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Tag des Herrn

Luise Binder Fotos: Luise Bindner Unterwegs in Kreuzberg: Momentan sorgen sich die Kreuzberger um den Görlitzer-Park. Den will der Bürgermeister bald nachts abschließen. Das wird an Drogenkonsum und Kriminalität im Viertel nur nichts ändern, befürchten auch Bruder Bernd und Pater Benno. Pater Benno und Bruder Bernd sind zwei unkonventionelle Geistliche in Kreuzberg. Zwischen Graffiti-Wänden und Kirchenglocken leben sie mitten im Kiez. Sie erzählen von ungewöhnlichen Begegnungen, gelebtem Glauben und einem ganz besonderen Miteinander. Pater Benno geht über die Straße und tauscht Frühlingsgrün gegen Altbaumauern, die von Graffiti bedeckt sind. Trotz Vandalismus versucht er offen zu sein für das, was die Kreuzberger Wände sagen wollen. Vor der Wrangelstraße 49 bleibt er stehen und liest die Frage auf der Wand: „Wer ist dein Gott?“ Er fühlt sich herausgefordert. Für ihn habe Gott immer etwas mit Beziehung zu tun. „Lieber mit Gott reden als über Gott“, ist seine Devise. Daher würde Pater Benno der Wand mit „Du“ antworten. Jemand anderes hat bereits „Karell“ geschrieben. Straßenspiritualität finden die beiden Geistlichen im Wrangelkiez an allen Ecken und Wänden. Die Aufmerksamkeit dafür kann jeder üben und sich von Religiosität an allen Orten überraschen lassen.Vor drei Jahren zog der Benediktiner Benno Rehländer (45) aus dem Ettaler Kloster nach Berlin-Kreuzberg. Er trägt jetzt Jeans, Pulli und Turnschuhe statt seines Habits. Er sieht darin keinen Widerspruch. Schließlich sollte auch der Habit einst die Kleidung der einfachen Leute auf dem Feld nachahmen. Er lebt jetzt in einer Wohngemeinschaft mit Bruder Bernd Ruffing, einem Steyler Missionar. Sie haben die leere Pfarrwohnung in Kreuzberg bezogen. Ohne Casting, einfach so. „Das war das perfekte Match“, sagt Bruder Bernd (50) heute. In Kreuzberg ist das Leben anders, als in Berlin-Charlottenburg, wo Bruder Bernd zuvor lebte. Schon am ersten Tag, Gründonnerstag, merkte er das, als die Kassiererin im Rewe fragt, wie es ihm gehe. Nach seiner kurzen Antwort betont sie: „Ja, aber wie geht es Ihnen wirklich?“  Bruder Bernd und Pater Benno leben jetzt in der Wrangelstraße. Hier reihen sich die Wohnhäuser eng aneinander. Sie gehen an der Moschee vorbei, wo Pater Benno als „katholischer Imam“ vorgestellt wurde. Weiter hinten sehen sie den Bioladen und auf der gegenüberliegenden Straßenseite den türkischen Obst- und Gemüsehandel. An diesem warmen Frühlingssonntag schlendern viele Menschen Richtung Park. Nur wer zur rechten Zeit seinen Blick vom bunten Gewusel abwendet, bemerkt die Kirche, die sich eng an die Wohnhäuser reiht und dabei so anders ist. Der gepflasterte Hof, die sauberen Mauern, der österlich geschmückte Brunnen gleichen einer Filmkulisse. Religion im Kiez – kaum wahrnehmbar, aber da Die katholische Marienliebfrauenkirche ist nicht die einzige christliche Kirche der Wrangelstraße. Am Anfang und Ende gibt es je noch eine evangelische Kirche. „Religion ist hier, auch wenn man es vielleicht gar nicht wahrnimmt“, sagt Pater Benno. „Ich würde es schwierig finden, wenn die Kirche wirklich nur hinter diesem Zaun anfangen würde. Das geht nicht. Mir ist wichtig, immer wieder unterwegs zu sein, damit ich wahrnehme, dass die Kirche mitten in der Welt ist.“ Sie spüren das in Kreuzberg immer wieder. Da ist zum Beispiel der Mann vorm Supermarkt: Vollbart, langes Haar, verletzt und dreckig. Pater Benno erinnert er an alte Christusdarstellungen. „Da ist mir nochmal bewusst geworden, dass dieser Jesus hier auf meiner Straße sitzt.“ In Friedrichshain-Kreuzberg sind nur sechs Prozent der Einwohner katholisch, neun Prozent evangelisch. Die Zahl der muslimischen Gläubigen ist in der Statistik Berlin-Brandenburg nicht aufgeführt. Das war im volkskatholischen Bayern während seiner Zeit im Kloster Ettal anders, sagt Pater Benno. „Jeder Ort ist heiliger Boden, auch die Straße.“  Die Wohnung der beiden Geistlichen ist Teil des Kirchengebäudes. Auf dem Weg dorthin treffen sie einen Mann, der im Winter jede Nacht im Pfarrsaal übernachtet. Jetzt, wo es wärmer wird, schläft er wieder unter seiner Brücke. Er lobt noch den Chor, der kürzlich in der Kirche gesungen hat. „Das ist ja sonst nicht so meine Musik, aber das war -“ der Mann küsst seine Fingerkuppen. Die St. Michal Kirche in Kreuzberg werde häufig übersehen, sagt Pater Benno. Einmal habe sie eine Dame für eine Turnhalle gehalten.Die Marienliebfrauengemeinde bietet im Winter Notübernachtungen an. 15 Männer finden dort jede Nacht einen Schlafplatz. Eine andere Pfarrei verteilt Supermarkt-Gutscheine an Bedürftige. Und die Suppenküche der Mutter-Theresa-Schwestern hilft auch. Dort lernte Bruder Bernd einmal einen Zeitungsverkäufer kennen, der erzählte, dass es anstrengend ist, nicht gesehen zu werden. Viele Menschen ignorieren ihn, wenn er ihnen die Straßenzeitung anbietet. Als wäre er nicht da. Fremde Schicksale auch ins eigene Wohnzimmer lassen Auch die eigene Wohnung und Gemeinschaft sollte von Anfang an ein Stück weit durchlässiger sein. „Also dass Menschen, die es gerade brauchen, leichter und unkompliziert zu uns kommen können“, sagt Bruder Bernd. „Dadurch kommen Lebensrealitäten näher an mich heran. Das verändert mein Denken, mein Beten und auch mein Leben.“ Sie brachten zwei Monate lang einen Menschen unter, der gegen seine Abschiebung aus Deutschland kämpfte. Woher eine Person kommt, fragen sie nicht. Im Herbst wohnte ein anderer Mann vier Monate bei ihnen. Seine Habseligkeiten hat er noch immer im Flur untergestellt. Große, weiße Plastikbeutel stehen dort. Auch er hat keine Wohnung und verbrachte die Winternächte im Pfarrsaal. „Er ist jeden Tag zur Arbeit in mein Krankenhaus gegangen“, sagt Bruder Bernd, der selbst Krankenpfleger ist. „Und das finde ich so krass: Man sieht den Menschen gar nicht an, was sie für Schicksale haben.“ Auch Menschen, die einen Job haben und sich gesellschaftlich intensiv einbringen, können wohnungslos sein. Die Wohnung der beiden Geistlichen ist ruhig. Dennoch sind auch hier die Eindrücke der Straße präsent: Das Fenster im Flur erinnert mit seinen weißen Schriftzügen an die Graffiti der Häuserwände. Auf das Fensterglas schreiben Gäste „Willkommen“ in einer Sprache, die sie sprechen. In der Küche hängen die 99 Namen Allahs auf einem Wandteppich. Die Räume sind groß und hell und bieten viel Platz für Gäste. Der wichtigste Ort ist der Küchentisch: groß, oval, aus Holz. Hier sprechen Pater Benno und Bruder Bernd miteinander, planen, essen, atmen. Und sie machen das, was Bruder Bernd „in Gemeinschaft hören“ nennt. „Wenn uns etwas Neues anfragt, dann überlegen wir, was sind Vor- und Nachteile, haben wir gerade innerliche Kapazitäten, um zum Beispiel jemanden aufzunehmen, dessen Sprache wir nicht sprechen? Und wenn einer eine Pause braucht, dann verhandeln wir das und hören gemeinsam, was gerade für uns dran ist.