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Ungewöhnliche Wege

Bischof Gerhard Feige zum Fest Epiphanie

Die Sterndeuter auf der Suche

In diesen Tagen sind wieder die Sternsinger von Haus zu Haus unterwegs, zumeist Mädchen und Jungen, die als Könige verkleidet von der Menschwerdung Gottes künden, seinen Segen erbitten und Spenden für bedürftige Kinder sammeln. Bekannt ist freilich, dass das Matthäusevangelium anders als die andeutenden Vorhersagen aus dem Buch Jesaja nicht von Königen spricht, sondern von Magiern oder Sterndeutern aus dem Osten, vermutlich aus dem Gebiet des heutigen Iran und Irak. Dabei darf man nicht an irgendwelche Scharlatane denken. Offensichtlich waren es Personen, die in ihrem Herkunftsland zur geistigen Elite gehörten und Ansehen genossen, Wissenschaftler bzw. Forscher, die den Rätseln des Lebens auf die Spur kommen wollten.

Selbst wenn Abenteuerlust mit im Spiel gewesen sein sollte, ist bei diesen weisen Männern doch das Entscheidende, dass sie sich auf die Suche nach irgendetwas oder irgendwen begeben haben. Sie gaben sich nicht mit dem zufrieden, was sie bereits erfahren hatten. Sie waren davon überzeugt, dass es da noch mehr geben müsse. Als sie nun einen neuen Stern entdeckten, hofften sie, dass er auf die Wahrheit hinweisen könnte, die sie suchten. Deshalb sind sie von zu Hause aufgebrochen und haben einen langen und beschwerlichen Weg auf sich genommen. Ihre einzige Orientierung war der Stern, dem sie folgten. Durch nichts und niemanden ließen sie sich davon abhalten.

Damit weisen diese drei Sterndeuter auf etwas hin, was offenbar wesentlich zum Menschsein gehört. Immer wieder scheint es nämlich in uns eine innere Unruhe zu geben, die daran hindert, sich mit billigen Antworten zufrieden zu geben oder sich mit Formeln und Etiketten abspeisen zu lassen. Immer wieder suchen wir danach, wie unser Leben gelingen kann. „Das“ – so formuliert es Kardinal Lehmann – „ist der Mensch: dass er unruhig sucht, ob es nach den tausend Enttäuschungen irgendwo doch einen letzten Halt und einen tiefen Grund gibt, die ihm ein Ziel vermitteln, das nicht mehr täuscht.“

Suchende in unserer Gesellschaft?

Wie aber steht es nun um eine solche Suche in unserer Gesellschaft und auch bei uns selbst? In Sachsen-Anhalt ist der heutige Tag ein staatlicher Feiertag. Aber wie vielen Menschen ist tatsächlich bewusst, was heute gefeiert wird? Und wie viele unserer Zeitgenossen sind wirklich Suchende?Bischof Dr. Gerhard Feige

In einer internationalen Studie ist vor einiger Zeit festgestellt worden, dass der Gottesglaube in Ostdeutschland „der geringste weltweit“ sei. Als „religiöses Niemandsland“, so hat jemand anderes die neuen Bundesländer jüngst bezeichnet, als „eine noch immer ein bisschen in sich geschlossene Welt, die sich vorsichtig daran gewöhnen muss, sich auch dem Fremden gegenüber zu öffnen“. Manche sprechen von einer „forcierten Säkularität“ oder von „ererbter Gottlosigkeit“, andere halten die meisten ehemaligen DDR-Bürger für „religiös unmusikalisch“, „religiös naturbelassen“, „religionsresistent“ oder „gottlos glücklich“. Schillernder wird es noch, wenn der Erfurter Philosoph Eberhard Tiefensee formuliert: Ostdeutschland sei „so areligiös wie Bayern katholisch“. Auf jeden Fall ist es in unserer Region „normal“, keiner Kirche oder anderen Religion anzugehören. Das gilt von etwa 80% der Bevölkerung. Während – so habe ich es einmal gehört – Gott im Westen vielfach aus dem Herzen geschwunden sei, sei er im Osten auch aus dem Kopf entwichen. Die meisten hätten Gott nicht nur vergessen, sondern auch vergessen, dass sie ihn vergessen haben. Da ist etwas dran. Viele wissen schon mit dem Begriff „Gott“ nichts mehr anzufangen. Eine interessante These besagt sogar, dass man im Osten stolz darauf sei, damit „rationaler“ und „fortschrittlicher“ als die Westdeutschen zu sein, und dass man sich dieses Charakteristikum der eigenen Identität nicht auch noch rauben lasse. Viele – so meinte Tiefensee jüngst – halten es für „müßig und irrelevant“, sich solchen Themen wie „Gott“ oder „ein Leben nach dem Tod“ überhaupt zu stellen. Sie gestalten ihr Leben pragmatisch und sehen sich darin durch ein vorwiegend wissenschaftsgläubiges Weltbild bestätigt. Diese dürfe man nicht allesamt als Suchende vereinnahmen. Damit würde man ihnen nicht gerecht werden.

