
Partnerschaftsaktion Ost Zehn Tage Frieden in Magdeburg
Erscheinungsdatum: 30. September 2026
von Rasa Hinz
Vom 17. bis 26. August 2026 erlebten 40 Kinder und Jugendliche aus dem ukrainischen Charkiw zehn besondere Tage in Magdeburg. Im Rahmen der „Eine Woche Frieden“-Ferienfreizeit der Partnerschaftsaktion Ost (PaOst) des Bistums Magdeburg und der Europäischen Jugendbildungsstätte Magdeburg - konnten sie Abstand vom Kriegsalltag gewinnen und eine Zeit erleben, die für viele von ihnen zu Hause nicht selbstverständlich ist: Tage ohne Luftalarm, ohne Raketenangriffe und ohne den Weg in einen Schutzraum.
Stattdessen gab es Zeit zum Lachen, Tanzen, Spielen, Entdecken und gemeinsamen Gestalten. Die Kinder erkundeten Magdeburg und seine Umgebung, trafen Menschen, lernten Neues kennen und fanden Raum für Entspannung. Zehn Tage lang durften sie einfach Kinder und Jugendliche sein.
Magdeburger Geschichte hautnah erleben
Ein besonderer Höhepunkt war der Empfang bei der Stadtverwaltung Magdeburg. Bei einer interessanten Führung in ukrainischer Sprache lernten die Kinder das Rathaus und seine Geschichte kennen. Im Sitzungssaal durften sie selbst Platz nehmen – fast so, als wären sie für einen Moment echte Stadträtinnen und Stadträte. Gespannt lauschten sie den Erzählungen der Mitarbeiterin der Stadtverwaltung über das historische Gebäude und die Arbeit der Stadt.
Anschließend ging es in den Saal der Städtepartnerschaften. Dort erfuhren die Kinder, dass Saporischschja Magdeburgs Partnerstadt in der Ukraine ist. Die Verbindung zwischen beiden Städten machte die Geschichte für die jungen Gäste besonders greifbar. Natürlich durfte auch das Magdeburger Recht nicht fehlen. Bei der anschließenden Besichtigung des Denkmals für das Magdeburger Recht entdeckten die Kinder zwei Säulen mit den Namen ukrainischer Städte: Kyjiw und Lwiw.
Das Magdeburger Recht war im Mittelalter eine wichtige Grundlage für das Zusammenleben in vielen Städten Mittel- und Osteuropas. Es schuf verbindliche Regeln für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben und stärkte die Eigenständigkeit der Städte. An die Stelle persönlicher Vergeltung und überlieferter Sippenhaftung traten zunehmend festgelegte Gesetze und geregelte Verfahren. Recht sollte damit helfen, Konflikte zu ordnen und ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Dass dieses Recht auch in zahlreichen ukrainischen Städten wirksam war, macht die Verbindung zwischen Magdeburg und der Ukraine bis heute sichtbar.
Für die Kinder wurde Geschichte so zu etwas, das mit ihrer eigenen Heimat verbunden ist.
Wenn der Körper erzählt
Viele der jungen Gäste sprechen nur selten über den Krieg und ihren Alltag in Charkiw. Doch auch wenn Worte fehlen, kann der Körper erzählen. Ängste, Anspannung und Unsicherheit können sich in Bewegungen, Haltung und Körpersprache zeigen. In einem Theaterworkshop mit der Theaterpädagogin Asya Konopelniuk konnten die Kinder genau hier ansetzen. Mit Körperübungen, spielerischen Methoden und Übungen zur Körpersprache ging es darum, körperliche und seelische Blockaden wahrzunehmen und zu lösen. Für die Kinder war es eine wichtige Erfahrung, den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen, Anspannung loszulassen und sich zu entspannen. Es musste dabei nicht über den Krieg gesprochen werden. Manches durfte einfach durch Bewegung, Spiel und Ausdruck seinen Raum bekommen.
Ruhe finden mit Yoga
Auch ein Yoga-Workshop mit Nadiya bot den Kindern die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Zwischen Ausflügen, Tanz und vielen gemeinsamen Erlebnissen entstand ein Moment, in dem nichts erledigt werden musste und niemand irgendwohin flüchten musste. Durch Atemübungen, Bewegungen und Entspannung fanden die Kinder zu mehr Ruhe. Für einige war es vielleicht ungewohnt, einfach einmal still zu sein und den eigenen Atem wahrzunehmen. Am Ende stand vor allem eines: tiefe Entspannung und das gute Gefühl, für einen Augenblick ganz bei sich zu sein.
Weiße Tassen werden zu kleinen Kunstwerken
Kreativ wurde es im Kunstworkshop mit der Künstlerin Ava Basiri. Dieses Mal standen weiße Teetassen im Mittelpunkt. Die Kinder durften sie ganz nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. So entstanden ganz unterschiedliche Kunstwerke: fröhliche und lustige Motive, ruhige und nachdenkliche Bilder und Darstellungen aus der Natur. Jede Tasse wurde zu einem kleinen persönlichen Unikat – und vielleicht auch zu einer Erinnerung an die friedlichen Tage in Magdeburg.
Die Stadt entdecken und einfach draußen sein
Natürlich blieb auch genügend Zeit, Magdeburg und die Umgebung zu erkunden. Bei Spaziergängen, Ausflügen und gemeinsamen Unternehmungen konnten die Kinder ihre neue Umgebung kennenlernen. Besonders kostbar waren dabei die scheinbar ganz alltäglichen Momente: gemeinsam unterwegs zu sein, draußen zu spielen, zu lachen und den Tag zu genießen. Niemand musste dabei ständig auf die nächste Warnung achten. Niemand musste überlegen, wo der nächste Schutzraum ist. In Charkiw gehören Luftalarm und die Gefahr von Raketenangriffen für die Kinder zum Alltag. In Magdeburg konnten sie zehn Tage lang erleben, wie sich ein Alltag in Frieden anfühlt.
