorhebt – „eine neue Sprache lernen, die an die Lebenserfahrungen der Menschen dieser Umgebung anknüpft und sie mit der frohen Botschaft verknüpft“.[2]

Ein Beispiel, wo sich diese Grundhaltung zunächst besonders gezeigt und bewährt hat, war sein jahrelanges Engagement für die Feier der Lebenswende. Haben daran anfangs etwa 20 Jugendliche teilgenommen, so wuchs deren Zahl auf über 700 im Jahr an. Auf dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes wollte er den Jugendlichen helfen, ihr Leben zu deuten und den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter zu feiern. „Die Kirche“ – so schrieb er – „ist dabei Gast im Leben der Jugendlichen und ihrer Eltern.“ „Dennoch werden in einer … verständlichen Weise auch christliche Werte und der christliche Glaube vorgestellt und mit deren Leben verbunden“.[3] Auch seine Sorge um die Patienten und deren Angehörige, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krankenhauses und zahlreiche Menschen darüber hinaus, war beeindruckend. Ganz erstaunlich und berührend empfinde ich zudem, wie ihm die Sterbebegleitung ein tiefes Anliegen war und dass er in all den Jahren rund 600 fast ausschließlich konfessionslose Menschen auf ihrem letzten Weg zum Grab begleitet hat. Zutreffend und liebevoll wird er im Nachruf des Krankenhauses und des Regionalverbandes der Caritas auch gewürdigt als „mutig verspielter Zuhörer, warmherziger Tröster und visionärer Netzwerker“ als „Brückenbauer und Wegbegleiter, Kompass wie Inspiration“.

In dieser Weise inmitten aller Stürme und Unsicherheiten – von denen auch das heutige Evangelium(Mk 6, 45-52) spricht – die Zuwendung Gottes zu den Menschen zum Ausdruck zu bringen und ihnen ohne kirchliche Eigeninteressen uneigennützig zu dienen: darin sah Reinhard Feuersträter seinen Auftrag. „Ich wünsche mir“ – sagte er einmal – „dass wir als Kirche nicht so sehr unser Überleben im Blick haben, sondern dass wir die befreiende Botschaft unseres Glaubens zu den Menschen tragen“.

Zu diesem Auftrag gehörte es für ihn ganz entscheidend, sich als Kirche stark zu machen, das menschliche Leben in all seinen Facetten zu schützen und zu verteidigen. Die derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen in Bezug auf den Beginn und das Ende des Lebens bereiteten ihm große Sorgen. Deshalb war es ihm ein Herzensanliegen, dass in der Ansprache zu seiner geplanten Verabschiedung als Krankenhausseelsorger am 28. Oktober des gerade vergangenen Jahres nicht über ihn gesprochen werden solle, sondern über das, wofür wir als Kirche stehen: für die unbedingte Würde jedes Menschen. Da die Feier Corona-bedingt abgesagt werden musste, ist es sicher in seinem Sinn, dass deren Text gedruckt worden ist und als kleine Broschüre heute mitgenommen werden kann.

Der plötzliche Tod von Reinhard Feuersträter hat mich und unzählige Menschen inner- wie außerhalb der Kirche tief erschüttert. Vor allem aber erfüllt mich und so viele, die ihn kannten, eine große Dankbarkeit, hat der Verstorbene doch mit seinem Leben bezeugt, dass der Mensch, so wie er ist, von Gott zutiefst geliebt wird, über alle Spannungen hinaus, die den Menschen ausmachen, ja auch über alle Schuld hinaus, in die er sich immer wieder verstrickt. „Ich werde geliebt, also bin ich.“ Das ist vielleicht das Tiefste, was wir aus dem Glauben heraus über uns Menschen aussagen können. Und das bedeutet auch, wie wir vorhin in der Lesung gehört haben (1 Joh 4,11): „Wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.“

Lassen Sie mich zum Schluss Reinhard Feuersträter noch einmal selbst zu Wort kommen. Für seine Verabschiedungsfeier hatte er folgendes Glaubenszeugnis vorgesehen, das wohl besonders deutlich zum Ausdruck bringt, wie er dachte, lebte und hoffte:

Ich glaube an den Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat, wie ein Ding, das immer so bleiben muss. Der nicht nach ewigen Gesetzen regiert, die unabänderlich gelten; nicht nach einer Ordnung, die Menschen einteilt in Arme und Reiche, Herrschende und Dienende. Der nicht in Schubladen verfrachtet. Ich vertraue auf den Gott, der den Widerspruch des Lebendigen will und die Veränderung menschenunwürdiger Zustände durch unsere Arbeit und unser Engagement. Darum hat er uns auch so verschieden erschaffen und ganz eigene Begabungen gegeben, damit es uns nicht langweilig wird miteinander und wir uns zusammentun und so mehr Gutes herauskommt, als wir es allein je schaffen könnten.

Ich glaube an Jesus Christus, der die Ordnung auf den Kopf stellte, als er sagte: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.“ Dieser Jesus, der an der Veränderung lebensbedrohender Zustände arbeitete, um uns Menschen in die Freiheit zu führen. An ihm erkenne ich, dass nur die Liebe uns hilft, damit unsere Intelligenz nicht verkrüppelt, unsere Fantasie nicht im Machbaren erstickt und unsere Anstrengung nicht ins Leere läuft. Er lässt sich nicht einsperren in Kirchen und den Buchstaben von Gesetzen, er sucht die Weite der Mitmenschlichkeit, die sich nicht abgrenzt und aufhalten lässt von Gehorsam, Erfüllungszwang und Angst vor Konsequenzen. Ich glaube an Jesus Christus, der aufersteht in unser Leben, damit wir frei werden von Angst und Vorurteilen und seine Botschaft uns weitertreibt hin auf sein Reich der Freiheit und des Friedens, damit wir mit ihm einst das Lied der Befreiung singen.

Ich glaube an den Geist, der mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist; an die Gemeinschaft aller Menschen und unsere Verantwortung für das, worin sich die Geister scheiden: zwischen dem Ort der Angst und der Verzweiflung und der Stadt Gottes, in der Menschen aufeinander zugehen und sich tröstend beistehen, Not miteinander tragen und Freude teilen. Ich vertraue auf einen gerechten Frieden, der zum Geschenk wird, wenn wir einander dienen und die Versuchung des eigenen Vorteils zurückstellen. Ich glaube an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens für alle Menschen und an die Zukunft dieser Welt als Ort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.

Möge Diakon Reinhard Feuersträter das zuteilwerden, woran er geglaubt, wofür er gelebt und worauf er gehofft hat. Möge Gott ihm auch alle Mühen vergelten, die er im Dienst des Evangeliums auf sich genommen hat, und ihn zur Fülle des Lebens führen.

Predigt zum Download

Erst wenige Wochen vor seinem Tod ist Diakon Reinhard Feuersträter in den Ruhestand gegangen. Die geplante Abschiedsfeier musste Ende 2020 coronabedingt abgesagt werden. Die damals geplante Rede von Bischof Dr. Gerhard Feige können Sie hier nachlesen

(sus; Foto:Sperling)



[1] Reinhard Feuersträter, Lebenswende in der Kirche, in: Communio 3/2018, 250.

[2] Ebd.

[3] Ebd., 253.

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