
Interview nach der Landtagswahl„Wir müssen unsere Kirchentüren weit öffnen“
Ohne das Engagement der Kirchen wäre die Wahl in Sachsen-Anhalt vielleicht noch schlechter ausgegangen, sagt Bischof Gerhard Feige im aktuellen Interview mit Publik Forum. Dennoch: Das Ergebnis sei „makaber“.
Erscheinungsdatum: 23. September 2026
Publik-Forum: Herr Bischof Feige, die AfD ist unter Katholiken in Sachsen-Anhalt stärkste Kraft geworden – aber die katholische Zustimmungsrate liegt deutlich unter dem Gesamtergebnis. Erschüttert Sie das Wahlverhalten der Christen – oder sind Sie erleichtert?
Bischof Gerhard Feige: Zunächst tröstet mich ein wenig, dass Katholiken – wenn denn die Umfragen das tatsächlich erfassen konnten – wesentlich weniger AfD gewählt haben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Andererseits finde ich es schon befremdlich und makaber, dass es dennoch so viele gewesen sind. Es widerlegt jedoch nicht, dass der völkische Nationalismus dieser Partei mit den christlichen Werten unvereinbar ist, sondern spiegelt nur wider, wie unterschiedlich inzwischen auch formal der Kirche angehörende Mitglieder gesinnt sein können.
Was könnten Katholiken an der AfD attraktiv gefunden haben?
Feige: Manchen halte ich zugute, sich mit der Programmatik der AfD gar nicht auseinandergesetzt zu haben, sondern der bisherigen Politik überdrüssig und, von der durch bestimmte Kräfte geschürten Untergangsstimmung beeinflusst, solchen banalen Parolen gefolgt zu sein wie: "Er hat einen Plan", "Alles ist möglich" und "Alles wird gut". Bei anderen vermute ich, dass sie eher einem identitären Kulturchristentum anhängen und nur wenig oder gar nichts vom Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe verstanden haben. Und wenn ich dann von Einzelnen hasserfüllte, zynische und unflätige Reaktionen bekomme, frage ich mich, was daran noch christlich sein soll.
Auch Katholiken jeglichen Standes können dem jeweiligen Zeitgeist und seinen Ideologien verfallen und im Extremfall sogar zu Verbrechern werden. Ein besonders krasses Beispiel dafür ist für mich Reinhard Heydrich, einer der Hauptorganisatoren des Holocaust, der Millionen von Menschen mit auf seinem Gewissen hat, aber katholisch getauft worden war, und zwar in meiner Heimatkirche St. Franziskus und St. Elisabeth in Halle an der Saale. Dankenswerterweise gab es aber auch genügend katholische Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, die den Mut hatten, sich nicht menschenverachtenden Mehrheitsmeinungen anzupassen.
Sie haben sich vor der Wahl klar gegen die AfD positioniert. Trotzdem haben so viele Christen eine rechtsextreme Partei gewählt. Dringen Sie mit Ihren Appellen nicht mehr durch?
Feige: Nichts zu tun, wäre keine Alternative gewesen. Als kleines Bistum mit einem Anteil von nur drei Prozent an der Gesamtbevölkerung sind unsere Möglichkeiten aber von vorneherein begrenzt. Uns war auch klar, dass wir festgelegte Sympathisanten und Anhänger der AfD kaum noch anders überzeugen konnten. Mit unserer Initiative "Bewusst wählen!" wollten wir aber unsere Gemeindemitglieder und die Mitarbeitenden in unseren Bildungs- und Sozialeinrichtungen noch einmal darin bestärken, wofür wir stehen: für die Menschenwürde aller, Nächstenliebe, Solidarität und Dialog. Darüber hinaus waren wir auch ökumenisch und gesamtgesellschaftlich vernetzt und sind sehr wohl wahrgenommen worden. Zahlreiche dankbare Rückmeldungen bestätigen uns auch, dass unser diesbezügliches Engagement wichtig war und Früchte getragen hat. Vielleicht wäre sonst alles noch deprimierender ausgegangen.
Viele Menschen im Osten Deutschlands misstrauen staatlichen Institutionen und fühlen sich von ihren Repräsentanten übersehen. Gilt das aus Ihrer Sicht auch für die Kirche?
Feige: In Sachsen-Anhalt gehören insgesamt nur etwa 13 Prozent der Menschen überhaupt noch einer der Kirchen an. Nicht-gläubig zu sein, ist hier "normal". Das ist auch ein Ergebnis der massiven Anti-Kirchen-Politik der DDR-Zeit. Insofern gibt es schon eine gewisse Abneigung gegen Kirche oder zumindest eine Distanz.
Andererseits aber vertrauen viele Sachsen-Anhalter ihre Kinder und Angehörigen unseren kirchlichen Schulen, Kitas oder Caritas-Pflegeeinrichtungen an und nutzen unsere Hilfs- und Beratungsangebote – oftmals ohne zu wissen, dass wir als Kirche dahinterstehen. Insofern haben wir einen Auftrag: jetzt noch viel deutlicher zu machen, wofür wir als Kirchen stehen und dass wir für ALLE Menschen da sind, vor allem für jene, die es schwer haben. Wir müssen unsere Kirchentüren weit öffnen.
Was ist jetzt zu tun? Fast die Hälfte der Menschen wählt eine rechtsextreme Partei, viele fürchten sich vor den Konsequenzen des Wahlsiegs. Was können die Kirchen konkret tun, angesichts dieser gesellschaftlichen Extremsituation?
Feige: Als Kirchen sind und bleiben wir zuallererst der Botschaft des Evangeliums verpflichtet. In die Gestaltung des Gemeinwesens werden wir uns daher wie bislang pointiert, konstruktiv und verbindend einbringen. Die Gesellschaft darf von uns als Kirchen zu Recht prophetische Klarheit und faktenbasierte Diskurse erwarten. Einer Spaltung der Gesellschaft, der Schwächung demokratischer Institutionen und Einschränkung von Freiheitsrechten versuchen wir auch weiterhin mit unserer Arbeit entschieden entgegenzutreten. Darüber hinaus werden wir das Wohl aller Menschen im Land in unseren Fürbitten vor Gott bringen.
Interview: Judith Bauer (Publik Forum)
Quelle: Publik Forum, judith.bauer@publik-forum.de ; Bistum Magdeburg, Pressestelle, presse@bistum-magdeburg.de, 0391-5961134