Tanz ist Hoffnung
Eine ganz besondere Rolle spielte während der gesamten Ferienfreizeit der Tanz. Die Kinder und Jugendlichen gehören zum Tanztheater „Arira“ in Charkiw. Dort trainieren sie regelmäßig. Der Tanz hilft ihnen, die schwierige Zeit des Krieges zu bewältigen, Gemeinschaft zu erleben und einen geregelten Alltag zu haben. Tanz bedeutet für sie mehr als Bewegung. Er ist Ausdruck, Freundschaft, Lebensfreude und Hoffnung. Wenn sie tanzen, können sie für einen Moment die Sorgen hinter sich lassen und zeigen, was trotz des Krieges in ihnen steckt: Kraft, Kreativität und Lebensmut. Und natürlich wollten die jungen Tänzerinnen und Tänzer ihre Freude am Tanzen auch in Magdeburg und Umgebung mit anderen teilen.
Tanzende Gäste beim Bildungsfestival in Dessau
Am 22. August waren die Kinder zum Bildungsfestival nach Dessau eingeladen. Am Vormittag lernten sie bei einer Stadtführung Dessau kennen. Am Nachmittag wurde dann getanzt: Gleich drei Tanzrunden präsentierten die Jugendlichen im Rahmen des Bildungsfestivals im Tierpark Dessau. Mit ihren Choreografien begeisterten sie das Publikum. Auch der Oberbürgermeister und weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung zeigten sich beeindruckt von den Darbietungen der jungen Gäste aus Charkiw. Nach den Auftritten entstanden Gespräche und persönliche Begegnungen – ein wichtiger Teil dieser Reise.
Ein Fest der Begegnung
Die zweite große Tanzveranstaltung fand am 23. August auf dem Gelände der Villa Böckelmann statt. Beim „Fest der Begegnung – Ukraine erleben“ zeigten die Kinder zwei weitere Tanzeinlagen. Es wurde ein beeindruckendes und unvergessliches Fest. Einheimische, ukrainische Kinder und Jugendliche sowie zahlreiche Mitwirkende und Tanz- und Singgruppen kamen zusammen. Musik, Tanz und Begegnung schufen eine Atmosphäre, in der Herkunft und Sprache für einige Stunden weniger wichtig waren als das gemeinsame Erleben. Die jungen Tänzerinnen und Tänzer aus Charkiw zeigten, was ihnen der Tanz bedeutet – und wie viel Hoffnung und Lebensfreude in ihnen steckt.
T-Shirts als Erinnerung
Am vorletzten Tag wartete noch ein kreativer Workshop auf die Kinder. Jonas Hinz leitete eine T-Shirt-Druckwerkstatt. Die Kinder konnten eigene Motive auswählen und damit bunte T-Shirts gestalten. Viele entschieden sich für Schriftzüge, die ihre gemeinsame Zeit zusammenfassen: „Eine Woche Frieden – Magdeburg-Charkiw 2026“ oder „Dance in Magdeburg“. Die T-Shirts wurden damit zu ganz persönlichen Erinnerungsstücken. Sie erzählen von zehn Tagen, in denen die Kinder gemeinsam gelacht, getanzt, gelernt, gestaltet und vor allem friedliche Zeit miteinander verbracht haben.
Zehn Tage ohne Angst vor dem nächsten Alarm
Die Tage vergingen viel zu schnell. Zehn Tage lang durften die Kinder aus Charkiw erfahren, wie sich ein Alltag ohne unmittelbare Kriegsgefahr anfühlen kann.
Sie mussten keine Schutzräume aufsuchen. Sie wurden nicht von Raketenangriffen bedroht. Sie konnten schlafen, spielen, spazieren gehen und tanzen, ohne ständig auf einen Luftalarm vorbereitet sein zu müssen. Das klingt nach etwas Selbstverständlichem. Für die Kinder aus Charkiw ist es das nicht. Umso wertvoller waren die vielen kleinen Momente: ein gemeinsames Lachen, eine bemalte Tasse, ein T-Shirt, ein Tanz, eine Begegnung im Rathaus, ein Spaziergang, eine Yogaübung oder einfach das Zusammensein mit Freunden
.Am Ende hieß es Abschied nehmen. Es flossen Tränen, denn in den zehn Tagen waren Freundschaften und Erinnerungen entstanden. Doch die Kinder fuhren nicht nur mit Souvenirs und selbst gestalteten T-Shirts zurück nach Charkiw. Sie nahmen etwas mit, das sich nicht in einen Koffer packen lässt: Erinnerungen an Frieden, an Gemeinschaft und an Menschen, die ihnen zugehört und sie willkommen geheißen haben.
Gestärkt und hoffnungsvoll kehrten die jungen Gäste in ihre Heimat zurück. Und vielleicht klingt noch immer etwas von den gemeinsamen Tagen nach – in ihren Tänzen, in ihren Bildern, in ihren Erinnerungen und in der Hoffnung auf eine Zukunft, in der Frieden nicht nur zehn Tage dauert.
Quelle: PaOst, Bistum Magdeburg, Pressestelle, presse@bistum-magdeburg.de, 0391-5961134




