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Eine Frau wischt sich Tränen aus den Augen

Anschlag-Gedenken in Magdeburg Zwischen Trauer und Hoffnung

Magdeburg hat innegehalten, am ersten Jahrestag des Weihnachtsmarkt-Anschlags, dem 20. Dezember 2025. Mit einem ökumenischen Gottesdienst und einer Gedenkstunde haben die Stadt und die Religionsgemeinschaften der Opfer, Verletzten und Hinterbliebenen gedacht und Helfern gedankt.

Erscheinungsdatum: 20. Dezember 2025

Sechs Menschen, die bei der Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt ihr Leben verloren, sowie mehr als 300 Verletzte und ihre Hinterbliebenen standen am ersten Jahrestag der Tat im Zentrum des Gedenkens. In einer bewegenden Gedenkstunde in der Johanniskirche erinnerten Stadt und Religionsgemeinschaften am 20. Dezember 2025 an die Opfer des Anschlags vom Vorjahr.

Während einzeln die Namen der sechs Getöteten verlesen wurden, ertönte jeweils ein Glockenschlag. Für jedes Opfer wurde eine Kerze entzündet, eine siebte Kerze stand symbolisch für alle Betroffenen. Opfer, Hinterbliebene und Helfer schilderten teils unter Tränen die Erlebnisse aus der Tatnacht. Die Tochter einer Verstorbenen schilderte den Verlust durch den Tod der Mutter und Großmutter. Für viele Betroffene, Verletzte und Hinterbliebene war die Gedenkstunde eine große emotionale Herausforderung, manche mussten den Saal verlassen. Sie wurden von Notfallseelsorgenden betreut. Vor der Kirche legten Anteilnehmende Kerzen, Blumen, Kuscheltiere und bemalte Erinnerungssteine nieder.

Bedingungslose Anteilnahme

Bundeskanzler Friedrich Merz wandte sich in seiner Ansprache direkt an die Betroffenen. Viele trügen einen Schmerz in sich, „der mit Worten nicht zu beschreiben ist“. Er hoffe, dass das gemeinsame Erinnern und Trauern Trost und Kraft spenden könne und dass Deutschland ein Land bleibe, „in dem wir einander bedingungslos Anteilnahme schenken und denen beistehen, die Gewalt erfahren müssen“. Der 20. Dezember werde immer ein Tag des Gedenkens bleiben, weil jedes einzelne Menschenleben das Höchste und Wertvollste sei.

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff betonte, dass die Tat tiefe Spuren hinterlassen habe. Die Wunden seien nicht verheilt, der Schrecken bis heute allgegenwärtig. „Wir können nicht vergessen – und das sind wir den Opfern schuldig“, sagte er. Zugleich mahnte er, Freiheit und Würde nicht durch Hass preiszugeben. Der Todesfahrer, der seit Mitte November vor Gericht steht, werde mit aller Härte des Gesetzes zur Verantwortung gezogen.

Lichterkette

Am Abend bildeten Menschen nach einem interreligiösen Gebet eine Lichterkette rund um den Weihnachtsmarkt, an dem die Tat geschah. Um 19.02 Uhr, dem Zeitpunkt des Anschlags am 20. Dezember 2024, läuteten stadtweit alle Glocken.

Bereits am Vormittag hatte Bischof Gerhard Feige in einem ökumenischen Gedenkgottesdienst daran erinnert, dass das Leben für viele seit der Tat ein anderes geworden sei, „ein Stück dunkler“. Dennoch könne die Dunkelheit das Licht nie ganz erfassen. Er dankte den Helferinnen und Helfern der Tatnacht, die durch ihren Einsatz „die Finsternis durchbrochen und ein Licht angezündet“ hätten.

Bei der Amokfahrt waren sechs Menschen getötet und über 300 teils schwer verletzt worden. Die Erinnerung an sie prägte den gesamten Jahrestag. 

Menschen in einem Gottesdienst
Für die Magdeburger Stadtpfarreien führten die ev. Regionalbischöfin Bettina Schlauraff und der kath. Kathedralpfarrer Daniel Rudloff durch den Gedenkgottesdienst. Bildrechte / Quelle: Bistum Magdeburg

 

"Einander zu Nächsten werden"
Predigt von Bischof Gerhard Feige beim Ökumenischer Gottesdienst am 20. Dezember 2025
Anlässlich des Anschlags auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt vor einem Jahr
(Jes 9,1-6 / Lk 10,25-37)

