
Bildrechte / Quelle: Bistum Magdeburg
HintergrundPredigen heißt, den einen Christus zu verkündigen
Mal ist sie spannend, mal langatmig – die Predigt. Aber was bedeutet es eigentlich, zu predigen, und vor allem: Wer darf das? Der Liturgiebeauftragte des Bistums Magdeburg, Matthias Hamann, erklärt, wieso Priestern und Diakonen beim Predigen eine besondere Rolle zukommt – und wieso er es dennoch für wichtig hält, dass auch Laien predigen dürfen.
Erscheinungsdatum: 25. November 2025
von Johanna Marin, Tag des Herrn
Für manche ist sie der Höhepunkt des Gottesdienstes, andere nutzen sie, um gedanklich schon mal das Rezept fürs Mittagessen durchzugehen: Die Predigt. Sie kann inspirieren, erklären, anregen, und manchmal auch aufregen. Vor allem aber gehört sie zum Sonntagsgottesdienst wie der Topf zum Deckel. Das war allerdings nicht immer so.
Vor 100 Jahren sei die Predigt noch nicht Bestandteil der Liturgie gewesen, erzählt Spiritual Matthias Hamann, der die Predigtordnung für das Bistum Magdeburg mitverfasst hat. „Sie fand oft vor oder nach der Messe statt. Der Priester legte dafür die Kasel (sein Messgewand) ab und stieg auf die Kanzel.“ Erst seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils gehört die Predigt zur Messe. „Solche Veränderungen finden sich innerhalb der Kirche immer wieder“, sagt er, „die Liturgie und das Leben gehören zusammen, also spiegeln sich Veränderungen im Leben auch in der Liturgie wider.“
Auch die Predigt selbst hat häufig ganz direkt mit dem Leben zu tun. Wie oft predigen Pfarrer sonntags über die aktuelle politische Lage, erzählen von der letzten Pilgerreise oder sprechen über Dinge, die sie kürzlich erlebt haben? Im Gesetzbuch des Kirchenrechts der katholischen Kirche, dem Codex Iuris Canonici (CIC), finden sich Vorgaben für die Predigt: Sie soll aufzeigen, „was zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen zu glauben und zu tun nötig ist“. Wer predigt, soll das Lehramt der Kirche verkünden. Er soll über die Würde des Menschen sprechen, über die Familie und ihre Aufgaben, und über die Pflichten, die ein Mensch innerhalb der Gesellschaft ausübt, heißt es im CIC. Die höchste Form der Predigt ist jedoch die Schriftauslegung. Die Texte aus der Bibel sollen in verständlichen Worten „und den Erfordernissen der Zeit angepasst“ vorgetragen werden, heißt es im Canon 769.
„Dass jemand die Heilige Schrift in der Predigt auslegt, passiert leider viel zu selten“, findet Matthias Hamann. Denn eine Auslegung sei mehr, als nur den Bibeltext in eigenen Worten nachzuerzählen oder sich eine Lieblingsstelle herauszupicken. „Auslegung bedeutet, den Schrifttext in seinem Zusammenhang ernst zu nehmen und dann in den Alltag einzuordnen“, sagt er und gibt zu: „Da kann ich auch für mich selbst sprechen: Das wirklich umzusetzen, ist anstrengend.“
Das Evangelium – der Grund, auf dem wir stehen
„Die Bibel vereint in sich auch widersprüchliche Aussagen“, erläutert der Spiritual. Allein in den ersten Kapiteln des Alten Testaments fänden sich zwei verschiedene Versionen der Schöpfungserzählung Die eine beginnt damit, dass die Erde vollständig mit Wasser bedeckt ist. Erst, als Gott das Wasser scheidet und Land sichtbar wird, wird Leben möglich. Die andere, ein paar Seiten später, beschreibt eine trockene Wüste, in der sich das Leben erst entwickelt, als Gott das Wasser erschafft . „Diese Beschreibungen sind eine Frage der Perspektive“, so Hamann, „die Menschen, die in der Wüste lebten, sahen im Wasser das Leben. Die Menschen am Nil-Delta erfuhren durch jährliche Hochwasser Chaos und Zerstörung.“ Jeder Mensch habe seine eigene Perspektive auf das Leben, sagt er, und deshalb sei es auch sinnvoll, dass es vier Evangelien gibt: „Die Evangelisten hatten unterschiedliche Menschen vor Augen, denen sie den einen Christus verkündigen wollten.“ Diese Aufgabe hätten heute vor allem die Bischöfe – ihren Gläubigen Christus zu verkündigen.
