
Bischof Feige im InterviewAuch Christen können Ideologien verfallen
Am 6. Oktober 2026 hat sich der neue Landtag in Magdeburg konstituiert. Tobias Rausch (AfD) ist neuer Landtagspräsident von Sachsen-Anhalt. Damit steht erstmals ein AfD-Politiker an der Spitze eines deutschen Parlaments. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) nennt Bischof Gerhard Feige Gründe, die Christen dazu bringen, eine rechtsextreme Partei zu wählen. Die AfD hatte die Landtagswahl am 6. September 2026 mit 43,8% gewonnen.
Erscheinungsdatum: 6. Oktober 2026
Von Karin Wollschläger (KNA)
Frage: Herr Bischof Feige, vor der Wahl haben Sie gesagt, dass Sie nicht verzweifeln. Wie sieht es jetzt aus?
Antwort: Ernüchtert, befremdet und besorgt bin ich schon, aber nicht verzweifelt. Immerhin gibt es in Sachsen-Anhalt noch eine Mehrheit, für die die liberale Demokratie ein hoher Wert ist und nicht nur ein Mittel zum Zweck. Zivilgesellschaftlich vernetzt werden wir uns auch weiterhin für die Würde jedes Menschen, ein tolerantes Miteinander und den sozialen Frieden einsetzen.
Außerdem ist Sachsen-Anhalt kein eigener Staat in der Bundesrepublik Deutschland. Von daher hoffe ich, mich weiterhin in einem verlässlichen Rahmen bewegen zu können. Schließlich motiviert und trägt mich, was in der Bibel steht: "Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit."
Frage: 43,8 Prozent der Wähler haben der AfD ihre Stimme gegeben. Lässt sich politisch das Ruder noch mal herumreißen?
Antwort: Ich glaube nicht, dass das ein Einzelner kann. Dafür ist die Problemlage viel zu komplex und kompliziert. Was wir bräuchten, wären wieder mehr Vertrauen zueinander und in die Zukunft, ehrliche Analysen und konstruktive Lösungen, Zivilcourage und Empathie. Vor allem aber ein "nicht weiter so" im üblichen Politikstil.
Frage: Hat es Sie überrascht, dass so viele Christen - fast jeder Dritte - dann doch die AfD gewählt haben?
Antwort: Ja und nein. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass das Evangelium Menschen menschlicher machen kann und Christen dafür vorbildhaft einstehen. Andererseits: Auch Christen können dem Zeitgeist und seinen Ideologien verfallen.
Frage: Heißt?
Antwort: Ich nehme an, dass manche sich gar nicht mit der Programmatik der AfD auseinandergesetzt haben, sondern einfach durch die krisenhafte Lage gefrustet waren, der bisherigen Politik überdrüssig - und dann irgendeinen freundlich erscheinenden Bekannten aus ihrer Umgebung gewählt haben.
Andere scheinen einem identitären Kulturchristentum anzuhängen und wenig oder gar nichts vom Hauptgebot der Nächstenliebe zu halten. Und dann sind da noch die rechtskonservativen Kreise, die sich an Themen der Sexualität und Lebensweisen abarbeiten und meinen, in der AfD besser vertreten zu sein als in den Kirchen.
Frage: Klingt, als sei es nur ein Sammelsurium von unterschiedlich Gefrusteten?
Antwort: Sicher nicht nur. Ich habe auch den Eindruck, dass die Tendenz zu einer individualistischen, welt- und zeitlosen Religiosität zunimmt. Etwa im Sinne eines: "Rette deine Seele." Glaube wird gerade von neuen Christen eher als persönliches "Wohlfühl-Elixier" verstanden und nicht als bedeutungsvoll für das gemeinsame Leben. Daher rührt dann der Einwand: Kirche solle sich nicht in die Politik einmischen. Und da erreichen mich teils geradezu hasserfüllte und unflätige Reaktionen. Formal einer Kirche anzugehören, bedeutet noch nicht, ihren Sinn und ihre Sendung wirklich verstanden und verinnerlicht zu haben. Im Extremfall können selbst Christen zu Verbrechern werden.
Frage: Manche werfen Ihnen vor, mit Ihrer deutlichen Positionierung gegen die AfD zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen zu haben.
Welchen Preis haben Sie für Ihre klare Haltung bezahlt?
Antwort: Schon seit jeher scheidet das Evangelium die Geister, fordert heraus, seine Botschaft anzunehmen oder abzulehnen. Wenn jemandem, der sich im Sinne der Bibel für die Menschenwürde aller, für Freiheit und Gerechtigkeit, Solidarität und Nächstenliebe einsetzt, vorgeworfen wird, zur Spaltung der Gesellschaft beizutragen, finde ich das skurril. Der Preis für meine Positionierung waren zahllose Interviewanfragen, ebenso wie Beschimpfungen und Diffamierungen, aber auch Dankschreiben und Solidarisierung. Ich habe mir diese Rolle nicht ausgesucht, sie ist gewissermaßen über mich gekommen.