„Wer ist mein Nächster?“ Diese Frage aus der gerade gehörten Erzählung vom Barmherzigen Samariter hat es in sich. Und dann die Aufforderung Jesu zum Schluss: „Geh und handle genauso!“ Was für eine Zumutung – damals wie heute! Letztendlich geht es ja um einen Blickwechsel. Jesus lässt sich nicht darauf ein, genau festzulegen, wer der Nächste sei, den es zu lieben gilt. Statt wie der Gesetzeslehrer darüber zu theoretisieren: „Wem soll ich helfen?“, legt er nahe, sich vielmehr zu fragen: „Wer wird mir oder wem werde ich zum Nächsten“? Liebe definiert nämlich nicht den Nächsten, sondern entdeckt ihn. Wenn jemand in seinem Herzen Liebe hat, wird sie ihm zeigen, wer seiner Hilfe bedarf. Liebe geht deshalb auch über die Grenzen von Herkunft und Zugehörigkeit hinaus, damals wie heute. Liebe öffnet das Herz. Während im Gleichnis die etablierten Personen – Priester und Levit – eher fragen: „Was wird aus mir, wenn ich dem, der unter die Räuber gefallen ist, helfe?“, ist der Samariter, der als Fremder zufällig des Weges kommt, von der Sorge erfüllt: „Was wird aus dem, der da liegt, wenn ich ihm nicht helfe?“
 
„Wer ist mein Nächster oder meine Nächste?“ Beispiellos haben zahlreiche Menschen am Tag des Anschlags vor einem Jahr darauf eine überzeugende Antwort gegeben, haben denen geholfen, die eben noch Fremde waren, ohne abzuwägen und zu unterscheiden, ohne zu sortieren und auszugrenzen. Damit sind viele ei-nander zu Nächsten geworden und haben dadurch die Finsternis nach dieser menschenverachtenden Tat durchbrochen und ein Licht angezündet.

Bischof Feige bei einer Predigt
Bischof Gerhard Feige Bildrechte / Quelle: Bistum Magdeburg

Wie bedeutsam ist doch Licht für unser Leben und Wohlbefinden, gerade am Ende des Jahres, wenn die Tage kürzer werden und wir im Advent auf Weihnachten zugehen! Unsere Sehnsucht danach ist groß. Das ist es auch, was viele mit dem Be-such eines Weihnachtsmarktes verbinden: in gemütlicher Atmosphäre und in der Begegnung mit anderen sich zu entspannen und des Lebens zu erfreuen. Stattdessen aber hat der Anschlag Chaos und Verwüstung angerichtet und vielen Menschen unsägliches Leid gebracht. Und nach einem Jahr merken wir, dass die Fins-ternis immer noch da ist: Da sind Lücken, die der Verlust eines Menschen in Fami-lien und Freundeskreise gerissen hat und sich nicht einfach wieder schließen. Unzählige tragen Verletzungen an Körper und Seele, die so schnell nicht heilen. Die Geräusche des Abends bleiben manchen bis heute im Ohr, das Gesehene im Gedächtnis; beides ruft immer wieder Erinnerungen hervor. Das Leben ist ein anderes, es ist ein Stück dunkler geworden.

Nie aber – davon haben wir beim Propheten Jesaja gehört – kann die Dunkelheit das ganze Licht erfassen. Immer wieder – so die Überzeugung gläubiger Men-schen – lässt Gott es auf neue Weise aufflackern oder sogar erstrahlen. Und auch das Lichtermeer im vergangenen Jahr und am heutigen Abend vor dieser Kirche und an anderen Orten zeugt davon, dass wir die Hoffnung auf ein würdevolles und menschenfreundliches Miteinander zum Wohle aller und unseres Gemeinwohls nicht aufgeben.

Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. „Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“, fragte einer seiner Schüler. „Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es, wenn man einen Apfelbaum von einer Birke unterscheiden kann?“, fragte ein anderer. „Nein“, sagte der Rabbi. „Aber wann ist es dann?“, fragten die Schüler. „Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und darin deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“ Statt sich selbst allein der Nächste zu sein oder Hass zu verbreiten und gegen andere zu hetzen, ist die Fähigkeit, auch in Fremden die Schwester oder den Bruder zu erkennen, gewissermaßen die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben der Menschen und der Völker. Sich dafür mit Fantasie und Tatkraft einzusetzen und darin nicht nachzulassen, sollte uns allen – egal, ob wir an einen Gott glauben oder nicht – ein Herzensanliegen sein.

Predigt als PDF

Quelle: kna; Bistum Magdeburg, Pressestelle, presse@bistum-magdeburg.de, 0391-5961134

Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Eine Frau am Rednerpult
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Menschen in einem Gottesdienst
Eine Notfallseelsorgerin am Rednerpult
OB Simone Borris
Menschen auf einer Bühne
Ein Notfallarzt spricht am Rednerpult
Eine Frau am Rednerpult
Geistliche auf einer Bühne
Menschen in einem Gottesdienst
Kerzen zum Gedenken des Anschlags
Bischof Feige mit Kerze
Menschen mit Kerzen vor der Johanniskirche Magdeburg
Menschen stellen Kerzen auf
Bischöfe Feige und Kramer mit Kerzen
Menschen mit Kerzen vor der Johanniskirche Magdeburg
Menschen halten eine Kerze
Kanzler Merz in der Johanniskirche
Bischof Feige mit Bundeskanzler Merz

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