“ Sie haben gelernt, genau wahrzunehmen – sich selbst, den Ort und die Menschen. „Ich verstehe mich hier nicht als den, der den Leuten die Botschaft vom Heil vermitteln möchte, indem er große Predigten an der Straßenecke hält“, sagt Pater Benno. Viel wichtiger ist ihnen, hier präsent zu sein. Beten im Park – aber nicht, um gesehen zu werden Bruder Bernd und Pater Benno genießen wie viele andere Kreuzberger den Görlitzer Park. Die einen grillen, die anderen entspannen. Die beiden Patres kommen wöchentlich zum Beten her.Sie beten im Görlitzer Park, einem Hotspot für Straftaten und Drogenhandel. Auf einem Hügel treffen sie sich in kleiner Gruppe für die Laudes, ein klassisches Morgengebet. Sie tun es nicht, um gesehen zu werden. „Wir sind einfach hier. Und so wie andere hier grillen, so beten wir hier halt“, sagt Pater Benno. Durch ihre Präsenz erleben sie den Ort auch noch anders. Auch heute ist der Park voll mit Menschen, die picknicken, Instrumente spielen oder grillen. Jung und Alt genießt den Frühling hier. „Das ist faszinierend, wenn man mitbekommt, wie der Park jetzt wieder zum Leben erweckt wird“, sagt Pater Benno und hält an. „Das ist eben nicht nur ein kriminalitätsbelasteter Ort, sondern auch ein Begegnungsort.“ Dennoch: Im Herbst 2023 kündigte der Berliner Bürgermeister Kai Wegner (CDU) an, den Park im Folgejahr einzuzäunen und nachts abzuschließen. Die Kritik der Kreuzberger: Der Zaun lösche Kriminalität nicht aus, wird sie lediglich verlagern. Zumal sich bereits jetzt drei Mal so viele Straftaten nicht im Park, sondern in seiner Umgebung feststellen ließen. Auch Pater Benno und Bruder Bernd waren unter den Demonstrierenden. Am Ausgang des Parks klebt der Sternsinger-Segen. Pater Benno hatte die Idee, als er mit den Sternsingern den Park durchquerte. „Wir können nicht nur Häuser und Wohnungen segnen, sondern auch Parks“, sagt der Priester. Passanten bedankten sich dafür. Die beiden Geistlichen sind Teil von Kreuzberg. Sie sind keine Lichtfiguren, aber auch keine Unbekannten. Der Verkäufer der Straßenzeitung erkennt und grüßt sie. Sie ignorieren ihn nicht, grüßen zurück. Die Körperhaltung des Verkäufers verändert sich augenblicklich. „Na wo ward ihr denn?“, fragt er. Bruder Bernd und Pater Benno zucken mit den Schultern: „Na hier.“ Termin Sich für Spiritualität im Kiez öffnen – das können die Teilnehmer bei den „Exerzitien auf der Straße“. Ein ökumenisches Team, unter anderem mit Bruder Bernd Ruffing, lädt dazu vom 17. bis 25. August in die katholische Gemeinde St. Marien Liebfrauen ein. Infos: strassenexerzitien.de / Anmeldung: ruffingsvd@gmail.com   Zwei Geistliche leben mitten in Berlin-Kreuzberg
Dorothee Wanzek Foto: kna/Paolo Calosi Diskussionen über unzureichende Missbrauchs-Aufarbeitung gibt es immer wieder – so wie bei der abgebildeten Kunstaktion Betroffener im vergangenen Jahr in Rom. Bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs drängt der Betroffenenbeirat der (Erz-)Bistümer Berlin, Dresden-Meißen und Görlitz auf ein höheres Tempo und eine konsequentere Umsetzung. „Die Zeit drängt. Amtszeiten nähern sich ihrem Ende. Zeitzeugen versterben. Betroffene resignieren.“ Mit diesen Worten hat der Betroffenenbeirat Ost vor einigen Tagen in einer Pressemitteilung seine Ungeduld zum Ausdruck gebracht. Vor einem Jahr hatten drei ostdeutsche Bistümer mit der Militärseelsoge eine gemeinsame Aufarbeitungskommission gegründet und sich zum Ziel gesetzt, Miss-brauchstaten zu erfassen sowie Strukturen zu untersuchen und zu bewerten, die den Missbrauch fördern. Der Betroffenenbeirat hatte daraufhin ein Konzept für eine sozialwissenschaftliche Studie erarbeitet und in die Kommission eingebracht. In der geplanten Studie soll es vor allem um die Frage nach einem gelingenderen Umgang mit den unmittelbaren und den langfristigen Folgen des Missbrauchs gehen. „Eigentlich sind sich alle einig“ Im Januar diesen Jahres beschloss die Aufarbeitungskommission, diese Studie in Auftrag zu geben. Der Betroffenenbeirat fordert die Kommission und die Bischöfe nun auf, diesen Beschluss zügig umzusetzen. „Eigentlich sind sich Betroffene, die Laienvertretungen der Bistümer und Bischöfe einig, wie wichtig die Studie ist“, schätzt Beiratsmitglied Sabine Otto ein. Sie baue mit einer neuen Fragestellung auf den Erkenntnissen auf, die bereits durch Gutachten und Studien erzielt wurden, die andere Bistümer in den vergangenen Jahren beauftragt hatten. „Betroffene und  Gemeinden wurden durch Missbrauch in Mitleidenschaft gezogen, Täter nachhaltig beschädigt“, ruft sie in Erinnerung. Die neue Studie solle nun aufzeigen, was jeweils dabei helfen könne, das Geschehene besser zu bewältigen. Nun gelte es Verzögerungen zu vermeiden. Die Ausschreibung der Studie könnte mehrere Monate in Anspruch nehmen, die Studie selbst etwa drei Jahre, sagt sie. Unterstützung bekommt das Anliegen unter anderem vom Vorstand des Katholikenrats im Bistum Dresden-Meißen. Die Studie könne dazu beitragen, „systemische Ursachen von Missbrauch innerhalb unserer (Erz-)Bistümer“ aufzuzeigen und Handlungsstrategien für gelingende Aufarbeitung anzubieten, heißt es in einer Erklärung des Vorstands, der im weiteren die Hoffnung äußert: „Was an einigen Orten bereits begonnen hat, wird in die Studie einfließen können, um einerseits von den teils positiven Entwicklungen als Beispiel zu profitieren und andererseits nicht zu verschweigen, wo Aufarbeitung verhindert worden ist.“ Kein wirksamer Schutz ohne Aufarbeitung Eine selbstkritische Reflexion der Vergangenheit und des heutigen Tuns müsste auf allen Ebenen der kirchlichen Hierarchie Vorrang haben, schreibt der Katholikenrats-Vorstand. So reiche es beispielsweise nicht, ein Präventionskonzept vorzuweisen. Es müsse auch dafür Sorge getragen werden, dass es flächendeckend umgesetzt wird und dass Menschen in den Gemeinden es verinnerlichen. Eine umfassende Aufarbeitung, die gleichermaßen von Betroffenen, Gemeinden und Bistumsleitung getragen wird, sei unerlässlich, wenn kirchliche Orte heute und in Zukunft Kindern und anderen Schutzbefohlenen Räume bieten wollen, in denen sie geschützt sind und die zentrale Botschaft des Evangeliums, die eines liebenden Gottes, erfahren können. Zur Sache Der Aufarbeitungskommission der (Erz-)Bistümer Berlin, Dresden-Meißen und Görlitz und der Militärseelsorge gehören vier Vertreter an, die von den Landesregierungen benannt sind, und jeweils drei von den Diözesen benannte und vom Betroffenenbeirat entsandte   Betroffenenbeirat fordert schnellere Aufarbeitung