Dennoch gibt es um uns herum durchaus auch Menschen, die sich mit dem Bestehenden nicht einfach zufriedengeben. Wenn man sie fragen würde, wonach sie sich sehnen oder was sie suchen, bekäme man sicher die unterschiedlichsten Antworten. Manche würden vielleicht einfach sagen: „Ich möchte glücklich werden“. Und dabei spielen zumeist sogenannte „Transzendenzen im Diesseits“ eine zentrale Rolle. Das fängt schon damit an, nur irgendwie anerkannt zu sein oder sogar bedeutsam zu werden. Bei den meisten stehen Familie und Freunde sowie Treue und Verlässlichkeit immer noch hoch im Kurs. Andere sehen ihre Aufgabe darin, sich für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen und für Menschen, die in Not sind. Wieder andere fragen vorsichtig nach, was das Christentum zu sagen hat. Manche von ihnen lassen sich sogar eines Tages taufen; viele ziehen es jedoch vor, erst einmal an der Schwelle stehen zu bleiben.

Heilsame Provokation

Alle diese unterschiedlichen Menschen sind für uns Christen bedeutungsvoll: diejenigen, die auf der Suche sind, ohne genau sagen zu können, was sie eigentlich suchen; diejenigen, die ihr Ziel genau benennen können; und diejenigen, die scheinbar überhaupt nichts suchen und mit ihrem Leben zufrieden sind. Wir werden durch sie herausgefordert, zu fragen, wie es um unsere eigene Suche steht. Bedenkenswert ist ja, dass es ja Heiden waren, die dem Stern von Bethlehem gefolgt sind und schließlich das Kind in der Krippe gefunden haben. Für die Juden von damals war so etwas undenkbar. Sie waren davon überzeugt, dass Gott nur innerhalb ihrer eigenen Religion gesucht und gefunden werden kann. Doch mit dieser Überzeugung waren sie auch in der Gefahr, die Zeichen der Nähe Gottes zu übersehen. Und so haben die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die über alles Bescheid wussten, was den Glauben anbelangt, das Kind in der Krippe auch nicht erkannt.

Und heute sind wir Christen ebenfalls nicht frei davon, uns hinter Lehrsätzen und Gewohnheiten zu verschanzen. Vieles ist erstarrt oder läuft routinemäßig. Was früher war, zählt und wird für wesentlich angesehen. Damit ist jedoch oftmals nicht die große apostolische Tradition gemeint, die die Treue zu Jesus Christus durch den wechselvollen Lauf von zwei Jahrtausenden lebendig bewahrt. Eher hält man Traditionen für unentbehrlich, die im letzten Jahrhundert vielleicht von Bedeutung waren, inzwischen aber lediglich den Zeitgeist vergangener Epochen widerspiegeln. Manchmal regt uns das Evangelium als das eigentliche Gewissen unserer Kirche viel zu wenig auf oder an. Suchen wir Gott überhaupt noch, oder glauben wir, ihn längst begriffen und erfasst zu haben? Ist unser Herz – wie es der heilige Augustinus einmal gesagt hat – dabei noch unruhig, oder haben wir diese Unruhe längst mit alltäglichen Gewissheiten und Pflichten zum Schweigen gebracht? Trauen wir uns noch, unsere gewohnten Bahnen und Überzeugungen zu verlassen, um Gott auch außerhalb davon zu suchen?

Der Gott Jesu Christi hat sich noch zu keiner Zeit darauf festlegen lassen, wann und wo und von wem er zu finden ist. So hat er seinen Sohn auch nicht nur als Messias für sein auserwähltes Volk in die Welt kommen lassen. Von Anfang an war Jesus Christus das Licht der Völker und der Retter auch der nichtjüdischen Heiden. Von diesem universalen Anspruch kündet das heutige Fest. Deshalb hat Gott die Sterndeuter aus dem Osten aufbrechen lassen; deshalb bewegt er die Menschen in unserem Land, die mehr oder weniger bewusst danach suchen, wie ihr Leben gelingen kann. Deshalb schlummert er auch in den Herzen derer, die scheinbar überhaupt nichts suchen.

Wenn wir diese Weite Gottes bei uns ankommen lassen, dann kann zweierlei geschehen. Zum einen kann unser Glaube tiefer und weiter werden. Wir ahnen, dass Gott immer unendlich größer ist, als wir uns vorstellen können, und dass wir ein Leben lang dazu gerufen sind, ihn zu suchen. Gott ist nicht unser Besitz. Er lädt uns ein, über Grenzen zu gehen: über die Grenzen unserer Gemeinden, aber auch über die Grenzen unserer Bilder und Vorstellungen. Er lädt uns ein, ihn dort zu suchen und zu finden, wo wir es vielleicht nie erwartet hätten: auch und gerade im Gesicht der Menschen, die scheinbar ohne ihn auszukommen glauben. Und deshalb ist auch ein zweites wichtig. Je mehr wir zu Gottsuchern werden, desto mehr werden wir auch zu Zeugen und Zeuginnen dieses Gottes gegenüber denen, die ihn nicht kennen. Manchmal ist es vielleicht gerade unsere aufrichtige Suche, die das Herz eines anderen Menschen anrühren kann – mehr als unsere scheinbaren Gewissheiten es vermögen.

Wir feiern das Fest der Erscheinung des Herrn. Die Sterndeuter aus dem Osten wollen uns deutlich machen, dass Gott ungewöhnliche Wege benutzen kann, um Menschen zum Heil zu führen. Dieses Fest weitet unseren Blick für das Wirken Gottes in allen Völkern auf unserer Erde, innerhalb unserer Kirche und außerhalb, bei Christen und Nichtchristen, bei Suchenden und bei denen, die vielleicht gar nichts suchen. Haben wir den Mut, immer wieder aufzubrechen, um den zu suchen, der für uns alle der Weg, die Wahrheit und das Leben sein will. Und wer weiß, vielleicht werden wir dadurch selbst zu einem Stern, der anderen den Weg nach Bethlehem zeigt. | Download der Predigt

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