Frage: Was war denn schwieriger, den Rücken in der DDR-Diktatur gerade zu machen, oder jetzt zuletzt in einer Demokratie, in der eine teilrechtsextreme Partei immer mehr Zulauf bekommt?
Antwort: In die DDR-Situation bin ich hineingewachsen, da waren die Fronten klar. Auf der einen Seite ein religions- und kirchenfeindliches Regime mit Absolutheitsanspruch, auf der anderen Seite christliche und humanistische Kreise mit ihren Idealen. Entweder man bekannte sich zu einer gläubigen Weltsicht und Lebensweise oder passte sich an.
In einer pluralistischen Gesellschaft ist alles diffuser. Man ist vielfältiger herausgefordert, und vielleicht ist es in einer solchen Situation auch schwieriger, sich und seine Haltung verständlich zu machen.
Frage: Wenn nun mutmaßlich eine gesichert rechtsextreme AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt ins Amt kommt, was bedeutet das für den Umgang der Kirche mit dieser Regierung?
Antwort: Bislang waren Staat und Kirche bei grundsätzlicher Trennung vertragliche und zumeist auch vertrauenswürdige Partner. Die in Verantwortung gegenüber den Bürgern und dem Gemeinwohl in verschiedenen Bereichen kooperiert haben. Meiner Meinung nach bahnt sich jetzt ein Paradigmenwechsel an. Nimmt man die anti-kirchlichen Aussagen der AfD ernst, scheinen wir Kirchen nunmehr als Feinde betrachtet zu werden. Was das für den Umgang miteinander bedeutet, wird sich erst zeigen müssen.
Frage: Wo verläuft die rote Linie? Die Kirchen können ihre Interessen bei Staatskirchen-Angelegenheiten, aber auch Gesetzgebungsverfahren ja nur im Gespräch mit der Regierung durchsetzen.
Antwort: Die rote Linie verläuft da, wo Recht gebeugt oder gebrochen wird, wo Verträge willkürlich aufgelöst werden. In solchen Fällen werden wir selbstverständlich gerichtlich klagen. Ansonsten hoffen wir, andere Schwierigkeiten auf der Arbeitsebene klären zu können. Trotz allem werden wir uns in die Gestaltung des Gemeinwesens nach wie vor pointiert, konstruktiv und verbindend einbringen.
Frage: Wie rhetorisch herausfordernd ist der Umgang mit der AfD?
Antwort: Auf die Verkehrung der Wirklichkeit, Lügen und Unterstellungen, Demagogie und Zynismus gelassen und sachlich zu reagieren, ist gar nicht so einfach. Bedrückend ist dabei, dass Ängste und Stimmungen, die geschürt werden, kaum durch vernünftige Argumente aufzufangen sind. Dennoch bleiben wir dabei, nicht aggressiv oder zynisch zu reagieren.
Frage: Die Kirche betont immer, dass sie mit Wählern der AfD im Gespräch bleiben und sie nicht verurteilen will. Gelingt das tatsächlich? Wie erleben Sie den Spagat, klare Haltung zu zeigen und offen für das Gespräch mit denen zu bleiben, die komplett anderer Meinung sind?
Antwort: Das gelingt bislang fast niemandem. Wer AfD gewählt hat oder mit ihr sympathisiert, bleibt vielfach verborgen. Darüber spricht man nur in vertrauten Kreisen, und selbst dann ist dieses Thema emotional so aufgeladen, dass selbst Verwandte, Freunde und Nachbarn es lieber aussparen.
Frage: Wie wird sich Ihr Leben im "blauen Land" wohl verändern?
Antwort: Ich gehe davon aus, auch weiterhin in einem Land zu leben, in dem Einigkeit und Recht und Freiheit, wie es in unserer Hymne heißt, nicht zur Farce verkommen. Gerade im Recht sehe ich eine deutsche Stärke und denke dabei auch an das Magdeburger Recht, das im Mittelalter eine große Bedeutung für ganz Ostmittel- und Osteuropa erlangt hat.
Frage: Die AfD will Sachsen-Anhalts Slogan von #moderndenken in #deutschdenken umwandeln...
Antwort: Ich kann mir nicht vorstellen, in einer muffigen, deutsch-tümelnden Umgebung zu leben. Und ich bin sicher, dass sich die meisten Sachsen-Anhalter nicht wieder abschotten lassen, sondern genauso wie ich weltoffen und ausländerfreundlich bleiben. Davon lebt ja unsere ganze Gesellschaft. Nicht zuletzt gehört für mich dazu, auch in Zukunft Italienisch und Spanisch, Griechisch und Kroatisch oder Türkisch und Indisch essen gehen zu können.
Frage: Wenn der Papst Ihren Rücktritt zum 75. Geburtstag annimmt, dürften Sie dazu ab Ende November reichlich Zeit haben.
Antwort: In der Tat freue ich mich auf den Ruhestand - ein Leben mit weniger Druck und mehr Selbstbestimmung.
Quelle: kna; Bistum Magdeburg, Pressestelle, presse@bistum-magdeburg.de, 0391-5961134