Luise Binder Fotos: Luise Binder Mit Mut und ungewöhnlichen Ideen öffnet Gregor Giele die Kirche nach außen. Ein Mann, der Brücken baut: Als Priester hat er in Leipzig eine neue Kirche errichtet und die Herausforderungen der Zeit angenommen. Geh nach Leipzig und bau eine neue Kirche. So in etwa lautete der Auftrag, den Bischof Joachim Reinelt 2008 Gregor Giele gab. Danach könne er weiterziehen. Doch es kam alles ganz anders und erst jetzt, 16 Jahre später, verlässt er Leipzig.  Giele (58), ein Mann ohne Bau-erfahrung, aber mit Talent für Fundraising und Kommunikation, nahm die Herausforderung an. Er baute nicht nur eine Kirche, er baute Brücken. In einer Stadt, in der nur vier Prozent der Bevölkerung katholisch ist, war das keine leichte Aufgabe. Doch der Priester liebt Herausforderungen.  „Er schaut sich die Realität an und zeigt uns, was jetzt ansteht“, sagt Monika Lesch (39), Gemeindereferentin und langjährige Weggefährtin. „Er ist wachsam, nimmt Dinge gut wahr und schreckt nicht vor Komplexität zurück.“ Mit diesem Tempo fordere er sein Team heraus, „aber er zwingt dich nicht, deine Grenzen zu überschreiten“, sagt Lesch. Taizélieder vom Baustellendach Giele ist ein Mann der Tat. Als 2015 die Legida-Proteste die Stadt erschütterten, organisierte er innerhalb von 24 Stunden nach Anfrage der Stadt eine Mahnwache auf der Baustelle der neuen Kirche. „Mit Gregor können wir in kurzer Zeit Besonderes auf die Beine stellen“, sagt Lesch. Vom Dach des Rohbaus haben sie den Legida-Demonstraten Taizélieder entgegen gesungen. Als die Kirche fertig war, wurde Giele zum Leipziger Propst befördert und blieb. Mit dem neuen Amt kam eine neue Herausforderung: Die Kirche musste sich neu positionieren. „Wir als Kirche sind ein Player unter vielen in so einer Stadt und das müssen wir, glaube ich, wieder vollkommen neu lernen“, sagt er. Giele ist ein Mann des Dialogs. Er sitzt am Runden Tisch Gemeinwohl Leipzig, bringt seine Perspektive ein und löst Probleme mit wenigen Anrufen. Seine gute Vernetzung habe beim Kirchentag 2016 viele Menschen beeindruckt, sagt Lesch. Propst Gregor GieleSein Konzept ist es, sich die Wirklichkeit, wie sie ist, anzuschauen und dann zu fragen: Wie kann ich darauf reagieren, antworten, was braucht es? Darin übt er sich jeden Morgen, wenn er meditiert. „Das Konzept finde ich so klasse“, sagt Lesch, „denn es gibt in der Kirche so viele Menschen, die Angst vor dem haben, was da draußen passiert.“ Er ist ein Seelsorger, der versucht, den Herausforderungen der Zeit nachzukommen. Er hat versucht, Angebote zu schaffen für diejenigen, die ausgetreten sind, aber immer noch glauben. „Was wir inzwischen für eine Riesengruppe von Glaubenden haben, die keine Heimat haben. Das sind hunderttausend. Und da mal zu sagen, wie nehmen wir die in den Blick?“ Mit mancher Idee macht er sich angreifbar, tritt dem einen oder anderen auf die Füße – das nimmt er in Kauf. Er streitet gern und ist vorbereitet: „Wer neue Wege geht, ist auch verpflichtet, diese wasserdicht zu machen und sich zu fragen: Ist das theologisch und kirchenrechtlich zu vertreten“, sagt Giele. Als loyal und gehorsam, zugleich aber auch mutig und bereit, beschreiben ihn Menschen, die mit ihm gearbeitet haben. Giele ist ein Mann der Worte. „Er hat irgendwann ein geistliches Wort zu Anfang der Kirchenvorstandssitzung eingeführt“, sagt Carl-Hans Uhle (65), der dort 16 Jahre mit Giele gearbeitet hat. „Das war eine wahre Freude.“ Zu spät zur Sitzung kommen, sei keine Option mehr gewesen. Man wollte den Impuls nicht verpassen, sagt Uhle. Er habe ihn als einen gläubigen und intelligenten Menschen kennengelernt, der ein tiefes Interesse an religiösen Dingen hat. „Aber es hat auch immer Spaß gemacht.“ Langsamer Kampf mit dem „Privat-Dämon“ Woran sich viele Menschen jedoch gewöhnen müssten, sei die spitze Zunge. „Er nimmt einen gern auf den Arm“, sagt Uhle. „Aber man dürfe auch zurückschießen.“ Giele ist sich dessen durchaus bewusst. An seinem ironischen Ton arbeite er seit Jahrzehnten „mit minimalen Fortschritten“, schmunzelt der Priester. „Das ist mein Privat-Dämon.“ Giele ist ein Mann der Disziplin. Ein Pfarrer zum Anfassen oder der Kumpel-Kuscheltyp sei er nicht, sagt Gemeindereferentin Lesch. Er verlässt Gemeindefeste zu festen Zeiten, um morgens um 6 wieder arbeitsfähig zu sein. Das missfällt dem einen oder anderen Gemeindemitglied. Er habe aber eine große Begabung dafür, neue Leute zu erkennen und sie abzuholen, damit sie sich gesehen und angesprochen fühlen. Lesch schätzt ihn für seine Bereitschaft, unkonventionelle Wege zu gehen. „Wenn wir als Kirche in unseren Mauern bleiben, dann wird nicht mehr lange was los sein“, sagt Lesch. Giele habe das erkannt. „Er lehrt uns: Gott ist in der Wirklichkeit und deshalb müssen wir raus gehen und die Wirklichkeit umarmen.“ Diese erschreckt Giele jedoch auch manchmal. Die Zunahme psychisch belasteter Menschen, die zur Innenstadtkirche kommen, geht ihm an die Substanz. „Das ist eine sehr komplexe, aber in allen Aspekten unangenehme Situation“, sagt er. Darüber werde gesellschaftlich viel zu wenig geredet. „Und ich frage mich, was los ist, dass das so zunimmt? Aber null Antworten.“ Ab August wird er in Zwickau ganz andere Antworten suchen, zum Beispiel auf die Frage, wie die weniger werdenden Katholiken die vielen Kirchengebäude in der Region unterhalten sollen. Da möchte er sich in die Reihe der Experimentierer eingliedern. Mit den für ihn typisch hochgezogenen Augenbrauen sagt er: „Das reizt mich, mal was zu probieren.“ Propst Gregor Giele verlässt Leipzig