Erstmal ist jeder Christ selbst in der Lage, über seinen Glauben zu sprechen, ist Hamann überzeugt. Die Aufgabe derjenigen, die von der Kirche zur Verkündigung beauftragt werden, sei dann, „das vielstimmige Konzert auf den Prüfstand des Evangeliums zu stellen“. „Das Evangelium ist der Grund, auf dem wir stehen. Nicht nur die Bibelstellen, die uns gefallen.“
Dabei sind die Texte in der Bibel manchmal auf Anhieb gar nicht so leicht zu verstehen. Wer selbst schon mal eine Lesung vorgelesen hat, weiß, wie verschachtelt die Sätze sein können. Eine einzelne Betonung kann ihnen eine ganz neue Bedeutung verleihen. Somit sei schon das Vorlesen eine Form der Schriftauslegung, sagt Matthias Hamann. „Der Lektor ist Teil des Verkündigungsdienstes.“
Wer darf predigen?
Wenn nun aber jeder Christ von seinem Glauben sprechen kann, wieso stehen dann immer dieselben Personen am Ambo oder auf der Kanzel? „Jeder Gläubige hat durch die Taufe den ‚Sensus Fidei‘“, erklärt Hamann, „also einen Sinn für den Glauben. Deshalb kann er ihn in seiner Sprache, auf seine Art ausdrücken.“ Dabei gehe es aber erstmal nicht um das Predigen im Gottesdienst. Stattdessen sei gemeint, im Alltag sprachfähig zu sein und anderen vom eigenen Glauben erzählen zu können.
Dennoch dürfen nicht nur geweihte Priester und Diakone predigen. Das Kirchenrecht besagt, dass auch Laien, also nicht geweihte Personen, unter bestimmten Umständen predigen können. Und die Erfahrung zeigt: In den Gemeinden passiert das schon längst. „Wenn ein Priester nicht predigen kann, weil er beispielsweise gesundheitlich angeschlagen ist oder eine fremde Sprache spricht, dann kann das jemand anderes im Gottesdienst übernehmen“, sagt Matthias Haman. Er hält es für wichtig, dass die Bischöfe auch Laien damit beauftragen, zu predigen, um der Vielfalt an Menschen in einem Bistum gerecht zu werden.
Allerdings: Predigt ist nicht gleich Predigt. Wenn der Priester oder Diakon vor der Eucharistiefeier die Schrift auslegt, nennt sich das „Homilie“. Laut dem CIC ist sie ausschließlich den Geweihten gestattet. Wer nicht geweiht ist, kann stattdessen ein Glaubenszeugnis ablegen, eine Meditation der Bibelstelle, eine Hinführung oder Ermunterung vortragen, erklärt der Spiritual die Vorgaben der katholischen Kirche.
„Die Argumentation aus Rom sollten wir ernst nehmen“, sagt Hamann. Denn man könne zwar argumentieren, dass ein studierter Laien-Theologe die Bibel möglicherweise sogar besser oder korrekter auslegen kann als mancher Priester. Die Homilie, erklärt Matthias Hamann, sei aber vor allem eines: eine Zeichenhandlung, die dem Geweihten vorbehalten ist. Wieso? „Weil die Geweihten Christus repräsentieren“, sagt er, „das ist uns heute aber gar nicht mehr so bewusst. Bischöfe treten heute eher als ‚Bruder‘ auf, ihre Alltagskleidung unterscheidet sich nicht mehr deutlich von der anderer.“
Deshalb, so Hamann, gebe es bei der Frage danach, wer predigen darf, zwei Argumentationslinien. Die Kirche in Rom spreche von einer Zeichenhandlung, die Kirche in Deutschland von Qualifikation. Der Verkündigungsdienst sei Aufgabe aller Getauften, sagt er, und da müsse man ansetzen. „Bei der Frage, ob auch Laien oder nur Priester predigen dürfen, halte ich ein ‚entweder – oder‘ für falsch. Es braucht ein ‚sowohl – als auch‘. Und meine Hoffnung wäre, dass das eine das andere befruchtet.“
Eine Gnadengabe ist gut für andere
Darf dann also jeder predigen, der möchte? „Ich denke, es braucht auch weiterhin eine Beauftragung und Ausbildung durch die Kirche“, meint der Spiritual. Schließlich gehe es um das Geheimnis des Glaubens: „Wer predigt, muss den Glauben der Kirche verantwortlich benennen können.“ Das sei keine rein katholische Auffassung – auch in der evangelischen Kirche sei das Predigen an ein Amt gebunden. Es sei Aufgabe der Bischöfe, dafür zu sorgen, dass Predigt und Verkündigung nicht beliebig würden.
