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"Wer hätte das gedacht"

Bischof Feige beim Schlussgottesdienst des Kirchentags

Magdeburgs Bischof Gerhard Feige hat als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz für das gute ökumenische Miteinander gedankt. Beim Schlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentags in Lutherstadt Wittenberg sagte er unter anderem: „Wer hätte das gedacht, vor 100 oder auch noch vor 10 Jahren, dass das 500. Reformationsjubiläum in ökumenischer Gesinnung begangen würde! Ich bin froh und dankbar heute hier sein zu dürfen.“ Nachfolgend dokumentieren wir das Grußwort.

Liebe Schwestern und Brüder!

Wer hätte das gedacht, vor 100 oder auch noch vor 10 Jahren, dass das 500. Reformationsjubiläum in ökumenischer Gesinnung begangen würde! Ich bin froh und dankbar, als katholischer Ortsbischof und Vorsitzender der Ökumenekommission heute hier sein zu dürfen und Ihnen auch die Grüße der Deutschen Bischofskonferenz übermitteln zu können.

„Von Angesicht zu Angesicht“, so war der heutige Gottesdienst überschrieben. In der Heiligen Schrift kommt diese Redewendung häufiger vor. So wird zum Beispiel im ersten Buch der Bibel auch erzählt, dass Jakob aufbricht und seinem Bruder Esau entgegen geht. Das fällt ihm nicht leicht, ist ihr Verhältnis doch von Geburt an belastet. Damit zeigt Jakob jedoch seine Bereitschaft, sich mit ihm zu versöhnen. Am Fluss Jabbok trifft er dann auf einen Mann, der sich einen handfesten Kampf mit ihm liefert. Dieser Mann ist Gott. Jakob gewinnt. Am Ende bekommt er als Belohnung für seinen Sieg von Gott den Namen Israel, übersetzt: Gottesstreiter. Mit neuem Namen ist Jakob danach nicht mehr derselbe wie zuvor und wird nun zum Stammvater für das ganze Volk Gottes. Den Ort, wo das geschehen ist, nennt er Peniël, das heißt: Gottes Angesicht. (Gen 32,23-33)

Für mich ist diese dramatische Begegnung bezeichnend für unseren Glauben. Bedeutet dieser nicht zutiefst, mit sich selbst, seinen Mitmenschen und mit Gott zu ringen? Abraham, Mose, die Propheten, Hiob, selbst Jesus – sie alle sprechen nicht nur mit Gott, sie hadern und streiten manchmal auch mit ihm. Im persönlichen Gebet kann Gott Menschen gewissermaßen „von Angesicht zu Angesicht“ begegnen. Hat nicht auch Martin Luther tage- und nächtelang mit sich und der Welt nach einem gnädigen Gott gerungen und daraus eine Erkenntnis gewonnen, die ihn Gott sehr nahe brachte?

In der Geschichte Jakobs lassen sich aber auch Parallelen zum Miteinander der Kirchen finden. Zunächst zeigt sich: Im Gespräch und in der Auseinandersetzung kommt Gott uns nahe. Daher ist der Dialog mit Christen anderer Traditionen immer auch Begegnung mit Gott – von „Angesicht zu Angesicht“. Dabei müssen wir nicht immer einer Meinung sein, aber darum ringen, einander zu verstehen und im Geiste Jesu Christi zu einer noch größeren Einheit zu gelangen.

Zudem ist Jakob nach der Begegnung mit Gott nicht mehr der Alte. Auch Ökumene verändert – die Kirchen und die einzelnen Christen. Wir hören zu, wir diskutieren, wir beten gemeinsam. Natürlich ist es auch riskant, sich anfragen und verunsichern zu lassen. Letztlich aber erweitert es unseren Horizont, lässt uns den anderen besser verstehen und bereichert uns sogar. So haben wir in vielfältiger Weise ja auch erkannt: Uns verbindet mehr als uns trennt.

Und schließlich sagt Jakob zu Gott „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“ Mitten in einem handfesten Kampf wirkt das fast absurd. Für uns Christen könnte das heutzutage bedeuten: Nach schmerzhaften Auseinandersetzungen und hoffnungsvollen Versöhnungsbemühungen wissen wir inzwischen, „was wir einander angetan haben und was wir aneinander haben“. Jetzt bekommt uns niemand mehr auseinander. Gottes Segen ist mit uns.

In diesem Sinn möchte ich auch noch einmal bekräftigen, was schon bei unserem Ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst vor einigen Wochen in Hildesheim zu hören war: „Liebe evangelische Glaubensgeschwister: Wir danken Gott, dass es Sie gibt und dass Sie den Namen Jesu Christi tragen.“ Mögen wir – katholische wie evangelische und andere Christen – im Vertrauen auf die Kraft des Heiligen Geistes uns noch mehr darum bemühen, unserer Berufung und Sendung gerecht zu werden und das Evangelium in Wort und Tat glaubwürdig zu bezeugen.

 

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