Ruth Weinhold-Heße Foto: Privat Familie Schubinski im Görlitzer Stadtpark. Małgorzata und Manuel Schubinski aus Görlitz hätten ohne die EU wahrscheinlich keine Familie gegründet. Anlässlich der Europawahl erzählen die Polin und der Deutsche, was sie verbindet. Und was sie ihren Kindern mitgeben wollen. „Ohne das vereinte Europa hätten wir beide unsere Berufe nicht“, sagt Manuel Schubinski. Er arbeitet bei der Industrie- und Handelskammer in Görlitz für die Sächsisch-Polnische Wirtschaftskooperation, seine Frau Małgorzata ist Pressesprecherin bei einem deutsch-polnischen Verein, der sich für die Aufarbeitung des Unrechts eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers jenseits der Neiße einsetzt. Und ohne die offenen Grenzen hätten sich die beiden vielleicht nie kennengelernt und eine Familie gründen können. Die Zeit, als Polen vor 20 Jahren der EU beitrat, liegt für das Paar – beide Jahrgang 1992 – weit zurück in der Kindheit. Małgorzata Schubinski stammt aus einer sehr ländlichen Gegend im Südosten von Polen, Manuel Schubinski aus Frohburg in Mittelsachsen. Zusammengeführt hat die beiden ein Studentenaustausch 2013. Er studierte damals Wirtschaft und Polnisch in Görlitz, sie Angewandte Linguistik in Lublin. „Ich stand nur auf der Warteliste für die Fahrt und hatte nie geplant, einen deutschen Mann kennenzulernen“, erzählt die 32-Jährige lachend. Aber die zwei wurden ein deutsch-polnisches Paar, die ersten zwei Jahre lebten sie eine Fernbeziehung. Sie bemühten sich um jeweils ein Auslandssemester an der Universität des anderen und konnten somit ein Jahr näher beieinander sein, bevor sie 2017 heirateten. Durch seine Frau fand Manuel zum katholischen Glauben „Wir mögen beide die Kultur des anderen“, sagt Manuel Schubinski. „Die ersten Erfahrungen habe ich im Glauben gemacht, als sich meine Eltern trennten. Dann wandte sich meine Mutter dem evangelischen Glauben zu. Für mich und meine beiden Brüder war das zunächst ein Schock, wir waren schließlich atheistisch geprägt“, erklärt er. Trotzdem habe er sich hin und wieder in der Kirche engagiert und als er seine spätere Frau kennenlernte, fand er zum katholischen Glauben. „Durch unsere Fernbeziehung hatte ich viel Zeit zum Nachdenken“, sagt er. Und sie ergänzt: „Manuel hat viele kritische Fragen gestellt, dadurch haben wir beide viel über den Glauben reflektiert.“ Schließlich ließ er sich im April 2017 taufen. Dass die zweisprachige Familie mit den drei Kindern Nataniel (5), Klara (2) und Antoni (8 Monate) auch nach dem Studium in Görlitz wohnen blieb, war eigentlich nicht so geplant. „Wir machten uns beide selbstständig und bekamen das erste Kind. Da war der Freundeskreis sehr wichtig“, betont Małgorzata Schubinski. „In unserer Pfarrei Heiliger Wenzel gibt es einen Familienkreis, in dem wir Freunde gefunden haben. Hier können unsere Kinder im Glauben aufwachsen, so wie wir es uns vorstellen. Es gibt polnisch-sprechende Geistliche, jede Woche eine polnische Messe und ich kann auch die Beichte in meiner Sprache ablegen.“ Überhaupt bietet Görlitz mit der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec sehr viele Vorteile für die Familie: Sie kann an beiden Kulturen teilhaben und auf beiden Seiten einkaufen. Auch die Kinder können beide Sprachen im Alltag erproben. „Vor allem die Zweisprachigkeit ist ein Geschenk, das wir unseren Kindern mitgeben können“, sagt der Familienvater. Und fügt hinzu: „Für uns ist der freie Grenzübertritt eine Selbstverständlichkeit.“ Schwierig war es in der Corona-Zeit, in der die Grenzkontrollen und Vorschriften an die Zeit vor Polens EU-Beitritt erinnerten. In der Gastfreundschaft gibt es Unterschiede Probleme mit den zwei unterschiedlichen Herkunftsfamilien hätten sie beide wenig. „Die polnische Mentalität passt recht gut zu mir“, betont er. „Aber Manuel braucht oft einen genauen Plan, ich denke eher: Lassen wir es auf uns zukommen“, fügt sie hinzu. In Görlitz hat die Familie sowohl zu deutschen, polnischen als auch deutsch-polnischen Familien Kontakte. Vor allem bei der Gastfreundschaft machen sich die Unterschiede bemerkbar. „Bei Besuchen in deutschen Familien sind die Zeiten häufig genau festgelegt – die Polen sind da eher spontan,“ erklärt Manuel. Schwierig wird es manchmal für die junge Mutter, wenn sie ihre Kinder an ihren Glauben heranführen will: „Ich fühle ein großes Verantwortungsbewusstsein, meinen Glauben so zu vermitteln, wie ich ihn als Kind kennengelernt habe. Und dann möchte ich, dass mein Mann alles genau so macht wie ich“, gibt sie zu. „Aber er lebt den Glauben nicht immer nach polnischen Traditionen.“ Neben der Identität im katholischen Glauben war beiden Eltern von Anfang an wichtig, dass die Kinder die Identitäten beider Kulturen mitbekommen. So haben sie durch ihre Eltern die deutsche und die polnische Staatsbürgerschaft erhalten. „Nataniel fängt jetzt an, Fragen darüber zu stellen, ob er polnisch oder deutsch ist. Wir geben ihm beides mit“, sagt Małgorzata Schubinski. Liebe dank der EU
Andrea Wilke Darf ich Personen die Pest an den Hals wünschen? Hinter dieser Frage, die ich aus christlicher (Ein-)Sicht gleich verneinen muss, steckt ein großes Dilemma. Andrea Wilke Pressereferentin Bistum ErfurtIch bin weit entfernt davon, einem meiner Nachbarn Böses zu wünschen, nur weil es ab und an mal aufgrund weit auseinandergehender Vorstellungen von Gartengestaltung etwas knirscht.  Ich denke da eher an jene, die Kriege vom Zaun brechen, und denen es egal ist, wie viele junge Männer kein Leben mehr haben, weil sie es auf einem gottverdammten Schlachtfeld hergeben mussten. Ich habe die vor Augen, die andere bis auf das Letzte ausbeuten, und diejenigen, die sich nicht schämen, Kinder, die eigentlich spielen und in die Schule gehen sollten, schwer schuften zu lassen. Mir fallen auch diejenigen ein, die mit Hassparolen Demokratie gefährden und denen es zuallerletzt um das Wohl der Menschen geht.  Wenn ich derartige Nachrichten in den Medien sehe, kriecht er regelrecht gefährlich nah an mich heran: der Hass. Ich merke das auch körperlich, wie sich in mir alles zu einem Wutknäuel verkrampft und ich ganz unbewusst meine Faust balle. Hach, wie gern würde ich denen allen eine reinwürgen. Wie man sieht, hat Gottes Geist bei mir jede Menge zu tun. Er erinnert mich daran, dass Christsein nicht einfach nur eine Sache der Kirchenzugehörigkeit ist, sondern gelebtes Evangelium. Darin hat Hass keinen Platz, wohl aber die Aufforderung, sich für das Gute einzusetzen. Vor Pfingsten haben wir gebetet: Komm, Heiliger Geist! Ich füge hinzu: Bitte bleib! Anstoß 17/2024