Allerdings sollte nicht nur der Bischof eine Person für geeignet halten. Auch die jeweilige Gemeinde vor Ort muss den Beauftragten akzeptieren. „In diese Aufgabe kann man hineinwachsen“, weiß Hamann, „wir sprechen dort von einem ‚charismen-orientierten Handeln der Kirche‘. Dieses Charisma zeigt sich mit der Zeit.“ Wenn eine Gemeinde sagt: „Diese Person ist gut für uns“, dann kann der Bischof entscheiden, welche weiteren Qualifikationen, Fortbildungen und Aufgaben die Person übernehmen kann. Denn wie schön wäre es, wenn jemand, der das Plätzchenbacken im Advent anleitet, auch eine adventliche Predigt dazu halten könne. „Ein Charisma entsteht, wenn jemand seine Begabung in den Dienst der Kirche stellt“, sagt Matthias Hamann, „dann wird sie zu einer Gnadengabe, die gut für andere ist.“
Zur Person
Matthias Hamann wurde 1999 zum Priester geweiht. Seit 2022 ist er als Spiritual für die geistliche Begleitung der Priesterkandidaten im Priesterseminar Erfurt zuständig, außerdem leitet er seit 2017 die Stabsstelle für Liturgie und Kunst im Bistum Magdeburg. Er promovierte zur Liturgiereform in Halle im 16. Jahrhundert und hat in einer Arbeitsgruppe im Auftrag des Magdeburger Bischofs Gerhard Feige an der Vorbereitung einer Predigtordnung für das Bistum Magdeburg mitgearbeitet. Der Bistumsrat beratschlagt den Entwurf momentan.
Was sagt das Gesetzbuch des Kirchenrechts (Codex Iuris Canocici) zur Predigt?
Canon 762
Das Volk Gottes wird an erster Stelle geeint durch das Wort des lebendigen Gottes, das man mit Recht vom Priester verlangt; daher haben die geistlichen Amtsträger den Predigtdienst hochzuschätzen; es gehört zu ihren hauptsächlichsten Pflichten, allen das Evangelium Gottes zu verkündigen.
Canon 766
Zur Predigt in einer Kirche oder einer Kapelle können, nach Maßgabe der Vorschriften der Bischofskonferenz und vorbehaltlich von can. 767, § 1, Laien zugelassen werden, wenn das unter bestimmten Umständen notwendig oder in Einzelfällen als nützlich angeraten ist.
Canon 767 §1
Unter den Formen der Predigt ragt die Homilie hervor, die Teil der Liturgie selbst ist und dem Priester oder dem Diakon vorbehalten wird; in ihr sind das Kirchenjahr hindurch aus dem heiligen Text die Glaubensgeheimnisse und die Normen für das christliche Leben darzulegen.
Canon 768 §1
Die Verkündiger des Wortes Gottes haben den Gläubigen vor allem darzulegen, was zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen zu glauben und zu tun nötig ist.
Canon 768 §2
Sie haben den Gläubigen auch die Lehre aufzuzeigen, die das Lehramt der Kirche vorträgt über die Würde und die Freiheit der menschlichen Person, über die Einheit und Festigkeit der Familie und deren Aufgaben, über die Pflichten, die den Menschen in der Gesellschaft aufgegeben sind, wie auch über die nach der gottgegebenen Ordnung zu regelnden weltlichen Angelegenheiten.
Canon 769
Die christliche Lehre ist in einer den Zuhörern und den Erfordernissen der Zeit angepaßten Weise vorzutragen.
Canon 772 §1
Hinsichtlich der Ausübung der Predigt sind von allen außerdem die vom Diözesanbischof erlassenen Normen zu beachten.
Quelle: Tag des Herrn, Kirchenzeitung für die ostdeutschen Bistümer, j.marin@st-benno.de