Ruth Weinhold-Heße Foto: imago Psychische Belastungen bei Jugendlichen nehmen zu. Das merkt Jürgen Leide im schulischen Alltag. Was kann helfen, junge Menschen gestärkt in die Welt zu schicken? Ein Gespräch. Herr Leide, wie machen sich psychische Belastungen und Erkrankungen an Schulen bemerkbar? Zunächst dadurch, dass diese Themen im Schulalltag eine immer größere Rolle spielen und uns in vielen konkreten Situationen begegnen. „Mental health“ zu stärken, ist daher eine Herausforderung für Eltern und Schule. Alle bewegt die Frage: „Wie können wir unsere Kinder besser stärken und sie in ihren Problemen unterstützen?“ Es gibt bei uns pädagogische Konferenzen, in denen wir fragen: Wie gehts euch? Dabei werden Schüler und Eltern einbezogen. Ziel ist, Gewaltpotential oder andere Probleme frühzeitig zu erkennen. Aktuell fällt auf, dass 2023 rund ein Drittel der Schüler psychoemotional belastet war. Die Zahl hat in den letzten drei bis vier Jahren deutlich zugenommen. Bei Projektwochen sind psychoemotionale Themen stark nachgefragt, von Essstörung bis zur Frage: „Was stärkt mich?“ Die Kurse sind ganz schnell voll. Welche konkreten Probleme haben die Schüler? Das ist ein breites Spektrum: Es gibt vieles, was alterstypisch ist und zur Entwicklung gehört, aber darüber hinaus wachsende Zukunftsängste angesichts Krieg und Klima, Verunsicherungen, weil man „nur gut“ ist und den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird, Ängste, die zu selbstverletzendem Verhalten, Essstörungen bis hin zu Suizidgedanken führen. Auch familiäre Trennungssituationen zählen zu den großen Belastungen.  Spielt dabei Selbstoptimierung eine Rolle, die heute viele Menschen unter Druck setzt? Ich meine, ja. Ich erlebe derzeit stark den Zwang, alles für sich mitzunehmen, das Optimale herauszuholen, nichts versäumen zu wollen. Das führt dazu, dass Dinge in ihrer Bedeutung nicht mehr gewichtet werden können und junge Menschen von einer Verpflichtung zur nächsten hetzen. Was sind Ursachen dafür? Da spielt vieles zusammen. Ein Katalysator war auf jeden Fall die Corona-Krise. Belastungen waren schon vorher da, aber Corona hat sie zu Tage gebracht. Zu unseren aktuellen Tagesmeldungen gehört das Thema Krieg. Die Klimakatastrophe ist allgegenwärtig für Jugendliche. Wir Erwachsenen sagen ihnen: Ihr seid unsere Zukunft. Junge Menschen haben aber Ängste vor ihrer Zukunft.Ich zähle auch die Digitalisierung mit als Ursache, ein stillschweigender Turboantrieb für alle. Mich beschäftigt schon lange ein Gedanke des Jesuiten Leo O’Donovan. Als Präsident der Georgetown University in Washington sprach er bereits vor 20 Jahren vom Funktionalismus und Ökonomisierungszwang in unserem Leben, der sich immer weiter verstärkt. Er meinte, eine Antwort auf Verzweckung und Beschleunigung des Lebens sei Entschleunigung, das Sabbat-Gebot. Wir sollten Räume schaffen, in denen Unterbrechung, Stille möglich ist, wenn wir das Menschliche schützen wollen. Kann das Schülern helfen? Ja. Ich erlebe, dass Jugendliche geradezu eine Sehnsucht nach Stille haben. Sie brauchen Anleitung dazu, aber sie erleben dann, dass sich damit ein Raum eröffnet, durch den Kreativität, Selbsterfahrung, Meditation oder Gebet möglich werden. Dazu gehören auch Rituale, deren sinnstiftende Bedeutung sich im persönlichen Erleben erschließt. Wir haben da als Kirche einen Gegenentwurf für die Gesellschaft. Jürgen Leide ist Gymnasiallehrer, Gestaltpädagoge, Logotherapeut und Pädagogischer Leiter am katholischen St. Benno Gymnasium in Dresden.Welche Möglichkeiten hat eine katholische Schule, die eine andere nicht hat? Ich finde, es ist eine unserer Aufgaben, solche Rückzugsorte, Möglichkeiten des zwecklosen Verweilens, also Entschleunigung anzubieten: Wir haben eine Kapelle. Als der Gaza-Krieg losbrach, haben wir dort eine Klagemauer aus Backsteinen aufgebaut, in die junge Menschen Gedanken oder Gebete auf Zetteln stecken konnten. So erleben sie: Natürlich ist reden wichtig, es kann aber unsere Seele stärken, noch anders mit unseren Sorgen umzugehen. Wir bieten an unserer Schule Besinnungstage an, in denen sie die Erfahrung der Stille machen. Ich erlebe, dass sich Jugendliche im Tagebuchschreiben verlieren und tatsächlich darauf freuen, ihr Handy abzugeben. All solche Chancen sollten wir zur Stärkung unserer Kinder und Jugendlichen nutzen. Was gibt Ihnen Hoffnung? Immer, wenn Beziehungsqualitäten gestärkt werden. Ein Beispiel: Ein Klassenrat kann lehren, einander wirklich zuzuhören, sich ausreden zu lassen ohne zu bewerten. Wenn das gelingt, finden belastete Schüler Halt und beginnen, an sich selbst zu wachsen, weil sie diesen tragfähigen Boden haben. Keine Frage: dort, wo Jugendliche tatsächlich belastet sind, brauchen sie psychologische und professionelle Unterstützung. Mir ist es jedoch wichtig, genau hinzuschauen, damit die Angebote nicht ein Zuviel des Guten werden. Menschen werden sehr gestärkt, wenn sie Beziehungsqualität erleben und ihnen in diesem Halt etwas zugetraut wird: So können sie wachsen und Selbstwirksamkeit erfahren. Dafür sollten wir präventiv und im Alltag sorgen. Es geht auch darum, jungen Menschen ein Wertegerüst, das Bedeutung für ihr Leben hat, zu vermitteln. Werte helfen, Orientierung für das eigene Leben und Sinn zu finden. Ich denke, Jugendliche hierbei auf ihrem eigenen Weg zu begleiten, gehört zu den würdevollsten Aufgaben, die wir als Eltern oder Lehrer haben. Was können Eltern, die selbst Christen sind, ihren Kindern mitgeben? Sie können ihnen Geborgenheit und unbedingte Liebe vermitteln und das Zutrauen, dass Gott alle Wege mitgeht. Dafür muss niemand perfekt sein. Social Media macht das nicht so einfach. Dort zeigen sich wenige ungeschminkt und ehrlich. Genau. Da werden schon Kinder angeleitet zum illusorischen Perfektionismus. Deswegen müssen wir ihnen helfen, einen fehlerfreundlichen Lebensstil und Gelassenheit zu entwickeln, da sind Eltern und Schule besonders herausgefordert.   Veranstaltungstipp Vortrag von Dr. Boglarka Hadinger für Eltern und andere Interessierte: „Halt und Resilienz stärken – eine Herausforderung für alle“ am 15. Mai um 19 Uhr in der Aula des St. Benno-Gymnasiums (Pillnitzer Str. 39, Dresden)   Psychische Belastungen bei Jugendlichen nehmen zu
Eckhard Pohl Foto: Eckhard Pohl Martin Hohmann (links) und Harald Frank in Erfurt, im Hintergrund der Dom. Martin Hohmann möchte Menschen zu einem entschiedenen Christsein führen. Der gebürtige Hesse konvertierte zum katholischen Glauben. Jetzt wird er am Pfingstsamstag in Erfurt zum Priester geweiht. „Es war schon ein gewisser Kulturschock, als ich im September 2022 im Pastoralkurs ins Eichsfeld kam“, sagt Martin Hohmann schmunzelnd. „Ich stamme aus dem hessischen Eschenburg nahe Dillenburg. Für Katholiken ist dort tiefe Diaspora. Und dann kam ich ins volkskirchlich geprägte Eichsfeld.“Hohmann ist derzeit als Diakon in der Pfarrei Lengenfeld unterm Stein im Bistum Erfurt im Einsatz und will sich Pfingstsamstag zum Priester weihen lassen. „Ich stamme aus einer gemischtkonfessionellen Familie“, sagt der 45-Jährige.  „Wir waren drei Kinder. Ich bin protestantisch reformiert aufgewachsen.“ Auch als Jugendlicher sei er – anders als viele Altersgenossen – regelmäßig in den Gottesdienst gegangen. Spirituell geprägt sei er auch durch seine katholische Mutter, für die entzündete Kerzen, Gebet und Segen wichtig waren.Dass er mit 34 Jahren katholisch wurde, habe sich „nicht so sehr gegen den Protestantismus“ gerichtet.  „Ich habe in der katholischen Kirche eine noch überzeugendere Variante gefunden, den Glauben zu leben. Und klarere Positionen, etwa in ethischen Fragen zu Abtreibung oder Sterbehilfe.“ Beeindruckt habe ihn Papst Benedikt: „Mir hat sehr imponiert, wie er Glaube und Vernunft, Glaube und modernes wissenschaftliches Weltbild zusammengedacht hat. Und wie er davon spricht, dass wir vom Gewohnheits- zum Entscheidungschristentum kommen müssen.“ Bewusste Entscheidung für Ostdeutschland Ihm selbst sei das zum Anliegen geworden: „Mit meinem Dienst möchte ich Menschen in Zeiten zunehmender Entchristlichung zur persönlichen Entscheidung für den Glauben ermutigen.“Hohmann, der im Auto gern Rockmusik hört, aber auch klassische Musik schätzt, hat ursprünglich Deutsch und Geschichte für das Lehramt studiert und auch als Lehrer gearbeitet. Doch er sei zunehmend unzufrieden geworden mit der schulischen Situation, die zu wenig auf die Begleitung der jungen Menschen zu mündigen Personen orientiert gewesen sei.  Da er sich sehr für religiöse und philosophische Fragen interessierte, habe sich so die Idee entwickelt, noch Theologie zu studieren.Mit Hilfe eigener Ersparnisse studierte er an der Hochschule der Jesuiten in Frankfurt (Main) Theologie. „Ich habe dabei imponierende Menschen kennengelernt“, erinnert er sich gern. „Die Theologie dort ist stark vom Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt.“  Mit dem Examen bewarb er sich als Priesterkandidat im Bistum Erfurt. „Thüringen hat mich interessiert. Ostdeutschland gilt neben Tschechien als atheistischtes Gebiet in Europa.“ Zwei Jahre bereitete sich Hohmann im Erfurter Priesterseminar auf seinen geistlichen Dienst vor. Seit 2022 ist er nun in der Pfarrei Lengenfeld, zunächst als Praktikant, jetzt als Diakon und in Kürze als  Kaplan im Einsatz. Zölibatär zu leben, habe er in gewisser Weise schon über Jahre eingeübt und könne es gut annehmen. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29) hat er sich als Primizspruch für seinen künftigen Dienst als Priester gewählt. Dass er sich dafür entschieden hat, Priester zu werden, habe auch mit einem „Gefühl des Getragenseins zu tun“, dass er schon seit langem empfinde: „dass auch in Krisensituationen alles einen guten Ausgang nimmt“ und „einer da ist, der mich hält und trägt“. „Unsere Zeit“, sagt Hohmann, „braucht unbedingt Gott.“ Die Priesterweihe ist am 18. Mai, 9.30 Uhr, im Erfurter Dom. 14 Uhr beginnt eine Dankandacht   Zur Priesterweihe von Martin Hohmann
Eckhard Pohl Foto: Eckhard Pohl Martin Hohmann und Harald Frank (rechts) in Erfurt, im Hintergrund der Dom. Harald Frank wird am Samstag nach Pfingsten in Berlin die Priesterweihe empfangen. Er möchte Menschen, die nicht zum Kern der Gemeinden gehören, mit dem Glauben in Kontakt bringen. Harald Frank ist seit rund eineinhalb Jahren in der Pfarrei St. Otto Usedom-Anklam-Greifswald im Einsatz. „Unsere Pfarrei umfasst 2330 Quadratkilometer. Neben Greifswald, das durch viele Studenten sehr lebendig ist, gehören kleine Gemeinden wie Wolgast, aber auch Ferienorte wie Zinnowitz mit dem Haus St. Otto dazu“, sagt der 49-Jährige. „Um die damit verbundenen Herausforderungen noch besser zu meistern, müssen wir stärker ökumenisch zusammenarbeiten, wie das schon zwischen den Studentengemeinden in Greifswald geschieht.“ Er erlebe in Greifswald Kirche in Vielfalt und Breite, sagt Frank dankbar. Eine entscheidende Frage sei: „Wie öffnen wir uns den Menschen, die nicht zu einer Gemeinde gehören?“ Eine ganz wichtige Aufgabe dabei sei es wohl, „mit den Menschen gemeinsam im Leben unterwegs zu sein“. Die Feier der Liturgie gehöre unbedingt dazu. Frank erlebt es als wichtige Herausforderung in der Gemeinde, zwischen den verschiedenen Auffassungen und Wünschen „auszubalancieren“. „Es ist eine große und zeitintensive Aufgabe, Menschen individuell auf ihrem Glaubensweg zu begleiten“, sagt Frank. Aber das sei nötig. „Es ist heute wichtig, dass jeder in der Kirche einen Platz finden kann.“ Berufswechsel, da es im Leben um mehr gehen sollte als um Geld Harald Frank wurde 1974 in Urach in Württemberg geboren. Er wuchs mit zwei jüngeren Schwestern auf. Nach Abitur, Zivildienst, Ausbildung zum Versicherungskaufmann und Betriebswirtschafts-Studium war er 15 Jahre im Bereich Informationstechnologie in Finanzunternehmen tätig und wohnte in Berlin-Steglitz und in Österreich. „Bei meinen Aufgaben ging es immer um Finanzen. Das hat seine Berechtigung. Aber man kommt nicht mit den Menschen in Beziehung.“ Auf dem Arbeitsweg sei er immer an einer Einrichtung für behinderte Menschen vorbeigekommen. „Das hat mich bewegt. Menschen sehnen sich nach mehr. Da muss es doch noch was anderes geben als etwa Geld.“ Frank bewarb sich 2015 beim Erzbistum Berlin als Priesterkandidat. Zunächst absolvierte er ein theologisches Einführungsjahr mit Altsprachen-Ausbildung in Bamberg. Es folgten Studienjahre in St. Georgen Frankfurt (Main) und im Spätberufenen-Priesterseminar Studienhaus St. Lambert in Lantershofen. Sein Magisterstudium schloß er 2022 an der Theologischen Fakultät in Trier ab. Im September 2022 begann die dreijährige Berufseinführung. Seitdem ist er in der Pfarrei Greifswald eingesetzt. Harald Frank fährt gern Motorrad, hat selbst eine Maschine. Musik höre er von Klassik bis Techno fast alles. Seine Ausbildung als Rettungsschwimmer passt zu den Ostseestränden auf Usedom. Wie sich da etwas verbinden lasse zwischen Strand und dem Glauben, darüber sei man derzeit im Pfarreiteam im Gespräch, verrät er. Als Wort für sein priesterliches Leben hat er sich aus dem Johannes-Evangelium den Vers „Ich aber habe euch Freunde genannt“ (Joh 15,15) ausgewählt. „Es muss heute darum gehen, Kirche – auch wenn sie so verfasst ist – nicht mehr nur hierarchisch zu begreifen und zu leben. Wir müssen und sollen auf Augenhöhe miteinander umgehen.“ Frank wünscht sich in seinem priesterlichen Dienst Gelegenheiten, mit Menschen in Kontakt zu kommen, wo sie es nicht erwarten. Und klar werde er als Kaplan einüben, die Liturgie zu feiern, Kinder auf die Erstkommunion vorzubereiten, Menschen mit den Sakramenten zu stärken. Harald Frank wird am 25. Mai, 10 Uhr, in St. Joseph (Müllerstraße 161, Berlin) zum Priester geweiht. Am 2. Juni, 11 Uhr, wird er in St. Joseph in Greifswald die erste heilige Messe feiern   Zur Priesterweihe von Harald Frank
Stefan Schilde Fotos: Stefan Schilde Laurin Büchner hatte zwar keine Finanztipps parat, weiß aber, was wahrer Reichtum ist. „Die Bibel hinter ihren Mauern hervorholen“ – das wollte der Tag der Bibel 2024 in Görlitz. Dazu wurden auch biblische Geschichten zu bestimmten Themen vorgelesen – an Orten des Alltags. „Großer Gott, wir loben dich“ – das vierköpfige Blasorchester weist den Weg: In dieser Bankfiliale in der Görlitzer Innenstadt – und nicht etwa in einer der vielen christlichen Gemeindehäuser der Stadt – wird gleich aus der Bibel vorgelesen. Die Heilige Schrift als Finanzratgeber – so lockt das Programmheft des Tags der Bibel 2024 in die Volksbank.  Biblischer Finanzexperte soll Laurin Büchner sein. Der 14-Jährige geht an die Freie evangelische Oberschule und musste nach eigenem Bekunden nicht erst lange überredet werden. Was er vorliest, so viel wird schnell klar, wird wohl für keine großen Sprünge auf den Konten der anwesenden Zuhörer sorgen, denn Finanztipps enthält weder die Geschichte von Abraham und Sara noch die von König Salomo. Dafür beschreiben sie, was wahrer Reichtum noch bedeuten kann: Kinder und Familie, aber auch große Weisheit. „Als Gott König Salomo eine Bitte gewähren will, wünscht sich der nicht großen Reichtum, sondern ein hörendes Herz, um das Volk weise zu regieren und Gutes vom Bösen zu unterscheiden“, erklärt Laurin Büchner. „Für seinen bescheidenen Wunsch wird Salomo von Gott obendrein reich beschenkt.“ Im Hintergrund klimpern die Münzen, die ein Kunde gerade in den Einzahlungsautomaten gibt. Bibellesungen an dafür eher ungewöhnlichen Orten – die Idee gehört zum Programm vom „Tag der Bibel 2024“. Der Gedanke dahinter: Mit der Heiligen Schrift unter dem Arm dorthin gehen, wo das wahre Leben spielt: in der Bank und auf dem Polizeirevier, im Garten und im Modehaus zum Beispiel. „Ich bin nicht getauft“, sagt Laurin Büchner. „Aber man kann von den Geschichten aus der Bibel viel lernen.“ Auch Bankmitarbeiterin Daniela Gayh hat zugehört. Sie sei keine Christin, gehe nur an Heiligabend in die Kirche. „Trotzdem“, meint sie, „stimmt, was dort in der Bibel steht: Wahrer Reichtum ist viel mehr als Geld.“ Was sie betrifft, steht die Gesundheit immer an erster Stelle. „Andererseits“, fügt sie augenzwinkernd hinzu, „schadet es auch nicht, wenn das eigene Geld in guten Händen ist“. Katholikin liest düstere Krimigeschichten Nach der Lektion über wahren Reichtum warten, kaum zehn Fußminuten von der Bank entfernt, in der Görlitzer Polizeidirektion biblische Kriminalgeschichten. Der private Wachschutz am Einlass ist freundlich, die Räume sind großzügig, die Wände hell – wie einladend! Polizisten, die zum Einsatz ausrücken? Fehlanzeige. Nur die Fahndungsplakate lassen erahnen, wo man gerade ist.  Christina Kunitzki aus der Görlitzer Gemeinde St. Wenzelmit dem evangelischen Polizeiseelsorger Pfarrer Frank Hirschmann.„Mein Mann und ich haben schon einmal eine Untersuchungshaftanstalt besichtigt“, erzählt eine Besucherin. „An den Bedingungen für die Häftlinge dort gab es nichts auszusetzen.“ Dass auch Schwerverbrecher ihre Strafe heute nicht mehr in finsteren Verliesen absitzen müssen, findet sie richtig: „Durch schlechte Verhältnisse bessern wir doch niemanden.“ Sie ist gespannt, welche Krimis aus der Bibel sie gleich erwarten. „Hoffentlich hören wir nicht nur Kain und Abel.“ Christina Kunitzki, Pfarreirätin und Jugendgruppenleiterin in der katholischen Gemeinde St. Wenzel, tut ihr den Gefallen. Hauptberuflich arbeitet sie in der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt, versucht unter anderem, die illegale Einfuhr von Tieren zu unterbinden.  Nun liest sie, wie Jakob seinen Bruder Esau um das Erstgeborenenrecht und seinen Vater Isaak um dessen Segen betrog, ebenso vom Kindermord des König Herodes. Am meisten Eindruck hinterließ jedoch die Erzählung von Susanna im Bade aus dem Buch Daniel.  Die unschuldige Frau, die erst in letzter Sekunde durch göttliche Intervention vom Propheten Daniel aus einer üblen Intrige gerettet wird, zieht die Zuhörer hörbar in den Bann. Nach dem Happy End vor Erleichterung am lautesten aufgeseufzt hat Christa Tzschaschel. „Es dauert manchmal seine Zeit, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Zu hören, dass Gott Susannas Gebete letztlich doch erhört hat, bestärkt auch mich“, sagt die Görlitzer Christin, die selbst schon schwere Schicksalsschläge in der Familie erlitten hat. Hobbygärtner Jürgen Wenzel, Gastgeber der biblischen Gartengeschichten, erfreut sich an seinem Fichten-„Hexenbesen“.Lob der Schöpfung – und mutiger Frauen Einen solch schönen Garten wie diesen gebe es an seinem Arbeitsplatz, der Justizvollzugsanstalt Bautzen, dem „Gelben Elend“, nicht, sagt der evangelische Gefängnisseelsorger Matthias Mory. Er steht im aufwendig angelegten Garten der Familie Wenzel. Um ihn herum, auf Bänken, Stühlen und im Gras sitzt erwartungsfroh die Zuhörerschaft. Die Psalmen, die Mory vorträgt, preisen Gott und seine Schöpfung: „Wie zahlreich sind deine Werke, Herr, sie alle hast du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.“ Den „großen Gärtner“ nennt er Gott, präsentiert dazu das gleichnamige Bild des Malers Emil Nolde. Und was Gott geschaffen habe, das müsse der Mensch auch achten und bewahren. „Stattdessen leben wir längst nicht mehr in Einklang mit der Natur, die uns umgibt. Dabei ist sie kein Schlaraffenland, in dem man tun und lassen kann, was man will“, sagt Mory. Während er liest, fliegen die Schmetterlinge, summen die Hummeln, zwitschern die Vögel und weht der Wind durch die Baumwipfel, als wollten sie alle für die passende Illustration sorgen. Viele Zuhörer haben die Augen zu, lassen sich die warme Sonne ins Gesicht scheinen. Ein paar besonders große Gartenfreunde sind schon mal auf Erkundungstour gegangen. Aufmerksam zugehört hat Alexander Reichart, der extra aus dem 200 Kilometer entfernten Jüterbog nach Görlitz gekommen ist. Dass die Kirche ihre Botschaft heute explizit mit der Bibel nach außen tragen will, findet er wichtig. „Wenn es zum Beispiel um praktische Flüchtlings- oder Umwelthilfe geht, ist Kirche sehr sichtbar draußen“, sagt er. „Doch wenn es um die Heilige Schrift geht, war das bisher häufig anders. Deshalb bin ich gern dabei.“ „Einordnung wäre gut gewesen“ Wie gekonnt Brigitta Nerlich die Erzählungen über mutige Frauen vorlas.Etwas weniger weitläufig als im großen Garten der Wenzels ist es im ersten Stock des Modehauses „Schwind’s Erben“ mit seinem farbenfrohen Sortiment. Ganz viele Zuhörerinnen – aber auch einige Zuhörer – wollen dort die Geschichten mutiger Frauen aus der Bibel hören. „Es sind leider nur wenige, aber es gibt sie“, kündigt Vorleserin Brigitta Nerlich an. Da wäre Abigajil, die Ehefrau Nabals, die auf eigene Faust Entscheidungen trifft, um Unheil von ihrer Familie abzuwenden. Ihr Ehemann hatte David leichtsinnig brüskiert. „Um David zu beschwichtigen, handelte sie blitzschnell und klug, ohne Rücksprache mit ihrem Mann“, sagt sie. Ebenso couragiert beschreibt die Bibel Ester, die Ehefrau des Perserkönigs Xerxes. „Durch ihr Einschreiten verhinderte sie einen Genozid an der jüdischen Bevölkerung des persischen Reichs“, erklärt Brigitta Nerlich. Alles hängt an ihren Lippen, so gekonnt setzt sie ihre Stimme ein, fast wie im Hörbuch. „Mein Vater hatte ein Tonstudio, da habe ich viel mit meiner Stimme ausprobiert“, erzählt sie. Den Ansatz, biblische Geschichten im Alltagsumfeld zu erzählen, findet sie „wunderbar“. Katrin S. und ihre Tochter Charlotte freuten sich auf die Lesung.Frauengeschichten, die ausgerechnet in einem Modehaus verlesen werden – ist das nicht etwas klischeebehaftet? Nein, das habe sie nicht gestört, finden Katrin und Charlotte, Mutter und Tochter, die mit dabei waren.  Generell finden sie die Idee der Bibellesungen an thematisch passenden Orten super. „Ich könnte mir vorstellen, dass man so mehr Nicht-Kirchengänger erreicht“, sagt Tochter Charlotte, die sonst eher selten zu Veranstaltungen in ihre Kirchengemeinde geht. „Aber“, ergänzt die Gymnasiastin, „bei den eben gehörten Frauengeschichten wäre eine Einordnung in den historischen Kontext oder eine Runde, bei der man das Gehörte danach gemeinsam reflektieren kann, vielleicht ganz sinnvoll.“ Die teils archaischen Vorstellungen, die aus den biblischen Texten sprächen, könnten auf Außenstehende sonst eher befremdlich wirken. Sonst waren beide voll des Lobes über den Bibeltag. „Durch diesen Ansatz waren nicht nur die Gemeinden mit ihren Räumen eingebunden, sondern ein Stück weit die ganze Stadt“, sagt Mutter Katrin.  Kirche dürfe sich gern öfter so präsentieren. Findet auch Modehaus-Besitzer Georg Schwind, selbst Christ, der bei der Anfrage der Organisatoren gar nicht lange nachdenken musste: „Ich dachte mir: Endlich kommt die Bibel mal aus ihrem Versteck.“ Kommentar Es hat wirklich alles gepasst an diesem Samstag in Görlitz, dem „Tag der Bibel 2024“. Die Sonne lachte, die Leute waren gut gelaunt und weil alles fußläufig zu erreichen war, fiel auch der Streik der Bus- und Tramfahrer nicht weiter ins Gewicht. Die Idee, Bibelgeschichten an dazu passenden Orten zu lesen, fand ich gelungen. Themen und Schauplätze waren sehr gut gewählt. Allerdings hätte es an manchen der Orte ein Raum mit etwas mehr Atmosphäre sein dürfen. Im modernen Schulungsraum der Polizeidirektion erinnerte zum Beispiel nur wenig an die Polizei und die Jagd nach Verbrechern. Aber das ist wirklich Meckern auf ganz hohem Niveau. Schon der hohe Zuspruch bei den Lesungen schreit nach Wiederholung!             Görlitzer Bibeltag 2024
Dorothee Wanzek Foto: AdobeStock Erfurter Christen haben sich auf die Katholikentagsgäste vorbereitet. Im Bild der Domplatz mit dem Mariendom und der Severi-Kirche. Mit einem Begegnungsabend am 29. Mai beginnt der Katholikentag in Erfurt. Im eigenen Programmangebot des Gastgeber-Bistums ist auch der TAG DES HERRN vertreten. Wo könnten ostdeutsche Bistümer noch fruchtbarer zusammenarbeiten? Wie engagieren sich katholische Einrichtungen gegen die wachsende Polarisierung der Gesellschaft? Und was erleben Katholiken, die sich als Christen bewusst nicht (nur) in der Kirche, sondern bei der Feuerwehr, als Schul-Elternvertreter oder in Bürgerinitiativen engagieren? Diese Fragen diskutieren TAG DES HERRN-Redakteure mit ihren Gesprächspartnern beim Katholikentag ab dem 30. Mai jeweils nachmittags von 14 bis 15.30 Uhr im St. Ursula-Haus am Erfurter Anger. Zusammenarbeiten nur des Geldes wegen? „Einigkeit macht stark“ heißt das Motto der Auftaktrunde am Donnerstag. Redaktionsleiterin Dorothee Wanzek trifft dort auf den Magdeburger Bischof Gerhard Feige, auf Generalvikar Manfred Kollig aus Berlin, eine Vertreterin der Caritas und den MDR-Senderbeauftragten Guido Erbrich. „Wo hat sich bistumsübergreifende Zusammenarbeit seit der DDR-Zeit bewährt?“, wird dabei unter anderem diskutiert. Es geht um Motive, die über allgegenwärtige Sparzwänge hinaus dazu bewegen, das Miteinander zu intensivieren und neue Felder der Kooperation zu erschließen und um unüberwindliche oder möglicherweise auch durchaus verrückbare Grenzen des Zusammenwirkens. TAG DES HERRN-Redakteurin Ruth Weinhold-Heße spricht am Freitag mit der Leiterin des Katholischen Büros Sachsen, Daniela Pscheida-Überreiter, und mit Akteuren kirchlicher Einrichtungen darüber, wie sie die Veränderung des sozialen Klimas erleben. Sie fragt ihre Gesprächspartner, wie sie eine Kultur des Respekts fördern und ob sie der wachsenden Demokratieskepsis und -feindlichkeit etwas entgegenzusetzen haben. Nicht immer erfahren Katholiken, denen es wichtig ist, sich als Christen in die Zivilgesellschaft einzubringen, aus ihren Kirchengemeinden dafür den Rückhalt und die Wertschätzung, die sie brauchen. Manche fühlen sich übersehen oder bekommen Vorwürfe über ihr fehlendes Engagement in Pfarreirat, Kirchenchor oder Kindergottesdienstkreis zu hören. In der Gesprächsrunde am Samstag will Redakteur Stefan Schilde ihr christliches Engagement sichtbar machen. Er lässt Christen erzählen, wie sie selbst ihre Rolle im Zusammenwirken mit engagierten Ungetauften wahrnehmen und welche Echos sie an ihren Einsatzfeldern bekommen. Im Hof des St. Ursula-Hauses wird Willi Krug, der Leiter des TAG DES HERRN-Service-Teams, während des Katholikentags mit einem Informationszelt präsent sein. „Wir werden uns viel zu verzeihen haben“ Bei einer der großen Podiumsveranstaltungen in der Reglerkirche tritt der Tag des Herrn am Freitag von 11 bis 12.30 Uhr als Mitveranstalter auf. „Christen und Nichtreligiöse im Dialog über Versöhnung“ lautet der Titel der von Claudia Nothelle moderierten Debatte mit dem Philosophen Professor Eberhard Tiefensee aus Leipzig, dem Leipziger Propst Gregor Giele, Sachsen-Anhalts Infrastrukturministerin Lydia Hüskens, dem Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland, Carsten Schneider, und der Journalistin Valerie Schönian. Inspiriert vom Ausspruch „Wir werden uns viel zu verzeihen haben“, den der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn auf der Höhe der Pandemie machte, schauen die Gesprächspartner die Unversöhnlichkeiten an, die aktuell manche gute gesellschaftliche Entwicklung blockieren. „Was können Christen dazu beitragen, dass Verletzungen heilen und Blockaden sich lösen?“, wird dabei eine zentrale Frage sein. TAG DES HERRN auf dem Katholikentag 2024 in Erfurt

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